Orchestra | Von Redaktion

Jugendliche im Verein: Verantwortung übertragen, aber richtig!

Jugendliche im Verein: Verantwortung übertragen, aber richtig!
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Foto: Albrecht Fietz from Pixabay

»Die Jugend von heute will sich nicht mehr binden.«; »Die haben doch gar keine Lust auf Verantwortung.«; »Früher war das anders.« Solche Sätze hört man nicht selten in Vorstands- oder Ausschusssitzungen. Die sogenannte Generation Z gilt vielerorts als bequem, unverbindlich, dauerabgelenkt vom Smartphone und wenig interessiert am Ehrenamt. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Dieses Bild greift zu kurz. 

Meine Erfahrung in Musikvereinen, Jugendensembles und Workshops zeichnet ein anderes Bild. Jugendliche lechzen nach Verantwortung. Sie wollen gestalten, entscheiden, wirken. Aber sie merken sehr schnell, ob es ernst gemeint ist.

Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der sie permanent bewertet werden – in der Schule, in sozialen Medien, im Vergleich mit anderen. Gleichzeitig wird ihnen häufig unterstellt, sie seien nicht belastbar oder nicht zuverlässig genug für echte Aufgaben. Wer jedoch von vornherein davon ausgeht, dass junge Menschen keine Verantwortung übernehmen wollen, wird ihnen kaum welche zutrauen. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem: Statt echter Verantwortung gibt es symbolische Beteiligung. 

Die Weichen stellt am Ende doch der alt eingesessene Vorstand…

Man darf Ideen äußern, vielleicht ein Projekt »mitbetreuen«, doch die entscheidenden Weichen stellt am Ende doch der alt eingesessene Vorstand. Für Jugendliche ist das schnell durchschaubar. Nichts frustriert mehr als das Gefühl, beteiligt zu sein – aber nicht wirklich mitentscheiden zu dürfen.

Psychologisch betrachtet ist das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit eines der stärksten Motive junger Menschen. Wer erlebt, dass das eigene Handeln Konsequenzen hat, dass eine Idee umgesetzt wird, dass eine Entscheidung Wirkung zeigt, entwickelt Motivation und Bindung. Vereine können genau solche Erfahrungsräume bieten – wenn sie den Mut haben, Verantwortung wirklich zu übertragen. Das bedeutet: Aufgaben müssen real sein. Entscheidungen müssen spürbare Folgen haben. Und Vertrauen muss ausdrücklich ausgesprochen werden.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Jugendteam erhält den Auftrag, ein Sommerkonzert eigenständig zu organisieren. Termin und Budgetrahmen stehen fest – alles Weitere liegt in ihrer Hand. Programmidee, Moderation, Social-Media-Auftritt, Gestaltung des Abends. Der Vorstand begleitet, steht beratend zur Seite, greift jedoch nicht permanent korrigierend ein. Was passiert? Die Jugendlichen wachsen über sich hinaus. Nicht, weil alles perfekt läuft, sondern weil man ihnen zutraut, es zu können. Sie erleben, dass ihr Engagement zählt. Genau hier entsteht Bindung.

Verantwortung übertragen heißt nicht, Jugendliche ins kalte Wasser zu werfen

Wichtig ist dabei: Verantwortung übertragen heißt nicht, Jugendliche ins kalte Wasser zu werfen. Es braucht Struktur und Begleitung. Klare Zuständigkeiten helfen, Unsicherheiten zu vermeiden. »Ihr kümmert euch mal um Social Media« bleibt zu vage. Konkreter ist es zu sagen: »Du bist verantwortlich für die Instagram-Kommunikation unseres Frühjahrskonzerts – vom ersten Teaser bis zum Konzertabend.« Ebenso wichtig ist eine begleitende Haltung statt Kontrolle. Ein regelmäßiges Gespräch, die Frage nach Unterstützungsbedarf oder Entscheidungsspielräumen, signalisiert Interesse und Respekt. Und schließlich gehört auch das Aushalten von Fehlern dazu. Nicht jeder Beitrag wird perfekt sein. Nicht jede Moderation sitzt auf Anhieb. Doch gerade im Umgang mit Fehlern entsteht Lernkultur. Wer Jugendlichen Verantwortung überträgt, muss akzeptieren, dass Entwicklung Zeit braucht.

Besonders problematisch wird es, wenn Beteiligung nur auf dem Papier stattfindet. Jugendsprecherposten oder Jugendausschüsse sind wertvolle Instrumente – sofern sie mit echten Befugnissen ausgestattet sind. Wenn jedoch am Ende doch ausschließlich der Vorstand entscheidet, entsteht schnell Zynismus. Jugendliche ziehen sich zurück, nicht aus Desinteresse, sondern aus Enttäuschung. Eine einfache, aber ehrliche Leitfrage für Vorstände könnte lauten: Welche Entscheidungen sind wir wirklich bereit abzugeben? Und wo behalten wir bewusst die Verantwortung? Transparenz schafft Vertrauen – auch wenn nicht jede Entscheidung delegiert werden kann.

Verantwortung ist mehr als eine Aufgabe. Sie ist ein Beziehungsangebot. Wenn ein Vorsitzender einer 16-Jährigen sagt: »Ich traue dir das zu«, dann ist das mehr als Organisationsarbeit. Es ist Anerkennung. Es ist Respekt. Es ist ein Signal auf Augenhöhe. Gerade in einer Zeit, in der viele Lebensbereiche stark reglementiert oder digitalisiert sind, brauchen Jugendliche reale Räume, in denen sie Bedeutung erfahren. Vereine können solche Räume sein – wenn sie junge Menschen nicht nur als Nachwuchs, sondern als Mitgestalter begreifen.

Zukünftige Führungskräfte, engagierte Multiplikatoren

Wer diesen Schritt wagt, gewinnt mehr als Unterstützung bei einzelnen Projekten. Er gewinnt zukünftige Führungskräfte, engagierte Multiplikatoren und eine langfristige emotionale Bindung. Jugendliche, die früh erleben, dass sie gestalten dürfen, bleiben häufig auch später dem Verein verbunden – vielleicht in neuer Rolle, aber mit gewachsener Identifikation. Vereine sind Lernorte für Demokratie, Organisation und Teamarbeit. Doch dieses Potenzial entfaltet sich nur, wenn junge Menschen nicht Zuschauer bleiben, sondern Akteure werden.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Jugendliche Verantwortung übernehmen wollen. Sondern ob wir bereit sind, sie wirklich abzugeben. Wer den Mut hat loszulassen, wird überrascht sein, wie viel Energie, Kreativität und Verlässlichkeit in jungen Menschen steckt. Verantwortung ist kein Risiko für Vereine – sie ist ihre größte Zukunftschance.

Jan Epp z

Epp

Jan Epp 

ist Trompeter, Dirigent und Musikpädagoge. Als Leiter der Musikschule Haßloch und Coach für Musikvereine begleitet er Orchester, Ensembles und Vereinsvorstände dabei, neue Impulse für Probenarbeit, Nachwuchsgewinnung und Organisationsentwicklung zu setzen. Mit seinen Projekten »Vereinsimpulse« und »NextCulture« berät er Vereine und Kulturinstitutionen in ganz Deutschland«

www.vereinsimpulse.de