Brass | Von Klaus Härtel

Kristin Thielemann und die Resonanz des Aufbruchs

Kristin Thielemann und die Resonanz des Aufbruchs
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Foto: G. Kneiber / PicturePeople

Wer die traditionelle Instrumentalpädagogik betrachtet, stößt bisweilen auf starre Lehrpläne, chronologischen Leistungsdruck und technokratisch gestaltete Schulen. Dass es auch anders geht, beweist Kristin Thielemann seit Jahren. Mit ihrer aktuellen Veröffentlichung, dem „Trumpet World – Workbook 1“ (erschienen im Schott-Verlag, in diesem Sommer kommt Workbook 2), liefert sie nicht bloß neues Unterrichtsmaterial für angehende Trompeterinnen und Trompeter. Sie liefert ein Manifest für ein neue, empathische Wege, die die Autonomie der Lernenden und die tiefe Begeisterung für die Kunst über die bloße mechanische Pflichterfüllung stellt. Es ist ein Plädoyer dafür, „den Druck aus dem Kessel zu nehmen“. Und eine Pädagogik ins Zentrum zu rücken, die den Musikunterricht von Grund auf neu denkt und die Musik selbst ins Zentrum stellt.

Jede pädagogische Überzeugung hat eine Biografie. Bei Kristin Thielemann wurzelt die eigene Didaktik in der kritischen Reflexion ihrer eigenen Jugendzeit als Nachwuchstrompeterin. Gefragt nach den Fehlern, über die sie heute mit ihren Schülern lachen kann, blickt sie differenziert zurück: »Beim Üben habe ich oft enorm viel Energie verbraucht, weil ich oft gar nicht wusste, wie ich mir herausfordernde Werke auch viel einfacher und schneller hätte erschließen können.«

Es sind Erfahrungen, die Generationen von Musikschülern teilen – das Gefühl, sich kraftraubend durch zähes Material zu kämpfen, ohne den methodischen Schlüssel in der Hand zu halten. Dass Thielemann damals durchhielt, verdankt sie einer persönlichen Eigenschaft, die heute den Kern ihrer Arbeit bildet: »Ich bin überzeugt, dass ich diesen Weg nur durchgehalten habe, weil ich damals schon eine extrem hohe Selbstmotivation hatte.« Diese Erkenntnis prägt ihr heutiges Wirken nachhaltig. Im modernen Instrumentalunterricht geht es ihr eben nicht mehr nur um das bloße Abrufen von Leistung, sondern um eine ganzheitliche Begleitung. »Und so versuche ich, jungen Menschen neben den technischen Grundlagen des Trompetenspiels auch einen klugen Zugang zum Üben, die Begeisterung für die Kunst und Strategien mitzugeben, mit denen sie ihre Motivation auch in schwierigen Phasen aufrechterhalten können.«, erklärt sie. Das Handwerkszeug ist zweifelsohne wichtig, doch ohne das innere Feuer bleibt es seelenlose Mechanik.

Gamification und die Überwindung der Langeweile

Die Brücke von der eigenen Historie zur Konzeption ihrer erfolgreichen »Trumpet World«-Reihe schlug Thielemann durch ihre Überzeugung, dass Lernen nur gelingt, wenn es inspirierend, motivierend und lebendig ist: »Der Sinn bestimmter Übungen und Methodiken hat sich mir bereits früh erschlossen, aber manche dieser Etüden und Lehrwerke waren langweilig und haben mich musikalisch wenig angesprochen«, erinnert sie sich. Wo andere resignierten, begann Thielemann bereits als Schülerin kreativ zu werden: »Ich habe bereits früh mit fantasievollen Gamificationelementen experimentiert und sie der Musik hinzugefügt, die ich geübt habe. Auch bestimmte Techniken, um in den Übe-Flow zu geraten habe ich intuitiv eingesetzt.«

Was damals spielerische, intuitive Selbsthilfe einer begabten Schülerin war, bildet heute, gestützt auf aktuelle Erkenntnisse der Lern- und Motivationsforschung, das solide Fundament ihrer Kompositionen und Arrangements. In »Trumpet World« fließen diese spielerischen Elemente ganz natürlich ein, ohne belehrend zu wirken: »Zahlreiche Erkenntnisse aus meiner pädagogischen Arbeit zum Thema Motivation finden ihren Weg in meine Kompositionen. Oft ohne dass es den Musizierenden unmittelbar auffällt.« Damit bricht sie radikal mit den Ansätzen früherer Generationen, die Unterrichtsmaterial primär als eine Kette von technischen Hürden begriffen, die es diszipliniert abzuarbeiten galt.

Workbook als „Werkzeugkasten“

Dieser Ansatz spiegelt sich exakt im »Trumpet World – Workbook 1«.  Das Buch ist eben keine klassische Trompetenschule, die starr von vorne bis hinten chronologisch durcharbeitet werden muss. Es versteht sich vielmehr als ein innovativer »Werkzeugkasten«: Eine sorgsam kuratierte Sammlung an Übungen und Stücken, aus der Lehrkräfte sowie Lernende je nach individuellem Bedarf das passende Element herausgreifen können.

Inhaltlich bricht das Workbook mit alten Traditionen, indem es bewusst auf die altbekannten, oft staubigen Standardstücke verzichtet. Stattdessen setzt Thielemann auf eine geschmackvolle Mischung aus ansprechenden Eigenkompositionen und geschickt bearbeiteten Originalwerken. Ein besonderes Augenmerk liegt im ersten Band auf den Dur- und Molltonarten bis zu zwei Vorzeichen, wobei die Stücke trotz technischer Zugänglichkeit eine enorme stilistische Bandbreite abdecken (etwa das an Smetanas Moldau angelehnte Stück »River Flows« oder vertiefte Übungen zum Staccato und Luftfluss). https://youtu.be/egQukVX7mFo

 

Großartige Musik als Pädagogik

Wenn Kristin Thielemann für Kinder und Jugendliche schreibt, stellt sie die künstlerische Qualität im Kindesalter kompromisslos nach oben: »In allererster Linie versuche ich ausschließlich wirklich großartige Musik zu komponieren oder arrangieren, denn genau diese Qualität von Musik hat mich selbst auch immer motiviert und angespornt, enorme Fortschritte zu machen.«

Sie verweigert sich der weit verbreiteten Praxis, Musik für Anfänger so stark zu simplifizieren, dass sie ihre Seele verliert. Für Thielemann dürfen und müssen die Werke musikalisch gehaltvoll sein. Nicht die Kunst soll einfacher werden, sondern die Wege zu ihr: »Während der Arbeit an dieser Musik frage ich mich dann meist, wie ich sie zugänglicher machen kann, ohne dass die Musik auch nur einen Hauch ihrer Qualität verliert. Das ist bei vielen Musikstücken ein langer Prozess, aber das darf es auch so sein, denn das ist das, was Musizierende hinterher als Qualität spüren.«

Dieser Qualitätsanspruch zeigt sich auch in der medialen Begleitung des Workbooks. Die beigefügten Audio- und Videomaterialien (Hier gehts zur Playlist) wurden von Thielemann gemeinsam mit dem Weltklassetrompeter Reinhold Friedrich und der Pianistin Eriko Takezawa-Friedrich eingespielt. Auch der luxemburgische Popmusiktrompeter Julien Theodor ist auf diesen Aufnahmen zu erleben. Den Lernenden wird hierdurch nicht nur eine erstklassige akustische Orientierung geboten. Die Videos vermitteln auch wertvolle visuelle Einblicke in elementare Techniken wie Atmung, Ansatz und Artikulation. Dahinter steht eine pädagogische Überzeugung, die sich wie ein roter Faden durch Thielemanns Arbeit zieht: »Jeder Mensch trägt eine hohe intuitive musikalische Kompetenz in sich, die jeder, der komponierend oder arrangierend tätig ist, ansprechen sollte. Denn nur so entsteht Entwicklung, das Gefühl von Selbstwirksamkeit und letztlich Motivation.« Konsequenterweise richtet sich ihr Material nicht ausschließlich an Kinder und Jugendliche. Es wendet sich an alle Menschen, die ihr Trompetenspiel weiterentwickeln möchten.  

Der Umgang mit der „Null-Bock-Phase“: Resonanz statt Zwang

Ein zentraler Prüfstein für jeden Musikpädagogen ist der Umgang mit Motivationstiefs. Wo traditionelle Konzepte oft mit Druck oder rigiden Zielvereinbarungen reagieren, schlägt Kristin Thielemann einen empathischen Weg ein. Eine »Null-Bock-Phase« ist für sie kein pädagogisches Versagen, sondern ein emotionales Signal, das ernst genommen werden muss: »Eine Phase der Unlust ist nicht zwangsläufig ein pädagogisches Problem. Oft zeigt sie, dass junge Menschen ein erstaunlich feines Gespür dafür haben, was ihnen gerade guttut, was sie überfordert und was sie wirklich brauchen. Für mich beginnt gute Pädagogik damit, dieses Gespür ernst zu nehmen.« 

Sie begreift das Lernen als einen dynamischen, rhythmischen Prozess. Die Musik, das Instrument und auch die Lehrkraft seien Elemente, mit denen die Lernenden in Resonanz treten – vorausgesetzt, man zwingt sie nicht in ein starres Korsett. »In manchen Phasen kann das ein feuriges Vorankommen und regelrechte Euphorie zum Musizieren sein, in anderen darf es stiller, tastender, vorsichtiger sein«, beschreibt sie feinfühlig. Wer in solchen Momenten nach rein mechanischen Kniffen sucht, greift laut Thielemann zu kurz: »Wer da auf der Suche nach Kniffs und Tricks ist, vielleicht nach einer ausgefeilten Zielvereinbarung oder hübsch designten Übeliste, bewirkt nur, dass wir im schlimmsten Fall jemandem etwas »verkaufen«, der gar keinen Bedarf hat. Ich muss gestehen, dass ich das als übergriffig empfinde.«

So simpel wie tiefgründig

Ihr praktischer Rat für diese krisenhaften Phasen ist so simpel wie tiefgründig: »Gemeinsam großartige Musik finden, die berührt und die es wert ist, entdeckt zu werden.« Ein »Zuviel an Müssen« ersticke die intrinsische Motivation im Keim. Thielemanns persönliches Ziel hingegen ist ergebnisoffen: »Mein Ziel ist es, dass Menschen sich motiviert die Welt der Musik erschließen. Die Segel klug zu setzen und diese Richtung einzuschlagen funktioniert immer und ich staune immer wieder, wie hervorragend sich junge Menschen hierdurch entwickeln.« Der Erfolg gibt ihr Recht: Viele ihrer ehemaligen Schülerinnen und Schüler arbeiten heute als Profis, dirigieren, unterrichten oder bereichern tragende Säulen hochstehender Amateurorchester. »Diese Erwartungsoffenheit, die keinesfalls mit Erwartungslosigkeit verwechselt werden darf, bewirkt, dass mehr von dem herausgelassen werden kann, was in jemandem drinsteckt«, resümiert sie.

Musikalischer Kosmopolitismus

Die stilistische Vielfalt, die das Workbook auszeichnet, spiegelt direkt die Persönlichkeit der Pädagogin wider. Kristin Thielemann lässt sich nicht in klassische oder populärmusikalische Schubladen stecken. »Mittlerweile habe ich eine große stilistische Vielfalt für mich entdeckt. Ich liebe die Musik der Renaissance und Barock genauso wie Pop, Funk oder Gaming Music. Jede dieser Welten kann uns auf völlig eigene Weise berühren.« 

Ihre Kompositionen sind voller musikalischer Spuren, die aufmerksame Hörer leicht entdecken können. Sie sieht sich selbst als »musikalische Kosmopolitin«, die es genießt, zu experimentieren: »Viele meiner Kompositionen entstehen aus der Auseinandersetzung mit bestimmten Stilen und Musikstücken. Ich greife ihre Ideen auf und spiegele sie in meinen eigenen Gedanken.« So finden sich in ihren Werken subtile, kunstvolle Zitate – sei es ein kurzes Aufblinken von Mozart oder Beethoven oder das kompositorische Experiment, bei Beethovens berühmter Bagatelle »Für Elise« plötzlich einen einzigen Ton in eine völlig unerwartete Richtung ausbrechen zu lassen. »Klingt abstrakt? Einfach mal reinhören«, lädt sie ein.

Das Instrument leben

Für Thielemann steht fest, dass moderner Instrumentalunterricht nur dann zukunftsfähig ist, wenn die Lehrkraft das Instrument und die Kunst wahrhaftig vorlebt und nicht bloß verwaltet. »Für junge Musizierende ist es ein Geschenk, wenn sie von Menschen lernen dürfen, bei denen Musik zur Kunst wird«, bekräftigt sie. Genau dieses lebendige Spüren fordere die neue Generation von Schülern auch zunehmend ein. Wenn Lernende am Ende des Tages das Workbook »Trumpet World« schließen, soll kein Gefühl von Erleichterung über eine überstandene Pflichtaufgabe zurückbleiben. Ihr Wunsch an ist eine fundamentale Botschaft des Vertrauens: »Du kannst mit der Musik, die du machst, berühren! In dir steckt etwas ganz Besonders und ich bin sicher, es wird dir durch viele dieser Stücke gelingen, es herauszulassen!«

Am Ende entlarvt Kristin Thielemann auch die Frage nach dem ultimativen »Geheimtrick«, um Menschen zum Üben zu bewegen. Das Wort »Trick« lehnt sie entschieden ab: »Ein Trick hat immer etwas von Überlisten und das hat für mich einen ganz schalen Beigeschmack – nicht nur in der Pädagogik. Ich bin überzeugt, dass Kinder und Jugendliche oder auch Menschen, die Musik als Hobby machen, intuitiv spüren, ob Musik zu ihnen spricht, ob sie sie begeistert und ob sie eine hohe Qualität hat. Wenn jemand fasziniert von einer Musik bestimmten Musik ist und sie nicht mehr aus dem Kopf geht, entsteht die Selbstmotivation praktisch zwangsläufig.«

Die Bedeutung für das eigene Leben

Wie lebendig dieses Prinzip funktioniert, zeigt eine aktuelle Anekdote aus ihrem Unterricht: Eine Schülerin hatte die frisch eingespielte »Blue Hour Ballade« für den kommenden zweiten Band entdeckt. Trotz einer direkt anschließenden, nächtlichen Konzertreise mit dem Jugendorchester schickte das Mädchen am nächsten Morgen eine begeisterte Sprachnachricht: Sie habe einen absoluten Ohrwurm von der Ballade und sei komplett verliebt in diese Musik. Für Kristin Thielemann ist das die schönste Bestätigung ihrer Philosophie: »So muss es doch sein! Musik muss mehr sein als ein nächster Lernschritt – sie muss Bedeutung fürs eigene Leben haben.«

Kristin Thielemann
Die Aufnahmen wurden eingespielt von Eriko Takezawa-Friedrich, Reinhold Friedrich, Julien Theodor und Kristin Thielemann