Brass, Newsletter | Von Klaus Härtel

Christoph Moschberger mit seinem neuen Album „songs & tales“

Christoph Moschberger mit seinem neuen Album „songs & tales“
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Wenn der WDR einem Solisten einen musikalischen Freifahrtschein ausstellt, entsteht im besten Fall ein künstlerisches Statement von bleibendem Wert. Mit seinem neuen Album „songs & tales“ legt der Trompeter Christoph Moschberger eine Produktion vor, die Genregrenzen überschreitet. Im Zentrum: Das WDR Funkhausorchester, ein hochkarätiges Kreativteam und ein 35-minütiges mythologisches „Monsterwerk“. Ein Porträt über die Kunst des Geschichtenerzählens, das Rampenlicht und die Sehnsucht nach dem Kollektiv.

Es gibt Momente im Leben eines Musikers, die sich anfühlen wie ein Sechser im Lotto. Für Christoph Moschberger war es die Anfrage des Westdeutschen Rundfunks, die weit über ein gewöhnliches Booking hinausging. »Das Programm, das Konzeptieren für diesen Abend war ja sehr schön, weil ich letztendlich einen Freifahrtschein vom WDR bekommen hatte«, erinnert sich der Trompeter. »Die haben gesagt: ›Wir laden dich ein, wir machen eine Produktion. Worauf hättest du Lust, was könntest du dir vorstellen, was brauchst du?‹«

Keine stilistischen Schranken

Wer Moschbergers Vita kennt, weiß, dass ein solcher Blankoscheck kein Risiko, sondern eine riesige Chance ist. Er gehört zu den außergewöhnlichen Trompetern seiner Generation – ein Künstler, der sich mühelos zwischen musikalischen Welten bewegt und daraus eine unverwechselbare eigene Sprache formt. Verwurzelt in der klassischen Blasmusik, geprägt durch sein Jazzstudium in Köln und gereift auf den internationalen Pop- und Orchesterbühnen, kennt sein Spiel keine stilistischen Schranken. Was lag also näher, als genau diese Vielseitigkeit zum Fundament eines abendfüllenden Programms zu machen?

Unter dem Titel »songs & tales« entstand ein vielschichtiges Projekt zwischen orchestraler Klangwelt und improvisatorischer Offenheit, das nun am 29. Mai 2026 als Soloalbum das Licht der Welt erblickt hat. Aufgenommen wurde es im Kölner Funkhaus des WDR im großen Sendesaal – nicht als reines Live-Dokument, sondern als verfeinerte Studio-Fassung im exakt selben Saal. »Das ist der gleiche Saal, in dem das Konzert 2023 stattgefunden hat«, verrät Moschberger. »Ein paar Teile davon sind tatsächlich live, ein, zwei Solos, Improvisationen, und ein Stück ist fast ganz live, weil es von der Atmosphäre her gut gepasst hat. Aber der Rest ist im Studio entstanden.« Das Ergebnis ist eine Symbiose aus Klassik, Jazz und Pop, die Vielfalt nicht als Stilbruch, sondern als absolute Selbstverständlichkeit zelebriert.

Die Suche nach den „Lieblingsmenschen“: Das Kreativteam

Ein solches Mammutprojekt lässt sich nicht im Alleingang stemmen. Wer Moschberger nach dem roten Faden des Albums fragt, landet unweigerlich bei drei Begriffen, die für ihn die Essenz seiner Arbeit ausmachen: »Lieblingslieder, Lieblingsinterpreten und Lieblingskomponisten.« Es geht um Songs, die ihm persönlich viel bedeuten, und um Menschen, denen er blind vertraut. Als Paradebeispiel nennt er die »Paramount Rhapsody« auf der CD: »Das ist eine Hommage an Harry James, der einfach einer meiner Heroes ist, den ich toll finde.«

Um den WDR-Freifahrtschein einzulösen, formierte Moschberger ein enges Netzwerk mu­sikalischer Weggefährten. Als Kopf dieses Kreativteams holte er den Komponisten Matthias Werner ins Boot. Hinzu kam der Arrangeur Chris Német, ein alter Bekannter aus dem süddeutschen Raum, den er scherzhaft als seine persönliche »Geschmackspolizei« bezeichnet: »Er ist ein wahnsinnig versierter, offener Typ und ein bisschen meine Geschmackspolizei. Mit ihm habe ich zusammengearbeitet, Stücke gewählt und er war während der ganzen Produktion vor Ort und saß bei den Aufnahmen in der Regie. Er war die letzte Instanz, die quasi die Produzententätigkeit gemacht hat.«

Die Arbeitsteilung folgte großen amerikanischen Vorbildern, bei denen Arrangeure und Orchestratoren Hand in Hand arbeiten. »Chris Német und Matthias Werner haben arrangiert und orchestriert. Arrangements wurden aufs Orchester ­umgeschrieben, die Noten und Einzelstimmen gemacht. Wie in Amerika bei den großen Produktionen: Das haben wir uns ein bisschen abgeguckt. Deswegen ist die Qualität von dem, was rauskommt, einfach sehr gut.«

Psychologie auf der Bühne: Das Orchester-Match

Dass die Wahl des Klangkörpers auf das WDR Funkhausorchester fiel, war kein Zufall, sondern eine Art Nach-Hause-Kommen. Während seiner Zeit in Köln war Moschberger regelmäßig als Gastmusiker im Haus aktiv – damals allerdings, um als Spezialist die Bläser-Section anzuführen. »Das war so ein bisschen ein Homecoming, denn ich habe viel Zeit in Köln und auch in diesem Funkhaus verbracht«, blickt er zurück. »Nebenan ist direkt die WDR Big Band. Dieses Umfeld, in dem ich mich da bewegt habe, kannte ich natürlich. Ich kannte die Abläufe, die Wege, den Pförtner. Viele Leute aus dem Orchester sind teilweise auch wirklich Freunde, die dort spielen. Das hat gut zusammengepasst und erleichtert natürlich die Produktion, weil man auf einer gewissen Basis aufbauen kann.«

Trotz der vertrauten Gesichter birgt die Dynamik zwischen einem Solisten und einem festangestellten Rundfunkorchester immer auch eine psychologische Herausforderung. Die Musiker sitzen Tag für Tag im Dienst und müssen sich auf wechselnde künstlerische Partner einlassen. »Diese Achse zwischen Dirigent und Orchester muss funktionieren, weil Orchestermusiker sehr sperrig sein können, wenn sie den Dirigenten nicht mögen«, lacht Moschberger. Die Wahl fiel auf den britischen Dirigenten Michael Seal: »Die Auswahl des Dirigenten war so eine Frage, zu der ich mir viele Meinungen aus dem Orchester und von persönlichen Beziehungen eingeholt habe, um zu schauen, wie die Stimmung gerade ist. Das hat am Ende super funktioniert.«

Zudem brachte das WDR Funkhausorchester ­genau die stilistische Flexibilität mit, die Moschberger suchte. Als Unterhaltungsorchester des Senders bespielen die Musiker ohnehin die gesamte Bandbreite von der leichten Muse bis zur Filmmusik: »Und das Orchester ist strukturell ja genau so aufgestellt: Die machen alles vom Schlagerabend über Filmmusik bis hin zu irischer Folklore und Operette. Das ist ein ziemlich gutes Match zwischen mir und dem Orchester.«

Das mythologische Monsterwerk: „Yggdrasil“

Das unbestrittene Herzstück des neuen Albums ist das eigens für Moschberger komponierte Trompetenkonzert »Yggdrasil« von Matthias Werner. Ursprünglich sollte es lediglich ein spannendes Werk als Kontrast zu den bekannten Lieblingssongs werden. Doch die kreative Kraft entwickelte eine Eigendynamik, die alle Beteiligten überraschte: »Dass das jetzt ein 35-minütiges, viersätziges Monsterwerk wird, das war vorher nicht ganz so besprochen. Das hat sich im Laufe der Arbeit entwickelt, um die drei Welten – Mittelwelt, Oberwelt, Unterwelt – und den Weltenbaum musikalisch abzubilden. Da brauchst du halt vier Sätze. Es ist ein bisschen größer geworden als gedacht, aber es hat super gepasst.«

Matthias Werner
Matthias Werner (Foto: Maria Frodl)

Matthias Werner, der über viele Jahre als Instrumentalist, Sänger und Komponist das österreichische Bläserensemble Federspiel mitprägte und sich seit 2021 ausschließlich dem freischaffenden Komponieren widmet, ließ sich von der nordischen Mythologie inspirieren. Für einen Komponisten ist ein solcher Sagenschatz ein Geschenk: Werner schöpfte für das Werk üppig aus Geräuschen, Tönen und Hallräumen, um die Naturphänomene der Weltesche akustisch greifbar zu machen. Er komponierte das feine Wispern, Kichern, Rascheln und Raunen der Blätter ebenso wie folkloristische Motive für die Menschen, listige und kämpferische Themen für die Helden und ein grollendes Fundament für die ­Bösewichte dieser Sagenwelt.

Eine Herausforderung

Das Konzert führt den Zuhörer durch drei Welten: von sphärischen Klängen über das irdische Dasein bis hinab in die beklemmenden, bedrohlichen Wurzeln der Unterwelt. Als bewusster Kontrast zu diesem finsteren Eis- und Nebelreich erklimmen die musikalischen Themen im vierten Satz die Spitze des Baumes. In der strahlenden »Himmelstonart A« entfaltet sich ein vorantreibendes Allegro, das das Konzert als Hoffnungsträger beschließt – und das Publikum mit Zuversicht entlässt.

Für Christoph Moschberger bedeutete dieses viersätzige Werk eine enorme Herausforderung. Obwohl er sich mit diesem hochkomplexen Konzert weit in die klassische Sphäre hineingelehnt hat, blieb Raum für seine ureigene Stärke: »Für meine Verhältnisse habe ich mich mit dem Trompetenkonzert weit in die Klassik gelehnt. Eigentlich ist das nicht meine Hauptbaustelle, aber Matthias hat es super umgesetzt, sodass ich das gut vertreten kann, auch mit improvisatorischen Parts.«

Der Musiker als Erzähler

Ob in den komplexen Strukturen von Yggdrasil oder in intimen Momenten wie seinem selbst geschriebenen »Lullaby« – einem Schlaflied mit tiefem persönlichem Bezug zu seinen eigenen Kindern: Christoph Moschberger versteht sich in erster Linie als Geschichtenerzähler auf dem Instrument. Die technische Brillanz, die ihm in der Fachwelt bescheinigt wird, ist für ihn kein Selbstzweck. Das Instrument fungiert als Verstärker seiner inneren Stimme.

»Mit jeder Improvisation, jeder Melodie, die ich spiele – es klingt abgedroschen – möchte ich eine Geschichte erzählen«, reflektiert der Trompeter im Interview. »Das tue ich gerne, und das bekomme ich auch oft als Feedback: Dass man mir gerne zuhört, auch wenn man nichts von Trompetenspielen versteht, weil da eine Spannung erzeugt wird. Wie wenn jemand aufsteht und ein Gedicht rezitiert: Wenn er es gut macht, hörst du hin. Das funktioniert in jeder Art von Musik, ehrlich gesagt. Das ist dann wurscht, ob das Klassik ist oder ein Trompetenkonzert oder ob das eine Jazz-Improvisation ist oder ob das ein Pop-Solo ist.«

Der Spagat zwischen Rampenlicht und Kollektiv

Dieses solistische Rampenlicht, wie er es bei der WDR-Produktion in Reinkultur erleben durfte, ist für Moschberger ein wichtiges Ventil, um sich immer wieder neuen künstlerischen Challenges zu stellen. Dennoch zieht es ihn immer wieder zurück in das schützende und inspirierende Gefüge fester Ensembles. Ein reines Dasein als ­reisender Solist kann er sich auf Dauer nicht vorstellen. »Diese Rolle als Solist mag ich sehr. Aber ich mag sie nicht ausschließlich, weil es ein einsames Leben ist. Ich würde nie gerne nur Solist sein wollen – nicht wegen des Drucks, sondern weil der Musikeralltag manchmal ein bisschen öde ist, wenn man immer alleine im Hotel sitzt. Dieses Band-Gefüge ist einfach das Größte: Mit Leuten unterwegs zu sein, die man gerne mag.«

Aus diesem Grund genießt Moschberger seine Mitgliedschaften in festen Formationen wie dem Bläserensemble Federspiel, Der Kleinen Egerländer Besetzung (DKEB) oder Thomas Ganschs Blasmusik Supergroup. Dass diese stilistische und organisatorische Vielfalt zu einem permanenten Spagat im Terminkalender führt, nimmt er sportlich. Heute mit der Supergroup in München auf der Bühne, morgen mit Federspiel in Linz, übermorgen in Berlin – für viele Kollegen ein Albtraum, für Moschberger gelebte Normalität. »Eigentlich fällt mir das nicht schwer. Viele Leute denken immer, das sei voll stressig. Aber Reisen ist Reisen, und ich reise grundsätzlich gerne. Ich bin gerne unterwegs«, sagt er gelassen. Durch seine Familie sei er zwar sesshafter geworden, doch die Bewegung brauche er nach wie vor: »Unterm Strich muss ich mich ja nirgendwo verstellen. Das könnte theoretisch alles an einem Abend stattfinden. Das Schwierige ist eher die Terminvereinbarung und die Organisation, diese ganzen Projekte miteinander zu koordinieren.«

Logische Konsequenzen und neue Beständigkeit

Dieser unbändige Drang nach stilistischer Weiterentwicklung und persönlicher Mitgestaltung führte in den letzten Jahren jedoch auch zu harten, aber konsequenten Schnitten in seiner Karriere. So endete im Jahr 2021 auch seine langjährige Mitgliedschaft bei den legendären Egerländer Musikanten unter der Leitung von Ernst Hutter. Ein Schritt, der sich über längere Zeit abgezeichnet hatte, da der enge Dienstplan der Formation kaum noch Raum für Moschbergers eigene Projekte ließ.

Christoph Moschberger
Foto: Simon Heydorn

»Ich stehe total auf die Egerländer-Musik, sie ist ein ganz wichtiger Teil von mir«, betont er ausdrücklich. »Aber dieses intensive Spielen in einem so großen Ensemble, wo der eigene Tanzbereich sehr klein ist und man wie ein Orchestermusiker funktioniert, war mir irgendwann einfach zu wenig. Deswegen habe ich mich für andere Dinge entschieden. Die Trennung war die logische, gute Konsequenz, zumal mir der Abschied nicht so schwer fiel, weil ich ja noch ›Die Kleine Egerländer Besetzung‹ habe. Da kann ich diese Musik spielen auf eine viel persönlichere Art, weil es eigene Kompositionen sind und es kammermusikalischer zugeht.«

Auch seine Mitwirkung beim erfolgreichen TV-Format »Sing meinen Song – Das Tauschkonzert« oder die Zusammenarbeit mit der Kölsch-Rock-Legende BAP fielen letztlich der Fokussierung zum Opfer. Das WDR-Projekt im Jahr 2023 war der finale Auslöser, die liebgewonnenen TV-Gewohnheiten loszulassen: »Bei ›Sing meinen Song‹ war es so, dass das WDR-Projekt genau in die Zeit fiel, in der die Staffel stattfand. Das war im Jahr 2023 der Hauptgrund, warum ich gesagt habe, ich mache das in dem Jahr nicht mehr. Mit ein bisschen Abstand betrachtet bin ich froh, dass es mich inhaltlich umorientiert hat, denn ­alles kann man halt nicht machen.«

Gewonnene Energie

Diese gewonnene Energie fließt nun verstärkt in langfristige, unersetzbare Ensemble-Strukturen wie Federspiel. Zum ersten Mal in seiner Karriere erlebt er dort ein Gefüge, in dem es keine klassischen Aushilfen gibt, sondern jeder einzelne Musiker den Kern der Band bildet: »Federspiel ist im Vergleich zu den Projekten davor ein Projekt, bei dem man wirklich ein fixes Ensemble ist und nicht einfach ausgetauscht werden kann. Das ist echte Band-Arbeit, das hatte ich so vorher noch nie. Deshalb ist die Diversität in meinem Portfolio ein bisschen geschrumpft, weil Federspiel einfach mehr Raum einnimmt. Das genieße ich aber sehr, weil es eine gewisse Ruhe und Beständigkeit reinbringt.« Mit neuen Album-Produktionen und ambitionierten Kindermusiktheater-Projekten beweist der Kosmos rund um Moschberger und seine Mitstreiter, dass die spannendsten Geschichten oft erst dann entstehen, wenn man die Grenzen in den Köpfen komplett weglässt.

Mit »songs & tales« hat Christoph Moschberger sich diesen Anzug nun selbst auf den Leib geschneidert – ein Album, das genau zeigt, wer er ist: Ein virtuoser Grenzgänger, der auf der Trompete Geschichten erzählt.