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Bläserklang im Festspielhaus: Hansjörg Angerer und die Salzburg Wind Philharmonic

Bläserklang im Festspielhaus: Hansjörg Angerer und die Salzburg Wind Philharmonic
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Foto: Franz Neumayr

Wenn ein Blasorchester das Große Festspielhaus in Salzburg füllt, ist das weit mehr als ein Konzert. Es ist eine ästhetische Machtdemonstration. Doch wie gelingt es Hansjörg Angerer, jenseits der „Notdurft der Materie“ (Schiller) einen Klangkörper zu formen, der sinfonische Tradition und moderne Bläserkultur auf Augenhöhe vereint? Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Damien Sagrillo.

Für die Beantwortung dieser Frage konnten wir einen der führenden Experten der internationalen Blasmusikforschung gewinnen: Prof. Dr. Damien Sagrillo. Als Professor an der Universität Luxemburg und Präsident der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik (IGEB) beleuchtet Sagrillo im folgenden Beitrag das „Phänomen Salzburg“.

Vom mutigen Zugriff auf Richard Strauss’ Alpensinfonie bis hin zur strategischen Netzwerkarbeit mit den besten Musikern Europas. Sagrillo analysiert, warum das Salzburg Wind Philharmonic heute als Maßstab für eine emanzipierte Bläserkunst gilt.

Mit Bläserklang ins große Festspielhaus: Hansjörg Angerer und die Salzburg Wind Philharmonic

…denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen.

Schillers Gedanke, dass Kunst sich über das bloße Bedürfnis erhebt, setzt einen ambitionierten Freiheitsmaßstab für Programm und Aufführungspraxis. Genau in dieser Haltung, gegen den Strich des Erwartbaren, jenseits bloßer Nützlichkeit, lässt sich Hansjörg Angerers Entscheidung verstehen, ein Blasorchester dorthin zu positionieren, wo sonst die großen Sinfonieorchester gastieren. Was wie ein Risiko erscheint, ist in Schillers Sinn eine ästhetische Setzung aus Freiheit und bei Angerer eine Freiheit, die sich einen Klangkörper durch eigene Initiative und in institutioneller Unabhängigkeit erst erschafft, in der Überzeugung, dass Bläsermusik in Klangkultur und Repertoire der sinfonischen Tradition gleichrangig begegnen kann. Dort, wo sonst die berühmtesten Interpreten und Orchester der Welt gastieren, im Großen Festspielhaus zu Salzburg betritt Hansjörg Angerer die Bühne. Mit einem Blasorchester! Ein Wagnis? Ja, aber eines, das trägt, und das schon seit Jahren: 

Das Salzburger Dreikönigskonzert besetzt eine eigene Nische in der österreichischen Konzertlandschaft. Während in Wien das Neujahrskonzert die Streichertradition feiert, zeigt Salzburg die Leistungsfähigkeit symphonischer Blasmusik.

Das traditionsreiche Dreikönigskonzert des Salzburg Wind Philharmonic ist zum Publikumsmagneten geworden. Die altehrwürdige Konzertstätte ist bis auf den letzten Platz gefüllt. 

Und Angerer denkt groß. Die Alpensinfonie von Richard Strauss (2024) sowie das Meistersingervorspiel, die Nußknacker-Suite und die Walzersuite aus Richard Strauss‘ Rosenkavalier (2026). Mit solchen Programmentscheidungen erklärt sich, warum ein Blasorchester in diesem renommierten Konzertsaal bestehen kann.

Bearbeitungen schlagen Brücken

Warum dieses Wagnis plausibel ist. Bläserbearbeitungen waren historisch nie Randerscheinungen, sondern Kulturtransfer – sie brachten Opernrepertoire und sinfonische Instrumentalmusik aus dem exklusiven, für die Aristokratie reservierten Konzertsaal ‚unter die Leute‘, und erfüllten einen expliziten Bildungs- und Vermittlungsauftrag. Genau darin liegt ihre Kraft. Bläserbearbeitungen demokratisieren das Hören in einer vortechnisierten Zeit ohne mediale Reproduzierbarkeit und ohne den künstlerischen Anspruch preiszugeben. Angerer adelt sie wieder und bringt sie in den Konzertsaal zurück.

Das Salzburg Wind Philharmonic (SWP) zählt heute zu den international führenden konzertierenden Blasorchestern und verbindet (wenig) Originalkompositionen mit (mehr) anspruchsvollen Arrangements, mit dem Augenmerk, konzertante Bläsermusik ebenbürtig neben dem klassischen Sinfonieorchester zu etablieren. 

Hansjörg Angerer gründete das Orchester unter dem Namen Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg im Jahre 2002. Seit 2022 firmiert der Klangkörper als unabhängige Formation unter ihrem heutigen Namen. Diese institutionelle Veränderung ermöglicht projektbezogene Arbeitsweisen mit ‚Familiencharakter‘ der Mitwirkenden, die sich aus führenden europäischen Berufsorchestern rekrutieren. Dass die SWP zugleich an eine lange Traditionslinie arrangierter Opern-, Tanz- und Konzertmusiken für Bläser anschließt, während sie mit großbesetzten Bläserapparaten operiert, macht sie zu einem idealen Fallbeispiel, um Verbindungslinien zwischen dem 19. Jahrhundert und der Gegenwart auszuloten.

Professionelle Formation

Das SWP versteht sich als professionelle Formation, dessen Besetzung vom kammermusikalischen Ensemble bis zum großbesetzten konzertanten Blasorchester variiert. Und die sich demnach einer großen Bandbreite an Repertoireangeboten zu bedienen vermag. Der institutionelle Anspruch, Bläsermusik auf höchstem Niveau zu präsentieren und konzertante Bläserkunst gleichrangig mit dem Sinfonieorchester zu positionieren, ist explizit formuliert und wird durch eine außergewöhnliche Diskografie dokumentiert. Die Sichtbarkeit in Rundfunk, Fernsehen und sozialen Medien, etwa die wiederholte Live-Übertragung der Dreikönigskonzerte aus dem Großen Festspielhaus, unterstreicht die kulturelle Reichweite dieser Positionierung.

Das Dreikönigskonzert 2026 zeigte die dramaturgische Fokussierung auf ‚Musik der Romantik‘, das Vorzeigerepertoire für gehobene Blasmusik, von Mendelssohns Hochzeitsmarsch bis zu Tschaikowskys Nussknacker-Suite, ergänzt um Webers Concertino mit dem herausragenden Wenzel Fuchs als Solisten an der Klarinette. Mit dieser Programmauswahl bündelte das SWP zugleich historische Repertoiregeschichten und solistische Virtuosität im bläserischen Kontext. Bereits das Dreikönigskonzert 2025 hatte mit ‚Happy birthday Johann Strauss!‘ die Wiener Tradition in ein Bläserformat überführt und damit die Frage nach idiomatischer Übertragbarkeit von Walzer, Polka und Ouvertüre in eine orchestrale Bläserästhetik des 21. Jahrhunderts bejahend beantwortet. Davor, im Jahr 2024, hatte Hansjörg Angerer anlässlich des Konzerts ‚Aus den Bergen‘, die Herausforderung angenommen und Richard Strauss‘ Alpensinfonie in einer Bläserfassung aufgeführt.

Dichte Atmosphäre

Schon die einleitenden, perfekt ausbalancierten Tiefblechakkorde erzeugen eine dichte Atmosphäre. Hansjörg Angerer gelingt es, einen Klangapparat zu formen, der das Fehlen der Streicher nahezu vergessen lässt. Die oft geäußerte Befürchtung, die Alpensinfonie könne in dieser Besetzung zu wuchtig oder undifferenziert klingen, widerlegt Angerer mit einer außergewöhnlich transparenten Interpretation.

Diese und andere Rezensionen hoben gerade die Transparenz und Balance der SWP-Lesart hervor und widerlegten Befürchtungen, das Werk könnte in Bläserbesetzung ‚zu wuchtig‘ geraten. Die Alpensinfonie zeigt die Fortführung der Arrangiertradition von Werken des 19. Jahrhunderts auf höchstem künstlerischem Niveau. Wo im 19. Jahrhundert Militär- und Zivilkapellen Opern- und Tanzmusik popularisierten, transformiert die SWP heutige Repertoire-Ikonen in eine ausschließlich auf Bläser ausgelegte Klangsprache, die strukturell komplexe Großformen ohne Streicher tragfähig macht.

Bläserklang mit Profil

Seit dem Jahr ihrer Gründung profilierte Angerer die Vorgängerformation des SWP als projektbezogene Eliteformation. Als Hornist und Professor (Salzburg, Nürnberg) verfügt er über die doppelte Expertise als Interpret und Pädagoge, die in die Dramaturgie seiner Programme einfließt. Angerer betont die langfristige Planung und Entwicklung eines ‚Familiencharakters‘ innerhalb der Stimmgruppen, der künstlerische Kontinuität trotz projektweiser Arbeitsweise ermöglicht. Das SWP rekrutiert ihre Mitglieder aus den ersten Reihen der europäischen Orchesterszene (Wiener Philharmoniker, Berliner Philharmoniker, Concertgebouw usw.), eine einmalige Netzwerkleistung, die ohne belastbare persönliche und institutionelle Beziehungen nicht herzustellen wäre.

Seit vielen Jahren fungiert Wenzel Fuchs, Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker und zugleich Professor für Klarinette an der Universität Mozarteum, als Konzertmeister – eine Doppelfunktion, die künstlerische Leitfähigkeit innerhalb der Holzbläser und hohe solistische Präsenz sichert. Fuchs‘ Konzertmeister-Rolle fungiert dabei als künstlerischer und organisatorischer Anker. Sie stabilisiert die Kernkommunikation in der Holzbläsergruppe und erleichtert die Einbindung wechselnder Projektbesetzungen. Fuchs‘ solistischer Auftritt anlässlich des Dreikönigskonzerts 2026 illustriert diese Rolle und verweist zugleich auf die historische Bedeutung des virtuosen Klarinettenrepertoires für die Bläserkultur.

Gemeinnützige Organisation

Im Gegensatz zu vielen öffentlich getragenen Sinfonieorchestern konzertiert das SWP als gemeinnützige Organisation. Deshalb braucht es zur Realisierung eines solch ambitionierten Projekts einer gründlichen Portion unternehmerischen Geschicks. Neben der künstlerischen Exzellenz ist das organisatorische Talent Hansjörg Angerers und seines Teams eine tragende Säule. Er muss ohne Grunddotation personelle, logistische und finanzielle Ressourcen projektweise zusammenbringen und langfristig sichern. Die projektbezogene Arbeitsweise erfordert eine umsichtige Vorausplanung, um Terminkollisionen zu vermeiden und Proben- sowie Aufführungsphasen effizient zu planen. Derartige Formate bieten Sponsoren und Förderern eine verlässliche Reichweite.

Zur externen Koordination gehören erstklassige Veranstaltungsorte wie das Große Festspielhaus sowie Medienpartnerschaften mit u.a. ORF und Servus TV. Hansjörg Angerer aktiviert diese Kooperationen regelmäßig neu. Schließlich professionalisiert Angerer die Wertschöpfung über Ton- und Bildträger. So dokumentiert die Veröffentlichung ‚Eine Alpensinfonie & Aus den Bergen‘ nicht nur die kuratorische Linie, sondern auch die Zusammenarbeit mit dem ‚Haus-Arrangeur‘ Albert Schwarzmann[9] der seine Instrumentationsästhetik maßgeblich dem Bedürfnis des SWP anpasst. Er leitet seine Arrangements nicht primär aus gängigen Bearbeitungs-Schemata ab, sondern passt sie den Bedürfnissen und Wünschen des SWP und ihres Chefs an. Schwarzmann fungiert damit als künstlerischer Knotenpunkt des Netzwerks: Seine Handschrift bleibt verborgen, ist allerdings stets präsent, stiftet programmatische Sichtbarkeit und schärft die Alleinstellung des SWP im internationalen Bläserfeld. Zudem erhöht Schwarzmann mit seinem Stil die Förderattraktivität gegenüber Partnern und Sponsoren.

Bläserklang und Netzwerk

Das SWP deckt Repertoire von Barock zu Gegenwart ab und dokumentiert dies in zahlreichen Einspielungen. Dazu gehören sowohl konzertante Arrangements von Opern- und Ballettliteratur als auch moderne ‚klassische‘ Populärgattungen wie Filmmusik (z.B. Williams, Korngold).

Seit 2002 verbindet das SWP auch eine enge Zusammenarbeit mit dem österreichischen Komponisten Ernst Ludwig Leitner. Hieraus gingen Originalkompositionen für Blasorchester hervor. „Ernst Ludwig Leitner und Hansjörg Angerer bilden ein prospektives Gespann insofern, als beide den hohen Standard voraussetzen.“ Hervorzuheben ist vor allem Die Sennenpuppe – eine der wenigen deutschsprachigen Opern, neben Boris Blachers Abstrakte Oper Nr. 1 mit Begleitung eines Blasorchesters. Gerade weil das Profil des SWP überwiegend von hochkünstlerischen Arrangements geprägt ist – vielfach ‚maßgeschneidert‘ von Albert Schwarzmann –, bilden Leitners Originalwerke eine seltene Ausnahme im Repertoire des SWP. Angerer würdigt Leitners Instrumentationskunst, sein symphonisches Denken in Analogie zu Anton Bruckner sowie seine rhythmische Energie. Schließlich betont er die „Durchhörbarkeit“ seiner Partituren: „Ernst Ludwig Leitner würde nichts komponieren, wogegen sich das Ohr sträubt.“

Was Bläsermusik heute leisten kann

In seiner Blasmusikfibel unternimmt Alois Schöpf einen essayistischen, bewusst provokanten Zugriff auf die Blasmusik als Praxis, Soziotop und Kulturpolitik: amüsant, pointiert und mit Lust an der Reibung. Schöpf versteht Blasmusik dabei ausdrücklich als „akustisches, trachtiges und politisches Phänomen“ und richtet den Blick auf Programmnormen, Ritualformen, Medienlogiken und Vereinskulturen, die Klang und Repertoire prägen. Schöpf schreibt auf den „sich von der ruralen Musikkapelle am Dorf zum symphonischen, wenn nicht gar philharmonischen Blasorchester der Stadt [aufwertenden]“ Klangkörper folgendes:

Die Programme solcher Konzerte lassen inklusive Adjustierung in keiner Weise mehr darauf schließen, ob es sich hier nun um ein österreichisches, deutsches, belgisches, italienisches, französisches, niederländisches oder schwedisches Blasorchester handelt, bestenfalls für den Kenner ergeben sich aus der Bevorzugung gewisser Instrumentengruppen […] Hinweise auf den kulturellen Hintergrund der Damen und Herren, die ihre globale kompositorische Ware über ein Publikum ausschütten, dessen ratloser Kommentar immer wieder in Sätze mündet wie diesen: ‚Die Stücke waren alle sehr lang, sie haben alle gleich geklungen, ich kannte keines und kann mich auch an nichts erinnern.‘ Mit dem oft daran anschließenden Satz ‚Sie haben nur einen einzigen Marsch, keine Ouvertüre und schon gar keinen Walzer oder Polka gespielt‘ sind wir denn auch beim Kern der vorliegenden Überlegungen angelangt.

Es existiert zweifellos Blasmusik unserer Zeit, die sich durch ihre Originalität und künstlerische Neugier aus der Fülle des Angebots abhebt. Vielleicht liegt gerade in Schöpfs provozierender Diagnose ein inspirierender Impuls: Wo endet die bloße Orientierung an philharmonischer Rhetorik, und wo beginnt jener Raum ästhetischer Entfaltung, in dem ein Blasorchester seinen eigenen, unverwechselbaren Ton findet? Und ist es nicht gerade die Suche nach einer authentischen Verortung, die eine Musiklandschaft lebendig hält?

Programmatische Gleichförmigkeit?

Dort, wo das Repertoire global austauschbar wird, mag sich bisweilen eine gewisse programmatische Gleichförmigkeit einstellen. Doch könnte man nicht ebenso fragen: Ist dies nicht der ideale Moment, um jene verborgenen Qualitäten neu hervortreten zu lassen, die regionale oder nationale Klangkulturen, gewachsene Traditionen und charakteristische Idiome in der Gegenwart zu erhalten? Und wieviel Inspirationskraft liegt in der Wiederentdeckung solcher lokaler Prägungen, zumal in einer Welt, in der kulturelle Vielfalt häufig hinter Standardisierung zurückfällt? 

Das Publikum reagiert sensibel auf musikalische Profile. So erinnert Manfred Heidler an jenen jungen Zuhörer, der nach einem Konzert in einem mäßig besetzen Saal seufzend meint: „Und jetzt als Zugabe einen schönen Marsch“, ein Satz, der weniger Ernüchterung als ein tiefes Bedürfnis nach Wiedererkennung, Struktur und kultureller Verortung spiegelt. Angerers Praxisantwort setzt genau hier an: die Rückbindung an historische Idiome, die Neudeutung des Kanons in bläserspezifischer Logik und dramaturgische Klarheit. Damit behauptet sich konzertante Bläserkunst als gleichwertige Kunstform – auf eigenen, nicht abgeleiteten Maßstäben. All dies wäre jedoch bloß Theorie, fände es nicht seine konsequente Bestätigung im Konzertsaal selbst: Zeigt nicht gerade der überwältigende Zuspruch zu Angerers Dreikönigkonzerten im voll besetzen Großen Festspielhaus, wie stark das Publikum auf Programmvielfalt, klare Handschrift und eine inspirierende musikalische Erzählung reagiert?

Was macht den Fortschritt aus?

Im Licht solcher Erfahrungen erscheint die Frage nach ‚Fortschritt‘ neu: Was macht ihn aus? In immer größeren Klangapparaten, in Lautstärke, in äußerem Glanz? Oder nicht vielmehr im Vermögen, das Repertoire zu vertiefen, Tradition und Innovation neu auszubalancieren und dem Publikum Räume des Wiederhörens wie des Neuentdeckens zu eröffnen? Kann künstlerische Entwicklung ohne inhaltliche Verankerung wirklich tragen – oder droht sie, wie Emmanuel Todd fragen würde, in einer Art ästhetischen Nihilismus abzugleiten.

Gerade im Kontrast zu marktorientierten Serienkompositionen, deren Standardisierung und Austauschbarkeit über das routinierte Handwerk hinausreichen, wird deutlich, welches Potential eine sorgfältig gestaltete Bläserkultur hat: Sie kann Horizonte öffnen, Identität stiften und das Publikum in eine klangliche Welt führen, die zugleich vertraut, reichhaltig und überraschend ist. Entspricht das nicht genau dem, was Kunst zu leisten vermag? Wenn sie dort ihre Kraft entfaltet, wo Profil, klangliche Signatur und Identität zusammenfinden, dann verweist Angerers Vorgehensweise zugleich darauf, dass solche Entfaltungsprozesse stabile Rahmenbedingungen benötigen – ein Gedanke, der unmittelbar auf die Idee von Gleichberechtigung hinleitet. Gleichberechtigung von Blasmusik und sinfonischer Musik heißt: gleiche Bühnen, gleiche Quellen, gleiche Forschungsaufmerksamkeit, gleiche ästhetische Ernsthaftigkeit, bei eigenen, nicht abgeleiteten Maßstäben. Die Geschichte liefert den Befund, die Gegenwart (das SWP) die Praxiserfahrung und die Forschung die Werkzeuge, um beides gleichberechtigt nebeneinander zu verankern.


Kurz-CV: Damien Sagrillo, Dr. phil., M.A., Konzertreifeprüfung, ADR, Universitätsprofessor für Musikwissenschaft und Musikpädagogik, Universität Luxemburg, Prof. h.c. Pädagogische Fakultät, Neumann-János-Universität Kecskemét-Szolnok, ‚consulting professor‘ der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA), Präsident der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik (IGEB). Forschungsschwerpunkte: Musikalische Bildung, Musik und Musikedition in Luxemburg, Blasmusikforschung. 

Literaturhinweise

Friedrich Schiller, „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reyhe von Briefen.“, in: Friedrich Schiller (Hrsg.): Die Horen, Band 1, 1. Stück [1. Teil; 2. Brief], Tübingen, 1795, S. 7–48, hier S. 11.

Salzburg Wind Philharmonic startet mit Romantik ins Kulturjahr 2026, in: AD HOC NEWS. Finanzzeitung für Deutschland, <https://www.ad-hoc-news.de/boerse/news/ueberblick/salzburg-wind-philharmonic-startet-mit-romantik-ins-kulturjahr-2026/68462424> [02.03.2026].

Kurt Blaukopf, Musik im Wandel der Gesellschaft: Grundzüge der Musiksoziologie, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 21996, S. 270–297.

Leon Bly, Salzburg Wind Philharmonic, <https://www.oebg.de/assets/images/20240106/Salzburg%20Wind%20Philharmonic%20-%20Geschichte.pdf> [03/03/2026].

Tobias Krieger, „Werke von Richard Strauss, Johann Strauss Sohn, Josef Schantl, Carl Maria von Weber u. a. Eine Alpensinfonie op. 64/Aus den Bergen op.292/Der Freischütz u. a.“, in: das Orchester 6 (2025), S. 74.

Michael Atzinger, Salzburg Wind Philharmonic. Massgeschneiderte Klassik für Bläser, <https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/hansjoerg-angerer-salzburg-wildphilharmonic-dirigent-interview-100.html> [03/03/2026].

*1968, Dozent für Blasorchesterleitung an der Universität Mozarteum, <https://www.moz.ac.at/de/personen/blas-schlaginstrumente/albert-schwarzmann> [03/03/2026].

Thomas Hochradner, „‚Irritation Ja, Konzession, Nein.‘ Ernst Ludwig Leitners Kompositionen für sinfonisches Blasorchester“, in: Festschrift in Honour of Damien Sagrillo’s Sixty-Fifth Anniversary, hg. v. David Gasche, Berlin 2024 (= Alta Musica 37), S. 181–195, hier S. 191.

Klaus Härtel, „Zwischen Seele und Symphonie. Hansjörg Angerer und Albert Schwarzmann über Johann Strauss‘, in: brawoo 7–8 (2025), S. 40–42.

Leon J. Bly: A History of the Music for Wind Band, 2 Bde. (= Alta Musica. Monografien, Bd. 2), Berlin: Lit Verlag, 2023, hier Bd. 1, S. 403.

Helmuth Schönauer, „Helmuth Schönauer bespricht: Blasmusikfibel. Konzertieren zwischen Tradition und Moderne. Eine Pflichtlektüre für Musikbegeisterte,“ 29. April 2025, https://schoepfblog.at/helmuth-schönauer-bespricht-blasmusikfibel/ [13.03.2026].

Alois Schöpf, Blasmusikfibel: Konzertieren zwischen Tradition und Moderne; St. Johann in Tirol: Hannes Hofinger, 2025, S. 20–22.

Manfred Heidler, “An jeder Ecke Philharmonien: Anmerkungen zu Blasmusik und Marketing”, in: Kongressbericht Coimbra, Portugal 2012, hg. von Bernhard Habla (= Alta Musica, Bd. 31), 67–89, hier S. 89. Tutzing: Hans Schneider, 2014.

Emmanuel Todd, La Défaite de l’Occident, Paris: Seuil, 2024, S. 241–268.