Wenn von Heimat die Rede ist, geht es selten nur um einen Ort. Es geht um Erinnerungen, um Stimmen aus der Kindheit, um Melodien, die bleiben, lange nachdem man sie zuletzt gehört hat. In seinem Werk »Drei-Klänge der Heimat« greift der Komponist Frederik Abel genau diese leisen, tief verankerten Schichten musikalischer Erinnerung auf – und überführt sie in eine zeitgenössische Klangsprache für sinfonisches Blasorchester. Uraufführung ist am 18. April.
Abels Komposition, ausgezeichnet beim Wettbewerb des Landesblasorchesters Baden-Württemberg, »Donaueschingen 2.0«, steht in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Gegenwart. Volkslieder, die einst im familiären Rahmen weitergegeben wurden, werden hier nicht nur zitiert, sondern erinnert, verwandelt und neu notiert. Heimat erscheint dabei weniger als geografische Größe denn als Gefühl: als Willkommen, als Geborgenheit, als gemeinsames Atmen im Klang.
Im Gespräch mit Klaus Härtel spricht Frederik Abel über diese musikalischen Ursprünge, über das prägende gemeinsame Singen mit Mutter und Großvater, über seine Nähe zur sinfonischen Blasmusik – und über die Frage, wie sich Tradition fortschreiben lässt, ohne zur Folklore zu erstarren. Ein Interview über Herkunft, Haltung und die leise Kraft überlieferter Melodien.
Eine typische Einstiegsfrage: Wie haben Sie den Moment erlebt, als Sie erfahren haben, dass Sie den Kompositionswettbewerb Donaueschingen 2.0 gewonnen haben?
Das war eigentlich ganz lustig. Thomas Kuhn vom LBO und ich haben fast einen Tag lang aneinander vorbeitelefoniert. Es war Ende September, und ich bin es – blöd gesagt – gar nicht gewohnt, von Nummern angerufen zu werden, die nicht eingespeichert sind. Außerdem war ich gerade in Lehrveranstaltungen an der Uni. Abends habe ich zurückgerufen, da war es schon außerhalb der Dienstzeiten. Am nächsten Tag hat er es wieder probiert – erneut während einer Lehrveranstaltung. Am Nachmittag haben wir uns dann endlich erreicht. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit – und habe mich deshalb umso mehr gefreut.
Warum haben Sie nicht damit gerechnet?
Vergessen hatte ich den Wettbewerb nicht. Aber es war gerade Uni-Beginn, alles musste sich neu sortieren, und ich steckte gedanklich schon im nächsten, fast schon übernächsten Projekt. Umso schöner war es, dann so positiv überrascht zu werden.
Sie waren der jüngste Teilnehmer beim Wettbewerb. Sie stehen ja auch noch am Anfang Ihrer Karriere. Welche Bedeutung hat dieser Preis für Sie?
Ich hoffe sehr, dass es ein schönes Sprungbrett wird. Zunächst bin ich einfach dankbar. Für ein Orchester dieser Größe zu schreiben und dann noch ein Auftragswerk zu bekommen, ist alles andere als selbstverständlich. Dass das Landesblasorchester Baden-Württemberg mein Werk uraufführt, ist eine große Ehre. Das Orchester ist weit über Deutschland hinaus bekannt, auch in der Schweiz und in Österreich. Ich erhoffe mir, dass dadurch mehr Menschen auf meine Musik aufmerksam werden – vor allem in der sinfonischen Blasmusikszene, in der ich mich sehr zuhause fühle.
Woher kommt diese Nähe zur sinfonischen Blasmusik?
Ich spiele selbst seit etwa 13 oder 14 Jahren. Meine erste Ensembleerfahrung war im Blasorchester. Mein damaliger Schlagzeuglehrer hat mich einfach mitgenommen. Ich war vielleicht neun oder zehn, als ich zum ersten Mal bei Umzügen mitgespielt habe. Seitdem hat mich das Blasorchester nie losgelassen – auch wenn ich viel Symphonieorchester, Big Band und Jazz gespielt habe. Bis hin zum Landesjugendorchester war das immer ein wichtiger Teil meines musikalischen Lebens.
Hilft dieser praktische Bezug beim Komponieren?
Auf jeden Fall. Man entwickelt über die Jahre ein Gespür dafür, was gut klingt, wie sich Instrumente kombinieren lassen und was im Orchester funktioniert.
Kommen wir zu Ihrem Werk »Drei‑Klänge der Heimat«. Warum haben Sie genau diese drei Volkslieder gewählt: »Viel Wollust mit sich bringe«, »Wenn ich ein Vöglein« wär und »Guten Abend, gute Nacht«?
Alle drei Lieder wurden mir in meiner Kindheit häufig vorgesungen. »Guten Abend, gute Nacht« fast jeden Abend. Das Lied ist deshalb ein Leitmotiv des Stücks. Melodische Fragmente tauchen überall auf. Ich finde die Melodie außerdem außergewöhnlich schön und sehr klug konstruiert. Deshalb trägt sie das Werk in besonderer Weise.
Ist »Heimat« hier eher emotional oder geografisch gemeint?
Beides. Meine erste Heimat ist der Niederrhein, nahe der niederländischen Grenze. Seit dreieinhalb Jahren lebe ich in Wien, das mittlerweile ebenfalls Heimat geworden ist. Für mich bedeutet Heimat vor allem, sich willkommen und gut aufgehoben zu fühlen. Das war auch der emotionale Kern des Stücks.
Wie sind Sie kompositorisch vorgegangen?
Ich habe tatsächlich vorskizziert – was ich sonst nicht immer mache. In einem Notenheft habe ich die drei Volkslieder und ein daraus entwickeltes Thema festgehalten. Die genaue Dramaturgie hat sich dann im Arbeitsprozess ergeben.
Wie viel Inspiration und wie viel harte Arbeit steckt in so einem Werk?
Das lässt sich für mich kaum trennen. Inspiration hört nicht nach der ersten Idee auf, sie begleitet den ganzen Prozess. Dieses Stück ist sehr natürlich entstanden, es ist einfach »geflossen«. Die eigentliche harte Arbeit kommt dann beim Orchestrieren, Abtippen und Ausarbeiten.
Sie arbeiten also noch klassisch mit Bleistift und Papier?
Mal so, mal so. Jedes Stück entsteht anders. Filmmusik schreibe ich meist direkt in der Digital Audio Workstation, andere Werke erst auf Papier. Diese Vielfalt macht den Reiz aus.
Und woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Ich brauche vor allem Ruhe. In der Stille kann ich am besten schreiben – fern vom täglichen Lärm.
Spielt der Ort dabei eine Rolle?
Nicht wirklich. Wichtig ist die Zeit und die Ruhe, nicht der Ort.
Die Jury lobte Ihre abwechslungsreiche Instrumentierung und die Verbindung von Tradition und Moderne.
Mir ist wichtig, dass Musikerinnen und Musiker gerne spielen. Gerade bei einem Stück über Geborgenheit soll sich dieses Gefühl auch beim Spielen einstellen. Harmonische Klarheit, der Orchesterklang als Einheit und dennoch solistische Momente – das war mir wichtig.
Ein Stichwort in der Jurybegründung war die Terzverwandtschaft.
Die Zahl Drei zieht sich durch das ganze Werk: drei Volkslieder, Dreiklänge, Terzverwandtschaften. Das Stück beginnt in C-Dur, entfernt sich davon nach Es-Dur und kehrt am Ende wieder zurück – so schließt sich der Kreis.
Möchten Sie mit dem Werk auch Volkslieder wieder stärker ins Bewusstsein rücken?
Es war keine bewusste Motivation, aber eine Hoffnung. Nicht nur diese drei Lieder, sondern viele Volkslieder aus meiner Kindheit bedeuten mir bis heute sehr viel. Vor allem meine Mutter und mein Opa haben mir diese Lieder vorgesungen – das waren sehr prägende Momente. Gerade deshalb verbinde ich Volkslieder stark mit Nähe, Geborgenheit und gemeinsamer Zeit. Sie sind für mich nichts Nostalgisches oder Verstaubtes, sondern etwas sehr Zeitloses. Ich finde, Volkslieder sollten Teil unserer kulturellen Identität bleiben – zumindest jene mit Texten und Inhalten, die unproblematisch sind. Das ist bei »Viel Wollust mit sich bringet«, »Wenn ich ein Vöglein wär‘« und »Guten Abend, Gute Nacht« für mich eindeutig der Fall.
Was damit untrennbar zusammenhängt, ist das gemeinsame Singen. Das ist die unmittelbarste Form des gemeinsamen Musizierens und eine sehr starke Form von Gemeinschaft. Ich habe das als Kind erleben dürfen, und ich weiß, dass das heute nicht mehr für alle selbstverständlich ist – vor allem in urbaneren Gegenden. Wenn das Stück dazu beiträgt, dass Menschen diese Lieder wieder bewusster wahrnehmen oder vielleicht sogar selbst weitertragen – sei es durch Singen oder durch ein neues Hören im Konzertsaal –, dann fände ich das sehr schön.
Welche Rolle spielt Donaueschingen 1926 für Ihre Komposition?
Nicht direkt hörbar, aber in der Haltung. Ich fand den Ansatz des Wettbewerbs spannend: sich in die Tradition zu stellen und dennoch das Publikum mitzunehmen – ähnlich wie bei britischen Komponisten wie Vaughan Williams oder Britten.
Am 18. April ist die Uraufführung. Worauf freuen Sie sich am meisten?
Das Stück endlich live zu hören – nicht als MIDI. Es ist mein erster erster Preis bei einem Wettbewerb, das macht es besonders. Ich freue mich darauf, das Orchester kennenzulernen und Teil dieses Projekts zu sein.
Donaueschingen
Die Donaueschinger Musiktage von 1926 gelten als Meilenstein der deutschen Blasmusik: Auf Initiative Paul Hindemiths entstanden erstmals originäre Konzertwerke für Blasorchester, gedacht als »Gebrauchsmusik« für das aufstrebende Amateurwesen. Uraufgeführt wurden Werke von Krenek, Toch, Pepping und Hindemith, die jedoch wegen ihres hohen Schwierigkeitsgrads und ihrer avantgardistischen Musiksprache kaum Verbreitung fanden. Im Gegensatz dazu setzten sich zeitgleich englische Komponisten wie Holst, Grainger und Vaughan Williams mit zugänglicher, folkloristisch geprägter Konzertblasmusik international durch.
Der neue Wettbewerb Donaueschingen 2.0 greift diese englische Herangehensweise bewusst auf: Ziel ist es, zeitgenössische, künstlerisch anspruchsvolle Blasmusik zu schaffen, die deutsche Volkslieder, Folklore und Musiktraditionen integriert. Die Siegerkomposition von Frederik Abel wird am 18. April vom LBO im Mozart Saal der Donauhallen in Donaueschingen uraufgeführt.

