Newsletter, Orchestra | Von Klaus Härtel

Björn Bus: Zwischen Uraufführung und Wettbewerb

Björn Bus: Zwischen Uraufführung und Wettbewerb
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Björn Bus (Foto: Sabrina Kilian)

Im Frühjahr eine Konzert-Uraufführung in Donaueschingen, im Herbst die Europameisterschaft der Blasorchester (ECWO) – und mittendrin die Jubiläumsausgabe des WMC in Kerkrade: Für Björn Bus und das Landesblasorchester Baden-Württemberg verdichten sich 2026 Formate, die unterschiedliche künstlerische Logiken verlangen – und zugleich höchste Präzision. Wie lassen sich ästhetische Offenheit, strategische Programmplanung und organisatorische Parallelbelastung produktiv verbinden? (Vgl. auch das Interview mit Sandro Blank)

Du bereitest mit dem Landesblasorchester eine Uraufführung in Donaueschingen vor und steuerst gleichzeitig auf die Europameisterschaft der Blasorchester (ECWO) im November zu – zwei sehr unterschiedliche Formate. Wo liegen für dich die größten künstlerischen Spannungsfelder zwischen Konzertpraxis und Wettbewerbsarbeit?

Für mich persönlich ergeben sich daraus keine eigentlichen Spannungsfelder. Ich bereite mit dem Landesblasorchester ein Programm grundsätzlich so vor, wie ich es immer tue: mit dem Anspruch, Kompositionen auf dem höchstmöglichen Niveau zu erarbeiten und eine besondere, unmittelbare Kommunikation zwischen Orchester und Publikum zu ermöglichen. Unabhängig davon, ob es sich um eine Uraufführung im Konzertkontext oder um ein Wettbewerbsprogramm handelt, steht für mich stets die künstlerische Aussage im Mittelpunkt. Natürlich unterscheiden sich die Rahmenbedingungen, doch diese verstehe ich eher als unterschiedliche Perspektiven auf denselben künstlerischen Kern. Letztlich geht es immer darum, Musik lebendig und überzeugend zu vermitteln, unabhängig vom Format.

Planst du das Repertoire für Konzert und Wettbewerb getrennt – oder denkst du in größeren künstlerischen Linien, die beides verbinden? Gibt es ästhetische Leitideen, die sich durch beide Projekte ziehen?

Da wir in einem System mit zwei Arbeitsphasen pro Halbjahr arbeiten, bin ich gezwungen, eine sinnvolle Kombination zu finden. Das bedeutet konkret, dass ich einen Großteil des Wettbewerbsprogramms bereits ein halbes Jahr im Voraus plane und dieses in die zweite Jahreshälfte mitnehme. In dieser Phase konzentrieren wir uns dann ausschließlich und sehr fokussiert auf das Wettbewerbsrepertoire. Für die erste Jahreshälfte suche ich gezielt nach Werken, die entweder einen bewussten Kontrast zum Wettbewerbsprogramm bilden oder dieses künstlerisch ergänzen und erweitern. Dabei geht es mir darum, unterschiedliche Perspektiven zu eröffnen und das Orchester stilistisch wie klanglich möglichst breit aufzustellen.

Ästhetische Leitideen ergeben sich aus diesem Prozess häufig ganz organisch. Sie können entstehen, müssen aber nicht von vornherein, als feste Voraussetzung definiert sein. Entscheidend ist für mich vielmehr, dass das Gesamtprogramm in sich schlüssig wirkt und sowohl künstlerisch als auch in der Entwicklung des Orchesters einen nachhaltigen Mehrwert bietet.

Ein Wettbewerb wie die ECWO bringt klare Bewertungskriterien mit sich. Verändert das deine künstlerischen Entscheidungen im Vergleich zu einer Konzert-Uraufführung, bei der es keine Jury, sondern »nur« das Publikum gibt?

Nein, das spielt für mich keine entscheidende Rolle. Meine künstlerischen Entscheidungen verändern sich dadurch nicht grundlegend. Durch meine Erfahrung als Künstlerischer Leiter des WMC (World Music Contest) in Kerkrade sowie durch meine Tätigkeit als International Juror weiß ich, dass »Bewertungskriterien« in hohem Maße subjektiv sind, und ich bin überzeugt, dass auch Jurymitglieder individuell sehr unterschiedlich mit diesen Kriterien umgehen.

Um ein Beispiel zu nennen: Beim WMC selbst gibt es bewusst keine fest definierten Maßstäbe innerhalb der Programmgestaltung, da diese Kategorien als stark subjektiv betrachtet werden. Die Verantwortung für die Repertoirewahl liegt daher ganz bei den Orchestern und ihren Dirigenten – selbstverständlich im Rahmen der allgemeinen Regularien und unter Berücksichtigung eines vorgegebenen Pflichtwerks.

Grundsätzlich basiert auch das dortige Verständnis von Bewertung auf der Einsicht, dass viele Aspekte musikalischer Darbietung subjektiv sind. Selbst Parameter wie Intonation oder Zusammenspiel können je nach Referenzrahmen der Juroren unterschiedlich beurteilt werden. Der entscheidende Punkt im Wettbewerbsprozess ist daher weniger eine vermeintlich objektive Messbarkeit, sondern vielmehr die gemeinsame Abstimmung innerhalb der Jury, um zu einer nachvollziehbaren Bewertung und letztlich zu einer Rangfolge zu gelangen.

Vor diesem Hintergrund bleibt für mich die künstlerische Freiheit stets der zentrale Ausgangspunkt – unabhängig davon, ob ich für einen Wettbewerb oder für eine Konzert-Uraufführung arbeite.

Arbeitest du in der Probenphase unterschiedlich – etwa stärker analytisch und detailorientiert für den Wettbewerb, freier und experimenteller für die Uraufführung? Oder ist das ein Klischee?

Auch hier ist die Antwort ganz klar: nein. Für mich gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied in der Probenmethodik – weder in der Vorbereitung auf einen Wettbewerb noch auf ein Konzert oder eine Uraufführung. Die Art und Weise, wie wir arbeiten, bleibt gleich: analytisch, detailbewusst und zugleich offen für musikalische Entwicklung und Ausdruck. Der Unterschied liegt vielmehr in der Planung. Da wir uns als Orchester nur vergleichsweise selten sehen, erhöhen wir im Vorfeld eines Wettbewerbs gezielt die Anzahl der Proben – insbesondere in der unmittelbaren Phase vor dem Wettbewerb. Wir treffen uns dann einige Tage früher, um intensiv und konzentriert miteinander arbeiten zu können. Zusätzlich erstellen wir einige Wochen vor dem Wettbewerb selbst eine professionelle Aufnahme unseres Programms – und zwar in einem hervorragenden Saal wie der Tauberphilharmonie Weikersheim. Diese hilft uns enorm dabei, den aktuellen Stand kritisch zu reflektieren und gezielt an Feinheiten, Balance und klanglicher Entwicklung zu arbeiten.

Die Arbeitsweise an sich bleibt also identisch – der Unterschied besteht darin, wie wir die zur Verfügung stehende Zeit strukturieren und nutzen, um die Vorbereitung optimal zu gestalten.

Wie nehmen die Musikerinnen und Musiker diese Doppelaufgabe wahr? Motiviert der Wettbewerb zusätzlich – oder entsteht eher Druck, wenn zwei große Ziele auf der Agenda stehen?

Es mag vielleicht ein wenig elitär klingen, ist aber keineswegs so gemeint: Das Orchester ist es inzwischen gewohnt, unter einem gewissen Erwartungsdruck große musikalische Leistungen zu erbringen. Durch die Programme der letzten Jahre, internationale Reisen – etwa zu den WASBE-Konferenzen in Korea und den USA, bei denen wir anspruchsvolle Programme für ein Fachpublikum präsentiert haben – sowie durch Wettbewerbe wie ECWO und WMC haben wir gelernt, mit solchen Anforderungen souverän umzugehen.

Das bedeutet, dass wir solche Projekte heute ohne negativen Druck angehen können. Das Landesblasorchester Baden-Württemberg ist für mich vielmehr eine große Familie, die ich nun seit elf Jahren mit großer Leidenschaft und Freude leiten darf. In dieser Zeit haben wir ein tiefes gegenseitiges Verständnis entwickelt: Wir wissen, wie wir jeweils das Beste im anderen hervorbringen können. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Druck oder äußere Erwartungen, sondern Emotion, künstlerischer Ausdruck und das gemeinsame Streben nach höchster Qualität.

Neben deiner Tätigkeit als Dirigent bist du auch künstlerischer Leiter des World Music Contest in Kerkrade. Wie organisierst du diese Mehrfachrolle zeitlich und mental, gerade in einem Jahr mit solch markanten Projekten?

Für mich ist das in erster Linie eine Frage der Planung. Mental ist es so, dass ich persönlich am besten funktioniere, wenn ich eine volle Agenda und eine große Vielfalt an Aufgaben habe. Derzeit arbeite ich als Dirigent parallel an fünf umfangreichen Programmen – sowohl mit meinen eigenen Orchestern als auch im Rahmen von Gastdirigaten. Hinzu kommt die Vorbereitung von Jurytätigkeiten bei anderen Wettbewerben sowie die Durchführung von Dirigier-Meisterkursen. Parallel dazu läuft die intensive Vorbereitung des WMC, die natürlich ebenfalls viel Zeit und Aufmerksamkeit erfordert. Das bedeutet, dass ich sehr viele Stunden investiere, aber ich bekomme gleichzeitig enorm viel Energie und Leidenschaft aus diesen unterschiedlichen Tätigkeiten zurück. Deshalb empfinde ich diese Mehrfachbelastung nicht als Druck, sondern vielmehr als gegenseitige Bereicherung: Die verschiedenen Aufgabenfelder inspirieren und verstärken sich gegenseitig.

Wenn du auf die Entwicklung des Orchesters blickst: Ist die Kombination aus Konzert-Uraufführung und Europameisterschaft eher Ausnahmezustand – oder kann das auch ein Modell für die Zukunft sein, um künstlerische Exzellenz und Sichtbarkeit gleichermaßen zu stärken?

Diese Kombination ist für uns eigentlich ein ganz normaler Zustand. Als musikalisches Aushängeschild von Baden-Württemberg scheuen wir keine Herausforderung – im Gegenteil: Solche Konstellationen sind für uns von zentraler Bedeutung, um unsere künstlerische Qualität kontinuierlich weiterzuentwickeln und gleichzeitig unsere Sichtbarkeit zu stärken. Unser Anspruch ist es, einen maßgeblichen Beitrag zur Entwicklung der sinfonischen Blasmusik zu leisten – nicht nur in Baden-Württemberg, sondern in ganz Deutschland und darüber hinaus auch international. Das Landesblasorchester Baden-Württemberg versteht sich dabei bewusst als aktiver Impulsgeber innerhalb der Szene. 

Landesblasorchester

Björn Bus 

absolvierte seine Studien in Dirigieren und Posaune an den Konservatorien in Groningen und Maastricht sowie in Aachen. Er ist Preisträger renommierter Dirigierwettbewerbe, unter anderem beim WMC Kerkrade und der European Brass Band Association. Aktuell ist Bus General Artistic Manager des WMC Kerkrade sowie Chefdirigent des Landesblasorchesters Baden-Württemberg und des Nederlands Douane Orkest. Zudem wirkt er als Vorstandsmitglied der WASBE und ist international als Gastdirigent, Juror und Dozent für Meisterkurse gefragt.

www.landesblasorchester.de