Ein Hauch von Tabakqualm mischt sich in das Aroma von frisch gebrühtem Kaffee, Espresso und Cappuccino. Christof Spörk dreht sich konzentriert und seelenruhig eine Zigarette, während in der Runde gescherzt wird. Es ist der Tag ihres dritten gemeinsamen Auftritts überhaupt nach einer sage und schreibe 13-jährigen Pause. Wer die Bandmitglieder von Global Kryner an diesem Vormittag trifft, spürt sofort eine Atmosphäre, die so entspannt wie herzlich ist. Von nervösem Premierenfieber oder dem verbissenen Druck einer kommerziellen Reunion fehlt hier jede Spur.
Als Global Kryner vor fast 25 Jahren an den Start gingen, stachen sie in ein echtes Wespennest: Pop- und Welthits im traditionellen Oberkrainer-Sound – das war damals eine absolute Revolution und ein Befreiungsschlag gegen die dicken Mauern im Kopf, die Volksmusik von anderen Genres trennten. Es folgten ein riesiger Hype, Chartplatzierungen, der Amadeus Award und die Teilnahme am Eurovision Song Contest. Doch im Jahr 2013 wurde die Tür bewusst zugemacht.
Jetzt sind sie wieder da. Aber wer eine gealterte Boyband erwartet, die noch einmal dem schnellen Geld hinterherjagt, liegt falsch. Das Projekt »2nd Love« ist vielmehr das glückliche Zusammenfinden von gereiften Persönlichkeiten, für die Musik längst kein existenzieller Zwang mehr ist, sondern pure Lebensqualität. Ein Gespräch über das Privileg des »Dürfens«, Fischzucht und die »Lederhosn im Hirn«.
Take That, ABBA Guns N’ Roses – Reunions gibt es öftres. Seht ihr euch in dieser Reihe?
Christof Spörk: Ich sehe es eher als Neugründung. Wir haben natürlich einen Namen, der vielen, die sich mit dieser Musik beschäftigen, bekannt ist. Aber wir versuchen eigentlich kein klassisches Comeback. Deswegen auch der Albumtitel »2nd Love«. Wir haben uns zusammengefunden und spüren uns ganz neu. Wir sind quasi ein Drei-Generationen-Projekt: Da sind die zwei Gründungsmitglieder – der Toni und ich –, dann die zwei, die 2008 eingestiegen sind und sehr lange gespielt haben – Martin und Markus –, und zwei Neue. Klar spielen wir Repertoire von damals und der Stil ist geblieben, aber von der Art, wie wir arbeiten und uns spüren, ist es ein Stück weit eine Neugründung mit alten Wurzeln.
Ihr habt vermutlich im vergangenen Jahrzehnt nicht nichts gemacht. Wie kam 2024 die Idee auf, noch einmal anzufangen?
Christof: Musik war trotzdem immer unser Tagesgeschäft. Wir sind in dieser Zeit einfach weiter gereift. Ich habe mich im Kabarett verwirklicht, Toni ist als Studiomusiker voll ausgelastet, und unser Trompeter Markus ist in allen möglichen Projekten aktiv, weil er extrem flexibel ist.
Martin Temmel: Die Musik ist natürlich nie gestorben in meinem Leben. Aber ich bin jetzt nicht 13 Jahre lang zu Hause im Kämmerchen gesessen und habe auf den Anruf von Christof gewartet. Ich habe über den Tellerrand geblickt und Unternehmen gegründet. Seit fünf Jahren betreibe ich zu Hause eine Fischzucht auf einem wiederbelebten Bauernhof. Das hat zwar gar nichts mit Musik zu tun, verlangt einem aber trotzdem einen ordentlichen Batzen Kreativität ab.
Also sind Global Kryner nicht mehr euer Haupterwerb?
Christof: Das ist der wesentliche Unterschied zu früher. Damals waren wir als Profi-Band unterwegs, das war die klare Nummer Eins für alle. Jetzt haben wir einfach beschlossen: Wir wollen auf einem gewissen Niveau und auf bestimmten Bühnen spielen. Nicht die Quantität steht im Vordergrund, sondern die Qualität. Es ist ein Zubrot, aber trotzdem natürlich hochprofessionell. Jeder von uns hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Damals herrschte oft der Druck: »Du musst spielen!« Im ersten Dreivierteljahr nach unserem Neustart haben wir viel mehr Absagen als Zusagen erteilt, weil wir nur noch das machen, was wirklich zu uns passt.
Warum dann aber diese »zweite Liebe«, wenn ihr alle eure Hauptberufe habt?
Christof: Liebe! Wir lieben, was wir tun! Wir haben jetzt eineinhalb Jahre an dem Projekt gearbeitet, ohne einen einzigen Cent zu verdienen – und es war jede Sekunde wert. Das ist eben der Unterschied zwischen müssen und können oder dürfen. Wir haben diese Sehnsucht, dieses Prickeln wieder verspürt und gemerkt, dass die Liebe nicht verblasst ist. Für mich ist Arbeitszeit gleich Lebenszeit. Ich will nicht Geld verdienen und dann leben, sondern beim Geldverdienen – oder Nicht-Geldverdienen in diesem Fall – schon leben.
Welche alten Fehler von damals macht man denn heute nicht mehr?
Christof: Wir hatten ganz am Anfang das Glück, auf etwas zu stoßen, das völlig explodiert ist. Und dann versucht man, das irgendwie umzusetzen. Im Nachhinein bewundere ich Künstler wie Hubert von Goisern, die einfach konsequent »Nein« sagen können. Das waren die Fehler eines 30-Jährigen, für die ich heute nicht mehr verurteilt werden möchte. (lacht) Damals gab es diesen Hype und dieses Unvermögen, Nein zu sagen. Man hat sich auf Risiken eingelassen, ohne zu wissen, ob es richtig ist. Wenn in einer Band die Fliehkräfte zu groß werden, zerreißt es sie irgendwann. Es war damals die richtige Entscheidung zu sagen: Wir machen die Tür zu, damit eine andere aufgehen kann.
Ihr habt mit eurer Idee voll in ein Wespennest gestochen. Wie ist das damals entstanden?
Christof: Es war anfangs eine reine Spielerei im Kopf, bei der Thomas Gansch und Sebastian Fuchsberger nicht unwesentlich waren. Geprägt hat mich damals auch eine Kuba-Reise. Ich habe dort gesehen, wie die Kubaner musizieren – völlig ohne Schubladenendenken. Da spielt derselbe Saxofonist an einem Tag Salsa an der Hafenmeile und am nächsten Tag Jazz. Bei uns gab es zwischen Volksmusik und anderen Genres eine dicke Mauer. Vor 25 Jahren war es in den Köpfen unvorstellbar, diese Kategorien zu überspringen – erst recht in der Oberkrainer-Musik. Wir waren die Ersten, die das gewagt haben.
Wie viel war Kalkül und wie viel Zufall?
Christof: Es begann als Spiel, das zufälligerweise extrem gut ankam. Bei unserem ersten Konzert haben wir fantastisch schlecht gespielt, aber die Leute waren begeistert. »Kalkül« klingt negativ, aber wir haben dann mit unserem Tontechniker analysiert, was uns zum echten Oberkrainer-Sound fehlt. Er meinte: »Ein gescheiter Akkordeonist.« Daraufhin haben wir Toni angerufen. Es war das Erkennen eines Rohdiamanten, den man in Form bringt.
Wie wichtig ist es, dass es neben dem musikalischen Niveau auch menschlich passt?
Martin: Das ist einer der wichtigsten Punkte überhaupt, weil wir mit unserer Musik Emotionen transportieren. Wenn wir die untereinander nicht spüren und die Kommunikation nicht stimmt, merkt das Publikum das sofort. Der Albumtitel »2nd Love« ist da wirklich Programm. Wir verstehen uns blendend, zwischenmenschlich ist alles extrem in Ordnung. Deswegen ist die gesamte Planung und die Erarbeitung der Show auch so dahingeflutscht, es gab kaum Reibungspunkte.
Ist ein Comeback nicht auch immer ein Risiko? Man weiß ja nie, ob man nach all den Jahren noch ankommt.
Christof: Ich bin nicht naiv. Das was wir machen, ist natürlich nicht mehr brandneu. Aber wir haben immer noch unseren Unique Selling Point – wir waren eben die Ersten. Es gibt mittlerweile andere Bands, die diese Kombinationen ausprobieren, aber ich glaube, in den 13 Jahren unserer Abwesenheit ist niemand so sehr mit dieser Thematik in die Tiefe gegangen wie wir. Es ist wie in der Original-Oberkrainer-Szene: Es gab Tausende Bands, aber was bleibt am Ende über? Das Original, beziehungsweise der Enkel von Slavko Avsenik.
Gibt es eigentlich diese typischen Puristen-Diskussionen noch: Darf man das?
Christof: Ein paar gibt es immer. Ich habe neulich auf Social Media ein Video gepostet, in dem wir mit der Idee spielen, uns wieder auszuziehen – angelehnt an ein altes Fotoshooting. Das war damals das Symbol für »die nackte Oberkrainer-Musik«. Man braucht nicht zwingend das ganze Trachten-Tücherl-Gedöns. Prompt haben sich ein paar User echauffiert, wir seien »keine richtigen Musikanten«. Das ist diese »Lederhosn im Hirn«, bei der jemand Ideologie mit Musik vermischt.
Ihr spielt nicht nur alte Hits, sondern habt auch neues Repertoire im Gepäck. Was erwartet uns?
Christof: Das Programm ist ziemlich halbe-halbe. Wir haben Stücke von unserer neuen Platte bühnentauglich gemacht und mit den alten Liedern kombiniert, die uns und dem Publikum am Herzen liegen. Markus hat im Vorfeld unglaublich viel arrangiert, darauf haben wir in der Band aufgebaut.
Markus Pechmann: Das ist wie im Fußball. Man passt sich die Ideen hin und her, und irgendwer haut den Ball dann ins Tor. Unser Gitarrist Andreas, der aus dem Jazz und der Kleinkunst kommt, ist eine riesige Bereicherung.
Inwiefern?
Christof: Das macht ein riesiges Feld auf! Plötzlich müssen nicht mehr zwangsläufig die Bläser singen – denn wenn wir singen, können wir ja nicht spielen. Jetzt können auch mal nur der Gitarrist und unsere Sängerin Miriam singen, während wir instrumental Gas geben. Das ist ein völlig neues Gefühl. Und Miriam ist menschlich und kreativ ein absoluter Goldgriff. Obwohl sie die Jüngste ist, ist sie quasi die »Mama« der Band im positivsten Sinne. Sie schreibt pop-ähnliche Songs, die wir dann »ver-oberkrainern«. Sie bringt Harmonien ein, auf die ich im Leben nie gekommen wäre.
Im Studio hat man mehrere Versuche, live zählt nur der eine Moment. Wo liegt für euch der größte Unterschied bei der Arbeit?
Martin: Das liegt an der intensiven Probenvorbereitung. Wir haben die Arrangements für das Album so angelegt und eingespielt, dass sie zu 95 Prozent eins zu eins live umsetzbar sind. Es wurde im Studio so gut wie nichts nachträglich »drübergedubbt«.
Christof: Unsere allererste CD damals war ein absoluter Goldgriff, da haben wir intuitiv alles richtig gemacht. Bei der zweiten CD hatten wir dann den Denkfehler, uns wie eine Popband zu verhalten. Das war die Zeit rund um den Song Contest und den Amadeus Award. Wir begannen, wie bei einer klassischen Pop-Produktion mit Klick im Studio zu arbeiten. Das Ergebnis klang zwar gut, aber im Vergleich irgendwie kalt. Für das neue Album haben wir uns ganz bewusst die allererste CD als Referenzpunkt genommen. Wir spielen nur, was wir auch live auf die Bühne bringen können, sonst wird man unrund und das Publikum merkt das.
Habt ihr euch für dieses zweite Kapitel der Bandgeschichte konkret Ziele gesetzt?
Christof: Den Grammy meinst du? (lacht) Wir spielen demnächst im Konzerthaus in Wien, im Konzerthaus von Ljubljana und im KKL in Luzern. Darauf bin ich stolz und das ist eine bewusste Grundsatzentscheidung: Wir konzentrieren uns auf qualitativ hochwertige Kulturkonzerte und lassen dafür das eine oder andere klassische Bierzelt aus. In unserer Anfangsphase liefen wir auf FM4 und Ö3, waren im Jazz-Club und gleichzeitig im Musikantenstadl. Dabei haben wir uns schlichtweg überhoben. Heute sehe ich das Projekt als wunderschöne, lebensbegleitende Maßnahme. Es ist für uns ein reines Genussprodukt geworden.









