Wood | Von Antje Rössler

Der Flötist Yat Ho Tsang: Bach auf China-Reise

Der Flötist Yat Ho Tsang: Bach auf China-Reise
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Yat Ho Tsang, geboren in Hongkong und wohnhaft in Frankfurt, bereichert die Alte-Musik-Szene an der Traversflöte. Er stand mit Ensembles wie NeoBarock und dem Freiburger Barockorchester auf der Bühne, widmet sich aber auch Forschung und Wissenschaft. Seine »Kurze Geschichte der konischen Flöte« wurde von der Deutschen Gesellschaft für Flöte publiziert; auch seine Transkription von Bachs Cellosuite Nr. 5 erschien im Druck. 

In seinen Konzerten verbindet Yat Ho Tsang die Musik mit anderen Künsten – zuletzt im Programm »Chinesisches Kabinett«, das beim Thüringer Festival »Güldener Herbst« mit dem Ideenpreis ausgezeichnet wurde. Der Flötist verbindet hier barocke und chinesische Klänge mit Dichtkunst und Fotografie.

Yat Ho, wie bist du mit dem Festival »Güldener Herbst« in Kontakt gekommen? 

Meine Freunde erzählten mir von einem Ideenwettbewerb dieses Festivals, der gut zu meinen bisherigen Konzertkonzepten passte. Ich begann also, über ein Programm nachzudenken. Bei meinen Recherchen stieß ich auf Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg, der asiatische Kunstgegenstände sammelte und in seinem Schloss ein »chinesisches Kabinett« einrichten ließ. Das inspirierte mich zu meinem Programm.

Man nennt das wohl Chinoiserie. Was genau versteht man darunter?

Das ist nicht nur dekorative Fantasie, sondern ein Spiegel aufklärerischer Ideale, projiziert auf das ferne, imaginierte Morgenland. Im 18. Jahrhundert suchten europäische Denker nach Inspiration in anderen Kulturen; gleichzeitig intensivierte sich auch der Austausch zwischen Europa und China. Die konfuzianischen Denker boten den Europäern einen Spiegel, um über ihre eigene Gesellschaft und Philosophie nachzudenken. Dieser gegenseitige Einfluss der beiden Kulturen hat mich sehr interessiert. Ich kam also auf die Idee, auch in meinem eigenen Programm die chinesische und die westliche Kultur zu verbinden. 

Wie lang dauerte der Einfluss der Chinoiserie?

Die Chinoiserie als Kunststil entstand schon mit den ersten Begegnungen zwischen Europa und Fernost. Ihr Einfluss wurde im 18. Jahrhundert besonders deutlich, als sich Dichter wie Voltaire, Goethe oder Schiller von fernöstlichen Gedankeninspirieren ließen. Die Faszination für chinesische Literatur reichte aber noch bis ins 20. Jahrhundert hinein. Ein Beispiel ist Hans Bethge und seine 1907 erschienene Sammlung »Die chinesische Flöte« mit Lyrik aus der Táng-Dynastie des achten Jahrhunderts. Diese Gedichte inspirierten später Gustav Mahler zum »Lied von der Erde«. 

Ist die Traversflöte dein Hauptinstrument? 

Inzwischen ja. Ich bin zuerst nach Amsterdam gezogen, um moderne Flöte zu studieren und habe dann dort die Traversflöte entdeckt. Vor drei Jahren habe ich dann mein Studium in Frankfurt abgeschlossen. Jetzt arbeite ich freiberuflich. Ich unterrichte, spiele Konzerte, mache daneben auch künstlerische Porträtfotos für andere Musiker. Ende Januar bin ich an einer »Walküre« an der Oper Monte-Carlo beteiligt. Da spielt das Ensemble »Les Musiciens du Prince« auf historischen Instrumenten. Ich bin sehr glücklich, ein kleiner Teil davon sein zu dürfen.

Trittst du eher mit Querflöte oder mit Traversflöte auf? 

Ich trete mit beiden Instrumenten sehr gerne auf. Aber die Leute kennen mich vor allem als Traversflötisten; also fragen sie mich eher für solche Projekte an. Aber ab und zu spiele ich auch Querflöte.

Warum liebst du die Traversflöte? 

Ich liebe vor allem den Klang. Die moderne Flöte klingt sehr brillant und hell. Die Traversflöte wirkt hingegen warm und intim, was auch gut zu den Kompositionen für dieses Instrument passt. Ich genieße auch die Herausforderung, die das Spielen auf verschiedenen historischen Flötenarten mit sich bringt.

Aus welchem Holz besteht die Traversflöte? 

Es können verschiedene Edelhölzer verwendet werden. Heutige Kopien werden meist aus Buchsbaum, Grenadill oder Ebenholz gefertigt. Früher verwendete man aber auch andere Materialien wie Elfenbein, Glas oder Keramik.

Welche Verbindungen zwischen der Traversflöte und asiatischen Traditionen stellst du in deinem Programm her? 

Die traditionelle Flöte ist ein wichtiges Instrument der chinesischen Musik. Da sich europäische und chinesische Musik jedoch stark unterscheiden, musste ich einen Weg finden, die beiden Klangsprachen zu verbinden. Ich habe meine eigene Transkription von Bachs fünfter Cello-Suite mit verschiedenen traditionellen chinesischen Musikrichtungen kombiniert: Hofmusik, Oper und Volksmusik. All das ist für Solo-Traversflöte transkribiert.

Warum hast du gerade Bachs fünfte Cello-Suite für Traversflöte bearbeitet?

In dieser Komposition verwendet Bach so wenige Akkorde wie nur wie möglich und schreibt eine vollständige Fuge. Besser kann man polyphone Musik nicht auf eine einzige Stimme komprimieren! Bach selbst transkribierte diese Suite später für Laute. Inspiriert davon, habe ich die Suite für Traversflöte arrangiert, basierend auf den Fassungen für Cello und Laute. Diese Version ist aber auch auf Querflöte und moderner Oboe spielbar. Ich bin sehr froh, dass die Edition Walhall meine Transkription veröffentlicht hat. 

Was für chinesische Musik kombinierst du mit Bach? 

Zum Beispiel spiele ich das Stück »Kommando des Generals«. Es stammt aus der Teochew-Region im Südosten Chinas; es handelt sich um eine Arie aus einer Kūnqŭ–Oper. In dieser uralten chinesischen Opernform spielt die Flöte eine zentrale Rolle. Dann gibt es das sehr virtuose, Glissandi und Zungentechniken fordernde Stück »Freudige Begegnung«, dem eine mongolische Volksmelodie zugrunde liegt. Oder das fein gearbeitete Flötenstück »Trilogie über die Pflaumenblüte« aus der Jīn-Dynastie des vierten Jahrhunderts.

Hast du auch eine Ausbildung in chinesischer Musik? 

Mein Hauptfokus liegt auf der europäischen Musik. Aber während meines Studiums an der Chinese University of Hong Kong habe ich auch Unterricht auf der chinesischen Flöte genommen und verschiedene Kurse über chinesische Musik belegt. 

Was ist dir beim Vergleich zwischen abendländischer und chinesischer Musik aufgefallen? 

Beide Musikrichtungen streben nach Harmonie, doch ihre Harmonievorstellungen unterscheiden sich grundlegend. Die westliche Barockmusik legt den Schwerpunkt auf das harmonische Zusammenspiel verschiedener Stimmen, während die chinesische Musik die Vielfalt der Stimmen innerhalb einer Melodie betont. Aber natürlich sind Klangsprache, Harmonien und Tonleitern ganz verschieden. Bachs Musik beruht auf Kontrapunkt, Polyphonie und harmonischer Entwicklung. Hingegen war die chinesische Musik, vor allem die der Zeremonien, über viele Jahrhunderte hinweg einstimmig.

Wie wurde diese chinesische Musik aufgeführt? 

Für Chinas gelehrte Oberschicht war die Musik eine Praxis der Selbstkultivierung, ein Weg, sich mit der Natur und dem Kosmos in Einklang zu bringen. Instrumentalensembles unterschiedlicher Größe haben Volksfeste, höfische Zeremonien und Opernaufführungen begleitet. Alle Musiker spielen dieselbe Melodielinie; aber jeder interpretiert und verziert sie auf seine Weise. So entsteht ein schimmerndes Klangbild. Die traditionelle chinesische Flöte Dízi wurde außerdem als Soloinstrument verwendet.

Warum baust du auch Dichtung und Fotografie in deine Programme ein? 

Ich denke schon seit ein paar Jahren darüber nach, wie man das klassische Konzerterlebnis einem größeren Publikum zugänglicher machen kann, ohne dass die musikalische Qualität leidet. Als eine Art Experiment habe ich mein erstes Programm konzipiert, »Song is Being«, das ich in Hongkong und Japan aufgeführt habe. Ich nutze hier Barockmusik und Poesie, um zwei antike griechische Liebesgeschichten zu erzählen. Seither bin ich überzeugt, dass die Kombination von Musik mit anderen Kunstformen auch der Musik neue Dimensionen hinzufügt. Sie erleichtert außerdem dem breiten Publikum den Einstieg in die Musik. Nun beziehe ich zum ersten Mal auch noch eigene Fotos in das Programm ein. 

Was für Fotos sind das? 

Ich habe verschiedene Aufnahmen ausgewählt, die Natur, Stadtbilder und Menschen aus Hongkong zeigen. Die einzigartige Mischung aus westlicher und chinesischer Kultur macht den besonderen, so interessanten und lebendigen Charakter von Hongkong aus. Das ist die Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Ich stelle Fotos der Gegenwart von Hongkong neben die alten Klänge und Gedichte. So können wir uns daran erinnern daran, dass kultureller Dialog kein museales Relikt ist. Er lebt in uns weiter, formt unsere Identität, entfacht unsere Kreativität. 

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