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Lucie Horsch und die Liebe zur Blockflöte

Lucie Horsch und die Liebe zur Blockflöte
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Lucie Horsch (Foto: Simon Fowler)

Sie hat Auftritte mit namhaften Orchestern, ist der Star auf Klassik-Festivals, gibt Recitals in großen Konzertsälen. Der »Guardian« nennt Lucie Horsch das neue »große Ding« in Sachen Blockflöte. 

Die 26-jährige Niederländerin hat bereits vier Alben als Blockflötistin vorgelegt – darunter eines ausschließlich mit Musik von Vivaldi. Die Barockzeit ist definitiv Lucie Horschs Stammgebiet. Doch die Fantasie und der Abenteuergeist dieser Musikerin weisen jetzt schon weit darüber hinaus. Das zeigt vor allem ihr Album »Origins« von 2022. Darauf erforscht sie nicht nur die »Folk«-Anfänge ihres Instruments, sondern auch seine Möglichkeiten bei der Adaption moderner Musik – darunter Werke von Bartók und Strawinski, die ursprünglich für Klavier bzw. Klarinette komponiert wurden. »In der Hauptsache bin ich Performerin«, sagt Lucie Horsch. »Das Arrangieren gehört da mit dazu, das Improvisieren auch. Als Komponistin jedoch werde ich mich nicht versuchen. Aber ich habe das Glück, mit einer aufregenden Komponistin zusammenzuarbeiten. Lotta Wennäkoski hat ein neues Konzert für Blockflöte für mich geschrieben, das ich gerade einstudiere.«

Das Gespräch mit Lucie Horsch führte Hans-Jürgen Schaal.

Viele spielen die Blockflöte im Kindesalter. Wann war bei Ihnen klar, dass es das Instrument fürs Leben ist?

Ich hatte die Blockflöte bei einem Schulkonzert gehört und habe mich bewusst dafür entschieden. Da war ich etwa fünf Jahre alt. Ich nahm mir dabei meinen älteren Bruder zum Vorbild, der damals schon begonnen hatte, Geige zu lernen. Meine Eltern spielen beide Cello und fragten mich: Und welches Instrument willst du lernen, Lucie? Die Blockflöte hat mich einfach angesprochen. Ich glaube nicht, dass meine Eltern je erwarteten, ich würde eine professionelle Blockflötistin werden. Aber sie sagten mir immer: Es ist wichtig zu üben, bereite dich richtig vor. Also nahm ich die Musik von Anfang an sehr ernst. Und ich durfte schon früh auf der Bühne stehen. Das habe ich geliebt.

Haben Sie je andere Blasinstrumente ausprobiert, etwa die Querflöte oder das Saxofon?

Lustig, das werden Blockflötisten immer gefragt. Ich denke, die Blockflöte ist ein ebenso reichhaltiges Instrument wie jedes andere – was man damit machen kann, wie viel Zeit man mit ihr verbringen kann, um auf ein professionelles Level zu kommen. Ich habe Jahre gebraucht, um meine Technik zu entwickeln. Meine Lehrer haben mich dabei immer gefordert, das hat mich motiviert. Ich hatte nie das Gefühl, durch die Blockflöte irgendwie eingeschränkt zu sein. Also: Nein, ich habe niemals ein anderes Blasinstrument ausprobiert.

Was lieben Sie am meisten an der Blockflöte? Ist es der »süße Ton«?

Ja, diese Qualität des »flauto dolce«. Die Blockflöte ist eines der wenigen Blasinstrumente, die sozusagen noch ihre originale Form haben, nahe der Folklore. Jedes Fingerloch hat eine etwas andere Größe, weshalb das Timbre jedes Tons anders ist. Und da ist diese Direktheit im Spiel, weil der Ansatz keine Rolle spielt – das Instrument spricht direkt zum Hörer. Wenn ich Blockflöte spiele, ist es fast, als würde ich singen. Und dann sind da noch die vielen verschiedenen Typen von Blockflöten, jeder mit seiner eigenen Klangfarbe. Als Blockflötistin bin ich eine Multi-Instrumentalistin, weil ich für jeden Instrumententyp den Fingersatz, die Atemtechnik, die Artikulation ändern muss. Für verschiedene Stilperioden benutzen wir ja auch verschiedene Blockflöten. Ich liebe diese Vielgestaltigkeit.

Haben die Niederländer eigentlich eine besondere Vorliebe für die Blockflöte – vielleicht wegen der Barockmusik?

Richtig, die historisch informierte Aufführungspraxis ist zum Teil in den Niederlanden entwickelt worden – und eine der Schlüsselfiguren war dabei der Blockflötist Frans Brüggen. Deshalb gibt es heute eine große Barockszene in den Niederlanden. Aber die meisten Menschen hier haben bei der Blockflöte natürlich dieselben Assoziationen wie die Menschen anderswo auch: Sie gilt eben als ein Schulinstrument. Die Musiker allerdings kennen die reiche Tradition der Blockflöte in den Niederlanden, die zurückgeht auf Frans Brüggen. Seine beiden Schüler Walter van Hauwe und Cees Boeke haben das dann fortentwickelt, sie gründeten die BLOK-Abteilung am Amsterdamer Konservatorium, wo viele bis heute die Blockflöte studieren. Ich war eine Studentin von Walter van Hauwe und stehe damit in direkter Nachfolge von Frans Brüggen. 

Ihr jüngstes Album ist ein Tribut an Frans Brüggen. Haben Sie ihn als Kind noch getroffen?

Nur einmal, und da war er schon schwach und alt. Aber mein Lehrer Walter van Hauwe hat mir viel von ihm erzählt. Walter hat nicht nur bei ihm studiert, sondern auch mit ihm im Ensemble gespielt. Sie waren zusammen auf Tour und gute Freunde. Ich habe Frans Brüggen immer als Vorbild gesehen. Er hat die Blockflöte so populär gemacht, weil er mit seinem Spiel die Menschen berührt hat. Sein Spiel war sehr ausdrucksvoll, ich mag diese Expressivität. Er ist mir auch ein Vorbild darin, dass er so verschiedene Lebensphasen hatte. Er hatte eine Karriere als Blockflötist, dann als Ensembleleiter, dann als Dirigent weltweit.

Wie kam es überhaupt zum »Frans Brüggen Project«?

Am Anfang stand die Begegnung mit Frans Brüggens Sammlung von historischen Blockflöten. Durch Walter van Hauwe bekam ich die außerordentliche Gelegenheit, diese Instrumente spielen zu dürfen. Und dabei hatte ich einen Moment der Erleuchtung: Wow, das also ist die Blockflöte! Es ist nämlich eine ganz besondere körperliche Erfahrung, diese historischen Instrumente zu spielen – schwer zu beschreiben. Sie haben alle diese Verletzlichkeit, diese Direktheit und Klangschönheit. Aber sie sind nicht laut, und das Holz ist mit der Zeit auch ausgetrocknet. Man kann diese Blockflöten nicht in einem normalen Konzert einsetzen, sie sind zu zerbrechlich und müssen geschützt werden. Deshalb entstand bei mir die Idee, sie stattdessen auf einem Album zu präsentieren. Mit einem hochwertigen Mikrofon kann man diese wunderschönen Klänge einfangen. Aber es waren lange Diskussionen nötig mit Brüggens Witwe, die über diese Instrumente wacht. 

Welches Stück auf dem Album ist Ihnen besonders wichtig?

Da gibt es tatsächlich ein Stück. Es war das erste, das ich mit dem Orchestra of the Eighteenth Century aufgenommen habe, dem Ensemble, das Frans Brüggen gegründet hat. Viele im Ensemble kannten ihn noch und haben noch mit ihm gearbeitet. Ich kam also in die Kirche, um mit ihnen das erste Stück aufzunehmen, das Adagio von Marcello. Ich wählte eine langsame Version mit viel Ornamentik, die den reichen, warmen Klang des Instruments entfalten sollte. Es war eine Altblockflöte von Jan Steenbergen – und es gab sofort eine Reaktion von einigen Ensemblemitgliedern. Sie hatten Tränen in den Augen, weil der Klang dieses Instruments sie an Frans Brüggen und die Vergangenheit erinnerte. Dass sie vom Klang so berührt waren, zeigt die Macht, die die Blockflöte hat. Ich habe alle Stücke passend zum Klang der Instrumente ausgesucht. Jedes Instrument hat seine eigene Persönlichkeit. Es ist, wie wenn man eine Person kennenlernt.

Blockflöte
Foto: Simon Fowler
Auf dem Vorgängeralbum »Origins« haben Sie mal das Barock-Repertoire verlassen – mit modernen Kompositionen, auch Jazz und Folklore…

Es gibt speziell in der Barockmusik viele Folk-Elemente – das machte dieses Projekt für mich so interessant. Zwischen Folklore und der Blockflöte besteht eine natürliche Verbindung – wegen der nichttemperierten Natur des Instruments. Die Blockflöte wurde ja nie modifiziert, um sie dem modernen Orchester anzupassen. Sie ist eigentlich für Volksmusik gemacht. Praktisch in jedem traditionellen Stil weltweit gibt es ein Instrument, das der Blockflöte ähnelt. Das Projekt »Origins« hat meine Persönlichkeit als Künstlerin enorm bereichert, schon durchs Erlernen dieser verschiedenen Stilistiken, von denen ich nie dachte, ich könnte sie auf der Blockflöte spielen – etwa Tangomusik von Piazzolla. Motiviert war ich dabei durch meine Mitmusiker, die jeweils auf einen der Stile spezialisiert sind, so wie Carel Kraayenhof am Bandoneon. Ich habe mit ihm vorher stundenlang darüber geredet, was Piazzolla zu Piazzolla macht.

Die Blockflöte leidet noch immer unter dem Ruf, ein Kinder- und Amateur-Instrument zu sein. Werden Sie daran etwas ändern?

Das Image der Blockflöte hat sich bereits verbessert – das zumindest ist mein Eindruck. Viele Menschen kommen nach dem Konzert zu mir, viele sehen auch meine Videos auf YouTube. Sie sagen: Du hast mir gezeigt, was an der Blockflöte möglich ist. Ich sehe mich allerdings nicht in der Verantwortung, das schlechte Image zu korrigieren. Ich würde da eher an die Musikerziehung denken, die leider in vielen Ländern immer mehr verschwindet – und das ist eine Entwicklung, die mir wirklich Sorgen macht. Andererseits müssen wir lernen, die Kinder selbst über ihr Instrument entscheiden zu lassen. Oft zeigen Kinder eine große Begeisterung für die Blockflöte – das sehe ich in meinen Meisterklassen. Aber ihre Eltern sagen: Du solltest lieber ein seriöseres Instrument erlernen. Die Erwachsenen sollten sich da mal fortbilden und nicht ihre Vorurteile weitergeben. Es gibt eine ganze Generation von jungen Blockflötistinnen und Blockflötisten, die mindestens so viel Leidenschaft mitbringen wie ich selbst. Ich sehe das als hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft.

Aktuelle Alben von Lucie Horsch 

  • The Frans Brüggen Project (Decca, 2023): Werke von Bach, Corelli, F. Couperin, Händel, Telemann u.a.; Mit: Orchestra of the Eighteenth Century; Lucie Horsch spielt auf 15 historischen Blockflöten.
  • Origins (Decca, 2022): Werke von Bartók, Strawinski, Piazzolla, Parker u.a.; Mit: Fuse, Ludwig Orchestra, Carel Kraayenhof (Bandoneon), Dani Luca (Cimbalom), Sean Shibe (Gitarre), Bao Sissoko (Kora)

luciehorsch.com

Blockflöte
Foto: Kaupo Kikkas