Newsletter, Orchestra | Von Klaus Härtel

Sandro Blank: Zwischen Uraufführung und Wettbewerb

Sandro Blank: Zwischen Uraufführung und Wettbewerb
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Foto: Philipp Renggli

Im Januar die umjubelte Uraufführung von „One Sound to All“ in Sarnen, im Mai das Eidgenössische Musikfest in Biel: Für Sandro Blank und das Symphonische Blasorchester Feldmusik Sarnen markiert das Jahr 2026 eine künstlerische Hochphase. Die Herausforderung besteht darin, ein hochkomplexes Auftragswerk von der konzertanten Premiere direkt auf die größte Wettbewerbsbühne der Schweiz zu führen. Wie transformiert man die Euphorie einer Uraufführung in die notwendige Präzision für die Höchstklasse, und welche Rolle spielt dabei die enge Symbiose zwischen Dirigent, Orchester und dem Komponisten Oliver Waespi? (Vgl. auch das Interview mit Björn Bus)

Die Uraufführung von »One Sound to All« liegt hinter Ihnen. Mit etwas Abstand: Was war Ihr stärkster Eindruck dieses Abends?

Seit neun Jahren arbeite ich nun mit dem Symphonischen Blasorchester »Feldmusik Sarnen«. Ich empfand die vergangenen Konzerte in vielerlei Hinsicht, als die prägendsten in unserer gemeinsamen Zeit. Man kann durchaus von einem Meilenstein sprechen. Die Aufwände, welche das Orchester, der Verein und alle Mitwirkenden betrieben haben, waren in künstlerischer sowie organisatorischer Hinsicht enorm. Daraus entstand ein über alle Massen identitätsstiftendes Projekt, welches in zwei wundervollen Konzerten mündete. Es fühlte sich alles sehr wertvoll und wichtig an. Meine MusikerInnen liebten das neue Werk von Oliver Waespi von Beginn weg heiß und arbeiteten die Wochen und Monate davor hart für den künstlerischen Erfolg. Das Publikumsecho war ebenso begeistert, wie die Freude der MusikerInnen nach den beiden Konzertabenden. Alle wussten, dass dies etwas ganz Besonderes ist und war in der langen, traditionsreichen Geschichte der »Feldmusik Sarnen«.

Eine Uraufführung ist ein künstlerischer Moment für sich. Nun steht mit dem Eidgenössischen Musikfest der Wettbewerb noch bevor: Verändert das Wissen um die Wettbewerbssituation Ihre Herangehensweise an das Werk?

Kaum! Ein Wettbewerb ist für mich ein ebenso künstlerischer Moment, wie ein Konzert. Ich unterscheide hier keinesfalls. Wir freuen uns alle darauf, für »One Sound to All« nun im Mai die größtmögliche Schweizer Bühne zu haben! Gewiss arbeite ich mit meinem Orchester höchst akribisch und stecke, zusammen mit dem Komponisten, quasi immer noch im Arbeitsprozess. Eine umfangreiche Analyse der Januarkonzerte meinerseits, habe ich während einer Arbeitspause im Februar den MusikerInnen bereits zur Verfügung gestellt. So gehen wir nun in die »nächste Runde«.

Welche musikalischen Aspekte rücken Sie in der Vorbereitungsphase für Biel nun besonders in den Fokus?

Mein Orchester beherrscht dieses Werk in allen Belangen sehr gut. Wir sprechen hierbei zweifelsohne von hochkomplexen Abläufen, technischen Höchstschwierigkeiten und einem künstlerischen Anspruch im quasi professionellen Bereich. Zum einen geht es nun, nebst der Arbeit am erst kürzlich erhaltenen Pflichtwerks von Franco Cesarini, an der »Verselbstständigung« all dieser Abläufe. Routine ist hier das Schlagwort. Besonders die formalen Abläufe sind mir persönlich sehr wichtig. Der Umgang mit musikalischer Energie über längere Zeit und die Präzisierung der musikalischen Aussage bis in die kleinteiligsten Ecken des Werks interessieren mich nun. Das Gesamtkunstwerk von Oliver Waespi soll nun immer noch runder und selbstverständlicher daherkommen.

Wird sich die Interpretation bis zum Wettbewerb spürbar weiterentwickeln – oder geht es nun vor allem um Präzisierung und Feinarbeit?

Beides! Ich würde nicht von »Weiterentwicklung«, sondern von »Verselbstständigung« sprechen. Natürlichkeit zu erzeugen in diesen komplexen Strukturen ist eine enorme Aufgabe für ein Orchester. Selbst oft als Juror tätig, bin ich über-zeugt von diesem ganzheitlich spürbaren Ansatz, besonders die musikalischen Formen betreffend. Naturgemäß werden an den allen Ecken und Enden natürlich weiterhin Details ausgefeilt und geübt. Da geht es immer wieder auch um klar fassbare Parameter wie Rhythmus, Intonation oder Zusammenspiel.

Wie unterscheidet sich die Probenarbeit, wenn ein Werk nicht nur konzertant, sondern auch unter Wettbewerbsbedingungen bestehen muss?

Nicht groß aber dann und wann doch entscheidend. Das Niveau der »Höchstklasse« am Eidgenössischen Musikfest ist atemberaubend hoch. Dies entwickelte sich in den letzten 10 Jahren auch noch einmal spürbar. Die Schweiz zählt zu den führenden Ländern der Blasmusik weltweit und innerhalb des Wettbewerbs konkurrieren sich dermaßen viele Toporchester, wie kaum sonst wo. Wenn man den Anspruch hat, sich als eines der führenden Schweizer Blasorchester zu positionieren, ist der musikalische Spielraum sehr klein. Es mag kaum etwas leiden. Die besten Orchester spielen derart nahe an der Perfektion. Zum einen in technischer Hinsicht aber auch in ihrer jeweiligen klanglichen Eigenheit. Jedes Orchester ist für sich ein Hochgenuss.

Unter diesen Aspekten ist es in der Probenarbeit dann und wann sicher hilfreich, den immens hohen Druck auf diese Schultern zu verteilen, welche diesen mentalen Belastungen standhalten können, um gleichzeitig andere Musikerinnen und Musiker zu entlasten, damit diese im Stande bleiben, ihren besten Beitrag zu leisten. Ganz banal gesprochen, dünne ich für Wettbewerbe ein klein wenig mehr aus als sonst. Dies liegt neben den genannten Gründen aber auch an der beschränkten Probezeit und auch an der außergewöhnlich langen Bühnenpräsenz – etwa eine Stunde – während des Wettbewerbs – Stichwort: Kraft. Meine Aufgabe ist es, mein Orchester so zu organisieren, dass es als Ganzes und in allem Belangen die bestmögliche Leistung zeigen kann.

Gibt die erfolgreiche Uraufführung dem Orchester zusätzliche Sicherheit – oder steigt dadurch auch der Erwartungsdruck?

Wenn ein Erwartungsdruck da sein sollte, dann nur gegenüber uns selbst. Natürlich ist es das Ziel meines Orchesters, das Werk noch einmal klarer, runder und sauberer zu spielen in Biel. Die erfolgreiche Uraufführung gibt Ruhe, Sicherheit, Raum und ein sehr gutes Gefühl in der Weiterarbeit. Wenn wir am Schluss nach dem Wettbewerb mit uns zufrieden sein sollten, waren die Konzerte im Januar sicher ein wichtiger Baustein.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Oliver Waespi in dieser Phase? Gibt es nochmals Anpassungen oder interpretatorische Klärungen?

Vorab ist zu sagen, dass die Rolle von Oliver für das Orchester und mich äußerst wert-voll war und ist. Seine Herangehensweise, sein bewusstes Komponieren für unser Ensemble und seine Teilnahme am Prozess ist außergewöhnlich. Ich selbst habe während der Probephase unzählige stundenlange Gespräche mit Oliver geführt. Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit, ein unglaublich feinfühliger Mensch und Musiker und ein Zuhörer, wie ich es selten erlebt habe. Die »Feldmusik Sarnen« und ich fühlen uns sehr privilegiert ob dieser Zusammenarbeit. Der Kontakt lief während der Probephase ausschließlich bilateral zwischen Komponist und Dirigent.

Oliver war nie an einer Probe und hörte sein Werk zum ersten Mal bei der Uraufführung. Er überließ mir in dieser Phase das Feld komplett. Nach der Uraufführung trat er aktiv vors Orchester und wir probten nach der oben angesprochenen Analyse meinerseits und erneuten langen Gesprächen zu zweit mit dem Ensemble. Tatsächlich haben wir kleine Änderungen an Instrumentation und sogar Form angepasst. Es wurde beispielsweise ein Takt komplett gestrichen, da wir beide nicht überzeugt waren von der Struktur. Ich war und bin beeindruckt von Olivers Reflexionen über seine Arbeit. Selbstlos, lösungsorientiert und unglaublich feinfühlig. Ich kann es nur noch einmal wiederholen: Das Projekt »One Sound to All» ist ein Geschenk für alle Beteiligten.

Wettbewerbe gelten oft als Gradmesser für den Entwicklungsstand der sinfonischen Blasmusik. Welche Bedeutung messen Sie dem Eidgenössischen Musikfest in dieser Hinsicht bei?

Ich spiele relativ viele Wettbewerbe mit all meinen Orchestern. Über die Jahre habe ich gelernt, dass ich einen Wettbewerb nie »gegen« jemand anderen spiele. Es ist komplett sinnlos sich Platzierungen oder Punktzahlen vorzunehmen. Es geht dabei einzig und allein um die Herausforderung für einen selbst. Ebenso glaube ich gut zu wissen, was meine Orchester gut können und in welchen Bereichen noch Verbesserungspotential vorliegt. Auch für das brauche ich den Wettbewerb nicht. Ich spiele gerne Wettbewerbe, weil ich vor allem ein neues Publikum für meine Orchester erschließen möchte und mich mit ihnen gerne präsentiere. Nicht zuhause, sondern eben anderswo. Als Juror weiß ich, dass gerade auf dem höchsten Niveau die Unterschiede derart klein sind, dass bei sechs anderen Jurorinnen und Juroren, mit anderen Werken, an einem anderen Tag, eine Rangliste komplett anders aussehen wird.

Die sehr ehrliche und akribische Auseinandersetzung mit meinem Ensemble und der Musik über einen kurzen Zeitraum liebe ich sehr. Ich spüre das Feuer im Orchester und den Willen, sich optimal präsentieren zu können. Nicht für jemand anderen, sondern für einen selbst. Diese Haltung erachte ich keineswegs als »lasch« oder »unambitioniert«. Sie ist in meinen Augen höchst professionell, ehrgeizig und ehrlich. Ich verliere während der Vorbereitung eines Wettbewerbs kein Wort über andere Orchester, Dirigenten oder Werke. Ich beschäftige mich nur mit mir selbst.

Das Werk verbindet regionale Klangtradition mit zeitgenössischer Tonsprache. Ist diese programmatische Dimension im Wettbewerb eher Vorteil oder zusätzliche Herausforderung?

Die Musik unterliegt keinem Programm! Es ist eher eine Art »Konzert für Orchester». Absolute Musik, welcher ein ganz spezielles Klangmaterial unterliegt. Mit regionaler Klangtradition ist nicht Folklore oder Ähnliches gemeint. Oliver Waespi suchte den größtmöglichen, gemeinsamen, musikalischen Nenner einer Gemeinschaft. Er verwendet strukturell vornehmlich die Glockentöne und deren Kombinationen vierer Kirchen rund um den Sarnersee. Klänge, die jedem Menschen, egal ob Musikerin/Musiker oder nicht, bekannt und allgegenwärtig sind. Aus diesem Material baut er ein fulminantes Werk in vier Abschnitten, mit sehr klassischen formellen Mustern. Darüber hinaus ist Oliver ein sehr erfahrener Protagonist der internationalen Blasmusikszene und weiß genau, was ein Werk für einen Wettbewerb braucht. Ich bin davon überzeugt, dass Publikum wie Jury in Biel und darüber hinaus viel Freude an dieser Musik haben wird.

Wenn Sie an den Auftritt in Biel denken: Was wäre für Sie – unabhängig von der Platzierung – ein künstlerischer Erfolg?

Dies ist sehr persönlich. Einzig und allein meine Musikerinnen/Musiker und ich wissen Bescheid um unsere Arbeit und kennen unseren ganz persönlichen Weg. Der Grad an Zufriedenheit misst sich an der der Spiegelung unser aller selbst, bezogen auf diesen Weg, im Wissen um unsere Stärken und Schwächen. Natürlich würde es uns freuen, wenn das Publikum anschließend ebenso begeistert ist von Olivers Musik, wie wir es seit Monaten sind. Ich persönlich hätte große Freude, wenn »One Sound to All« einen festen Platz unter den »Blockbustern« der Bläsermusik bekäme.

Dieses Potenzial hat das Werk allemal. Mit großer Akribie, einer enormen Hingabe und aber auch der nötigen Lockerheit arbeiten wir auf unsere ganz persönlichen Ziele hin. Ich bin enorm stolz auf mein Ensemble und die ganze Organisation des Symphonischen Blasorchesters »Feldmusik Sarnen« für die Leidenschaft, die Ernsthaftigkeit, das überaus große Interesse an der Musik sowie das beispielhafte Miteinander von allen. Voller Stolz freue ich mich, in Biel mit diesem außergewöhnlichen Ensemble auf der Bühne stehen zu dürfen.

Sandro Blank 

schloss seine Studien in Saxofon und Blasorchesterdirektion an den Musikhochschulen Luzern und Basel mit drei Mastertiteln ab. Er ist Preisträger internationaler Kammermusikwettbewerbe sowie Sieger des Schweizer Dirigentenwettbewerbs 2016. Aktuell leitet er die Feldmusik Sarnen, die Stadtmusik Zug und das JBL-Jugendblasorchester Luzern. Seit 2024 ist Blank zudem Dozent für Dirigieren an der Hochschule der Künste Bern (HKB) und engagiert sich in der Musikkommission des Eidgenössischen Blasmusikverbandes.

feldmusik.ch