Orchestra | Von Cornelia Härtl

Alexandra Link über Motivation im Musikverein

Musikverein
Alexandra Link (Foto: Thomas Klein)

Zwei Jahre Corona-Pandemie haben das Vereinsleben im Musikverein gelähmt. Aber wie entkommt man dieser Lethargie und bringt wieder Schwung in den Verein? Nur wenige Tage vor unserem Interview tauschte sich Alexandra Link in einer Corona-Diskussionsrunde mit Verantwortlichen aus Musikvereinen aus. Wir sprachen mit ihr über die aktuelle Situation, die großen Herausforderungen, die den Vereinen noch bevorstehen – und wie man sie meistern kann.

Wie ist denn momentan die Stimmung in den Musikvereinen?

Gerade im Moment befinden wir uns in einer sehr schwierigen Zeit. Ich habe den Eindruck, dass die Vereine momentan wie gelähmt und sehr vorsichtig sind. Die haben in den letzten beiden Jahren zu oft etwas geplant, was dann doch wieder abgesagt werden musste. Natürlich gibt es auch diejenigen, die dranbleiben und planen, aber ich glaube, das ist momentan die Minderheit, vor allem in Bezug auf Konzerte. 

Mit den Maßnahmen und Regeln gehen die Vereine ganz unterschiedlich um. Da gibt es Ver­eine, für die 2G+ überhaupt kein Problem ist, die alle Regelungen einhalten, Hauptsache sie können proben. Es gibt aber auch Vereine, die eher etwas vorsichtig sind, die zum Teil auch Ängste haben. Ich habe schon den Eindruck, dass die Mehrheit der Vereine probt, wenn auch nicht in voller Besetzung. Zumindest das Angebot des Probenbetriebs wollen die meisten aufrechterhalten. Viele haben mir auch erzählt, dass prinzipiell alle, die in die Probe kommen, einen tages­aktuellen Test vorweisen müssen, um das Risiko einer Ansteckung für alle zu minimieren. 

Und was sind aktuell die größten Probleme?

Es gibt immer noch Vereine, die gar nicht abschätzen können, wer überhaupt wieder zurückkommen wird. Und es gibt vor allem zwei dramatische Folgen, die aus den letzten beiden Jahren resultieren: Zum einen kommen viele ältere Mitglieder nicht mehr, weil sie nach der langen ­Pause einfach nicht noch einmal anfangen wollen. Zum anderen – und das ist weitaus schwerwiegender – kommen auch die ganz jungen Mitglieder nicht mehr. Im Rahmen eines Symposiums an der Musikhochschule in Freiburg zum Thema “Musikvereine nach der Pandemie” habe ich für einen Vortrag eine kleine Umfrage gemacht und dabei hat sich genau diese Entwicklung bestätigt: Wenn Mitglieder ausgetreten sind, dann vor allem alte und junge. 

Sind das dann aktive Mitglieder oder auch Kinder und Jugendliche in Ausbildung?

Sowohl als auch. Es gibt Vereine, die mir erzählt haben, dass sie keine Jugendkapelle mehr haben. Und das sind tatsächlich keine Einzelfälle. Dazu kommt – und deshalb ist diese Entwicklung so gravierend –, dass in den letzten beiden Pandemiejahren so gut wie keine Nachwuchswerbung gemacht wurde. Viele Vereine haben ja auf Bläserklassen umgestellt und da wurden jetzt ein oder sogar zwei Jahre lang keine neuen Jahrgänge mehr ans Instrument herangeführt. Das wird uns auch in fünf Jahren noch sehr beschäftigen, weil uns diese Jahrgänge natürlich auch in den großen Orchestern fehlen. Das ist dramatisch.

Die Vereine müssten jetzt dringend überlegen, wie sie diese beiden Jahre aufholen können. Stattdessen ruhen sich viele auf den Strukturen ihrer Jugendarbeit in der Vergangenheit aus. Ich sehe gerade zu wenige Aktivitäten oder Be­mühungen, die Kinder und Jugendlichen einzufangen, die man in den letzten beiden Jahren nicht für eine Instrumentalausbildung gewinnen konnte. Da brauchen wir Ersatzprogramme. 

Und dabei wäre jetzt gerade eine gute Zeit für solche Projekte, da viel durch Förderprogramme, beispielsweise vom Bundesmusikverband Chor & Orchester (BMCO), finanziert werden würde. Da wäre wirklich sehr viel Geld zu holen, aber es fehlt an kreativen Köpfen. Ich möchte dringend an die Vereine appellieren, sich zu überlegen, welche Projekte man hier im nächsten halben Jahr angehen könnte, um diese Kinder und Jugendlichen doch noch einzusammeln. 

Aber ist es nicht auch verständlich, dass viele da gerade etwas zurückhaltend sind, weil sie befürchten, dass die Bemühungen wieder umsonst sind und geplante Projekte doch wieder der Pandemie zum Opfer fallen? 

Natürlich, aber durch diese Förderprogramme haben wir doch einen neuen Anreiz! Wenn man sich auf der Website des BMCO die bisher geförderten Projekte anschaut, stellt man fest, dass die meisten Projekte von Chören kommen. Da lassen wir uns wirklich etwas durch die Lappen gehen! Denkbar wäre ja auch im Musikverein einiges: Kindermitmachkonzerte, Musicals, Kinderaktionstage mit einer musikalischen Olympiade zum Beispiel. Die Förderprogramme ermöglichen so auch Projekte, die früher vielleicht utopisch erschienen. Natürlich ist Geld nur ein Aspekt. Was wir vor allem brauchen, ist jede Menge Engagement und Manpower, um solche Projekte dann tatsächlich umsetzen zu können.

Wie kann man die Musikvereine denn dazu animieren, solche Projekte anzugehen?

Darauf darf man sich natürlich nicht ausruhen, man muss den Verein und seine Strukturen immer wieder hinterfragen und neue Lösungen für aktuelle Probleme suchen. Das gilt für den Verein an sich, aber auch für Ausbildungskonzepte, die mittlerweile nicht mehr funktionieren. 

Ich versuche das immer über gute Beispiele. Es lohnt sich wirklich, einen Blick auf die bereits ­geförderten Projekte auf der BMCO-Seite zu werfen. In meiner Zukunftswerkstatt für Musikvereine – die übrigens auch gefördert wird – erarbeiten wir auch solche Ideen. Ich will jetzt nicht zu sehr Eigenwerbung machen, aber es ist wirklich genial, was für eine unglaubliche Energie und Motivation da an einem Tag in den Verein hineinkommt.

Alexandra Link vom http://blasmusikblog.com (Foto: Thomas Klein)

Oder ein ganz anderes Beispiel: Die meisten Musik­vereine haben sich in der Vergangenheit hauptsächlich über Feste finanziert. In den letzten beiden Jahren haben wir festgestellt, dass es nicht selbstverständlich ist, jedes Jahr ein so großes Fest durchführen zu können, das den Verein ein Jahr lang finanziell trägt. Auch da brauchen die Vereine neue Ideen. Zwar ist Geld momen­tan trotz Pandemie nicht das größte Problem der Musikvereine. Wenn das aber noch ein paar Jahre so weitergeht, dass diese großen Feste einfach nicht stattfinden können, dann müssen sich die Vereine wieder neu erfinden. Natürlich geht uns damit auch ein Stück Kultur verloren, aber dann müssen wir eben überlegen, was wir stattdessen machen können. Wir sind schließlich ein Musikverein! Ich persönlich mache lieber Musik als vor der Fritteuse zu stehen. Aber warum machen wir dann nicht viel mehr musikalische Events, besondere Konzerte, also etwas anderes als das normale Jahreskonzert? 

Im Gegensatz zu Profi-Orchestern spielt bei Musikvereinen ja auch die Gemeinschaft oder Geselligkeit eine tragende Rolle. Das ist ja für die Motivation sicherlich auch von großer Bedeutung…

Absolut! Bei jeder meiner Zukunftswerkstätten frage ich am Anfang, was den Mitgliedern denn an ihrem Musikverein besonders gut gefällt. Die Antwort ist eigentlich immer gleich. In manchen Vereinen wird sogar häufiger die Geselligkeit oder die Kameradschaft genannt als die Musik. Musik und Geselligkeit sind im Musikverein gleichwertig zu betrachten. 

Kann man die Geselligkeit als Aspekt dann auch als Ansatzpunkt hernehmen, wenn es darum geht, die Vereinsmitglieder – gerade nach der langen Corona-Zwangspause – wieder zu motivieren?

Auf jeden Fall! Aber nicht nur. Wir brauchen ­immer beides. Man kann nicht einfach ein paar gesellige Aktionen planen und dann davon ausgehen, dass auch das Musikalische wieder funktioniert. Das geht nicht. Man muss immer auch neue musikalische Anreize bieten, Erlebnisse und Events, die den Mitgliedern musikalisch im Gedächtnis bleiben. Seien das Ausflüge mit Musik oder auch besondere musikalische Konzepte.

Welche Folgen wird Corona für das Vereinsleben und die Vereinslandschaft haben?

Jugendarbeit wird in Zukunft ein großes Thema sein, aber auch die Finanzen. Ein wesentlicher Punkt wird außerdem die Gestaltung des musikalischen Programms sein, also dass es nicht immer demselben Schema folgt. An erster Stelle wird aber definitiv das Thema Jugendarbeit ­stehen!