Orchestra | Von Klaus Härtel

Dirigent und BRAWOO-Autor Jochen Wehner gestorben

Jochen Wehner
Foto: Bernhard Conrads

Wenn man Jochen Wehner nach seiner Meinung gefragt hat, musste man sie auch vertragen können. Denn Jochen Wehner war ein guter Zuhörer, ein impulsiver Inspirator, ein humorvoller Mensch, ein sachkundiger Wegweiser und vor allem war er ein schonungsloser, aber ehrlicher, sachlicher, konstruktiver Kritiker und ein kompromissloser Musiker. Nun ist Jochen Wehner am 9. Juni nach langer schwerer Krankheit im Alter von 84 Jahren in Heiligenberg gestorben.

Als der Jubilar um die Jahrtausendwende aus dem Orchesteralltag verabschiedet wurde – bis dahin war Jochen Wehner Chefdirigent des Rundfunk-Blasorchesters Leipzig gewesen –, war allen klar, dass der Begriff „Ruhestand“ dem Wesen von Jochen Wehner diametral gegenüberstehen würde. Und tatsächlich: Der prognostizierte „Unruhestand“ trat ein. Zahlreiche Konzerte wollten dirigiert, Lehrgänge geleitet, Orchester bewertet und Fachartikel für die BRAWOO-Vorgängerin CLARINO geschrieben werden. Groß war bis zuletzt die Zahl derer, die vom umfassenden Wissen des Maestro zehren wollten und die sich seinem Tatendrang gerne beugten.

Jochen Wehner absolvierte sein Dirigentenstudium in Halle und Dresden und erwarb gleichzeitig Abschlüsse in den Fächern Klarinette, Violoncello und Komposition. Nach langen Jahren als Kapellmeister in Magdeburg, Brandenburg und Stendal wurde er als Generalmusikdirektor an das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin verpflichtet. 1974 übernahm er an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig einen Lehrauftrag für Dirigieren und Partiturspiel.

Starkes Interesse an zeitgenössischer Musik

Sein starkes Interesse an zeitgenössischer Musik ließ ihn 1973 ein Angebot des Rundfunks Leipzig/Berlin annehmen. Dort war er für 17 Jahre Dirigent, Produzent und Lektor für zeitgenössische Musik. In dieser Zeit dirigierte er als Gast an Rundfunkstationen in Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei sowie bei namhaften Orchestern: Staatskapelle Dresden, Berliner Sinfonieorchester, Janacek-Philharmonie Ostrau und Transilvanische Philharmonie Klausenburg.

Vom Jahre 1988 an wirkte Jochen Wehner als Gast-, später als Chefdirigent an der Värmland-Oper im schwedischen Karlstadt und war ständiger Gastdirigent an der Großen Oper in Göteborg und der Norwegischen Nationaloper in Oslo.

Dirigent des RBO Leipzig

Im Januar 1994 übernahm Jochen Wehner die Funktion des Chefdirigenten des RBO Leipzig (heute Sächsische Bläserphilharmonie). Im Gegensatz zu seinen Vorgängern kam Wehner aus dem Bereich der sogenannten E-Musik, ausgestattet mit immenser Literaturkenntnis, was sich befruchtend auf die Programmgestaltung des Orchesters auswirkte. Wehner achtete bei Transkriptionen streng auf werkgetreue Übertragung in die Bläserstruktur.

In dem Berliner Komponisten und Dirigenten Siegmund Goldhammer fand Jochen Wehner einen idealen Partner als Arrangeur. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit war 1996 die mehrfache Aufführung und CD-Einspielung von Mozarts „Zauberflöte“ mit bekannten Solisten und den Leipziger Bläsern. Die Umsetzung der Mozart’schen Partitur in eine reine Bläserbesetzung in Verbindung mit der differenzierten Interpretation widerlegte alle Kritiker.

Es gibt ja mehrere Arten von Ruheständlern. Die einen ziehen sich zurück und machen verdientermaßen gar nichts. Die anderen organisieren sich in Vereinen und kommen von Jahreshauptversammlungen stets mit neuen Ämtern nach Hause. Und es gab Jochen Wehner. Der nämlich konnte sich wegen seiner Erfahrung und wegen seines Renommees die musikalischen Projekte aussuchen. Zahlreiche kulturpolitische Ereignisse – und musikalische sowieso – zieren seine Biografie. 2004 etwa leitete er die Aufführung der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven im Rahmen der Feierlichkeiten „10 Jahre Kulturbeziehungen Deutschland – Rumänien“ in Klausenburg. 

Ein Jahr später dirigierte er die Hofer Symphoniker und das Jugendblasorchester des Nordbayerischen Musikbundes in einer Operngala anlässlich der „Europa-Tage der Musik“. 500 Mitwirkende – unter anderem Chöre aus den soeben beigetretenen Ost-Anrainerstaaten der EU – hörten auf Wehners Kommando. Konzerte in Schweden (mit Marinens Musikar Karlskrona und Flygvepnets Musikar Göteborg), Rumänien (Staatsphilharmonie „Transilvania“ Cluj-Napoca) und natürlich Deutschland (RBO Leipzig, Südwestdeutsche Philharmonie oder das „Fest der Klänge« während des Landesmusikfestivals in Bühl) bilden nur die Spitze des Eisbergs. 

Die Musik stand stets im Vordergrund

Im Vordergrund stand für den Dirigenten dabei immer die Musik. Wehner war kein Selbstdarsteller, kein selbstverliebter Maestro, wie es sie durchaus gibt. Wehner lag die Vermittlung der – vor allem „seiner“ geschätzten, ja geliebten – Musik am Herzen. Deshalb beschäftigte er sich auch nur zu gerne mit sogenannten Amateuren.

Des Weiteren bestimmten Kompositionsaufgaben, Juroren-Tätigkeiten, Dirigenten-Seminare und Vorlesungen sein freischaffendes künstlerisches Leben. Und wenn dann ein Redakteur der Fachmagazins für Blasmusik Clarino (heute BRAWOO) wegen eines Fachartikels anfragte – dann sagte er auch nicht nein. Denn seine Leidenschaft mit anderen zu teilen, trieb ihn stets weiter an. 

Und so war vermutlich immer Musik im Hause Wehner im baden-württembergischen Heiligenberg. Richtig abschalten konnte Jochen Wehner am besten während seiner Urlaube in der schwedischen Einsamkeit. Dorthin, in die Heimat seiner Frau nämlich, verschlug es ihn regelmäßig. Die Blasmusikszene insgesamt und der Chefredakteur der BRAWOO im besonderen werden Jochen Wehner in bester Erinnerung behalten.