News, Orchestra | Von Daniel Gramespacher

70 Jahre Grundgesetz von Guido Rennert auf CD

70 Jahre Grundgesetz
70 Jahre Grundgesetz – eine deutsche Geschichte; Musikkorps der Bundeswehr, Leitung: Christoph Scheibling; www.konzertorchester.org

Eine CD mit einem einzigen Werk. Das ist zumindest in der Blasmusikszene selten. Außergewöhnlich ist bei „70 Jahre Grundgesetz – Eine deutsche Geschichte“ weniger die Spieldauer. Auf knapp 30 Minuten kommen mittlerweile viele mehrsätzige sinfonische Kompositionen. Das Besondere an diesem Werk und dem Tonträger sind das Thema, dessen musikalische Umsetzung, die Botschaft, die damit vermittelt wird, und natürlich auch die Qualität der Inter­pretation.

Um beim Letzteren zu beginnen: Das Musikkorps der Bundeswehr, das seit acht Jahren unter der Leitung von Christoph Scheibling steht, gehört zu den führenden professionellen Militärkapellen Europas. Das bedarf schon längst keines Nachweises mehr. Aber kann man eine Verfassung vertonen? Guido ­Rennert, „Composer in Residence“ beim Musikkorps, ist das Wagnis eingegangen – auf An­regung von Dietmar Preißler, dem Sammlungsdirektor der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Und das Ergebnis überzeugt in vielerlei Hinsicht. 

„70 Jahre Grundgesetz“ hat eine klare Botschaft

Es ist hier nicht der Platz, das Werk im Detail zu analysieren. Das hat Renold Quade in der Rubrik „Mal konkret…“ in der Ausgabe 9/2019 von Clarino auf vier Seiten vorbildlich geleistet. Es seien aber einige Gedanken und Eindrücke beim Hören des Tonträgers benannt: „70 Jahre Grundgesetz“ hat eine klare Botschaft. Rennert will das Bewusstsein für Deutschland mit seinen Menschen, seiner vielfältigen Kultur, seinen reichen Traditionen und seiner Einbindung in die westliche Wertewelt stärken. Oder wie es Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, formuliert: Das emotional packende Stück ist eine Anregung zum Nachdenken über Deutschland. 

Der filmmusikalisch erfahrene Rennert bedient sich einer üppig gefüllten Partitur mit 36 Bläserstimmen, 26 Farben aus dem Schlagwerk, dazu Kontrabass, Harfe, Klavier und Synthesizer sowie Gesang (auf der CD Manuela Markewitz) und Einspielungen von Textbeiträgen (auf der CD Konrad Adenauer, Enkel des gleichnamigen Altbundeskanzlers, sowie 14 Kinder von Orchestermitgliedern). Sein klingendes Geschichtsbuch nimmt seinen Anfang mit einem melancholischen Prolog und der »Stunde Null«, in der die tickende Uhr wie gelähmt erscheint. Die Gründung der Bundesrepublik charakterisiert das „Grundgesetzmotiv“, das sich wie ein roter Faden durch die knapp 30 Minuten zieht. 

Wirkungsvolle Instrumentierung, Rhythmik und Stilistik

Themen, die Rennert mit wirkungsvoller Instrumentierung, Rhythmik und Stilistik darstellt, ohne jemals beliebig oder effekthascherisch zu werden, sind etwa das Wirtschaftswunder (stampfende Maschinen und Amboss), die digitale Welt mit Technik und Raumfahrt (Synthesizer), die sportlichen Erfolge (Trompetenfanfare), Erinnerung und Verantwortung angesichts des unermesslichen Leids von Holocaust und Krieg (dunkler Klarinettenchor), Kunst, Kultur und Heimat (Zitate von Wagner, Bach, Beethoven und Mozart, aber auch Volksmusik), Deutsche Einheit und Europa (Europahymne) sowie ein sinfonisch prächtiges Finale à la Musical oder Oper. Das leise Ende indes ist auch musikalisch offen gehalten, will heißen: Die deutsche Geschichte geht weiter. Und immer wieder verweisen Auszüge aus dem Grundgesetz, zuletzt Artikel 1 zur Menschenwürde, auf das Kernthema. 

Wenn man etwas monieren will, dann dies: Eine CD bleibt eine CD. Wie allen Tonträgern geht „70 Jahre Grundgesetz“ als Musikkonserve etwas ab: Atmosphäre, Lebendigkeit und Stimmung eines Live-Konzerts – dafür ist die Aufnahme technisch astrein. Bei Rennerts Werk kommt hinzu: Es ist sehr bildhafte Musik, und der Komponist selbst regt an, Aufführungen nicht nur mit dem Gesang – zunächst aus dem Off, dann auf der Bühne – zu inszenieren, sondern auch indem zu den einzelnen Themen Fotos, bewegte Bilder und Audioeinspielungen sensibel, ohne zu überladen, eingesetzt werden.

Auch andere Orchester spielen das Werk

Da wäre wohl die DVD das Medium der Wahl. Übrigens: War das Werk in den ersten Monaten nach der Uraufführung im Frühjahr 2019 den Konzertprogrammen des Musikkorps der Bundeswehr vorbehalten, dürfen es mittlerweile auch andere Orchester aufführen. So plant etwa Gordon Hein, Dirigent des Alemannischen Musikverbandes im äußersten Südwesten der Bundesrepublik, für Anfang Oktober 2020 Aufführungen mit einem Projektblasorchester. Den Kern soll das Verbands­jugend­orchester „Südbaden Winds“ bilden. 

70 Jahre Grundgesetz – eine deutsche Geschichte; Musikkorps der Bundeswehr, Leitung: Christoph Scheibling (Raatz Musikagentur); www.konzertorchester.org