Brass, Orchestra | Von Klaus Härtel

Gerhard Füßl und „Brass meets Voice“

Gerhard Füßl und „Brass meets Voice“
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Fotos: Thomas Stimmel

Was schenkt sich ein begeisterter Musiker selbst zum 50. Geburtstag? Wenn es nach dem Salzburger Mediziner und Hornisten Dr. Alois Mair geht, lautet die Antwort: Blechbläsermusik der Extraklasse. Statt einer großen Party finanzierte er als privater Mäzen gleich zwei monumentale zeitgenössische Kompositionsaufträge für das Salzburger Musikum. Unter der künstlerischen Gesamtleitung von Gerhard Füßl – Posaunendozent am Musikum und Mitglied der Kult-Formation Mnozil Brass – wurden Jakob Gruchmanns spätromantisch inspirierte »Kantate« für Tenor, Blechbläserensemble und Pauken und Matthias Werners modernes Oratorium »Die beste Welt« aus der Taufe gehoben. Das Ergebnis: Brass meets Voice.

Im November 2025 trafen schließlich Spitzenprofis, Lehrende, Ausnahmetalente des Musikums,  der Tenor Sebastian Fuchsberger, das Flachgauer Bläserkonsort und der Kammerchor KlangScala Salzburg im Odeion Salzburg zusammen, um diese energetische Fusion aus Blech und Stimme für die Ewigkeit festzuhalten. Das Ergebnis erscheint nun unter dem Titel »Brass meets Voice« auf CD. BRAWOO-Chefredakteur Klaus Härtel sprach mit Gerhard Füßl über die Herausforderungen dieser raren Besetzung, die schwindende Kulturförderung der öffentlichen Hand und das unersetzbare haptische Erlebnis eines analogen Tonträgers.

Die Initialzündung für dieses ambitionierte Projekt mit zwei großen Kompositionsaufträgen ging vom Salzburger Mediziner und leidenschaftlichen Hornisten Dr. Alois Mair aus. Wie ungewöhnlich ist es in der heutigen Zeit, ein Projekt dieser Größenordnung durch privates Mäzenatentum zu finanzieren?  

Es ist tatsächlich sehr ungewöhnlich. Ich hatte das große Glück, in Alois Mair einen Freund zu haben, der in seiner Jugend selbst am Musikum in Salzburg Horn gelernt hat. Er hat sich zwar beruflich auf die Neurologie fokussiert, ist aber ein unglaublich begeisterter Musiker geblieben. Er hat ein großes Faible für Hornmusik, sakrale Blechbläsermusik und Anton Bruckner. Anlässlich seines 50. Geburtstags meinte er, er wolle sich keine große Feier leisten, sondern lieber Musik »kaufen« – also einen Kompositionsauftrag erteilen. Er beauftragte den Salzburger Komponisten Jakob Gruchmann, der eine Professur in Klagenfurt innehat, ein Werk für ein großes Blechbläserensemble zu schreiben, das ich leiten sollte.  

Die ursprüngliche Vorgabe war ja, dass das Werk – die Kantate für Tenor, Blechbläserensemble und Pauken – auch für ein sehr gutes Amateurensemble machbar sein sollte. Das hat sich dann aber als Herausforderung herausgestellt, oder?  
Füßl
Gerhard Füßl

Richtig. Es stellte sich heraus, dass die Musik von Jakob Gruchmann einen enormen Bedarf an hochgradig ausgebildeten Musikern hat. Da ich am Musikum in Salzburg unterrichte, habe ich sofort an meine Kollegen und an Musiker aus unserem Mozarteum Orchester Salzburg gedacht. Wir haben das Projekt dann in einer Kombination aus Profis und sehr guten Musikschülern beziehungsweise Amateuren realisiert. Wobei man sich fragen muss, was ein »Amateur« überhaupt ist. Nur weil jemand sein Geld in einem anderen Berufsfeld verdient, ist er für mich kein schlechterer Musiker. Bei uns in Österreich verschwimmt diese Grenze zum Glück oft. Aber an den Spitzenpositionen – den ersten Trompeten und dem Solohorn – brauchte es einfach absolute Profis.  

Die Uraufführung fand pandemiebedingt mit einem Jahr Verspätung 2021 statt und war ein Riesenerfolg. Das hat Alois Mair zum »Wiederholungstäter« gemacht. Er wollte ein weiteres Projekt finanzieren und bat mich um eine Idee. Ich schlug vor, das Ganze größer zu denken und ein Chorwerk für Blechbläser und Gesang in Auftrag zu geben – Musik von jungen Menschen für junge Menschen. Daraus entstand schließlich das Werk »Die beste Welt« von Matthias Werner, eine Art konfessionsfreies Oratorium mit Texten des Salzburger Schriftstellers Walter Müller, das wir 2024 uraufgeführt haben.  

Wenn wir beim Thema Mäzenatentum bleiben: Glaubst du, dass private Geldgeber in der Kulturlandschaft der Zukunft eine immer größere Rolle spielen müssen, weil die öffentliche Hand spart?

Du sprichst es genau aus. Ich glaube, wir können uns glücklich schätzen, wenn wir vermehrt Private einladen können, Dinge zu finanzieren, die die öffentliche Hand nach und nach von sich stößt. Wir sehen das auch bei uns in Salzburg: Die Finanzierung von Dingen, die jahrelang selbstverständlich waren, bröckelt. Das Musikschulwesen wird primär vom Land und den Kommunen getragen, aber das Land zieht sich spürbar zurück. Wenn uns vonseiten der Politik quasi geraten wird, uns in die Privatwirtschaft zu begeben und uns Dinge sponsern zu lassen, spricht das Bände. Wir müssen uns also zwangsläufig in diese Richtung orientieren, um Projekte voranzutreiben, die sonst einfach nicht mehr stattfinden würden.  

Birgt das nicht auch die Gefahr, dass Mäzene der künstlerischen Freiheit Grenzen setzen und vorschreiben, was gespielt wird?

Das ist ein Stück weit immanent. Wer das Geld gibt, hat gewisse Wünsche, und das ist in meinen Augen auch sein gutes Recht. In unserem Fall war es eben die Leidenschaft für sakrale Blechbläsermusik. Am Ende ist es immer ein Geben und Nehmen, ein Ausloten und Besprechen. Man findet in den meisten Fällen eine Lösung, von der beide Seiten profitieren. Jeder Milliardär, der Stiftungen gründet, verfolgt damit einen Gedanken, das muss man akzeptieren. Ich hatte das große Glück, dass unser Geldgeber bei uns offene Türen eingerannt ist.  

Die Kombination aus Bläsern und Chor ist ein eher seltenes Genre, vor allem wegen der energetischen Dominanz des Blechs. Wie seid ihr bei den Aufnahmen vorgegangen, damit beide Gruppen gleichwertig nebeneinanderstehen?  

Bei Jakob Gruchmanns Werk, den Psalmengesängen, hat der Komponist kompositorisch schon sehr viel Rücksicht darauf genommen. Die Stücke sind so angelegt, dass es reine Instrumentalpassagen gibt und die Begleitung beim Gesang sehr latent und dezent bleibt. Das hat hervorragend funktioniert.  

Bei Matthias Werners »Die beste Welt« lag die Herausforderung darin, dass wir einen ausgezeichneten, aber eben doch Amateurchor ohne professionell ausgebildete Stimmen hatten. Da mussten wir aufnahmetechnisch mit der Mikrofonierung nachhelfen, um den Chor anzuheben. Das birgt die Herausforderung, dass die Instrumentengruppen, die direkt vor dem Chor sitzen – besonders die Tuba –, in jedes Chormikrofon hineinsprechen. Im Optimalfall nimmst du so etwas räumlich getrennt auf, aber diese Möglichkeit hatten wir nicht. Wir mussten im Studio im Nachhinein etwas mehr Arbeit hineinstecken als erwartet. Aber das Ergebnis ist schlussendlich toll geworden.  

Was war abgesehen von der Technik die größte Herausforderung bei der Produktion?

Ganz klar der Zeitdruck. Wir mussten die Aufnahmen innerhalb weniger Stunden im Kasten haben. Über sechs Stunden am Stück die Konzentration und die nötige Energie aufrechtzuerhalten, ist enorm belastend – besonders für den Chor. Da muss ich unserem Chorleiter Helmut Zeilner ein riesiges Kompliment aussprechen, er hat das mit seiner Kompetenz großartig durchgezogen.  

Die Stimmung unter den Musikern war absolut professionell und fokussiert. Alois Mair hat die gesamte Produktion finanziert – für das Budget hätte man auch ein kleines Auto kaufen können! Dadurch gab es auch keinerlei Diskussionen. Ich musste niemanden überreden mitzumachen. Ich hatte Solobläser und Solopauker aus Spitzenorchestern, dazu meine hochmusikalischen Kollegen vom Musikum. Für dieses Ensemble lege ich meine Hand ins Feuer.  

Du hast betont, wie wichtig es dir ist, diese Produktion als haptische CD in den Händen zu halten. Welchen Stellenwert hat eine CD für dich im heutigen Streaming-Zeitalter?  

Die CD ist für mich der Versuch, einen Kompromiss einzugehen gegenüber einer Situation auf dem Musikmarkt, die für uns Urheber absolut unbefriedigend ist. Wir reden hier ja nicht von den Superstars, die Milliarden Klicks generieren. Wir reden von Komponisten, die durch Spotify-Klicks am Ende des Jahres vielleicht eine Abrechnung von 1,73 Euro bekommen. Das macht mich traurig.  

Zudem hat sich der Musikkonsum extrem gewandelt. Durch die ständige, freie Verfügbarkeit auf Plattformen wie YouTube wird das Hören total oberflächlich. Eine CD hingegen muss man sich besorgen, man nimmt sie in die Hand, macht sie auf und legt sie ein. Das schafft einen völlig anderen, viel bewussteren Zugang zur Musik. Noch besser wäre natürlich eine Vinylplatte gewesen, aber das wäre dann doch zu exklusiv und kostspielig geworden. Mir ist bewusst, dass viele Haushalte gar keinen CD-Player mehr haben. Bei Mnozil Brass hatten wir schon scherzhaft die Idee, bei der nächsten Produktion einfach einen kleinen, tragbaren Player direkt mitzuverkaufen, damit die Leute die CD nicht als Bierdeckel verwenden müssen! Aber im Ernst: Ein analoges Produkt, das man greifen kann – inklusive des Booklets –, hat einfach eine ganz andere Bedeutung. 

Brass meets Voice

Die CD 

Wenn Musik nicht aus dem Konzertbetrieb heraus entsteht, sondern weil jemand sie schlicht ermöglichen will — dann hat das eine andere Qualität. Die CD »Brass meets Voice«, erschienen im dem Label ars vobiscum Edition, vereint zwei solche Werke: Auftragskompositionen, die aus persönlicher Überzeugung in die Welt gebracht wurden und seither ihren Weg in Konzertsäle gefunden haben.

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