Das Saxofon gilt in der klassischen Musik noch immer als Grenzgänger – oft bewundert, manchmal beäugt, aber selten als selbstverständlicher Gast im Barock-Repertoire gesehen. Wenn jemand dieses Bild nachhaltig verändert hat, dann Asya Fateyeva. Vor rund zehn Jahren trat die Ausnahme-Saxofonistin mit dem Anspruch an, ihrem Instrument in der Klassik zu neuem Glanz zu verhelfen. Heute – nach zahlreichen Alben, mutigen Crossover-Projekten und gefeierten Auftritten – blickt sie im Gespräch auf ihren bisherigen Weg zurück. Ein Gespräch über das mutige Überschreiten musikalischer Grenzen, die Magie der Bach’schen »Goldberg-Variationen« und den langen Atem, den es braucht, um Hörgewohnheiten nachhaltig zu verändern.
Unser erstes Gespräch hat vor knapp zehn Jahren stattgefunden – damals haben wir uns in der Elbphilharmonie in Hamburg über dein Album »Bachiana« unterhalten. Damals sagtest du den Satz: »Ich will, dass das Saxofon mehr Aufmerksamkeit erlangt.« Wenn du heute zurückblickst: Würdest du sagen, dass du dieses Ziel erreicht hast?
Aufmerksamkeit erlangt das Saxofon heute auf jeden Fall, aber es ist in der Klassik noch immer nicht wie selbstverständlich verankert. Mir schwebte vor, sein Image nachhaltig zu verändern – weg von der einseitigen Festlegung auf den Jazzklang der 80er-Jahre, hin zu einem natürlichen Platz im klassischen Repertoire. Das ist manchmal noch ein Kampf gegen Windmühlen.
Aber es zeigt mir auch, wie wichtig diese Arbeit ist: Nach fast jedem Konzert kommen Zuhörer überrascht auf mich zu und fragen: »Was war das für ein Instrument? Ist das wirklich ein Saxofon?« Solange viele Menschen nicht wissen, wie vielseitig ein Bariton- oder Sopransaxofon klingen kann, lohnt es sich, dranzubleiben.
Wie sieht die Akzeptanz bei Veranstaltern und Orchesterkollegen aus?
Während das Publikum extrem offen ist und sich über frische Klänge freut, sind Veranstalter manchmal etwas vorsichtiger, weil sie kein Risiko eingehen wollen. Gleichzeitig aber suchen sie nach dem Besonderen. Wenn sie mutig sind, entscheiden sie sich glücklicherweise oft für das Saxofon. Bei manchen Musikerkollegen braucht es am ehesten Überzeugungsarbeit. Viele kennen das Instrument aus ihrer klassischen Ausbildung schlichtweg kaum. Aber sobald wir gemeinsam auf der Bühne stehen, springt der Funke meist sofort über.
Dieses Eis zu brechen fällt dir vermutlich nicht schwer, oder?
Sobald die Musik erklingt, nicht. Aber Skepsis im Vorfeld ist menschlich: Wenn man auf dem Papier »Saxofon mit Bach« oder »Saxofon mit Mozart« liest, hat man schnell eine falsche Klangvorstellung im Kopf. Mir ging es neulich ähnlich, als mir ein Kollege von einer Sonate für Bratsche und Akkordeon erzählte. Ich war zuerst skeptisch – bis mir klar wurde: Genau so geht es dem Publikum mit dem Saxofon! Man muss es einfach live erlebt haben.
Das führt uns direkt zu deiner aktuellen CD mit den Goldberg-Variationen. Was erzählt der »Bach von heute« über deine künstlerische Entwicklung der letzten zehn Jahre?
Bach begleitet mich konstant – ob in Barock-Ensembles mit Continuo oder in Crossover-Projekten wie Barock & Roll mit den Beatles. Bei den Goldberg-Variationen übernehmen wir als Trio ein riesiges Werk, in dem ich mich oft in eine einzelne Stimme einfügen muss. Wir müssen wie ein einziges, gemeinsames Instrument klingen. Das erfordert eine ganz andere Haltung als ein Solokonzert. Wir arbeiten schon seit über sechs Jahren an diesem Arrangement. Es ist das Ergebnis eines langen Reifeprozesses.

Siehst du Bach heute mit anderen Augen als früher?
Ja, man freundet sich mit den Jahren gewissermaßen mit den Komponisten an. Man durchdringt die Strukturen tiefer und versteht die Zusammenhänge besser. Je mehr man weiß, desto faszinierender wird dieser musikalische Kosmos.
Die Goldberg-Variationen gelten als »Mount Everest« der klassischen Musik – ursprünglich geschrieben für Tasteninstrumente wie das Cembalo. Wie nähert man sich diesem Werk in eurer Besetzung mit Saxofon, Akkordeon und Cello?
Ursprünglich dachten wir daran, nur einzelne Variationen zu spielen. Aber mir war schnell klar: Wenn wir es machen, dann ganz – es geht um die gesamte musikalische Reise.
Das Spannende an unserer Besetzung ist die Klarheit: Wenn man die Stimmen auf drei klanglich verschiedene Instrumente verteilt, wird die kontrapunktische Struktur und die Plastizität der Kanons viel deutlicher hörbar als auf einem einzelnen Tasteninstrument. Man kann den einzelnen Linien fast didaktisch folgen. Es waren lange, intensive Arbeitssitzungen. Wir haben das Arrangement selbst erarbeitet. Da wir in verschiedenen Städten wohnen, trafen wir uns immer wieder für ein paar Tage, ließen es reifen und fingen nach ein paar Monaten wieder von vorne an. Es war wie ein komplexes Puzzle.
Gab es beim Arrangieren viel Diskussionsbedarf?
Sehr viel! Das erfordert Diplomatie und Kompromissbereitschaft. Ich musste wegen des Tonumfangs meines Instruments tiefere Passagen abgeben. Dafür klingen Unisono-Passagen bei uns überraschend orchestral. Dass wir nach dieser intensiven Arbeit immer noch Freunde sind, spricht für das Ergebnis.
Wie reagieren die Bach-Puristen darauf?
Das Publikum reagiert begeistert! Viele Rückmeldungen bestätigen uns, dass die Zuhörer durch unsere Klangfarben Passagen entdeckt haben, die ihnen früher nie aufgefallen sind. Es eröffnet eine völlig neue Perspektive auf das Werk.
Deine Vielseitigkeit reicht von ABBA und den Beatles über Fazıl Say, Sergei Prokofiev, Claude Debussy und Paul Hindemith bis hin zu Bach. Ist diese Vielseitigkeit dein persönlicher Schlüssel zum Saxofon?
Für mich persönlich ja. Früher habe ich versucht, mich stärker zu fokussieren – auch weil Konzertagenturen vielseitige Programme manchmal schwerer vermarkten können. Aber inzwischen stehe ich voll dazu, weil es genau meinem Wesen entspricht. Die unterschiedlichen Genres befruchten und inspirieren sich gegenseitig.
Das Saxofon wird oft als »Chamäleon der Musikgeschichte« bezeichnet. Ist der fliegende Wechsel zwischen den Stilen manchmal anstrengend?
Es ist wunderschön, erfordert aber höchste Konzentration. Jeder Stil verlangt eine andere Klangvorstellung, Dynamik und Spieltechnik. Sogar das Material, etwa das Blatt des Saxofons, muss ich anpassen. Man muss gedanklich sehr flexibel bleiben.
Gibt es Musik, an die du dich nicht heranwagen würdest?
Mozart ist eine enorme Herausforderung! Seine Musik so fein, schlicht und perfekt auf dem Saxofon zu spielen, ist unglaublich schwer, weil das Instrument von Natur aus eher expressiv und schwerer zu zähmen ist. Aber genau diese Herausforderungen genieße ich sehr.
Wie viel Zeit verbringst du eigentlich abseits der Bühne am Schreibtisch mit Recherche und Arrangieren?
Sehr viel! Das reine Üben am Instrument ist nur ein Teil der Arbeit. Das Recherchieren, Bearbeiten von Noten und Ausprobieren neuer Arrangements macht mindestens die Hälfte, wenn nicht zwei Drittel meiner Arbeitszeit aus.
Gibt es Tage, an denen das Instrument komplett ruht?
Unbedingt! Nach intensiven Konzertphasen nehme ich mir bewusst eine Woche Pause. Dann bleibt das Saxofon im Koffer und kommt gar nicht erst mit.
Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich vor zehn Jahren geben?
Glaube an dich, zweifle nicht, bleib dran und mach einfach konsequent weiter!

Asya Fateyeva
Die auf der Krim geborene Saxofonistin zählt zu den herausragenden Vertreterinnen ihres Instruments in der klassischen Musik. Sie studierte u. a. in Köln, Paris und Hamburg und unterrichtet heute als Dozentin. Fateyeva ist bekannt für ihre stilistische Vielseitigkeit – von Barock über Klassik bis hin zu moderner Kammermusik und Crossover-Projekten.
Aktuelles Album
Johann Sebastian Bach: Goldberg-Variationen. Arrangiert für Saxofon, Akkordeon und Violoncello. (Berlin Classics)

