Orchestra | Von Hans-Jürgen Schaal

Konzepte der Mikrotonalität: Kleiner als kleine Sekunden

Mikrotonalität
Tastatur des Archicembalo (Abbildung: Lunlunta99 - https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3297143)

Nicht nur in neuer Konzertmusik, auch in Jazz und Rock begegnen uns heute Mikro­töne. In anderen Musikkulturen gab es sie ohnehin schon immer. Das klassische Pianisten-Duo Schneider/Bächli sagt: “Vierteltöne hört man heute an jedem Dönerstand.” Über Konzepte der Mikrotonalität.

Angeblich war es der altgriechische Philosoph Pythagoras, der die mathematischen Grundlagen für das westliche Tonsystem fand. Mithilfe eines Monochords, eines einsaitigen Instruments, definierte er die ganzzahligen Verhältnisse der wichtigsten Tonstufen zum Grundton. 1:2 – die Oktave, 2:3 – die Quinte, 3:4 – die Quart, 4:5 – die große Terz, 5:6 – die kleine Terz usw. Wenn man allerdings in andere Tonarten moduliert, ergeben sich für einzelne Stufen der heptatonischen Tonleiter kleine Abweichungen in der Frequenz – die Harmonien beginnen schräg zu klingen. Mathematisch heißt die Differenz zum Beispiel syntonisches Komma (etwa ein Zehntelton) oder pythagoräisches Komma (etwa ein Achtelton). Seit dem Mittel­alter wurden zahlreiche Versuche unternommen, durch besondere “Temperierungen” der Ton­höhen solche Differenzen auszutricksen. Zeitweise wurde nach Terzen gestimmt statt nach Quinten (“mitteltönig”). Sogenannte “wohltemperierte” Stimmungen suchten noch feinere Kompromisse zu schließen.

Die Pro­bleme wurden in den unhörbaren Teil des Quintenzirkels “weggeschoben”

In der Musikpraxis hat man die kleinen “Fehler” im System aber häufig auch überspielt. Die ­Komponierenden beschränkten sich etwa auf die “gebräuchlichen” Tonarten, sodass die Pro­bleme sozusagen in den unhörbaren Teil des Quintenzirkels weggeschoben wurden. Sänger, Streicher und Bläser konnten sich zudem an­passen, indem sie Tonstufen je nach Tonart ein wenig ­anhoben oder senkten. Unüberhörbar war das Problem jedoch bei den Tasteninstrumenten. Vorläufer des Cembalos im 16. Jahr­hundert be­saßen daher teils 14, 19 oder gar 36 Tasten pro Oktave – und bis zu 31 Tonstufen (“Archi­cem­balo”). Das Ohr unterschied klar zwischen den Tönen cis und des oder zwischen fis und ges. Mikrotonalität bzw. mikrotonale Differenzierungen gehörten also schon immer zum westlichen Ton­system. Erst die kühl-mathematische Kompromisslösung der gleichstufigen Temperatur, die sich im 18. Jahrhundert durchsetzte, hat den gleichmäßigen Halbtonschritt zum Maß der ­Dinge gemacht.

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