Musik entsteht immer im gegenwärtigen Moment. Jeder Ton erklingt nur einmal und verschwindet sofort wieder. In einer Auftrittssituation hat man nur einen Versuch für eine Phrase. Umso entscheidender ist die Fähigkeit, mit der eigenen Aufmerksamkeit wirklich im Hier und Jetzt zu sein. In einem Interview (BRAWOO 1/2026) habe ich bereits darüber gesprochen, welche Rolle Achtsamkeit in meinem eigenen Leben als Musiker spielt – beim Üben, auf der Bühne und im Umgang mit inneren Störungen wie Nervosität oder Selbstkritik. Viele musikalische Herausforderungen hängen nicht nur mit technischen Fähigkeiten zusammen, sondern auch mit der Qualität unserer Aufmerksamkeit – es reicht nicht aus, gute musikalische Skills zu haben, man muss diese auch abrufen können, wenn es darauf ankommt.
Genau hier setzt Achtsamkeit an. In der Definition von Jon Kabat-Zinn ist sie die Fähigkeit, „auf eine bestimmte Art aufmerksam zu sein – bewusst, im gegenwärtigen Moment und ohne zu bewerten“. Diese Fähigkeit lässt sich trainieren und kann auch für Musikerinnen und Musiker eine wertvolle Unterstützung sein: beim konzentrierten Üben, beim Musizieren im Ensemble und beim Umgang mit Drucksituationen auf der Bühne.
Ein hilfreicher Zugang zur Achtsamkeit sind die sogenannten sieben Säulen der Achtsamkeit, die Jon Kabat-Zinn beschrieben hat. Sie beschreiben grundlegende innere Haltungen wie Nicht-Urteilen, Geduld, Anfängergeist oder Vertrauen. Diese Qualitäten bilden gewissermaßen den inneren Rahmen, in dem Achtsamkeitspraxis stattfinden kann.
In dieser neuen Artikelreihe möchte ich die sieben Säulen aus der Perspektive eines Musikers betrachten. Wie beeinflussen sie unser Üben? Welche Rolle spielen sie im Konzert? Und wie können sie helfen, musikalische Prozesse klarer wahrzunehmen und bewusster zu gestalten?
Den Anfang macht eine der zentralen Haltungen der Achtsamkeit: Nicht-Urteilen – eine Fähigkeit, die gerade beim Üben und Musizieren eine überraschend große Wirkung entfalten kann.
Achtsamkeit und Musik (1): Die Säule des Nicht-Urteilens
Musikerinnen und Musiker verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, ihr eigenes Spiel zu bewerten, ob bewusst oder unbewusst. Beim Üben wird jede Passage schnell eingeordnet: gut oder schlecht, gelungen oder misslungen. Auch im Konzert tauchen solche Bewertungen oft auf – manchmal sogar während wir noch spielen.
Diese automatische Bewertung geschieht so schnell, dass wir sie meist gar nicht bemerken. Genau hier setzt eine der zentralen Säulen der Achtsamkeit an: Nicht-Urteilen. Nicht-Urteilen bedeutet nicht, dass wir auf musikalische Qualität verzichten oder alles gleichgültig hinnehmen sollen. Vielmehr beschreibt diese Haltung die Fähigkeit, eine Erfahrung zunächst wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten. Gerade für Musiker kann das eine überraschend hilfreiche Perspektive sein. Das Einnehmen dieser Perspektive geschieht nicht auf Knopfdruck sondern durch regelmäßiges Einüben.
Nicht-Urteilen beim Üben
Beim Üben zeigt sich der urteilende Geist besonders deutlich. Ein Ton spricht nicht sofort an – und schon folgt der Gedanke: „Das war schlecht.“ Eine Passage gelingt nicht – und schnell entsteht der Eindruck: „Ich kann das einfach nicht.“
Das Problem ist weniger die Bewertung selbst, sondern ihre Geschwindigkeit. Das Urteil kommt oft schneller als die eigentliche Wahrnehmung. Dadurch übersehen wir leicht, was tatsächlich passiert ist.
Achtsamkeit schlägt hier einen kleinen, aber entscheidenden Schritt vor: zuerst wahrnehmen, dann bewerten. Anstatt sofort zu denken „Das war schlecht“, könnten wir zunächst beobachten:
- Der Ton war etwas zu hoch.
- Die Luft wurde am Ende der Phrase knapp.
- Der Einsatz kam einen Moment zu früh.
Diese Haltung schafft eine wichtige Voraussetzung für gutes Üben. Nur wenn wir ohne vorschnelles Urteil wahrnehmen, was geschieht, können wir Probleme überhaupt klar erkennen. Nicht-Urteilen öffnet den Raum für präzise Beobachtung– und damit auch für gezielte Veränderung.
Gerade beim Üben von Blechblasinstrumenten ist das besonders hilfreich. Ansatz, Luftführung und Körpergefühl reagieren sensibel auf Druck und Frustration. Eine neugierige, beobachtende Haltung ermöglicht dagegen ein differenziertes Wahrnehmen und damit oft auch effektivere Lösungen.
Nicht-Urteilen im Konzert
Im Konzert zeigt sich der urteilende Geist oft noch stärker. Ein unsicherer Anfang oder ein verpasster Einsatz kann sofort eine Kette von Gedanken auslösen:
- Der Anfang war schlecht.
- Das Publikum merkt, dass ich nervös bin.
- Jetzt ist das Konzert ruiniert.
Solche Gedanken ziehen unsere Aufmerksamkeit aus dem musikalischen Moment heraus. Ein Teil der Energie beschäftigt sich plötzlich mit Bewertung, Selbstkritik oder vergangenen Ereignissen.
Die Haltung des Nicht-Urteilens hilft, diese Energie wieder dorthin zu lenken, wo sie eigentlich hingehört: zur Musik selbst.
Ein Ton ist gespielt und bereits Vergangenheit. Der nächste Moment der Musik ist neu. Wenn wir nicht an Bewertungen festhalten, bleibt unsere Aufmerksamkeit beim Klang, beim musikalischen Fluss und bei dem, was gerade entsteht.
Eine Einladung zur musikalischen Neugier
Nicht-Urteilen bedeutet letztlich, jeden Ton zunächst als Erfahrung wahrzunehmen, nicht als Bewertung der eigenen Leistung. Für das Üben schafft diese Haltung die Voraussetzung, Probleme wirklich zu erkennen. Für das Konzert ermöglicht sie, die eigene Energie vollständig auf die Musik zu richten.
Peter Hedrich
Im nächsten Artikel dieser Reihe geht es um eine weitere Säule der Achtsamkeit: Geduld – eine Fähigkeit, die im musikalischen Übeprozess eine besondere Rolle spielt.

Peter Hedrich
ist Erster Posaunist in der Big Band der Polizei des Saarlandes. Mit dem Peter Hedrich Quintett veröffentlichte er 2018 sein Debütalbum New Hope, das für die Quartalsbestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik nominiert wurde. Sein zweites Album Simplicity widmet sich der Idee musikalischer Reduktion und eines bewussten, präsenten Musizierens. Seine Posaunenmethode TromboneDo erschien 2022.
Als ausgebildeter Achtsamkeitslehrer verbindet er achtsamkeitsbasierte Ansätze mit musikalischer Praxis in Üben, Unterricht und künstlerischer Arbeit. An der Hochschule für Musik Saar unterrichtet er Jazzposaune und Ensemble und bietet dort zudem einen Kurs zu Musik und Achtsamkeit an. Seit Wintersemester 2025/26 ist er außerdem Dozent für Jazzposaune an der Hochschule für Musik Mainz.

