Der Lippsy ist heute vielen Bläserinnen und Bläsern als effektiver Lippentrainer bekannt. Was kaum jemand weiß: Seine Entstehung hat nichts mit musikalischem Ehrgeiz zu tun – sondern mit einer ganz persönlichen, medizinischen Herausforderung.
Der Erfinder des Lippsy, Martin Dett, ist Handwerker, Musiker und Tüftler. Vor allem aber ist er Vater. Als seine Tochter 1991 geboren wurde, stellte sich heraus, dass sie an einer Weichgaumenspalte litt – einer angeborenen Fehlbildung, bei der der hintere Teil des Gaumens nicht vollständig geschlossen ist.
Eine Weichgaumenspalte ist von außen oft nicht sichtbar, hat aber gravierende Auswirkungen: Probleme beim Essen und Trinken, näselnde Sprache, häufig auch Hörstörungen durch eine schlechte Belüftung des Mittelohrs. Zwar wurde der Gaumen seiner Tochter operativ verschlossen, doch damit war es nicht getan. Die eigentliche Arbeit begann erst danach – im Logopädiezentrum Baiersbronn. Quasi sprechen lernen von Grund auf, denn der Mund hatte zuvor funktional »offen gestanden«.
Eine einfache, aber wirkungsvolle Idee
Dett beobachtete diese intensive Therapie und fragte sich als Praktiker: »Da muss es doch eine Möglichkeit geben, das gezielt zu trainieren.« Gemeinsam mit der Logopädin entwickelte er eine einfache, aber wirkungsvolle Idee, um die Lippen- und Ansatzmuskulatur zu kräftigen – ausschließlich für den privaten, medizinischen Gebrauch seiner Tochter. Der Hausarzt zerstreute mögliche Bedenken, das Prinzip erwies sich als sinnvoll.
Der bekannte »Bleistift im Mund« brachte hier wenig. Bestehende Konzepte schienen für diesen Zweck ungeeignet. Dett konstruierte deshalb einen eigenen Prototyp: eine Kunststoffstange mit Rillen, die sicher zwischen den Lippen gehalten werden kann – bewusst nicht aus Metall, damit sie nicht rutscht und hygienisch bleibt. Wichtig ist ihm bis heute: Er hat nichts kopiert. Erst nachdem sein Prototyp fertig war, erfuhr er, dass es ähnliche Ansätze gab.
Was als medizinische Unterstützung für ein Kind begann, blieb zunächst im Hintergrund. Doch dann kam der Zufall ins Spiel: Dett war zeitweise Fahrer für Jörg Bollin und das Mährische Feuer. Ein mitreisender Lehrer zeigte großes Interesse an dem unscheinbaren Trainingsgerät. Plötzlich wurde klar: Dieses Hilfsmittel könnte auch für Musiker enorm wertvoll sein.

Rückmeldungen sind positiv
Dett selbst ist Dirigent und Baritonspieler. Einige seiner Musiker und Kollegen nutzen den Lippsy – die Rückmeldungen der Anwender sind durchweg positiv. Besonders bewährt hat sich der Lippentrainer, wenn längere Zeit wenig geübt wurde: »Man kommt relativ schnell wieder zu Kondition.« Vor einer Probe nutzt er ihn bewusst nicht – das Training ermüdet. Wenn er im Musikverein kurzfristig an der ersten Stimme aushelfen muss, trainiert er drei Tage vorher gezielt mit dem Lippsy.
Eine feste Trainingsroutine hält Dett für unnötig. Der Lippsy sei kein Pflichtprogramm, sondern ein Werkzeug: Man nutzt ihn, wenn man ihn braucht.
Ursprünglich für Kinder im logopädischen Bereich gedacht, ist der Lippsy heute für alle da – für Musikerinnen und Musiker ebenso wie für Menschen, die ihre Lippen- und Ansatzmuskulatur gezielt aufbauen oder erhalten möchten.
Was geblieben ist, ist der Ursprungsgedanke: Ein einfaches, durchdachtes Hilfsmittel, entstanden aus einem sehr persönlichen Bedürfnis – und entwickelt mit dem Ziel, Funktion zurückzugeben. Erst dem Kind. Dann der Musik.
PRAXIS: So wird mit dem LIPPSY trainiert
Warum überhaupt ein Ansatztrainer?
Alleiniges Üben auf dem Blasinstrument fordert die bläserisch relevante Muskulatur nicht immer in dem Maß, das für besondere Anforderungen wie Höhe, Ausdauer oder schnelle Regeneration nötig ist. Der Lippsy wurde entwickelt, um genau diese Ansatzmuskulatur gezielt und effizient zu kräftigen.
Grundprinzip
Der Lippsy wird ausschließlich mit den Lippen gehalten. Der einstellbare Federwiderstand sorgt für eine gleichmäßige, dosierbare Zugkraft – ohne Einsatz der Hände.
So starten Sie:
- Schraubenmutter zunächst ganz nach außen drehen (geringster Widerstand)
- Lippsy zwischen die Lippen nehmen
- Zähne leicht geöffnet lassen
- Mundwinkel nicht auseinanderziehen
- Lippen nach vorne spitzen (wie beim Pfeifen)
- Kinnmuskulatur bewusst nach unten spannen
- Ausschließlich mit den Lippen halten

Zwei Trainingsformen
- Viele Wiederholungen, kurze Haltezeit
-> fördert die Muskel-Ausdauer - Wenige Wiederholungen, maximale Haltezeit
-> fördert die Muskelkraft
Beide Varianten können getrennt oder kombiniert angewendet werden – je nach persönlichem Ziel.
Praxis-Tipps
- Entscheidend ist nicht die Dauer, sondern die saubere Ausführung
- Widerstand erst steigern, wenn die Technik sicher ist
- Übertreibung am Anfang schadet dem Ansatz
Vorteile im Alltag
- Training ohne Hände möglich
- Paralleles Erledigen anderer Tätigkeiten möglich
- Zeitlich sehr effizient
Sicherheit & Hygiene:
- Nicht bei sicherheitsrelevanten Tätigkeiten (z. B. Autofahren) verwenden
- Halskordel verhindert Herunterfallen
- Lebensmittelechter Kunststoff für hygienische Nutzung

