Orchestra | Von Klaus Härtel

Dorfverein Oberharmersbach goes WMC

Dorfverein Oberharmersbach goes WMC
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Es ist Freitagabend, kurz nach 22 Uhr in Oberharmersbach. Im Probelokal der Miliz- und Trachtenkapelle riecht es nach Holz, Notenpapier und der gemütlichen Vertrautheit eines badischen Dorfes. Die Instrumente sind eingepackt, Getränke werden gereicht. Man lacht, man plaudert, man pflegt die Kameradschaft. Es ist die gelebte Idylle eines Vereins, der fest im Dorfleben verwurzelt ist. Hier marschiert man an Fronleichnam und zur Kommunion auf, gestaltet die Fasnacht aktiv mit und füllt traditionell am Stephanstag mit anspruchsvoller sinfonischer Blasmusik die Säle.

Doch wer hinter dieser Schwarzwälder ­Kulisse nur gemütliche Dorftradition vermutet, denkt viel zu kurz. Denn diese Amateure stehen in diesem Jahr wieder vor einer logistischen und musikalischen Mammutaufgabe: dem World Music Contest (WMC) im niederländischen Kerkrade – der unbestrittenen Weltmeisterschaft der Blasmusik. Der Spagat zwischen dem Rathausplatzkonzert daheim und dem internationalen Niveau auf der Weltbühne ist groß, aber genau hier liegt das Erfolgsgeheimnis der Miliz- und Trachtenkapelle Oberharmersbach

Ein Dorfverein auf Profi-Niveau

Wenn die Kapelle am 1. August 2026 um 18.30 Uhr die Bühne in Kerkrade betritt, tritt sie in der renommierten 2. Division an. Wer nun glaubt, im Orchester säßen eingekaufte Berufsmusiker, der irrt. »In unserem Orchester gibt es keine professionellen Musiker – es sind alle begeisterte Hobby-Musiker, die aus purer Leidenschaft und Freude an der Musik zusammenkommen«, betont Dirigent Rüdiger Müller.

Dass dieses Niveau überhaupt existiert, ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen Philosophie. Trompeter Daniel Faist, der selbst als Dirigent beim Musikverein Unterentersbach aktiv ist und das Handwerk als »Gewächs aus Rüdigers Feder« gelernt hat, weiß die Qualität genau einzuordnen. »Das Niveau von Oberharmersbach ist schon weit über das Tal ­hinaus bekannt. Das ist über Jahrzehnte gewachsen und nicht irgendwie von heute auf morgen passiert.« Für Faist ist es trotz eigener Dirigenten-Tätigkeit schön, in seinem Heimatverein einfach wieder als Musiker im Register zu sitzen und die Leidenschaft am Instrument auszuüben.

Enorme musikalische Substanz

Dennoch steckt in diesem »Dorfverein« eine enorme musikalische Substanz. Fast alle Musikerinnen und Musiker über alle Register hinweg besitzen das goldene Leistungsabzeichen, einige haben sogar eine Dirigentenausbildung absolviert, und zahlreiche Mitglieder sammeln oder sammelten wertvolle Erfahrungen in überregionalen Auswahlorchestern wie dem Sinfonischen Verbandsblasorchester Ortenau oder dem Landesblasorchester Baden-Württemberg. Das Niveau hat sich über die Jahre extrem gesteigert. Nachdem das Orchester 2023 das regionale ­Wertungsspiel in Wolfach gewann, folgt nun der erneute Sprung auf die internationale Bühne.

Für Rüdiger Müller, erst der vierte Dirigent des Vereins seit 1921 – ein eindrucksvolles Zeichen für die Beständigkeit und kontinuierliche Weiterentwicklung des Klangkörpers –, ist der WMC ein Privileg. Für den perfekten Vortrag setzt er nicht auf billige Showeffekte. »Ich habe nicht auf Extravaganz oder Effekte gesetzt, sondern auf Literatur, die ich für ein sinfonisches Blasorchester ­besonders gelungen und spannend finde«. Es gilt, die Jury mit Präzision, Dynamik und echter Emotion zu überzeugen.

Oberharmersbach
Foto: MTK Oberharmersbach

Die »Musiksucht« und das Erbe der Generationen

Um dieses Niveau zu erreichen, investieren die Mitglieder unzählige Freizeitstunden. Neben Beruf und Familie ist die Vorbereitung auf Kerkrade eine enorme Doppelbelastung. Doch für Solo­flötist Michael Gutman, der nebenbei als Bassist in einer Rockband auf der Bühne steht, ist dieses Engagement keine Last, sondern eine Bereicherung. »Musik machen macht schon irgendwie süchtig… Wenn man Musik wirklich liebt, dann empfindet man es nicht nur als Belastung, sondern auch als große Bereicherung. Man bekommt unglaublich viel zurück.«.

Gutman liebt die Live-Energie, doch die unbezahlbaren Gänsehaut-­Momente, wenn sich dutzende Amateurmusiker in einer intensiven Probe zu einem einzigen, ­monumentalen Klangkörper verbinden, gibt es für ihn so nur im Orchester.

Diese Leidenschaft zieht weite Kreise – im wahrsten Sinne des Wortes. Corinna Lehmann, die an der 3. Klarinette sitzt, wohnt mittlerweile im rund 150 Kilometer entfernten Stuttgart. Ein neues Orchester in der Landeshauptstadt kam für sie dennoch nie infrage. Sie nimmt die regelmäßige Pendelei am Freitagabend für die Proben gerne auf sich. »Am Ende ist es einfach die Gemeinschaft und das Gefühl von Zusammenhalt, das die Miliz- und Trachtenkapelle für mich besonders macht und ich den Aufwand jederzeit gerne auf mich nehme!«

Dazu gehört auch eine ganz besondere Vereinstradition, die Posaunist und Vereins-Urgestein Michael Mark beschreibt: das Auswendigspielen. Ob bei der Fasnacht oder beim traditionellen Mai-Spielen – das Repertoire sitzt im Gedächtnis fest verankert. »Auswendig spielen wird über Generationen immer weitergegeben«, erklärt der Ü60-Musiker, der auch stolz auf die Wurzeln verweist. Zwar sei der Druck und das Niveau für den einen oder anderen über die Jahre hinweg vielleicht sehr hoch oder zu schwer geworden, »aber im Großen und Ganzen gibt es uns über die Jahrzehnte Recht, uns nicht auf die reine Unterhaltungsschiene zu begeben, sondern uns im konzertanten Bereich zu bewegen – wobei wir auch Marschmusik, Prozessionen und Unterhaltungskonzerte im Programm haben!«

Eine Liebesgeschichte, die Grenzen überspringt

Kerkrade ist für die Oberharmersbacher kein ­kaltes Pflaster. Insgesamt sechs Teilnahmen seit 1981 stehen in den Geschichtsbüchern des Vereins. Das bis dato beste Ergebnis wurde 2017 mit stolzen 86,83 Punkten und einer Goldmedaille eingefahren. Doch die Verbindung in die Niederlande geht weit über Wertungspunkte hinaus. Sie schreibt die wohl schönste Geschichte des ­Orchesters.

Oberharmersbach
Jelske und Christoph

Seit vielen Jahren verbindet die Oberharmersbacher eine intensive, herzliche Freundschaft mit der niederländischen Harmonie St. Aemiliaan Bleijerheide aus Kerkrade. Früher brachten die Schwarzwälder Musiker viel Improvisationstalent mit, übernachteten direkt bei den holländischen Gastfamilien. Aus dieser musikalischen Völkerverständigung entwickelte sich beim WMC 2009 eine echte Liebesbeziehung zwischen dem Oberharmersbacher Tubisten Christoph und der niederländischen Klarinettistin Jelske.

Heute leben Jelske und Christoph Isenmann im Schwarzwald, spielen fest in der Kapelle und haben mit drei gemeinsamen Kindern bereits für den vereinseigenen Musikernachwuchs gesorgt. Für sie ist der WMC 2026 eine hochemotionale Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. »Es ist etwas ganz Besonderes, mit meinem ›neuen‹ Verein in meiner alten Heimat Kerkrade zu spielen. Dort sind meine Eltern, Freunde und viele alte Bekannte.«

Der Countdown läuft

Wenn der Bus der Miliz- und Trachtenkapelle demnächst in Richtung Niederlande rollt, sitzt die Anspannung mit an Bord. Der Stress der vergangenen Monate war intensiv, die Probenphasen forderten jeden Einzelnen. Doch genau in diesem Spannungsfeld beweist der Verein seine größte Stärke. Es ist die Symbiose aus sportlichem, ­musikalischem Anspruch auf der einen Seite und dem unerschütterlichen, familiären Zusammenhalt eines Schwarzwälder Dorfes auf der anderen Seite.

Michael Mark bringt es auf den Punkt, warum sich der ganze Aufwand lohnt und was das ­Besondere am WMC ist: »Man braucht ein gewisses Niveau, um dort mitmachen zu dürfen. Man trifft Gleichgesinnte aus aller Welt. Es ist wie bei einer WM – dabei sein zu dürfen macht stolz – und dann noch ein gutes Ergebnis…«

Und am Ende geht es in Kerkrade um viel mehr als nur um die perfekte Platzierung auf dem Papier. Es geht darum, das abzurufen, was man gemeinsam erarbeitet hat, und als Gemeinschaft ein Erlebnis zu schaffen, das bleibt – getragen von Kameradschaft, Herzblut und der puren, positiven Sucht nach der Musik.

Miliz- und Trachtenkapelle Oberharmersbach  

Die Miliz- und Trachtenkapelle Oberharmersbach blickt auf eine über 170-jährige Tradition zurück. Das rund 80-köpfige Orchester aus dem Mittleren Schwarzwald verbindet traditionelle Auftritte in heimischer Tracht mit einem hohen Anspruch an sinfonische Blasmusik. Neben regionalen Festen und der Zusammenarbeit mit Profi-Dirigenten prägen internationale Erfolge die Vereinsgeschichte: Die Kapelle nahm bereits sechsmal am World ­Music Contest (WMC) in Kerkrade teil.

musikverein-oberharmersbach.com

Oberharmersbach
Foto: info@fotostube-sarah.de