Wenn ich früher das Wort „Lampenfieber“ hörte oder selbst erlebte, zog sich in mir alles zusammen. Das bedeutete für mich Nervosität, schwitzige Hände, zittrige Knie, flauen Magen, schlechte Gedanken und gefühlt hundert Toilettengänge vor einem Auftritt. Kein Zustand, den ich als angenehm oder hilfreich erlebt habe. Von anderen, wie zum Beispiel meinem Lehrer oder auch anderen Musikern, hörte ich aber: „Lampenfieber muss sein, sonst bist du nicht motiviert und fokussiert.“
Heute weiß ich es besser! Heute benutze ich den Begriff »Lampenfieber« kaum noch. Wenn überhaupt, dann eher aus beruflicher Sicht – und selbst dann differenziere ich ihn bewusst. Denn fast täglich höre ich in meiner Arbeit mit Musikerinnen und Musikern Sätze wie: »Lampenfieber (Synonym Nervosität/Aufregung) gehört halt dazu.« »Das muss doch so sein.« »Wenn ich gar nicht nervös bin, bin ich wahrscheinlich nicht fokussiert genug.« Wenn ich dann frage: »Ach ja? Wo steht das? Wer hat das gesagt?«, kommt meist nur Schulterzucken. »Naja … das sagt man halt so.«
Es hat sich seit damals in der Musikerwelt offensichtlich nicht viel an diesem Denken verändert.
Aber stimmt das wirklich? Tut dir dein sogenanntes Lampenfieber gut? Kannst du unter dieser Aktivierung dein Erlerntes abrufen? Oder blockiert es dich? Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus. Manche sagen: »Es gibt mir den nötigen Kick.« Andere sagen: »Es blockiert mich komplett.« Und genau hier beginnt das eigentliche Problem: Für völlig unterschiedliche Zustände benutzen wir umgangssprachlich denselben Begriff – Lampenfieber.
Was ist Lampenfieber eigentlich?
Der Begriff »Lampenfieber« ist kein klar definierter wissenschaftlicher Begriff. In der Forschung spricht man eher von Auftrittsstress, Auftrittsangst oder Music Performance Anxiety. Gemeint ist damit eine Stressreaktion des Nervensystems in einer sozialen Bewertungssituation. Ein musikalischer Auftritt vereint mehrere Faktoren, auf die das Gehirn evolutionär sensibel reagiert:
- Aufmerksamkeit durch andere Menschen
- Mögliche Bewertung
- Angst vor Fehlern
- Soziale Bedeutung der Leistung
- Eigene Ansprüche
Das Gehirn reagiert darauf mit Aktivierung. Die Amygdala bewertet mögliche Bedrohungen, das sympathische Nervensystem erhöht die Bereitschaft zum Handeln. Herzfrequenz, Muskelspannung und Wachsamkeit steigen. Das ist zunächst nichts Krankhaftes, sondern eine normale biologische Reaktion. Entscheidend ist allerdings, wie stark diese Aktivierung wird.
Nicht jede Aktivierung ist schlecht
Genau hier wird es spannend. Ein gewisses Maß an Aktivierung vor einem Auftritt kann sogar hilfreich sein. Aufmerksamkeit steigt, Energie wird mobilisiert, der Fokus wird enger. Bereits 1908 beschrieben Yerkes und Dodson einen Zusammenhang zwischen Aktivierung und Leistung: Mit zunehmender Aktivierung steigt die Leistung zunächst an – bis zu einem optimalen Punkt. Danach kippt der Effekt.
Zu wenig Aktivierung kann zu Müdigkeit, Unterspannung oder fehlender Präsenz führen. Zu viel Aktivierung hingegen beeinträchtigt Feinmotorik, Konzentration und Gedächtnisabruf. Gerade bei Musikerinnen und Musikern ist das relevant. Instrumentales Spiel verlangt hochpräzise motorische Abläufe und stabilen Zugriff auf komplexe Gedächtnisinhalte. Gerät das Nervensystem in einen zu hohen Stresszustand, leidet genau das, was eigentlich abrufbar sein sollte. Studien zeigen, dass akuter Stress den Abruf von Gedächtnisinhalten deutlich beeinträchtigen kann. Das bedeutet: Nicht jede Aktivierung ist problematisch. Problematisch wird sie dann, wenn sie die Handlungskompetenz einschränkt.
Das eigentliche Dilemma
Das Problem beginnt bereits bei der Sprache: Wir benutzen denselben Begriff für völlig unterschiedliche Zustände. Der eine Musiker befindet sich in einem optimalen Aktivierungszustand – wach, präsent, fokussiert – und nennt das »Lampenfieber«. Der nächste befindet sich weit außerhalb seines regulierbaren Bereichs, mit Zittern, Blackouts und Kontrollverlust – und nennt das ebenfalls »Lampenfieber«. Für den einen ist es leistungsförderlich, für den anderen blockierend. Eigentlich bräuchten wir dafür unterschiedliche Begriffe.
Das Fenster der Toleranz
In der Psychologie beschreibt das sogenannte »Fenster der Toleranz« den Bereich, in dem unser Nervensystem gut reguliert arbeiten kann. Innerhalb dieses Fensters sind Konzentration, flexible Aufmerksamkeit, emotionale Stabilität und präzises Handeln möglich. Verlässt das Nervensystem diesen Bereich, entstehen Dysregulationszustände.
Bei zu hoher Aktivierung spricht man von Hyperarousal:
- Zittern
- Innere Unruhe
- Gedächtnislücken
- Kontrollverlust
- Panik
- Verkrampfung
- Hohe Atmung
Bei zu niedriger Aktivierung von Hypoarousal:
- Leere
- Abwesenheit
- Emotionale Taubheit
- Energielosigkeit
- „Wegtreten“
Beides kann die Leistungsfähigkeit massiv beeinträchtigen. Darin liegt jedoch ein entscheidender Denkfehler: Wir nennen all diese Zustände pauschal »Lampenfieber«, obwohl neurobiologisch völlig unterschiedliche Prozesse dahinterstehen.
Warum ist das kritisch?
Die Aussage »Lampenfieber gehört dazu« klingt zunächst harmlos, kann aber problematisch werden. Denn Musikerinnen und Musiker, die unter massivem Auftrittsstress leiden, interpretieren ihren Zustand dadurch oft als normal oder unvermeidbar. Gleichzeitig entsteht zusätzlicher Druck: Wer keine starke Nervosität spürt, fragt sich plötzlich, ob er überhaupt »richtig« fokussiert oder engagiert genug ist. Damit wird etwas problematisch verklärt, das unter Umständen bereits außerhalb eines gesunden Regulationsbereiches liegt.
Es ist daher wünschenswert, dass auch bekannte Künstlerinnen und Künstler in der Öffentlichkeit differenzierter über dieses Thema sprechen. Denn viele junge Musiker orientieren sich stark an solchen Aussagen. Wenn vermittelt wird, dass starkes Lampenfieber »dazugehört«, entsteht leicht der Eindruck, dass mit einem etwas nicht stimmt, wenn sich dieser Zustand vor allem belastend anfühlt.
Braucht also jeder Musiker Lampenfieber?
Nein. Was Musiker brauchen, ist ein regulierbares Aktivierungsniveau. Ein Zustand, in dem Aufmerksamkeit, Energie und Fokus vorhanden sind – ohne dass das Nervensystem in einen blockierenden Stressmodus kippt. Menschen reagieren unterschiedlich. Das ist kein Zeichen von Professionalität oder mangelnder Leidenschaft, sondern Neurobiologie.
Vielleicht sollten wir anfangen, genauer zu sprechen. Es wäre sinnvoll, nicht mehr pauschal von »Lampenfieber« zu sprechen, sondern zu unterscheiden zwischen:
- Förderlicher Aktivierung
- Auftrittsenergie
- Fokussierter Präsenz
- Blockierendem Auftrittsstress
- Überaktivierung des Nervensystems
In meiner Arbeit geht es deshalb nicht darum, Lampenfieber »wegzumachen« oder nur zu »akzeptieren«. Es geht darum, die eigene Aktivierung wahrnehmen und regulieren zu lernen, damit man in ein optimales Arousal (Aktivierungszustand) kommt und handlungsfähig bleibt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: »Habe ich Lampenfieber?«, sondern: »Hilft mir dieser Zustand gerade – oder blockiert er mich?«
Gleichzeitig greift es zu kurz, jede Form von Nervosität grundsätzlich als »schlecht« zu bewerten. Manchmal kann eine unangenehme Aktivierung eine wichtige Information enthalten – zum Beispiel als Rückmeldung des Körpers bei mangelnder Vorbereitung oder wenn das eigene Nervensystem noch keine ausreichende Sicherheit für die Situation entwickelt hat. Aufregung kann dann auch eine Art Warnsignal oder eine Rückmeldung des Körpers sein.
Entscheidend ist nicht, ob Aktivierung vorhanden ist, sondern wie regulierbar sie bleibt.
Die gute Nachricht ist: Emotionsregulation und Ressourcenarbeit sind trainierbar. Und eben dadurch auch das »optimale Aktivierungsniveau« – oder besser gesagt: ein unterstützendes Lampenfieber.

Mona Köppen
In ihrer Akademie bildet Mona Köppen schwerpunktmäßig und spezialisiert Musiklehrer zum »emotional.up-Emotionstrainer für Musiker« aus. Im 1:1 Training bereitet sie Musikstudentinnen und -studenten emotional-mental auf Probespiele, Prüfungen und Auftritte vor und arbeitet mit ihnen an einer authentischen Wirkung beim Auftritt. Ihre Erfahrung als Metallblasinstrumentenmacherin und Musikerin runden ihr Spektrum für ein tiefes Verständnis über die Bedürfnisse der Musikerinnen und Musiker ab. Sie ist Therapeutin für Psychotherapie und Lehrbeauftragte für Mentaltraining an der Staatlichen Musikhochschule Mannheim.


