News, Orchestra | Von Bernd Neuschl

„Dance Mix“ des Rutgers Wind Ensemble

Dance Mix

Zu den populärsten Konzertthemen für klug dramatisierte wie gleichsam packende Programmkonzeptionen gehören wohl Tänze. Kein anderes Genre erlaubt einen gehaltvolleren, geradezu ertragreicheren Spaziergang durch sämtliche Epochen und Stilarten der geblasenen Musik. Wer beim Anblick des vorliegenden Covers jedoch meint, einen glitzernden Happy-Sound á la James Last für den Partykeller in den Händen zu halten, wird beim Blick auf die rückseitige Titelliste flugs eines Besseren belehrt. Dirigent William Berz und sein Rutgers Wind Ensemble bitten zum Tanz und legen ausnahmslos Originalwerke auf den Plattenteller: Dance Mix! 

Primär dreht sich die Scheibe erwartungsgemäß um Komponisten aus dem eigenen Land. Über den US-amerikanischen Tellerrand wird wohl selten geschaut. Die elanvolle Eröffnung meistert der schwungvolle erste Teil von Alfred ReedsArmenischen Tänzen„. Ohne Abblendlicht kommt einem da zunächst das hohe Blech entgegen. Mit seinen interessanten interpretatorischen Ansätzen umfährt Berz jegliche gestalterischen Klischees, die dieses Meisterwerk unter anderen Taktstöcken mitunter ertragen muss.

Kein furioser Parforceritt sondern gut dosiertes Tempolimit

„Tzinari Tzar“ formt er ohne Verzögerungstaktik, indem er ohne bremsende Rubati und Ritardandos auskommt. „Gakavi Yerk“ lässt er im frischen Tempo jenseits aller poetischen Zwangsidylle blasen. Das fordert kleine Opfer. So hat die Solotrompete in Takt 44 und 45 aufgrund des flotten Grundpulses auffällige Intonationsschwierigkeiten. Wie Sergiu Celibidache hat William Berz wohl auch eine offenkundige Leidenschaft für langsame Tempi. „Hoy, Nazam Ee“ scheint zu schleppen, punktet dafür mit durchsichtiger Rhythmik. Das finale „Gna Gna“ wird gerne mit Schallgeschwindigkeit abgefackelt. Berz peitscht hier keinen furiosen Parforceritt durch, sondern setzt auf ein gut dosiertes Tempo­limit, das die Klangfarben besonders zur Geltung kommen lässt. 

Danach zelebriert das Orchester zwei „Armenische Tänze“ von Aram Khachaturian. 1943 für die Militärkapelle der Roten Armee geschrieben, richtete Ralph Satz die beiden Sätze für Bläserensemble ein. Wer authentische Alternativen zum Reed-Evergreen sucht, wird hier vom Verlag G. Schirmer bestens bedient. Gleichwohl muss, und das gilt auch für die famosen „Three Japanese Dances“ (1956) von Bernhard Rogers, die Frage erlaubt sein, ob Werke, die für das Eastman Wind Ensemble gedacht waren, den unsrigen Ansprüchen in Sachen Instrumentierung gerecht werden können.

Im Vergleich zur kammermusikalischen Ursprungsbesetzung aus Rochester sitzen auf den europäischen Bühnen chorische Heerscharen von Holzbläsern und ­ganze Blech-Bataillone. Da steht in Sachen Intonation und Klangbalance freilich mehr Arbeit an. Den zweiten Satz der japanischen Tänze veredelt Mezzosopranistin Adrienne Alexander mit einem samtig flirrenden Vibrato, ehe das Orchester im dritten Satz endlich in den sechsten Gang schaltet. Das Schlagwerk entflammt seinen Enthusiasmus regelrecht mit exotischen Klangexplosionen. 

Von Asien nach Südamerika

Von Asien geht es zum südamerikanischen Blues, dem unverwüstlichen Tango und all seinen fesselnden Facetten. Da ist zum einen Michael Gandolfi, der seine „Vientos y Tangos“ den Geist von Astor Piazolla atmen lässt und sich auf Klangspurensuche begibt. Das Blasorchester eifert so mit prickelnden Ajoutierungen und frechen Synkopen den farbenfroh aufgefalteten Raffinessen des Tangos nach. „…de Tango“ aus der nicht minder schwungvollen Feder des Argentiniers Vincente Moncho meditiert als wirkungsvoller Kontrast über die melodische Melancholie. 

Es ist ein spannendes Unterfangen, den „Tower-of-Power-Sound“ auf die Blech- und Holzgestelle eines Blasorchesters hieven zu wollen. Rob Smith gelingt dies mit seinem „Dance Mix„; Jazz-, Rock- und Blueselemente grooven da gewaltig. James Colonnas „Wind Dancer“ ist ein Tribut an Bernstein und Copland und man meint, „Officer Krupke“ betritt „El Salón México“, um darin „Slava“ zu dirigieren. Die Rolle der Rauswerferin übernimmt indes Shelley Hansen mit ihrem „Albanian Dance„. Wer’s metrisch kniff­liger möchte, dem sei der „Bulgarische Tanz“ von Zbysek Bittmar ans Herz gelegt. Der ist zwar nicht auf dieser CD, aber vielleicht schaut William Berz einstweilen über seinen Tellerand und bekommt Appetit.

„Dance Mix“:  Rutgers Wind Ensemble, Leitung: William Berz
Mark Records, 7248 MCD, www.markcustom.com; Bestellen