News | Von Klaus Härtel

Corona und der Musikalienhandel: Florian Reitemann, Kempten

Musik Reitemann
Ein leeres Ladengeschäft - leider derzeit auch bei Musik Reitemann in Kempten (Foto. privat)

Corona hat auch den Musikalienhandel fest im Griff. Denn auch und gerade die Blasmusik lebt davon, das man Instrumente ausprobiert, im Laden beim Instrumentenhändler vorbeischaut und sich fachkundig beraten lässt. BRAWOO-Redakteur Klaus Härtel sprach mit Florian Reitemann vom Musikhaus Reitemann in Kempten. Wie wirkt sich Corona und die damit verbundenen Maßnahmen auf den Musikalienhandel aus?

Wie schätzen Sie die Corona-bedingte Lage auf den Musikinstrumentensektor ein bzw. wie konkret geht es Ihnen?

Die aktuelle Lage ist für die ganze Musikbranche sehr schwierig. Alle Musiker sind direkt betroffen: Proben, Auftritte, Konzerte und auch Wertungsspiele wurden abgesagt. Stationäre Musikhändler, Musikschulen und Lehrer mussten den Betrieb einstellen bzw. stark einschränken. Folglich bangen auch die Großhändler und Hersteller um ihr Geschäft. Das ist bereits deutlich spürbar. Vergleichsweise am besten dürfte es aktuell noch den Onlinehändlern gehen. Je nachdem, wie lange der Krisenmodus anhält, werden aber auch diese sehr schnell die Auswirkungen spüren. Wer kauft sich schon ein neues Instrument oder Zubehör, wenn es keine Proben und Auftritte in absehbarer Zeit gibt? Je nachdem, wie lange der Krisenzustand und die Einschränkungen anhalten, kann dies mittel- bis langfristig schwere und nicht abschätzbare Folgen für viele Unternehmen haben. Aktuell hilft daher nur Kreativität, Flexibilität und Zuversicht.

Inwiefern macht Ihnen das Virus zu schaffen? Sind Zahlen schon möglich?

Für konkrete Zahlen ist es zu früh. Durch die staatlich angeordnete Schließung der nicht-lebensnotwendigen stationären Einzelhandelsbetriebe ist in allen Branchen mit großen Umsatzeinbußen zu rechnen. Als rein stationärer Händler versuchen wir aber auf verschiedenen Wegen unsere Kunden zu erreichen und das Bestmögliche aus der Situation zu machen.

Was unternehmen Sie konkret in Ihrem Betrieb?

Unser Ladenbetrieb ist durch die staatliche Anordnung sehr stark eingeschränkt. Verkauf und Beratung ist in unseren Räumen aktuell nicht möglich. Für den Werkstattbetrieb bieten wir eingeschränkte Öffnungszeiten an, die jedoch nur zur Abgabe und Abholung von Reparaturen genutzt werden können. Der persönliche Kundenkontakt ist daher äußerst gering. Stattdessen bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit telefonisch, per Mail oder via Facebook mit uns Kontakt für Beratung und Bestellungen aufzunehmen. Bestellungen und Reparaturen werden aktuell von uns kostenlos versandt bzw. regional per Hol- und Bringdienst kontaktlos ausgeliefert.

Intern haben wir die Arbeitszeit aller Mitarbeiter vorrübergehend reduziert. Die verbleibende Arbeitszeit teilen wir flexibel ein, wodurch sich der Kontakt zwischen uns im Büro und der Werkstatt reduziert und der Mindestabstand von 1,5 Metern gut umsetzbar ist.

Der Staat bietet finanzielle Corona-Hilfen an. Was wollen, müssen oder werden Sie davon in Anspruch nehmen?

Glücklicherweise müssen wir aktuell noch keine Hilfe in Anspruch nehmen. Trotzdem sind die Anträge auf Kurzarbeit bzw. finanzielle Hilfen bereits vorbereitet und werden je nach Dauer auch für uns unumgänglich sein.

Gibt es konkrete Ideen, wie man in der Krise, also vor allem trotz Kontaktverboten, dennoch den Kunden erreichen kann?

Ja, selbstverständlich gewinnen die digitalen Kanäle an Bedeutung. Neben den klassischen Kontaktmöglichkeiten per Telefon und E-Mail, können Kunden über interaktive Kontaktformulare auf unserer Homepage oder via Facebook mit uns Kontakt aufnehmen. Insbesondere verstärken wir auch unser Informationsangebot im Netz.

Wie ist Ihre Einschätzung? Wie lange wird Corona die Instrumentenbranche noch im Griff haben? Und wie geht’s weiter?

Da die Instrumentenbranche nicht zum lebensnotwendigen Bereich zählt, werden die Einschränkungen die Branche noch länger beschäftigen, auch über erste Lockerungen hinaus. Denn dabei werden kulturelle Veranstaltungen (Proben, Konzerte, etc.) vermutlich noch außen vor sein. Folglich wird dies auch im Musikhandel und bei den Instrumentenbaubetrieben noch länger spürbar bleiben.






„Die Unterstützung der regionalen Betriebe trotzdem möglich und gerade jetzt sehr wichtig.“

Im Moment gibt es aber auch viele kreative Ansätze, die Mut machen. Vom Engagement der Musiker mit sonntäglichen Konzerten vom Balkon aus oder musikalischen Livezusammenschnitten im Internet bis hin zu Initiativen, um regionale kleinere Betriebe zu unterstützen. Auf Plattformen werden die Angebote regionaler Betriebe in Corona-Zeiten vorgestellt und gebündelt (z. B. https://tante-hilde.org/). Diese Initiativen und vor allem auch die Treue der Kunden in ihre regionalen Partner ist extrem wichtig für die Zeit nach Corona bzw. um überhaupt dorthin zu kommen.

Droht den regionalen und kleinen Betrieben das Aus, fällt neben dem bewährten Partner vor Ort auch ein Stück Regionalität und Tradition weg. Auch wenn es jetzt verlockend und vielleicht bequemer ist, im Internet auf einer tollen Shopseite zu bestellen, ist die Unterstützung der regionalen Betriebe trotzdem möglich und gerade jetzt sehr wichtig. Wenn die Verbundenheit und Treue bestehen bleibt, wird es auch für alle nach der Krise weitergehen.

Ein weiteres Interview zum Thema führten wir mit Tobias Jacobs vom Bläserstudio Koblenz.