Orchestra | Von Klaus Härtel

Andrea Barizza über die Dresdner Bläserphilharmonie und „Mitten in Europa“

Andrea Barizza über die Dresdner Bläserphilharmonie und „Mitten in Europa“
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Foto: Susann Sager

Mitten in Europa ist mehr als der Titel eines Konzertprogramms. Zum 35-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Dresden–Salzburg wird er zur künstlerischen Haltung. Musik als Begegnungsraum, als gemeinsame Sprache jenseits nationaler Zuschreibungen. Wenn die Dresdner Bläserphilharmonie gemeinsam mit der Postmusik Salzburg auf der Bühne steht, geht es nicht um repräsentative Geste, sondern um das hörbare Zusammenführen unterschiedlicher Traditionen, Arbeitsweisen und Klangvorstellungen.

Andrea Barizza, Chefdirigent der Dresdner Bläserphilharmonie, versteht dieses Projekt ausdrücklich als europäisches Dialogmodell. In seiner Arbeit verbindet sich biografische Erfahrung mit einer klaren ästhetischen Position. Mitteleuropa erscheint hier nicht als geografischer Begriff, sondern als kultureller Denkraum, geprägt von Verantwortung gegenüber der Tradition und dem Anspruch, aus ihr eine zeitgenössische Klangsprache zu entwickeln.

Dresdner Bläserphilharmonie

Im Gespräch mit Klaus Härtel spricht Andrea Barizza über seine Rolle als Dirigent zwischen den Kulturen, über das gemeinsame Musizieren zweier Orchester, über die besondere Bedeutung der Alpensinfonie als sinfonisches Symbol dieses Abends. Und über die künstlerische Vision, mit der er die Dresdner Bläserphilharmonie in einer traditionsreichen Musikstadt positioniert.

Herr Barizza, jedes Konzert trägt eine eigene Handschrift. Wenn Sie auf »Mitten in Europa« blicken – wo sind Sie selbst in diesem Programm am deutlichsten hörbar?

In einem Programm wie »Mitten in Europa« bin ich am deutlichsten hörbar nicht als Einzelperson, sondern als Schnittstelle. Ich bin Italiener, ja, aber ich lebe seit vielen Jahren in Deutschland. Meine Identität ist deshalb weniger national als vielmehr europäisch, und genauer: mitteleuropäisch. Mitteleuropa ist, zumindest im musikalischen Sinne, keine geografische Markierung, sondern eine Denkform: Klang als Gestalt, als Disziplin, als Architektur, zugleich aber auch als moralische Tiefe, als Verantwortung gegenüber der Tradition.

Dresden ist dafür ein privilegierter Ort. Nicht, weil es »eine große Vergangenheit« besitzt – das tun viele Städte –, sondern weil die Vergangenheit hier kein Museum ist, sondern ein Maßstab, an dem man sich täglich messen muss. Dresden ist zudem kulturell wie geografisch ein natürlicher Knotenpunkt: Sachsen, Böhmen, Österreich, die große deutsche Tradition. Hier wird Europa nicht als abstrakte Idee erlebt, sondern als konkrete Praxis, oft anspruchsvoll, bisweilen unbequem, aber immer formend: Man lernt, rigoros zu sein, ohne starr zu werden. Genau dort bin ich hörbar: in dem Versuch, mit der Dresdner Bläserphilharmonie eine zeitgenössische mitteleuropäische Stimme für das sinfonische Blasorchester hörbar zu machen. Nicht als Kopie fremder Modelle, sondern als Klang, der hier entsteht, aus dieser Geschichte, aus diesem Anspruch, aus dieser kulturellen Lage.

Das Konzert steht im Zeichen des 35-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft Dresden–Salzburg. Wie entsteht unter Ihrer Leitung aus dieser Vielfalt ein gemeinsamer Klang – und was reizt Sie persönlich an solchen Begegnungen?

Dieses Projekt entspringt einer Geste, die ich als zutiefst „europäisch“ empfinde: Zwei Städte feiern ein Jubiläum ihrer Freundschaft und wählen jeweils einen eigenen musikalischen Botschafter. Salzburg hat die Postmusik Salzburg gewählt, Dresden hat uns gewählt. Das ist bereits eine Aussage, denn es bedeutet: Ein Blasorchester kann eine Stadt nicht als »Alternative«, sondern als vollgültige Kulturform repräsentieren.

Ein gemeinsamer Klang entsteht dabei nicht durch Worte, sondern durch eine geteilte Grammatik: Zuhören, Präzision, Vertrauen. Die Musikerinnen und Musiker beider Klangkörper teilen die Bühne, und ich werde den Taktstock mit Martin Schwab teilen. Entscheidend ist hier nicht »Verschmelzung« – ein romantisches Wort, das oft nur Verwirrung meint –, sondern die Koordination von Identitäten: zwei Arbeitskulturen, zwei Traditionen, zwei Probenrealitäten. Gerade weil wir nicht identisch sind, liegt in dieser Begegnung ein enormes Potenzial.

Das Konzertkonzept ist deshalb, die »Düfte« und Suggestionen zweier Kulturräume hörbar zu machen. In der ersten Hälfte, unter Martin Schwabs Leitung, Werke mit Bezug zu Österreich und Salzburg; in der zweiten Hälfte haben wir die »Alpensinfonie« gewählt, als vieldeutiges Symbol mitteleuropäischer Dimension und als natürlicher Resonanzraum zwischen Dresden und dem österreichischen Kulturkreis. Ich werde die Alpensinfonie dirigieren. Es ist ein anspruchsvolles Projekt, nicht frei von Reibung, aber gerade darin zeigt sich Europa im besten Sinne: zwei Systeme, die ein gemeinsames Idiom suchen, ohne ihre Würde zu verlieren. Künstlerisch ist das für mich höchst reizvoll.

Barizza
Foto: Alessandro Corio
Die Alpensinfonie ist weniger ein klassisches Konzertstück als ein musikalisches Erlebnis. Welche Bilder, Gedanken oder Emotionen leiten Sie, wenn Sie dieses Werk mit einem Bläserorchester formen? Und welche besonderen Herausforderungen und Chancen sehen Sie bei der Aufführung eines so monumentalen Werks?

Richard Strauss’ »Eine Alpensinfonie« ist für mich weniger Landschaft als Denkfigur: die Vertikalität. Sie ist ein mitteleuropäisches Urbild, weil sie nicht „die Alpen“ erzählt, sondern die Idee, die Mitteleuropa mit dem Berg verbindet: ein Ort, an dem der Mensch sich dem stellen muss, was ihn überragt, ohne narrative Abkürzungen, ohne Trost, ohne Triumphrhetorik. Man beginnt in der Nacht, tritt ins Licht, steigt auf, überschreitet Schwellen, erreicht eine Höhe, die kein Preis ist, sondern eine totale Exponiertheit. Und dann kommt der Bruch: Nebel, Sturm, Orientierungsverlust. Der Gipfel löst nicht, er entblößt. Der Sturm ist nicht Meteorologie, sondern die Gestalt der Grenze: wenn Wille nicht genügt und die Welt sich nicht domestizieren lässt. Wenn ich dieses Werk mit einem Bläserorchester erarbeite, leitet mich genau diese Vorstellung: nicht Natur zu „illustrieren“, sondern ihren Druck erfahrbar zu machen.

Ein riesiges Orchester ist hier kein Dekor, es ist ein Raum. Das Publikum soll nicht einem Bericht lauschen, sondern in eine akustische Topografie eintreten: Masse, Distanz, Perspektive. Das Ensemble wird gleichsam Architektur: Es begleitet die Erfahrung nicht, es wird Erfahrung.

Die Herausforderungen liegen auf der Hand: Balance in großen Dichten, Atemökonomie, Kontrolle der Energie, ohne dass sie in bloße Lautstärke kippt, und vor allem die mentale Spannkraft des großen dramaturgischen Bogens. Die Chance aber ist ebenso klar: Ein Blasorchester kann, wenn es klug geführt wird, eine besondere Klarheit und eine schneidende Linienführung erzeugen, die im »traditionellen« sinfonischen Apparat manchmal eher malerisch verschattet bleibt. Die Frage ist nicht: »Schaffen wir alles?«, sondern: »Geben wir allem Sinn?« Strauss schreibt keine Postkarte. Er schreibt ein Ritual: Man steigt, um der Grenze zu begegnen, und kehrt verwandelt zurück, weil die Grenze einen angesehen hat.

Die Dresdner Bläserphilharmonie steht für eine eigenständige Orchesterkultur innerhalb einer Stadt voller musikalischer Tradition. Was macht die Arbeit mit diesem Ensemble für Sie künstlerisch unverwechselbar?

Die Dresdner Bläserphilharmonie wirkt in einer Stadt, in der musikalische Tradition fast wie eine zweite Schwerkraft ist. Gerade deshalb trägt sie eine besondere Verantwortung: zu zeigen, dass Orchesterkultur nicht an Streichern hängt, sondern an der Qualität des künstlerischen Denkens und an der Fähigkeit, Projekte zu schaffen, die tragen.

Unverwechselbar ist für mich eine seltene Kombination: Ambition und kulturelle Funktion. Auf der einen Seite ermöglicht dieses Ensemble hochambitionierten Amateuren und den professionellen Kräften, die uns begleiten, eine Auseinandersetzung mit einem Repertoire, das alles andere als bequem ist, in einem Kontext, der Disziplin und Reife verlangt. Auf der anderen Seite besitzt die Arbeit eine regionale Mission: Bläserkultur nicht nur in den »naheliegenden« Konzertsälen zu verankern, sondern auch in kleineren Städten Sachsens und Brandenburgs, damit neue Hörgewohnheiten entstehen, neue Beziehungen, neues Publikum. 

Hinzu kommt ein struktureller Blick auf Gegenwart und Zukunft: Der Winds Composition Contest Saxony ist nicht bloß ein Event, sondern ein Instrument internationaler Vernetzung und kultureller Produktion. Die Idee ist, einen Bezugspunkt zu schaffen, an dem man sieht, wie ernst und weit das originäre Repertoire für Blasorchester heute ist. 

Und schließlich ist da die Projektgröße. Produktionen wie diese, mit über 120 Menschen auf der Bühne, zeigen etwas, das man leicht unterschätzt: die Fähigkeit, künstlerische und organisatorische Komplexität großen Formats zu bewältigen. In einer Region, in der sinfonische Bläserkultur nicht selbstverständlich ist, ist das ein starkes Signal. Nicht durch Behauptungen, sondern durch Ergebnisse.

Dresden gilt als Kulturstadt mit großer Vergangenheit – aber auch mit Erwartungen an die Gegenwart. Welche künstlerischen Spuren möchten Sie hier mit der Bläserphilharmonie hinterlassen?

Als ich diese Aufgabe übernommen habe, fand ich ein Orchester vor, das bereits ein hohes künstlerisches Niveau besaß, dessen organisatorische Struktur und Beziehungsnetz aber noch konsequent aufgebaut werden mussten. Es ging nicht darum, »alles neu« zu machen. Es ging darum, einem Potenzial Form zu geben: Vision, Funktionsmodell, Klarheit der Mission. Und dafür war die unermüdliche Arbeit des Organisationsteams und vieler Kolleginnen und Kollegen entscheidend. Institutionen überzeugt man nicht mit Absichten, sondern mit Kohärenz und Kontinuität.

Die Spur, die ich in Dresden hinterlassen möchte, ist kein Denkmal und auch nicht eine einzelne »glänzende« Saison. Es ist etwas schwierigeres und gerade deshalb Dauerhafteres: Ich möchte, dass die Dresdner Bläserphilharmonie als Haus mit Profil wahrgenommen wird, als stabiler Bezugspunkt für sinfonische Bläserkultur in der mitteldeutsch-ostdeutschen Region, eine Realität, die nicht von episodischem Enthusiasmus lebt, sondern von einer Arbeitskultur, die sich Jahr für Jahr erneuert. Ich erinnere mich an eine Probe, spät am Abend, alle erschöpft, als mir jemand mit entwaffnender Ehrlichkeit sagte: »Es ist wirklich hart, aber man spürt, dass etwas entsteht.« Dieser Satz bedeutet mir mehr als viele programmatische Erklärungen, weil er zeigt: Wachstum ist nicht Theorie, es ist gemeinsam getragene Anstrengung, die Gestalt gewinnt.

Spuren hinterlassen

Wenn ich von Spuren spreche, meine ich Vermächtnis. Ich möchte eine Institution hinterlassen, die auch dann Wert erzeugen kann, wenn ich nicht mehr da bin: ein Orchester, das Musikerinnen und Musiker anzieht, neue Musik ermöglicht, Publikum bildet, mit den großen Institutionen der Stadt dialogfähig bleibt und zugleich den

Kontakt zum Territorium lebendig hält. Dresden ist an Exzellenz gewöhnt, aber Exzellenz ist nicht nur künstlerische Qualität. Exzellenz ist Kontinuität, Glaubwürdigkeit, Verantwortung. Wenn es gelingt, Bläsermusik als etwas Natürliches, Notwendiges, Erwartetes zu verankern, dann haben wir wirklich Wirkung erzielt. Nicht, um eine persönliche Signatur zu hinterlassen, sondern um eine Struktur zu schaffen, die morgen möglich macht, was heute noch als ambitioniert gilt.

Mitten in Europa 

Zum 35-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Dresden–Salzburg gestalten die Dresdner Bläserphilharmonie und die Postmusik Salzburg einen festlichen Konzertabend. Unter der Leitung von Martin Schwab und Andrea Barizza vereint das Programm Werke von Andreas Ziegelbäck, Otto M. Schwarz und Jay Chattaway mit Richard Strauss’ monumentaler »Alpensinfonie« (Arr. Carlo Balmelli) und spannt so einen musikalischen Bogen von österreichischer Geschichte über transatlantische Klangwelten bis zur alpinen Naturerfahrung. Als Solist ist Helmut Fuchs, Trompete, zu erleben.

  • Samstag, 21. März, 18 Uhr – Elbe-Elster-Halle Elsterwerda
  • Sonntag, 22. März, 11 Uhr – Kulturpalast Dresden

www.dbph.de