Viele Musikerinnen und Musiker beurteilen ihr Üben nach dem Ergebnis. Spiele ich die Stelle besser? Ist das Tempo schneller geworden? Wenn die Antwort „Ja“ lautet, sind wir zufrieden. Wenn die Antwort „Nein“ ist, entsteht schnell der Gedanke: Heute habe ich schlecht geübt. Doch genau das ist nicht immer ein guter Maßstab.
Es gibt Übe-Einheiten, in denen sich äußerlich kaum etwas verändert und trotzdem sind sie entscheidend für den späteren Fortschritt. Denn manche Herausforderungen lassen sich nicht in einer einzigen Übe-Session lösen. Sie brauchen nicht einfach mehr Wiederholungen, sondern etwas anderes: Zeit, um sie wirklich zu verstehen.
Das erinnert mich an Popcorn!
Solange die Maiskörner in der Pfanne liegen, scheint nichts zu passieren. Man könnte meinen, sie verändern sich überhaupt nicht. Doch im Inneren laufen bereits Prozesse ab. Erst irgendwann ploppt das erste Korn auf.
Beim Üben erwarten wir diesen Moment oft viel zu früh. Wir möchten möglichst schnell hören, dass es besser klingt. Bleibt dieser Erfolg aus, ziehen wir häufig einen vorschnellen Schluss: Ich komme nicht weiter.
Dabei gehen wir in vielen anderen Bereichen ganz anders mit Schwierigkeiten um.
Stell dir vor, du probierst zum ersten Mal ein Rezept für süßes Popcorn aus. Doch der Zucker verbrennt. Würdest du deshalb sagen: »Die Zeit in der Küche war verschwendet«? Wahrscheinlich nicht.
Vermutlich würdest du überlegen: War die Temperatur zu hoch? Habe ich den Zucker zu früh hinzugegeben? War es vielleicht zu viel Zucker? Mit jeder dieser Fragen verstehst du das Rezept ein Stück besser. Auch wenn das Popcorn an diesem Tag nicht gelungen ist.
Genau diese Haltung wünsche ich mir auch beim Üben.
Anstatt das Ergebnis sofort zu bewerten, können wir neugierig werden und beginnen zu erforschen, was eigentlich passiert. In der Lernforschung gibt es den Begriff des negativen Wissens. Er beschreibt, dass wir nicht nur lernen, wenn etwas funktioniert. Wir lernen auch, wenn wir verstehen, warum etwas nicht funktioniert.
Vielleicht stellst du fest, dass der Rhythmus an einer schwierigen Stelle noch nicht wirklich klar ist. Oder dass Finger und Zunge noch nicht gut zusammenarbeiten. Vielleicht merkst du auch, dass dein Übetempo gar nicht zu dem passt, was du gerade lernen möchtest. All diese Erkenntnisse sind kein Zeichen dafür, dass du schlecht geübt hast. Sie sind Zeichen dafür, dass du dein Problem besser verstehst.
Und genau dieses Verstehen ist oft die Voraussetzung dafür, später eine gute Lösung zu finden.
Deshalb möchte ich dir eine kleine Übe-Idee mitgeben.
Nimm dir beim nächsten Üben eine Stelle vor, die immer wieder Schwierigkeiten macht. Anstatt sofort zu denken: »Das klappt einfach nicht.«, stelle dir drei Fragen:
- Was genau passiert hier?
- Woran könnte es liegen?
- Was könnte ich als Nächstes ausprobieren?
Vielleicht hast du die Stelle am Ende der Übe-Einheit noch nicht gelöst. Aber vielleicht weißt du jetzt viel genauer, warum sie schwierig ist. Und das ist weit mehr als nur ein kleiner Zwischenschritt.
Wann hast du also gut geübt?
Natürlich dann, wenn etwas sicherer klingt oder leichter gelingt. Aber auch dann, wenn du das Problem besser verstanden hast als zuvor.
Denn sichtbarer Fortschritt beginnt oft lange bevor wir ihn hören können.
Ich wünsche dir frohes Üben!

Melina Paetzold
Ich bin Melina – Musikerin, Musikpädagogin und Wissenschaftlerin. (Foto: Karoline Wolf)
Ich begleite Musikerinnen und Musiker dabei, ihr eigenes Üben besser zu verstehen. Denn ich bin überzeugt: Wer versteht, wie Lernen funktioniert, findet leichter seinen eigenen Weg und erlebt Musik mit mehr Freude, Sicherheit und Gelassenheit.
In dieser Kolumne verbinde ich wissenschaftliche Erkenntnisse mit Erfahrungen aus dem musikalischen Alltag. Dabei geht es nicht um den nächsten Übetrick, sondern um Gedanken und Impulse, die dir helfen, dein Üben nachhaltig zu verändern.
Besser üben. Mehr Musik erleben.

