Jan Van der Roost zählt zweifelsohne zu den bekanntesten Gesichtern der Blasmusikszene. Ob als Komponist, Dirigent oder Dozent – der sympathische Belgier hat Generationen von Musikern geprägt. Auch mit 70 Jahren denkt er noch lange nicht ans Aufhören. Brawoo hat den Großmeister in seiner Heimat im belgischen Kontich bei Antwerpen besucht.
Jan Van der Roost, am ersten März sind Sie 70 Jahre alt geworden. Wie fühlt sich das an?
Sehr gut. Gestern war gestern, heute ist heute. Eigentlich hat sich nichts verändert, gleichwohl ist es psychologisch ein neuer Abschnitt. Natürlich klingt 70 anders als 60, aber ich fühle mich ausgesprochen wohl.
Sie sind gelernter Posaunist. Spielen Sie noch?
(Lacht) Nein, seit rund 35 Jahren nicht mehr. Mit vier Kindern, immer mehr beruflichen Verpflichtungen und den vielen Reisen blieb dafür irgendwann keine Zeit mehr. Ich hatte ein wunderbares Abschlusskonzert mit den Requiems von Mozart und Salieri. Danach habe ich die Posaune an den Nagel gehängt und seitdem keinen Ton mehr gespielt.
In den 1980er Jahren nahm Ihre Karriere als Komponist, Dirigent und Dozent Fahrt auf. Wie hat alles angefangen?
Mein Weg war eher ungewöhnlich. Ich war sportlich sehr aktiv und habe als Amateur viel musiziert, unter anderem in zwei Blasorchestern, in einem Symphonieorchester, in einer Big Band und in einem Kirchenchor. Ich habe keine Musikschule besucht oder Unterricht erhalten. Mit 18 Jahren begann ich mein Musikstudium am Lemmensinstitut (Anmerkung der Redaktion: Musikhochschule in Leuven, heute LUCA School of Arts), danach habe ich an den Musikkonservatorien von Antwerpen und Gent studiert. Insgesamt waren das zehn oder elf Jahre. Seitdem kombiniere ich das Komponieren und Dirigieren. Zum Dirigieren kam ich, weil ich eingeladen wurde, meine eigenen Werke zu leiten. Das ist bis heute so und im Laufe der Jahre ist das Unterrichten hinzugekommen.
Wie wichtig ist Ihnen diese Verbindung?
Sehr wichtig. Komponieren ist eine intensive und introvertierte Tätigkeit. Dirigieren ist das genaue Gegenteil. Ich bin ein sozialer, offener und kommunikativer Mensch, bin gerne unterwegs und bin überhaupt kein Einzelgänger. Ich brauche diesen menschlichen Kontakt. Das Komponieren hilft mir beim Analysieren von Partituren anderer Komponisten, das Dirigieren beeinflusst wiederum meine Kompositionen. Diese Wechselwirkung finde ich unglaublich bereichernd.
Sie haben mit Ihren Werken Generationen von Blasmusikern geprägt. Für viele Musiker in den 1980er Jahren waren »Rikudim« oder »Puszta« Entdeckungen.
De Haske war damals ein junger Musikverlag und veröffentlichte 1984 meinen »Ceremonial March«. Danach folgten »Rikudim«, »Puszta«, »Flashing Winds« und »Spartacus«. Das waren meine ersten Blasmusikstücke. Für mich war das eine neue Welt. Bis dahin hatte ich Werke zum Beispiel für Posaune, Klavier, Flöte, Chor oder Kammermusik komponiert. Ich habe damals den Weg zur Blasmusik zurückgefunden und habe ihn seitdem nicht mehr verlassen. Es kamen Einladungen als Dirigent und Juror, ich lernte Jan de Haan vom Musikverlag De Haske kennen und blieb der Blasmusik fortan eng verbunden.
Sie werden vor allem mit der Blasmusik in Verbindung gebracht. Gleichzeitig haben Sie Chorwerke, Opern oder Kammermusik geschrieben. Ist Ihnen diese Vielfalt, diese Bandbreite wichtig?
Absolut. Elektronische Musik und Jazzmusik, die ich sehr schätze, habe ich nicht geschrieben. Neben der Blasmusik entstanden Oratorien, Kantaten, Chorwerke, Solokonzerte und viel Kammermusik. Etwa die Hälfte meiner Werke richtet sich an Amateurmusiker, die andere Hälfte an Profis. Diese Vielfalt finde ich sehr bereichernd und notwendig. Als ich mein Kompositionsdiplom in Antwerpen erhielt, sagte der Professor, ich müsse mich für eine Richtung entscheiden, sonst würde ich nichts erreichen. Das habe ich nicht so gesehen. Ich bin froh, meinen eigenen Weg gegangen zu sein.
Haben Amateur- und Profimusik für Sie denselben Stellenwert?
Ja, aber es ist eine andere Welt. Wenn man für Profis schreibt, hat man andere Möglichkeiten. Gleichzeitig ist die Bandbreite bei den Amateuren enorm. Sie reicht von Einsteigern bis hin zu Ensembles auf höchstem Niveau.
Wie viele Werke haben Sie komponiert?
Zwischen 300 und 400. Ganz genau weiß ich es nicht (lacht). Das ist eine meiner Schwächen. Auf musikalischer Ebene bin ich gut organisiert und strukturiert, aber meine Webseite ist eine Katastrophe und auf Social Media bin ich gar nicht präsent. Ich sage mir immer: Das machst du später, wenn du pensioniert bist. Inzwischen bin ich seit fünf Jahren offiziell im Ruhestand und die Webseite ist immer noch eine Katastrophe (lacht).
Gibt es ein Werk, das Ihre Karriere besonders geprägt hat?
»Arsenal« ist vielleicht nicht mein bestes Stück, aber jeder kennt es und es wird unglaublich viel gespielt. Ein Kulturradio in den Niederlanden interviewte mich zu einer Kammermusik-CD. Als Zugabe lief Arsenal. Der Moderator, selbst Cellist, meinte nur: » ›Arsenal‹ kennt doch jeder.« Damals hat das mich überrascht, aber heute scheint es noch immer so zu sein. Manche Werke entwickeln irgendwann ein Eigenleben.
Und welches Werk halten Sie selbst für Ihr gelungenstes?
Meine großen Werke. Das Schreiben nimmt unglaublich viel Zeit in Anspruch. An diesen Stücken arbeitet man mitunter fünf, sechs oder sieben Monate, aber das ist keine Erfolgsgarantie. Mit anderen Stücken geht es ganz schnell und sie werden ein großer Erfolg. »Rikudim« habe ich an einem Nachmittag komponiert und es ist ein Riesenerfolg geworden. Bei »Puszta« war es ähnlich. Diese Stücke gehören heute zu meinen bekanntesten Kompositionen.
Ist das frustrierend?
Nein. Das war bei großen Komponisten nicht anders. Viele Menschen kennen von Mozart vor allem die »Kleine Nachtmusik« oder von Vivaldi die »Vier Jahreszeiten«, obwohl ihr Repertoire bedeutend umfangreicher ist.
Welche Rolle spielen die Auftragskompositionen?
Ich habe Auftragskompositionen für die nächsten vier Jahre. Die Nachfrage ist weiterhin groß. Ich versuche sehr strukturiert zu arbeiten, auch wenn das nicht immer gelingt. Und ich bin kein Vivaldi, Telemann oder Haydn. Ich brauche etwas Zeit, aber wenn es läuft, geht es meistens ziemlich gut. Ich arbeite meist parallel an zwei, drei Werken. Wenn ich bei einem Werk nicht weiterkomme, widme ich mich dem nächsten. Planung ist wichtig, aber das Komponieren lässt sich nicht erzwingen. Wenn es nicht läuft, muss man eine Pause machen. Ich hoffe, dass mir diese Inspiration noch lange erhalten bleibt. Mehr Erfahrung bedeutet übrigens nicht automatisch, dass man besser schreibt. Vielleicht sind die ersten Werke die kreativsten, vielleicht auch nicht. Das ist schwer zu sagen.
Was empfinden Sie, wenn Sie Ihre eigenen Stücke dirigieren?
Ich habe mich daran gewöhnt und es bereitet mir große Freude. Ich arbeite in den allermeisten Fällen mit guten Ensembles zusammen. Genauso gerne dirigiere ich Stücke von anderen Komponisten, von klassisch bis zeitgenössisch. Es ist eine Herausforderung für mich, wenn ich neue Partituren analysieren muss. »Arsenal« habe ich bestimmt schon 500 Mal dirigiert (lacht) und wenn ich die Freude in den Gesichtern der Musiker sehe, dann bin ich auch sehr zufrieden.
Ihr 70. Geburtstag wird mit zahlreichen Konzerten gefeiert, oder?
Ja, über das Jahr verteilt gab und gibt es mehrere »Geburtstagskonzerte«, deutlich mehr, als ich erwartet hatte. Am 1. März fand im ausverkauften Concertgebouw in Brügge ein fantastisches Konzert des Houtlands Harmonieorkest mit meinen Werken statt. Im japanischen Osaka habe ich ein Konzert mit einem reinen Van-der-Roost-Programm dirigiert. Und am 26. Juni fand im Lemmensinstitut in Leuven, wo ich studiert habe und 35 Jahre Dozent war, ein Konzert mit der belgischen Militärkapelle Guides-Gidsen statt.
Weitere Veranstaltungen sind unter anderem in Belgien, Deutschland, Luxemburg und Japan vorgesehen. Darüber hinaus habe ich im Auftrag des niederländischen Phion-Orchesters ein Stück für drei Posaunen geschrieben, das im September aufgezeichnet und viermal aufgeführt wird. Zu spüren, dass meine Musik sowohl von Amateur- als auch von Profimusikern geschätzt wird, bedeutet mir sehr viel. Zudem bin ich stolz, dass weltweit fast 50 Profi-Ensembles, darunter viele Militärkapellen, meine Musik gespielt beziehungsweise aufgezeichnet haben. Für einen Komponisten aus der Blasmusikwelt ist das eine besondere Anerkennung.
Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesteckt?
So lange ich gesund und mental fit bin, werde ich weitermachen. Aber es kann immer etwas dazwischen kommen, das kann man nicht vorhersehen. Ich habe Auftragskompositionen bis 2030. Eigentlich wollte ich etwas kürzertreten, aber ich konnte nicht Nein sagen. Vielleicht werde ich auch – wie andere Komponisten – ein unvollendetes Stück haben. Ich bin sehr gesund und hoffe, dass es noch lange so weiter geht.
Welche Rolle spielt die Musik für die Familie Van der Roost?
Ich habe vier Kinder und neun Enkelkinder. Bei uns machen fast alle Musik. Meine Frau Bernadette ist Musikpädagogin, meine Tochter Leen ist Harfenistin und mein Sohn Bart hat Posaune studiert und ist jetzt im Musikmanagement tätig (Anmerkung der Redaktion: Bart Van der Roost ist Direktor des WMC in Kerkrade). Meine beiden anderen Kinder Els und Tom musizieren ebenfalls leidenschaftlich, obwohl sie beruflich andere Wege eingeschlagen haben. Und fast alle Enkelkinder machen Musik. Bei uns spielt Musik eine wichtige Rolle, wie könnte es auch anders sein (lacht).
Fußball war also keine Option im Haus Van der Roost?
Doch, durchaus. Eines meiner Enkelkinder spielt begeistert Fußball und macht gleichzeitig Musik. Und ich selbst habe viel Sport getrieben und war Torwart. Ich war Fan von Standard Lüttich und den Torhüterlegenden Nicolay, Piot und Preud´homme. Auch jetzt schaue mir noch gerne ein gutes Fußballspiel an.

Jan Van der Roost
Jan Van der Roost wurde 1956 in Duffel, Belgien geboren. Er studierte Posaune, Musikgeschichte und Musiklehre am Lemmens-Institut in Leuven (Louvain) und setzte seine Studien am Royal Conservatoires von Gent fort, wo er eine Ausbildung zum Dirigenten und Komponisten absolvierte. Seine Werksliste weist eine große Bandbreite an Genres und Stilarten auf.



