Orchestra | Von Klaus Härtel

Gibt es zu viele Zufälle im Musikverein, Herr Kollmann?

Zufall
Kopf oder Zahl? Passiert im Musikverein zu viel zufällig?

“Das, wobei unsere Berechnungen ver­sagen, nennen wir Zufall.” Dieses Zitat wird Albert Einstein zugeschrieben, der als Naturwissenschaftler ohnehin nichts dem Zufall überließ. Zufall in der Musik oder im Musik­verein? Gibt es leider viel zu oft, findet der Dirigent Stefan Kollmann. “Wir sollten uns so vorbereiten, dass zukünftig weniger oder nur noch positive Zufälle passieren.” Wir wollten das genauer wissen und haben nachgefragt. 

Das Lexikon schreibt: “Von Zufall spricht man, wenn für ein einzelnes Ereignis oder das Zusammentreffen mehrerer Ereignisse keine kausale Erklärung gefunden werden kann.” Fällt Ihnen spontan eine Situation ein, die einen solchen Zufall zur Grundlage hatte?

Ja, tatsächlich! Über meinen Bruder hatte ich Kontakte zum Musikverein. Als die Frage aufkam, was ich denn da spielen könnte, war eben zufällig das Tenorhorn frei. Ich wusste bis zu dem Zeitpunkt nicht einmal, dass es so etwas überhaupt gibt. Ich mag das Tenorhorn zwar heute immer noch – gespielt habe ich schließlich Posaune –, aber das war meine erste zufällige Begegnung mit einem Musikverein. 

Aber vermutlich ist es keine Seltenheit, dass ein Kind in einen Musikverein kommt und ein Instrument lernt, das zufällig gerade frei ist, oder? 

Ich möchte das nicht verallgemeinern, aber es gibt sicherlich in manchen Vereinen eine der­artige Vorgehensweise. “Welche Instrumente haben wir denn noch im Schrank? Welche In­stru­mente sind denn zufällig frei? Wir brauchen noch jemanden am Schlagzeug…” In dem Bereich haben wir bisweilen zu viele Zufälle. Ziel sollte sein, dass wir im Musikverein – auch um die Zukunft besser steuern zu können – eine Struktur haben müssen und eben nicht so an diesen Zufall glauben sollten. Schwierig ist es aber auch, wenn ein Kind aus verschiedenen In­stru­menten auswählen soll. Natürlich haben Kinder eine Neigung, wenn zum Beispiel ein Instrument so golden glänzt. Kinder staunen über die große Tuba, mögen das dunkle Holz der Klari­nette. Aber auch das sind letztendlich Zufälle. Den wahren Überblick haben Kinder natürlich noch nicht, das sind hier einfach noch Neigungen. Gerade bei den beliebten Werbenachmittagen fehlen ja oft Oboe oder Fagott – die besonderen Instrumente.

Also müsste man gezielter Werbung machen? Und eben nicht zufällig?

Genau. Vor allem sollte man ganz früh damit beginnen. Es gibt oft tolle Blockflötengruppen. Und da kann man ganze Instrumenten-Familien gründen von der kleinsten Garklein-Flöte bis hin zur Subbass-Blockflöte! Mit dieser Idee kann man die Kinder schon sehr früh informieren, welche Vielfalt von Instrumenten zur Verfügung steht. Blockflöten sind nicht nur hervorragende Einstiegsinstrumente, sondern zeigen auch die ­große Variabilität. Das lässt sich wunderbar auf die Holzbläserfamilie und die Blechbläserfamilie übertragen. 

Zufall

Aber noch einmal: Die Strukturen in den Vereinen sind heute viel besser als zu meiner Jugend­zeit. Und trotzdem hören Kinder in der musikalischen Früherziehung und in den ersten musikalischen Unterrichtsstunden viel zu selten etwas über die sinfonische Bläsermusik. Kinder sollten früh lernen, dass es die Oboe gibt, das Fagott, Klarinettenfamilien, Saxofonfamilien, Kon­tra­bässe. Da gibt es viele Möglichkeiten. Das sind Momente, in denen wir den Zufall selber in die Hand nehmen können und den Kindern eine Auswahl bieten, damit sie eben auch gezielter und nicht zufällig etwas finden.

Mir kommt da wieder einmal der Sport in den Sinn: Kinder, die mit Fußball beginnen, kennen Ronaldo, Messi, Müller, Neuer… Welches Kind aber kennt – wenn es im Musikverein anfängt – beispielsweise den Flötisten Emmanuel Pahud oder den Trompeter Reinhold Friedrich?

Genau das habe ich tatsächlich in meiner eigenen Verwandtschaft mal gefragt. Der Fabian ist gerade sieben Jahre alt geworden und spielt beim Fußballverein im Tor. Natürlich nannte er sofort “Manuel Neuer”, als ich nach einem Torwart fragte. Bei den Hornisten sieht es da schon anders aus… Diese “Fan-Kultur” gibt es einfach nicht. Natürlich ist es schwierig, Sport mit Musik zu vergleichen, die mediale Verbreitung ist schließlich eine ganz andere. Und trotzdem kann man sich da etwas abschauen. Es wird sehr früh hingesehen, welche Kinder etwa eher im Mittelfeld einen Strategen abgeben oder wer besser im Sturm spielt – was sich im Laufe der Jahre natürlich noch mal ändern kann. 

Kommt das in der Musik möglicherweise dann später? Oder zu spät? Denn es gibt ja die Workshops, die Fortbildungen bei professionellen Musikerinnen und Musikern. Als Teenager von Christoph Moschberger zu lernen hat ja auch was.

Das schon, aber ich bin der Meinung, dass wir als Liebhaber dieser Kultur den Kindern schon früh sagen sollten: “Da sitzt jetzt Stefan Dohr oder Sarah Willis am Horn, die hören wir uns mal an.” Und es gibt auch viel zu sehen. Jede Menge sogar! Die Möglichkeiten sind großartig! Martin Grubinger am Schlagzeug darf man ruhig kennen – auch als Kind. Wenn ich einem Kind, das Schlagzeug lernen möchte, einen Clip von Martin Grubinger vorspiele, ist das faszinierend. Ganz sicher. Das sind Dinge, die wir – damit ­meine ich die Vereine – steuern können. 

Natürlich sind nicht alle Vereine über einen Kamm zu scheren. Aber sind manche Ver­eine tatsächlich zufällig strukturiert? Der Vorsitzende kommt ins Amt, weil er nicht schnell genug den Arm unten hatte? Dirigent wird ja auch oft jemand zufällig…

Wir sprechen über eine Idealisierung. Man müsste Strukturen legen und Teams bilden, die sich um diese Dinge kümmern. Einige Vereine haben das ja auch! Die Vergangenheit hat uns aller­dings auch gelehrt, dass da ganz oft Leute in Vorständen mitarbeiten, die sagen: “Ich mach das nur, weil es sonst kein anderer macht.” Das sind dann aber keine optimalen Voraussetzungen. Schon gar nicht, wenn man von einem “Liebhaberverein” spricht. Wir wollen und müssen unser Hobby nach außen hin positiv und qualitätsvoll darstellen und zeigen. Und deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Kräfte mobilisieren, das Team verstärken. Das müssen nicht unbedingt Menschen sein, die aktiv spielen. Das wäre natürlich von Vorteil, aber warum soll man einer Vereinsstruktur nicht aus idealistischen Gründen beitreten? Etwas zu machen, weil es sonst keiner macht, ist keine wirklich moti­vie­rende und positive Voraussetzung. Inaktive Mitglieder, Jugendarbeit, Vorstand – es gibt so viele Felder und noch mehr Möglichkeiten, die manchmal eben dem Zufall überlassen werden. Ich denke, wir nutzen unsere kreativen Möglichkeiten nicht immer aus.

Ich denke, wir nutzen unsere kreativen
Möglichkeiten nicht immer aus.

Aber wie kann man das ändern? Wie kann ich “positive Zufälle” erzwingen? 

Ich stelle fest, dass es in den nachfolgenden ­Generationen immer mehr – ich nenne es mal – “strukturorientierte Nachwuchskräfte” gibt, die im Studium oder im Beruf schon gelernt haben, strukturiert vorzugehen. Aber: Wir reden immer noch vom Hobby. Nicht dass das jemand falsch versteht. Mit Hobby verbindet man eben immer noch Engagement, Leidenschaft, Liebhaberei. Und dennoch sollte es Strukturen geben und man sollte sich die Fragen gefallen lassen: “Welche Fachbereiche können wir überarbeiten? Wo können wir die Strukturen ändern? Wo können wir uns verbessern?” Das fängt bei den Finanzen an und endet längst nicht mit der Frage, wie man etwa von politischen Gremien und Verwaltungen Unterstützung bekommt. 

Wir sprechen vor allem über den Zufall in der Organisationsstruktur eines Musikvereins. Kann der Zufall auch in der musikalischen Arbeit eine Rolle spielen? Muss die Dirigentin oder der Dirigent diesen verhindern?

Das ist das Stichwort: Dirigent. Wenn die Ausbildung gut war und die Dirigentin oder der Dirigent ihren Job ernst nehmen, werden sie sich immer weiterbilden. Ein guter Vorstand könnte das unterstützen, indem er dem Dirigenten einmal im Jahr eine Weiterbildung sponsert. Ein Diri­gent sollte idealerweise versuchen, das musikalische Geschehen gut zu strukturieren. Ein Beispiel: Im Tutti hält das Orchester eine Fer­mate aus und der Dirigent muss mit allen Musikern auf dieser Fermate ein Crescendo organisieren. Dann passiert es leider ganz oft, dass bestimmte Instrumentengruppen – oft sind es die Trompeten, unterstützt vom Schlagzeug – »gewinnen« bei diesem Versuch, ein gemein­sames Crescendo zu gestalten. Jurymitglieder sagen oft, dass leider das Holz schon beim gesunden Mezzo­forte ausgestiegen ist. Dies war einfach nicht mehr zu hören. Auch hier müssen wir darauf achten, dass wir nichts dem Zufall überlassen. Das kann man auch gut steuern bzw. ausbalancieren. In aller Regel sind wir doch gerne bereit, hinzuhören, zuzuhören und eine Balance zu schaffen, sodass auch das angenehme Hören immer möglich ist.

Das hat ja auch nichts mit dem musikalischen Niveau zu tun, oder? Auch ein Mittelstufenorchester kann gezielt musizieren und nicht nur auf Zufall basiert. 

Absolut! Ich liebe das Schlagzeug-Register in all seinen Facetten! Und wenn ich da am Becken stehe und ein Crescendo mitmache, fällt es mir sehr leicht, das Orchester sofort zu übertönen, wenn mich keiner bremst. Und schon hören wir “Schlagzeug wieder zu laut”. Das können wir Diri­gen­ten besser strukturieren, das können wir besser ordnen. Wir müssen den Leuten das motiviert rüberbringen. Wenn wir einen schöneren Klangausgleich hinbekommen, haben wir ein besseres Gesamt-Klangbild und haben letztendlich wiederum beim Publikum mehr Gewinn. Ich meine damit nicht, dass man die Flöte immer raushören muss, aber es geht um das Gesamtbild, die Ausgewogenheit und darum, hier nichts dem Zufall zu überlassen. Der Dirigent muss mit seinen Musikerinnen und Musikern die Dinge wissend organisieren. 

Sie haben es schon erwähnt: Das sind ja ­immer noch Amateurorchester, es ist ein Hobby. Ist es manchmal – etwas spitz formuliert – vielleicht etwas viel verlangt, dass das alles immer perfekt organisiert sein muss?

Wir haben so viele Ideen und Möglichkeiten, uns zu präsentieren! Musikmachen kann und soll Spaß machen. Und um dieses Spaßerlebnis zu haben – ich glaube, das spürt jeder Musiker, der aktiv dabei ist –, brauchen wir einfach einige Voraussetzungen und dann können wir sehr erfolgreich arbeiten, egal wo. Ob im Dorfverein oder auch in der Schule mit einer Mini-Band. Jede Altersgruppe wird merken, “wenn wir das besser hinbekommen”. 

Ich möchte motivieren, dass wir die Infrastruktur, die Organisation, die Vorbereitung nicht dem Zufall überlassen. Knüpft Kontakte! In fast jedem Dorf gibt es eine Kirchenmusik. Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Kirchenmusikern aus? Haben wir da Kontakte? Können wir uns an den vielfältigen und unterschiedlichsten Auftritten beteiligen? Muss eine Fronleichnamsprozession immer zufällig besetzt sein? Können wir uns beim Martinsumzug musikalisch besser präsentieren? Wie können wir uns viel präsenter zeigen? Der Musikverein bietet zum Beispiel an: Keine Hochzeit, keine Kindstaufe, kein Geburtstag ohne ein kleines musikalisches Angebot des Musikvereins. Da kann man nichts dem Zufall überlassen. Es ist ja kein Problem, wenn wir mit zwei, drei oder mehr Musikanten irgendwo hinfahren, um einen runden Geburtstag musikalisch zu umrahmen – besonders auch für Nicht-Mitglieder, quasi als Werbeveranstaltung. 

Ich möchte motivieren, dass wir die Infrastruktur, die Organisation, die Vorbereitung nicht dem Zufall überlassen.

Sind das dann positive Zufälle, die sich dann ergeben? Oder schließen sich gute Organisationsstruktur und Zu­fälle per definitionem aus? 

Es gibt diese positiven Zufälle. Es zieht beispielsweise ein Chefredakteur einer Zeitschrift in den Ort, hat zwei Kinder, die Frau spielt Saxofon, die Kinder Oboe und Fagott. Das kann ja auch ein Zufall sein. Und diese Familie hört dann von den tollen Bestrebungen des Musikvereins.

Alois Schöpf, langjähriger Clarino-Kolumnist, hat einmal geschrieben: “Viele Musikvereine befinden sich in der Mitte eines gerade noch aufgehaltenen Absturzes. Diejenigen, die eine Ausnahme bilden, verfügen in der Regel über ein Team, das zur radikalen Selbstausbeutung bereit ist und über ausreichend Management-Fähigkeiten verfügt.” Das ist natürlich mit spitzer Feder geschrieben. Was sagen Sie dazu?

Ich mag diese spitze Feder von Alois Schöpf. Natürlich ist das etwas übertrieben, aber es kann einen eben doch zum Nachdenken bringen. Und “radikal” ist natürlich ein sehr scharfes Wort. Aber die Liebhaberei soll Spaß machen. Man muss mit interessierten Menschen Teams bilden. Niemand muss zur radikalen Selbstausbeutung bereit sein, aber eine gewisse Extraportion Engagement braucht man vielleicht schon. Vielen Vereinen geht es dahingehend nicht unbedingt gut. Das ist die Angst von vielen Verantwortlichen, mit denen ich Kontakt habe. Vor allem, was nach Corona alles auf uns zukommt. Es kann schon sein, dass nach der Pandemie viele Vereine zu kämpfen haben. Deshalb ist mein Appell an die Vereine, jetzt schon die Möglichkeiten zu ergreifen, sich neu aufzustellen, sich neu zu organisieren – eben nichts dem Zufall zu überlassen. Man kann sich informieren, Profis fragen, engagierte Amateurmusiker und auch die Verbände. Niemand kann behaupten, es gäbe keine Infor­ma­tionen, Möglichkeiten oder Hilfsangebote. Aber ja: Wir müssen was tun, wir dürfen auf keinen Fall abstürzen. Das ist weder für den Verein noch für die Region gut. Das ist die schlechteste Variante. Also packen wir’s an! Versuchen wir, die schwarzen Punkte lebendig zu machen.

Tipps

Stefan Kollmann 

studierte Orchestermusik im Hauptfach Posaune (Nebenfach Gi­tarre) an der Musikhochschule des Saarlandes mit dem Abschluss “Diplom-Orchestermusiker” und Dirigat für Blasorchester am Conservatoire de Muziek in Maastricht bei Sef Pijpers, ergänzt durch Privatstudien bei Alex Schillings. In seiner Tätigkeit als Dirigent verschiedener Orchester erreichte er hervor­ragende Erfolge bei Wettbewerben (unter anderem Deutscher Orchesterwettbewerb, WMC Kerkrade). Kollmann ist Chefdirigent des SJBO Karlsruhe und der Eifelphilharmonie. Dabei verfolgt er stets das Ziel, “die Freude an der Musik mit pädagogischer Fantasie intensiv und nachhaltig zu vermitteln”.

Von 1991 bis 1997 war Stefan Kollmann Bundesdirigent im Bund Saarländischer Musikvereine (BSM) und insbesondere verantwortlich für die Ausbildung der Nachwuchsdirigenten bzw. die Organi­sation und Durchführung von Wertungsspielen. Mittlerweile ist er beratendes Mitglied im Musikbeirat des BSM und als Dozent bzw. Mentor bei den C-Lehrgängen aktiv.