Blasinstrumente verlangen dem Körper einiges ab. Während sich Musikmedizin bislang intensiv mit Ansatzproblemen, Hand- und Atemwegsprobleme oder Auftrittsangst beschäftigt, bleibt ein Element oft unbeachtet: der Beckenboden im weiblichen Körper. Genau hier setzte das Bläserinnenforum im Berliner Musikinstrumenten-Museum an, organisiert vom Blasinstrumentenhersteller Buffet Crampon. Unter dem Titel „Körper vs. Klang – wenn Blasinstrumente auf weibliche Physiologie treffen“ sprach Prof. Dr. Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtsmedizin am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum sowie Bestseller-Autorin und Podcasterin, über ein Thema, das viele Musikerinnen beschäftigt – und über das bislang kaum gesprochen wird.
Ein unsichtbarer, aber zentraler Muskel
„Ein Blasinstrument zu spielen hat sehr viel mit dem Körperinneren zu tun“, erklärte Mangler gleich zu Beginn. „Mit Muskeln – und eben auch mit dem Beckenboden.“ Anatomisch betrachtet bildet der Beckenboden, den jeder Mensch hat, als trichterförmige Muskelplatte die untere Begrenzung des Bauchraums. Das Zwerchfell bildet das „obere Gegenstück“.
Bei jedem Einatmen senkt sich das Zwerchfell, die inneren Organe werden nach unten gedrückt – und der Beckenboden muss diesen Druck auffangen. „Deshalb sollte man den Beckenboden immer mitdenken“, so Mangler. Während Bauchmuskeln gezielt trainiert werden, bleibe dieser zentrale Muskel oft unbeachtet: „Er ist eigentlich viel wichtiger – man sieht ihn nur nicht, und deshalb lernen wir so wenig über ihn.“

Gerade für Bläserinnen ist das relevant. Das Spiel erzeugt regelmäßig hohe Druckspitzen, die – unbeachtet – problematisch sein können. „Das Blasinstrumentenspiel hat das Potenzial, den Beckenboden zu belasten“, sagte Mangler. Der hohe Druck, der beim Blasinstrumentspiel ausgeübt wird, könne im schlimmsten Fall eine Belastungsinkontinenz oder Senkungsbeschwerden hervorrufen. Deshalb sollte der Beckenboden aktiv trainiert werden, um vorzubeugen.
Die deutsche Frau sei im Durchschnitt 45,9 Jahre alt und 10 Millionen Frauen leiden unter Inkontinenz – in allen Altersgruppen. Inkontinenz vorbeugen geschieht durch Stärkung des Beckenbodens, Reduzierung des Gewichts, rauchfrei leben sowie die Verdauung im Fluss zu halten. Verstopfung mag der Beckenboden gar nicht.
Der Beckenboden besteht aus drei verschiedenen Muskelschichten und bei Frauen, durch das breitere Becken, deckt diese Muskelplatte, die wie eine Hängematte wirkt, eine viel größere Fläche ab als bei Männern. In dem riesigen menschlichen Bauchraum befinden sie eine Menge Organe, die alle auf den Beckenboden drücken. Wegen der größeren Fläche bei Frauen kann der Muskel viel schneller an Elastizität verlieren.
Training, Prävention und praktische Tipps
Beckenbodentraining lohne sich in jedem Alter. „Es ist nie zu spät“, betonte Mangler. Schon wenige Minuten, drei- bis viermal pro Woche, können viel bewirken. Hilfreich seien Trainingsgeräte mit Feedback, die man in die Vagina einführt und die die elektrische Aktivität messen und visuell rückmelden. „Dann weiß man, ob man es richtig macht.“
Schwangerschaft, Geburt und der Weg zurück
Ein emotionaler Teil des Abends war die Diskussion über Schwangerschaft und Geburt. Der Beckenboden wird während einer Geburt auf das 3,3-Fache seiner Länge gedehnt – eine enorme Belastung. „Das ist evolutionär nicht besonders elegant gelöst“, bemerkte Mangler.
Mehrere Musikerinnen berichteten offen von ihren Erfahrungen. Viele Musikerinnen erzählten, sie standen wenige Wochen nach der Geburt wieder auf der Bühne. „Das war sehr mutig“, kommentierte Mangler. Geduld sei entscheidend: „Der Beckenboden braucht Zeit, um sich zu regenerieren – mindestens sechs Wochen.“ Muskulatur, das seien Filamente und die werden nach einer Geburt auseinandergezogen und müssen sich danach erst wieder aneinandernähern.
Manglers Appell: Warnsignale ernst nehmen. Inkontinenz, Druck- oder Fremdkörpergefühl seien keine Nebensächlichkeiten, sondern behandelbar.
Eine weitere große Belastung für den Beckenboden: Der Dammschnitt während einer Geburt. Im Anschluss muss der Beckenboden wieder zusammengenäht werden und eine Narbe entsteht in der Beckenbodenmuskulatur.
Bei drei Prozent der Frauen reißt der Beckenboden während der Geburt sogar in der Tiefe ein. Das sei im Anschluss nicht operativ zu versorgen. Führt man sich bei einem gesunden Beckenboden den Finger in die Vagina ein, spürt man links und rechts die Muskeln, wie sie sich zusammenziehen. Bei einem tief eingerissenen Beckenboden spannt sich eine Seite nicht an.
Während des Vortrags zeigte Mandy Mangler ein Ultraschallfoto von der Blase einer Frau, die viele Geburten hinter sich hatte und in dem Moment ein Blasinstrument spielt. Das Hinunterrutschen der Blase ist deutlich sichtbar.
Sie gab außerdem den Tipp: Bei schweren Veränderungen im Beckenboden zahlen Krankenkassen zum Teil Trainingsgeräte für den Beckenboden. Und: Beckenboden ist mehr als Kontinenz. „Er ist eng mit unserer allgemeinen Gesundheit verbunden“, so Mangler. Auch Sexualität und Wohlbefinden profitierten von einem gut trainierten Muskel.
Zyklus, Hormone und Muskelkraft
Es gab weitere Themen, die den weiblichen Körper betreffen: Zyklus, Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Wechseljahre – beeinflussen den weiblichen Körper und somit das Blasinstrumentenspiel im Allgemeinen. Gerade bei Schwangerschaft und Geburt sowie bei hormonellen Veränderungen wird die Elastizität und Leistungsfähigkeit der Muskulatur – und somit des Beckenbodens verändert. Zudem berichten viele Musikerinnen, dass sie sich je nach Zyklusphase unterschiedlich belastbar fühlen.
„Östrogen- und Progesteronschwankungen wirken sich auf die Muskelkraft aus“, erklärte Mangler. Manche Frauen seien vor oder nach der Menstruation schneller ermüdet oder hätten mehr Atemprobleme. Ihre Empfehlung: den eigenen Zyklus bewusst wahrnehmen und Übephasen entsprechend planen. „Das muss jede Frau für sich herausfinden – aber es lohnt sich, hinzuhören.“
Zum Thema Endometriose berichtete Many Mangler: Hier sei der Beckenboden häufig dauerhaft überangespannt. In diesen Fällen gehe es nicht um Kräftigung, sondern um gezielte Entspannung: „Dann hilft ein umgekehrtes Beckenbodentraining.“
Eine weitere Information der Gynäkologin: Die Gebärmutter wird von so genannten „Mutterbändern“ gehalten. Sie wirken wie Zügel und ziehen die Gebärmutter nach oben. Jede Schwangerschaft dehnt diese Zügel und das führt dazu, dass die Mutterbänder durchhängen. Bei einer starken darauffolgenden Gebärmuttersenkung, die wieder Einfluss auf den Beckenboden habe, können solche Mutterbänder zum Beispiel transplantiert werden.
Offener Austausch statt Tabu
Das anschließende Diskussionsforum zeigte, wie groß der Bedarf an Austausch ist. Fragen reichten von Zyklusphasen und Übeintensität über Schwangerschaft bis hin zu Mythen über einen „zu starken“ Beckenboden. Manglers klare Botschaft: Ein gut trainierter Beckenboden ist immer ein Vorteil!
Den Ausklang des Abends gestaltete die Tubistin Jutta Keeß gemeinsam mit ihrer Band LILA im anschließenden Get-together, bei dem sich die Gästinnen bei Getränken und Snacks auch jenseits des Forums persönlich austauschten. Der lässige, pulsierende Club-Sound mit Tuba, Posaune und zwei Schlagzeugen setzte dabei ein besonderes musikalisches Highlight. Bereits während des Vortrags von Mandy Mangler setzten Jutta Keeß und der Posaunist Roman Sladek als Duo eindrucksvolle musikalische Akzente.

Auswahl an Fragen und Erfahrungsberichten der Teilnehmerinnen und die Antworten:
- Mir wurde gesagt, der Beckenboden kann nicht aktiv angesteuert werden. Stimmt das? Der Unterschied zwischen Zwerchfell und Beckenboden ist: Das Zwerchfell wird, wie das Herz, vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Das können wir nicht beeinflussen. Der Beckenboden ist ein normaler motorischer Muskel, wie der Bizeps. Der kann angesteuert werden.
- Wie ist das bei Endometriose? Bei Menschen mit Endometriose führt es dazu, dass der Beckenboden dauerangespannt ist. Da hilft eine Entspannungstechnik, quasi umgekehrtes Beckenbodentraining. Also bei starken Menstruationsschmerzen ist die Beckenbodenübung automatisch dabei, weil sich der Beckenboden verkrampft.
- Üben während der Schwangerschaft: Ist der konstante Druck schlecht oder vielleicht gut? Die Schwangerschaft ist eine wahnsinnige Belastungsprobe für den Beckenboden, besonders gegen Ende der Schwangerschaft. Man kann am Anfang und in der Mitte der Schwangerschaft den Beckenboden trainieren, am Ende gegen das Baby aktiv anzuspannen, bringt nichts.
- Ich habe bis fünf Wochen vor der Entbindung eine Musical Produktion mit der Trompete gespielt. Am Anfang fand ich das sehr angenehm mit Kind im Bauch. Irgendwann war es ein Atemproblem. Am Ende konnte ich keine langen Phrasen mehr spielen und das war anstrengend. Aber ich wollte es unbedingt machen. Nach der Geburt? Die Geburt war ein Gewaltakt, aber nach zehn Wochen stand ich wieder auf der Bühne, weil ich das unbedingt wollte und spürte meinen Beckenboden ziemlich heftig.
- Meine Erfahrung während der Geburt: Meine Hebamme riet mir, in den Bauch zu atmen, damit das Zwerchfell das Baby nach unten drückt und den Muttermund öffnet. Das hat bei mir wunderbar funktioniert. Ich weiß nicht, ob es an der zweiten Geburt gelegen hat oder an der Atemtechnik. Aber durch mein Blasinstrument wusste ich sofort, was mit „in den Bauch atmen“ gemeint ist und konnte es sofort umsetzen.
- Ich habe bis drei Wochen vor der Geburt als Profimusikerin mein Blechblasinstrument gespielt und vier Wochen nach der Geburt das erste Konzert. Ich hatte Inkontinenzprobleme am Anfang, ich war sauer auf meinen Körper, da er nicht so funktioniert hatte, wie ich wollte. Heute würde ich jeder Bläserin zur Geduld raten. Ich kann verstehen, dass man wieder auf die Bühne will und Angst, dass der Ansatz weg geht. Aber man hat es so lange gemacht vorher: Das kommt alles wieder.
- Ich habe mit meinen Zwillingen bis zum 8. Monat Saxophon gespielt und gelernt, langsamer zu atmen und tiefer. Das hat mir sehr gutgetan.
- Ist es besser im Sitzen oder Stehen zu üben? Wenn man das Becken sehr nach vorne kippt, ist der Beckenboden belasteter, man sollte nicht zu sehr ins Hohlkreuz, das Becken sollte in einer lockeren Mittelhaltung sein. Stehen ist anstrengender für den Beckenboden, somit ist aus Sicht des Beckenbodens Sitzen besser für den Beckenboden.
- Kann Estriol-Creme hilfreich für den Beckenboden sein? Wenn man das Gefühl hat, der Beckenboden ist nicht mehr stark genug, gibt es Empfehlungen, diese Creme nur in der Vulva oder Vagina anzubringen. Das hat den Vorteil, dass der Spiegel im Blut nicht so erhöht wird und das Östrogen sorgt dafür, dass die Blutgefäße stärker werden im Becken. Das heißt, mehr Blut kommt ins Becken kommt und zum Beckenboden. Das kann man zunächst zwei Monate testen.
- Was ist der Zusammenhang zwischen Niesen und Inkontinenz? Der Niesvorgang ist eine Druckspitze wie beim Blasinstrument spielen. Der Druck ist groß, der Bauch zieht sich zusammen und der Beckenboden wird nach unten gepresst. Und damit auch die Blase und die Öffnung der Blase.
- Trainieren Liebeskugeln aus dem Sex-Shop den Beckenboden? Ja und nein. Diese Kugeln haben unterschiedliche Gewichte und dann hat man manchmal das falsche Gewicht. Besser sind Geräte, bei denen man in einer App seine Übungen kontrollieren kann.
- Hat es einen Einfluss auf den Körper, wenn man während der Menstruation viel übt? Wenn man keine Menstruationsschmerzen hat, hat man keine Einschränkungen und es hat keinen Einfluss auf den Körper. Allerdings ist während der Menstruation die Atemkapazität beeinflusst: Während der Menstruation haben wir mehr Progesteron im Körper. Das erzeugt mehr Wasser in Lunge und Körper, deshalb können wir da weniger gut atmen.
- Meine Freundin ist Bläserin und hat nach intensivem Beckenbodentraining eine Inkontinenz entwickelt. Kann das sein? Das ist sehr ungewöhnlich. Ein zu starker Beckenboden führt eigentlich nicht zu Inkontinenz. Vielleicht liegt hier eine neurologische Erkrankung vor?
- Muss man den Beckenboden umso mehr trainieren, umso älter man wird? Im Alter bauen sich die Muskeln im Allgemeinen mehr ab, auch der Beckenboden. Muskeltraining im Alter ist prinzipiell eine wichtige Sache.
- Kann man präventiv trainieren? Wer bis zum 25. Lebensjahr viel Muskeltraining gemacht hat, hat Vorteile. Ab dem 25. Lebensjahr bauen die Muskeln ab.
- Gibt es Zyklusphasen, bei denen man mehr oder weniger Kraft hat, das sich auf das Üben auswirken kann? In der ersten Zyklusphase hat man allgemein mehr Energie und mehr Motivation. In der zweiten Zyklusphase sollte man noch mehr auf viel Schlaf, gutes Essen und regelmäßig Bewegung achten. Man kommt da aus verschiedenen Gründen schnell in eine Unterzuckerung.
- Haben Männer Vorteile, ein Blasinstrument zu spielen? Das kann pauschal nicht beantwortet werden, aber Männer haben oft mehr Lungenkapazität, was an den Hormonen und an der größeren Muskelmasse liegt.
- Kann man eine starke Inkontinenz wieder wegbekommen? Je nachdem, wie stark sie ist. Beckenbodentraining ist immer wichtig. Manchmal braucht es auch Medikamente oder bestimmte Therapien.

