Brass, News, Orchestra, Wood | Von Klaus Härtel

Generalsekretär Höppner (Deutscher Musikrat): „Bildung und Kultur sind systemrelevant!“

Leere Konzertsäle überall. Der DMR fordert ein Signal für eine verantwortungsvolle Öffnung. Foto: Dragan Trifunovic

Ist die Kultur in Gefahr? In einem offenen Brief appellierte kürzlich der Deutsche Musikrat (im Namen von Präsident Prof. Martin Maria Krüger und Generalsekretär Prof. Christian Höppner) an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder, das Signal für eine verantwortungsvolle Öffnung für die außerschulischen Bildungs- und Kultureinrichtungen zu setzen. Im Anschluss an die Sitzung (die am 6. Mai stattfand) sprachen wir mit Generalsekretär Höppner über Ergebnisse, Aussichten, Sorgen und verhaltenen Optimismus.

Herr Professor Höppner, in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder haben Sie gefordert, auch verantwortungsvolles Musizieren wieder zu ermöglichen. Nun ist die Sitzung vorbei und einige Lockerungen sind angekündigt worden – Ministerpräsident Armin Laschet etwa will Musizieren im Freien in NRW bald wieder ermöglichen. Gibt es noch weitere Botschaften an das Musikleben?

Es gibt nach dieser Konferenz der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten noch keine detaillierten Einlassungen für den gesamten Kulturbereich. Immerhin hat die Kanzlerin angekündigt, dass man hier an einem Konzept arbeitet. Diese Zurückhaltung kann ich für den Musikbereich auch nachvollziehen, weil natürlich die Herausforderungen, die es gibt – bei den Themen Singen, Blasinstrumente, Orchestergraben –, sehr differenziert zu betrachten sind.

Im Bereich der Musikschulen sind auf Länderebene bereits einige Lockerungen vollzogen. Aber insgesamt – und das betrachte ich nach wie vor kritisch – steht die öffentliche Diskussion und das Nachdenken darüber, ob wir verantwortungsvoll öffnen können, nicht im Verhältnis zu anderen Themenbereichen.

Ich sehe eine Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und Montagshandeln.

Prof. Christian Höppner, Generalsekretär Deutscher Musikrat

Insgesamt fällt mir auf, dass in der öffentlichen Diskussion derzeit zum Beispiel das Thema Fußball eine andere Rolle spielt als das Thema Kultur. Da sehe ich eine Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und Montagshandeln. Landauf, landab wird gesagt, dass Kultur systemrelevant und uns in einer basisdemokratischen Gesellschaft in die DNA geschrieben sei.

Deutschland ist immer noch eine der reichsten Kulturnationen der Welt – die Hälfte aller Opernhäuser etwa steht in Deutschland. Wir haben eine reiche kulturelle Infrastruktur. Doch auf die Frage „Wie kommt die Kultur mit den Auswirkungen der Corona-Krise zurecht?“ gibt es im Vergleich zu anderen Themenbereichen bisher nur wenige Antworten.

Woran liegt das? Ist das Selbstbewusstsein der Kulturschaffenden zu klein? Ist die Wertschätzung aufseiten der Politik zu gering? Immerhin haben Sie in Ihrem Brief auch erwähnt, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Kultur erheblich ist. „Sie trägt mit rund 100 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung erheblich zur Wirtschaftsleistung unseres Landes bei – gleich nach der Automobilindustrie und vor der Chemischen Industrie, den Energieversorgern und den Finanzdienstleistern.“ Wäre es denn dahingehend so unpopulär, die Kultur als erstes zu unterstützen?

Nein, im Gegenteil. Wenn die Diskussion über eine Entscheidung genauso ernsthaft geführt wird wie in den anderen Bereichen, wenn für den Kulturbereich genauso gekämpft wird, ist das doch nur zum Nutzen und Ansehen der Politik. Ich glaube eher, dass hier bestimmte Lobby-Gruppen – denken Sie an die Prämiendiskussion in der Automobilindustrie – sehr wirtschaftlich orientiert unterwegs sind.  Der Kulturbereich ist ein großer Wirtschaftsfaktor. Sie haben die Zahl genannt. Dass dieser Bereich in den Diskussionen um die Lockerungen lange Zeit zu wenig bedacht wurde, ist einfach nicht nachvollziehbar. 

Dafür gibt es sicherlich viele Gründe. Das Bild, das Kulturschaffende derzeit abgeben – sie suchen verständlicherweise nach Wegen, wie sie sich im Netz äußern können und tun das sehr zur Freude vieler kostenlos oder auf Spendenbasis –, verzerrt die Lebenswirklichkeit der meisten Künstler. Denn die gehören ja jetzt schon laut Künstlersozialkasse mit einem durchschnittlichen Jahresbruttoeinkommen von 14000 Euro wirklich nicht zu denen, die sich Gratis-Konzerte leisten können. Jetzt rächt sich im Grunde, dass wir über viele Jahre akzeptiert haben, dass es sehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse gibt. Wir sehen die wenigen, die gut verdienen, und sehen eben nicht, dass ein Gros der Kulturschaffenden nicht in diesem Segment arbeitet. 

Der Deutsche Musikrat als Dachverband des Musiklebens beteiligt sich sehr intensiv an der Diskussion. Bereits Anfang März, als die Musikmesse abgesagt wurde, haben wir Hilfen gefordert. Mitte März haben wir das befristete Grundeinkommen gefordert – wobei wir uns nicht in einer ideologischen Debatte am Begriff Grundeinkommen festhalten wollten. 

Uns ging es um die Botschaft, dass wegen des aktuellen Totalausfalls des ohnehin geringen Verdienstes von Musikerinnen und Musikernschnell und unbürokratisch geholfen werden muss. Ich bin ja froh, dass diese Idee dann Kinder bekommen hat. Bayern und Baden-Württemberg haben sie übernommen. Wir haben auch den Wirtschaftsminister gebeten, hier strukturelle Hilfe zu leisten. Das betrifft ja auch etwa das Amateurmusizieren. Wir wissen alle, dass das Ehrenamt nicht nur von ehrenamtlicher Arbeit lebt. Es ist auch auf Einnahmen angewiesen. Und die hat derzeit keiner. 

In dieser Gemengelage wird sich der Deutsche Musikrat mit seinen Mitgliedern vehement für strukturelle Hilfen einsetzen.

Wenn sich die Beschränkungen nun allmählich lockern, dürfen die Strukturen hinterher nicht tot sein. Es ist meine große Sorge, dass manche im Kulturbereich diese Durststrecke nicht überleben werden. Liquiditätshilfen heute dürfen nicht in die Verschuldungsfalle morgen führen. 

Wichtig wäre das politische Signal: Die Kultur ist genauso wichtig, wie andere systemrelevante Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

Die Kanzlerin hat die Entscheidung, was und wie stark gelockert wird, zum Teil an die Länder abgegeben. Was insofern sinnvoll erscheint, als dass nicht überall die gleichen Infektionszahlen bestehen und es „Hotspots“ gibt. Welche Möglichkeiten ergeben sich nun für die Kultur daraus?

Ich finde es sehr gut, dass eine regionale Betrachtung stattfindet. Die Situation in Mecklenburg-Vorpommern ist nun einmal eine andere als in Heinsberg – nur als ein Beispiel. Von Norden nach Süden ergeben sich unterschiedliche Auswirkungen der Corona-Krise und auf diese muss man flexibel reagieren. Ich möchte noch einmal ausdrücklich betonen, dass die Hygienekonzepte und deren Umsetzung oberstes Gebot sind. Doch diesbezüglich gibt es viele Überlegungen: Es gibt zum Beispiel ganz konkrete Vorschläge für die Musikschulen, auch einige Hochschulen haben Ideen eingebracht.

Es gibt Studien, wie das Singen und das Spielen von Blasinstrumenten zu beurteilen ist. Da ist viel im Fluss. Und dieses Engagement vor Ort aus der Erfahrung von Praktikern sollte von der kommunalen und der Landespolitik und natürlich auch von der Bundespolitik betrachtet werden unter dem Gesichtspunkt der strukturellen Hilfen. Wir wollen deutlich machen, dass die viertgrößte Industrienation auch eine Verantwortung gegenüber dem hat, was wir als kulturelles Erbe bezeichnen. Wir müssen diesen Schätzen, die wir kulturell haben, über diese Krise hinweghelfen. 

Würden Sie zusammenfassend sagen, dass man insgesamt – mit den Hilfen, die nun ja scheinbar immer besser beim Künstler ankommen und den zu erwartenden Lockerungen – auf einem guten Weg ist?

Auf jeden Fall. Die Richtung stimmt. Es geht auch ausdrücklich ein Dank an die einzelnen Länder und die Bundesregierung; hier speziell an Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Finanzminister Olaf Scholz, die das 50-Milliarden-Paket vollumfänglich auch für die Kultur geöffnet haben. Auch weitere Nachfolgemaßnahmen sind ja in einem sehr kurzen Zeitraum gekommen. 

Bildung und Kultur sind systemrelevant für unsere Gesellschaft. Wir dürfen hier nicht in eine Unwucht kommen. 

Bildung und Kultur sind systemrelevant für unsere Gesellschaft.. Natürlich brauchen wir eine florierende Wirtschaft, aber wir dürfen nicht den Kompass dafür verlieren, was ebenso wichtig ist für unsere Gesellschaft.

Eine Einschätzung ist vermutlich nicht ganz einfach, aber ich frage trotzdem: Wie groß ist ihre Hoffnung, dass das Kulturleben annähernd so wird, wie vor der Corona-Krise?

Ich glaube, dass das Bedürfnis, sich live zu begegnen, live Kultur zu genießen, exponentiell steigen wird. Wann wir tatsächlich wieder in Opernhäuser gehen, auf Dorffesten feiern können – da wage ich keine Prognose. Ich hoffe sehr darauf, dass uns die Wissenschaft hierfür Lösungen anbieten wird.

Doch ich bin guter Dinge, dass wir bereits jetzt und in den nächsten Wochen und Monaten wieder mehr analoge Begegnungen haben werden. Das betrifft auch den Musikunterricht. Allerdings habe ich auch große Sorgen, was das Singen in Gemeinschaft und was auch unsere reiche Bläserkultur betrifft. Ich bin verhalten optimistisch.