Der amerikanische „Downbeat“ nennt die Saxofonistin Emma Rawicz „eine Künstlerin mit großer Vision und einer Stimme, die den Geist beflügelt und die Seele berührt“. In Kürze soll ihr neues Album „Cloudwalker“ erscheinen.
Sie habe immer das Gefühl gehabt, ihre Mitstudenten seien weiter als sie und wüssten bereits alles über Jazz. „Ich fürchtete, nicht aufholen zu können, und begann daher acht Stunden am Tag zu üben.“ Während der Coronazeit postete Emma Rawicz ihre täglichen Saxofonübungen auf Instagram. Bald hatte die Studentin Zehntausende von Followern und bekam erste Auftrittsangebote. Daher traute sie sich, mit 19 Jahren ihr Debütalbum zu veröffentlichen („Incantations“) und in England auf Clubtournee zu gehen.
Seitdem wurde die junge britische Saxofonistin mit einer Reihe von namhaften Jazzpreisen ausgezeichnet und ist durch halb Europa getourt. Auf dem deutschen Label ACT Music hat sie bereits drei weitere gefeierte Alben veröffentlicht.
„In wenigen Jahren bin ich von einer normalen Universitätsstudentin zu jemandem geworden, die auf internationalen Bühnen steht, an vier aufeinander folgenden Tagen in vier verschiedenen Ländern auftritt und kaum mehr zu Hause ist.“
Das Gespräch mit Emma Rawicz führte Hans-Jürgen Schaal.
Die »Emma-Rawicz-Legende« besagt: Ihre Karriere begann in der Corona-Zeit auf Instagram. War der Lockdown für Sie ein Glücksfall?
Instagram war für mich einfach ein Mittel, um mit anderen Musikern und Musikerinnen in Kontakt zu bleiben, als wir uns nicht treffen durften zum Musikmachen. Es ging darum, eine Gemeinschaft zu erhalten, nicht eine Karriere zu starten. Ich dachte damals noch gar nicht an eine Karriere. Ich wollte nur mein Spiel verbessern und den Kontakt halten. Der Lockdown gab mir die Chance, viele, viele Stunden am Instrument zu üben. Davon abgesehen hatte der Lockdown nichts Positives für mich.
Wenn die Instagram-Geschichte nicht gewesen wäre: Hätten Sie den Mut gehabt, ein erstes Album und eine erste Tour zu machen?
Ich war immer motiviert voranzukommen. Meine Musik zu veröffentlichen und auf Tournee zu gehen – das waren immer meine Ziele. Daher bin ich sicher, dass ich auch ohne meinen kleinen Instagram-Erfolg einen Weg gefunden hätte, das zu verwirklichen. Den Sprung zum ersten Album und zur ersten Tour verdanke ich vor allem dem Jazzgitarristen Ant Law. Er hat mich ermutigt und mir gute Ratschläge gegeben. Es sind die Menschen, die etwas ermöglichen, nicht die Social-Media-Plattformen.
Als Hauptinstrument haben Sie das Tenorsaxofon gewählt. Gab es dafür wichtige Vorbilder, sagen wir: John Coltrane, Sonny Rollins, Joe Henderson?
Ich habe das Tenor gewählt, weil es sich für mich natürlich anfühlte und weil ich den Sound mochte, nicht bestimmte Aufnahmen. Ich habe das Instrument gehört – und von diesem Augenblick an musste ich es spielen! Als ich später die legendären Jazztenoristen entdeckt habe, hat mich das in meiner Liebe zum Tenorsaxofon nur bestärkt. Alle drei der genannten Pioniere haben mir Möglichkeiten gezeigt, was man mit diesem Sound machen kann. Alle großen Tenoristen inspirieren mich weiterhin, immer besser zu werden.
Ihre Soloalben bewegen sich stark im Jazz-Rock-Fusion-Bereich. Wer oder was inspiriert Sie dabei?
Ich finde, meine Alben sind nicht auf den Jazz-Rock-Fusion-Bereich beschränkt. Und ich denke, das ist nur ein kleiner Teil meiner Musik, aber es gibt sicherlich Einflüsse aus diesem Genre. Ich habe immer eine breite Palette von Musik gehört – und das schlägt sich in meinen Stücken nieder. Was Fusion-Jazz angeht, bin ich natürlich ein großer Michael-Brecker-Fan. Als ich 16 war, war ich verrückt nach seinem Album »Tales From The Hudson«. Ich bin außerdem ein großer Fan von Allan Holdsworth und John McLaughlin.
Sie scheinen auch eine Expertin für alles rund um John Coltrane zu sein. Was bedeutet er Ihnen?
Ich glaube, es gibt viele Menschen, die da größere Experten sind als ich. Aber ich bin in der Tat von Coltranes Leben und Musik fasziniert. Sein Sound und sein Spielkonzept hatten einen großen Einfluss auf mein Spiel und meine Art zu improvisieren. Und ich bin sicher, das wird mein Leben lang so bleiben. Ich bin sehr glücklich, dass ich als Gastsolistin dieses Jahr mit dem Scottish National Jazz Orchestra auf Tour gehen darf – mit einem Programm, das John Coltranes Leben und Wirkung ehren wird.
Ein anderer Teil der »Emma-Rawicz-Legende« besagt: Sie haben eine synästhetische Wahrnehmung. Haben Sie das Gefühl, dass diese Chromästhesie Ihre musikalische Erfahrung bereichert?
Ich glaube fest, dass jeder Mensch die Musik und alle Kunst auf seine eigene, unverwechselbare Art wahrnimmt. Die Beziehung zwischen Klang und Farben ist ein Teil meiner Beschäftigung mit Musik – und sie fühlt sich für mich natürlich an. Möglicherweise macht das die Musikerfahrung intensiver – dann bin ich dankbar dafür. Aber ich glaube, jeder Mensch besitzt so etwas Ähnliches, ob das nun Farben sind oder etwas anderes. Jede Person nimmt Kunst anders wahr – und das ist doch großartig.
Sie haben auch eine eigene Bigband gegründet. Vielleicht auch, um Ihre Musik in einem traditionelleren Jazzkontext auszuprobieren?
Die Entscheidung für eine Bigband hatte nichts mit Tradition an sich zu tun. Ich liebe nur einfach sehr den Bigband-Sound – das war meine erste Liebe als junge Musikerin. Dieser Sound hat einfach so einen großen Reichtum an klanglicher Möglichkeit und Vielfalt. Ich hoffe, ich kann eines Tages eine Aufnahme mit meinem eigenen Jazzorchester machen. Bis dahin genieße ich es, mit den großen deutschen Radio-Bigbands zu arbeiten, etwa beim WDR und HR. Im nächsten Jahr könnte es ein Bigband-Album meiner Musik geben.
Viele Artikel über Sie erwähnen den Tenorsaxofonisten Joe Henderson, einen meiner Jazzhelden. Haben Sie eine besondere Beziehung zu seiner Musik?
Ich bin ein großer Fan von Joe Henderson. Ich komme immer wieder auf ihn als Improvisator und Komponisten zurück. Eine Sache, die ich an ihm besonders mag, ist seine Fähigkeit, mit Klang scheinbar »malen« zu können. Er war ein vollendeter Musiker, egal bei welchen Akkordwechseln oder Tempi. Er war ein echter Meister – ein weiterer Riese, von dem ich noch lange Zeit lernen werde.
Sie hören ganz verschiedene musikalische Genres. Verraten Sie uns ein paar Ihrer momentanen Vorlieben?
Ich habe in der Tat einen ziemlich eklektischen Musikgeschmack. Jetzt gerade erfreue ich mich zum Beispiel an Madison Cunninghams jüngstem Album (»Ace«), an »Minute By Minute« von den Doobie Brothers, an Astrud Gilberto oder Cecile McLorin Salvant.
Sie haben polnische Wurzeln auf der Seite Ihres Vaters. Gibt es noch eine familiäre Verbindung nach Polen?
Mein Großvater wurde dort geboren, kam aber während des Zweiten Weltkriegs nach Großbritannien. Ich selbst bin sehr britisch aufgewachsen. Ich glaube, es gibt auch keine Verwandten mehr in Polen. Aber ich hatte bereits das Vergnügen, dort ein paar Konzerte zu spielen, und hoffe, es werden noch mehr.

Aktuelle Alben
- Inkyra (ACT, 2025): Emma Rawicz (Tenorsaxofon, Sopransaxofon) mit Gareth Lockrane (Flöten), David Preston (Gitarre), Scottie Thompson (Keyboards), Kevin Glasgow (E-Bass), Jamie Murray (Schlagzeug); Aufnahme: Oktober 2024. »Aufregend von Anfang bis Ende« (Jazzviews)
- Big Visit (ACT, 2025): Emma Rawicz (Tenorsaxofon, Sopransaxofon) mit Gwilym Simcock (Piano); Aufnahme: Juli 2024 »Bei ihr fließen die Ideen unmittelbar ins Instrument« (Gwilym Simcock)

