Bayerisch-böhmische Blasmusik ist weit mehr als nur der bekannte Mainstream – sie ist ein lebendiger Schatz voller unentdeckter Geschichten, Familienerinnerungen und musikalischer Raritäten. Vom 18. bis 20. September 2026 bittet die DTB Turnermusik in Frankfurt am Main zu einem ganz besonderen Praxisseminar: Unter dem Motto »Tradition erleben – neu entdecken!« führt der erfahrene Kapellmeister, Komponist und Kreisheimatpfleger Dominik Harrer die Teilnehmenden abseits der ausgetretenen Pfade zu den echten, unverfälschten Wurzeln dieser Musik.
Wie man historische Notenschätze aus alten Schachteln hebt, warum die Chemie zwischen Laienmusikern und Weltstars wie Sir Simon Rattle stimmt und wie man dem Publikum echte Gänsehautmomente verpasst, verrät er uns vorab im Interview.
Herr Harrer, bei Ihrem Praxisseminar in Frankfurt geht es um bayerisch-böhmische Blasmusik abseits der »ausgetretenen Pfade«. Was ist für Sie das Faszinierendste an diesen alten Überlieferungen, das man in modernen Charts vergeblich sucht?
Eigentlich hat mich schon immer das »vergessene« oder das »unentdeckte« früherer Zeiten interessiert: Alte Ausdrücke oder Redewendungen im Dialekt, alte Bräuche, alte Häuser, alte Techniken in der Landwirtschaft oder auch im Handwerk – und natürlich die vielfältige musikalische Überlieferung unserer Heimat. Schon als Schüler habe ich z. B. meinen Großvater Willibald Crusius befragt, was in seiner Jugend gesungen oder getanzt wurde. Einige Lieder und ein paar Zwiefache konnte ich so von ihm aufzeichnen, und zum Teil spielen und singen wir sie bis heute bzw. wurden sie mittlerweile teils mehrfach publiziert. Es ist schon etwas besonderes, wenn wir beispielsweise mit unserer Familienmusik Harrer den Zwiefachen »Wann i mei Pfeiferl zabrocha ho« singen und spielen und ich in der Anmoderation sagen kann: »Diesen Zwiefachen hab ich von meinem Opa gelernt«!
Auch historische Notenhandschriften alter Musikanten haben mich immer schon fasziniert. Vieles konnte ich da aus meiner Heimatregion im nördlichen Oberbayern sammeln und habe etliche Schottisch, Zwiefache, Landler und andere Tanzformen neu arrangiert für großes Blasorchester. Das war mir immer schon ein Anliegen: Diese überlieferte Musik aus der Zeit vor und nach dem ersten Weltkrieg wieder spielbar zu machen, so dass sie den heutigen Ansprüchen eines modernen Blasorchesters genügt und modern und traditionell gleichzeitig sein kann!
„Großes Interesse an der traditionellen böhmischen Musik“
Neben den Überlieferungen meiner Heimat im Raum Eichstätt hatte ich auch immer schon ein großes Interesse an der traditionellen böhmischen Musik. Noten, die Heimatvertriebene trotz aller Widrigkeiten retten konnten, sind besonders interessant. In meinem Heimatort Möckenlohe konnte ich sozusagen den »Fund meines Lebens« machen: 1946 war Albin Rabenstein mit seiner Familie aus Böhmisch Wiesenthal im Erzgebirge vertrieben worden und fand schließlich in Möckenlohe eine neue Heimat. Er war in Böhmisch Wiesenthal Musikant und zeitweise Kapellmeister gewesen und konnte eine Schachtel wertvoller böhmischer Blasmusiknoten mitbringen. Weil es damals noch keine Blasmusik in Möckenlohe gab, schlummerten diese Noten 50 Jahre in der Schachtel, ehe ich als junger Musikant 1996 diesen kleinen Schatz heben und wieder zum Klingen bringen konnte. Seit 30 Jahren spielen wir nun immer wieder aus diesen alten Noten – und auch im Workshop im September werde ich ein paar Stücke daraus dabei haben!
Sie leiten seit über 25 Jahren die Blaskapelle Möckenlohe und sind als Kreisheimatpfleger tief verwurzelt. Wie schafft man es, die Begeisterung für die Tradition so lebendig zu halten, dass sie auch die junge Generation im Workshop ansteckt?
Seit ich zusammen mit meinem guten Freund und musikalischen Weggefährten Johannes Alberter 1999 die Blaskapelle Möckenlohe übernehmen durfte, war es mir und uns ein Anliegen, ein eigenständiges Repertoire aufzubauen. Nach und nach kamen immer mehr Stücke dazu, die entweder Eigenkompositionen oder Arrangements von mir waren. Mittlerweile besteht das Repertoire der Blaskapelle Möckenlohe fast vollständig aus eigenen Noten – oft mit persönlichem Bezug zur Heimat oder zu den Musikanten. So wuchs über viele Jahre hinweg ein Repertoire, das der Blaskapelle bzw. den Musikantinnen und Musikanten auf den Leib geschrieben ist. Das ist durchaus identitätsstiftend und beginnt schon in der Bläserklasse in der Grundschule Adelschlag.
Im Workshop möchte ich diese Begeisterung für das »Eigenständige« oder »Unentdeckte« weitergeben und dafür werben, dass es auch mal gut sein kann, nicht ausschließlich im »Mainstream« mitzuschwimmen!
Im Übrigen hat meine langjährige Erfahrung gezeigt: Entscheidend ist nicht, »was« man spielt, sondern »wie« man spielt. Man kann ein Publikum einen ganzen Abend lang richtig begeistern mit völlig unbekannten Stücken – wenn man sie mit Überzeugung, Musikalität und Herzblut spielt!
Ein absolutes Highlight war für Sie sicher das Projekt »Sinfonischer Hoagascht«. Was nimmt ein erfahrener Kapellmeister wie Sie aus der Zusammenarbeit mit einer Ikone wie Sir Simon Rattle für die eigene tägliche Arbeit mit dem Ensemble mit?
Die Teilnahme am »Sinfonischen Hoagascht« im Jahr 2024 war für uns natürlich eine große Ehre und ein ganz besonderes Erlebnis: Einen Weltstar wie Sir Simon Rattle hautnah kennen lernen und sogar mit ihm musizieren zu dürfen, ist sicher eine einmalige Sache! Dabei zu erkennen, dass dieser Weltstar ein ganz normaler Mensch ist, der offen, herzlich und unkompliziert ist – das war eine tolle Erfahrung! Für uns war es eine wunderbare Bestätigung, dass wir seit über 25 Jahren auf dem richtigen Weg sind: Mit unserem Repertoire, mit unserer Stilistik, in vielen Details wie z. B. Rhythmik oder Intonation. Und für mich war ganz persönlich ein Highlight, dass Sir Simon Rattle mit »Die Glocken von St. Peter« eine Komposition von mir dirigiert hat!
Auch wenn die allermeisten von uns mit Musik beruflich nichts zu tun haben, war es schön zu sehen, dass die Kluft zwischen Laien und Profis gar nicht so groß sein muß: Alle nehmen die Sache ernst und geben im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste. Das hat uns im Konzert mit dem BRSO und den anderen teilnehmenden Ensembles zu einem wunderbaren großen Klangkörper vereint und das hat auch das Publikum gespürt!
Sie sind Komponist, Organist, Lehrer und Dirigent – die Musik füllt Ihr Leben fast vollständig aus. Gibt es diesen einen Moment, in dem Sie Gänsehaut bekommen?
Nun, es gibt nicht nur »diesen einen Moment«, sondern es gibt sehr viele Momente, in denen die Gänsehaut immer wieder kommt: Es kann ein Stück sein, das mich immer wieder berührt, auch wenn wir es gefühlt schon hunderte Male gespielt haben; das »Feierabend-Lied« von Anton Günther ist etwa so eines, oder die Bläserweise »Maria auserkorn von Gottes Gnad«. Als mein Vater 2012 verstorben ist, habe ich für Ihn einen Trauermarsch komponiert; immer wieder spielen wir diesen Trauermarsch beispielsweise an Allerheiligen zur Gräbersegnung. Der Trauermarsch endet im Trio mit einer Wendung über die Doppeldominante mit einem markanten Posaunen-/Tubalauf und triumphierenden Akkorden im hohen Blech darüber, das soll den Sieg des Lebens über den Tod symbolisieren. Immer wenn wir das spielen, bewegt mich meine eigene Musik tief im innern und schüttelt mich so richtig durch… Oft ist es aber auch einfach eine besonders gelungen Stelle in einem x-beliebigen Stück, die in genau diesem Moment eine Gänsehaut hervorruft.
Und ganz besonders ist es für mich, wenn ich manchmal im Nachhinein von Mitmusikern oder Zuhörern erfahre, wie sehr sie dieses oder jenes Stück berührt hat; dann habe ich sozusagen nachträglich noch einen Gänsehautmoment!
Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Sonntagabend nach dem Seminar nach Hause fahren: Welches Gefühl oder welche Erkenntnis sollten sie neben den neuen Noten unbedingt im Gepäck haben?
Natürlich hoffe ich sehr, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch den ein oder anderen Gänsehautmoment im Workshop erleben werden! Und ich hoffe, sie für das Unbekannte oder Unentdeckte begeistern zu können, das genauso viel »wert ist«, wie viele bekannte Stücke. Außerdem sollte jeder die Erkenntnis mitnehmen, dass es nicht egal ist, »wie« man spielt: Wenn man mit Herzblut, Überzeugung und einer ganz konkreten Vorstellung, wie etwas klingen soll, auf die Bühne geht, wird das der Zuhörer immer verstehen und honorieren.
Besonders wichtig erscheint mir das »Miteinander«. Musik und Musizieren funktioniert nur, wenn es einvernehmlich geschieht. Auch wenn ein Dirigent durch seine koordinierende Funktion manchmal ein bisschen etwas von einem »Diktator« hat, steht trotzdem immer das gemeinsame Musizieren im Mittelpunkt und Dirigieren darf nie in eine bloße »Mauchtausübung« ausarten.
Wenn ich dies alles den Workshopteilnehmern vermitteln konnte, bin ich glücklich!
Der Workshop
Bayrisch-Böhmische Blasmusik mit Dominik Harrer
18. bis 20. September 2026 in Frankfurt am Main
Dieser Workshop widmet sich der traditionellen bayrischen und böhmischen Blasmusik jenseits der ausgetretenen Pfade. Gemeinsam mit Dominik Harrer tauchen die Teilnehmenden in musikalische Schätze ein, die über Generationen weitergegeben wurden und heute in neuem Klanggewand für moderne Blasorchester lebendig werden.
Im Mittelpunkt stehen:
- Bayrische Blasmusik aus alten Überlieferungen – darunter Schottisch, Marsch, Rheinländer, Landler und Zwiefache – neu arrangiert für zeitgemäße Blasmusikbesetzung
- Alte böhmische Polkas und Walzer, teilweise von vertriebenen Musikanten aus ihrer Heimat mitgebracht und behutsam an die Anforderungen heutiger Blasorchester angepasst
- Bekannte und selten gespielte Traditionsmärsche aus Österreich
- Bläsermusik für Gottesdienste – stilvolle und passende Literatur zur musikalischen Gestaltung liturgischer Feiern
Veranstalter: DTB Turnermusik; www.dtb.de/turnermusik
