Manfred-Andreas Lipp ist Dirigent, Pädagoge, Netzwerker, Visionär und unermüdlicher Motor der Blasmusik weit über die Region hinaus. Generationen von Musikerinnen und Musikern hat er geprägt, gefördert und gefordert, Orchester aufgebaut, Karrieren begleitet und musikalische Maßstäbe gesetzt. Dabei ist er nie stehen geblieben: offen für Neues, kompromisslos in der Qualität und leidenschaftlich im Tun.
Im Gespräch mit Klaus Härtel blickt Manfred-Andreas Lipp mit Witz, Klarheit und Tiefgang auf sein musikalisches Leben zurück – von den ersten Klarinettentönen bis zu internationalen Projekten, von der Jugendarbeit bis zur großen Bühne. Ein Interview über Disziplin und Begeisterung, über Denken und Klang – und über die Frage, warum Musik am Ende doch immer das Anständigste war.
Herr Lipp, Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt gedacht: »Hätte ich doch mal etwas Anständiges gelernt!«?
Nach der Schulzeit und am Ende meiner Schriftsetzer Lehre hatte ich beruflich kein gutes Gefühl. Ich machte zusätzlich mit meiner Band »Alpenecho« erfolgreich Musik und das war eine gute Abwechslung und große Bereicherung. Später erwarb ich eine Druckerei, die ich rechtzeitig wieder verkauft habe, bevor wegen der Entwicklung im grafischen Gewerbe alles wertlos geworden wäre. Dann habe ich etwas Anständiges gelernt und gemacht: Musik!
Sie haben unzählige Jugendkapellen, Orchester und Ensembles gegründet, aufgebaut und dirigiert. Gibt es eigentlich irgendwo im Bezirk einen Musiker, den Sie nicht ausgebildet haben?
Sicherlich habe ich sehr viele, sehr gute, erfolgreiche Schülerinnen und Schüler ausgebildet und manche Orchester geleitet, aber leider war das fleißige Üben und die anstrengende, fordernde Probenarbeit nicht für alle geeignet. Noch heute sind meine Erfolge für manche Musiker, Vereine und Neider lästig.
Ihre drei Söhne sind alle Profimusiker geworden. War das ein streng geheimes Familienprojekt – oder haben die Jungs einfach zu viel geübt, um etwas anderes machen zu können?
Meine Söhne hatten während der Kindheit und in der Jugend viele Interessen, überregionale Erfolge und gute Leistungen in den Schulen. Ich denke, meine Liebe, die Wertschätzung und Begeisterung für inspirierte Musik aus Klassik und Jazz, tolle Konzerte und fähige Künstler waren ansteckend. Markus, Johannes und Andreas haben mich immer unterstützt, beraten, begeistert und konstruktiv kritisiert. Auch meine Frau musiziert seit Jahrzehnten leidenschaftlich auf dem Hackbrett und hat an den Entscheidungen der Söhne großen Anteil.
Sie sind seit 60 Jahren musikalisch aktiv. Erinnern Sie sich noch an den ersten Ton, den Sie auf der Klarinette gespielt haben – und war er tatsächlich ein Ton oder eher ein akustischer Warnhinweis?
Mein erster Ton auf der Klarinette war ein voller Erfolg, weil mir ein erfahrener Musiker aus der Blaskapelle sehr gute Vorbereitung und fachliche Anleitung gegeben hatte. So gelang mir spontan eine passable G-Dur-Tonleiter von g1 bis g. Das hat mich voll motiviert, denn dieser Musiker konnte auch schöne Melodien auswendig vorspielen.
Was ist für Sie einfacher: Ein Blasorchester durch die Höchststufe zu dirigieren – oder den Familienurlaub zu organisieren?
Es sind beides sehr bereichernde Aufgaben, die im jeweiligen Lebensabschnitt unterschiedliche Prioritäten setzen und für mich optimal passen. Früher bevorzugte ich das Dirigieren, genoss die Erfolge und inzwischen liebe ich das Reisen und den Urlaub.
Sie sind selbst sportlich aktiv: Jogging, Schwimmen, Wandern, Fitness. Stimmt es, dass Sie das alles nur machen, damit Ihnen beim Dirigieren nicht der Taktstock aus der Hand fällt?
Der Sport hat für mich nicht so viel mit dem Dirigieren zu tun, sondern mit der geistigen und körperlichen Gesundheit. Das Leben in der Natur, die Geräusche und die Stille liebe ich sehr denn »Die Welt ist Klang« (Nada Brahma). Nach dem Sport bin ich besonders entspannt und sehr glücklich.
Ihr Motto lautet »Cogito ergo sum«. Wie oft haben Sie sich beim Proben gedacht: »Ich denke, also bin ich – aber warum denken die anderen gerade nicht mit?«
Es kam nie vor, dass ich unvorbereitet in eine Probe ging. Das gilt auch für die Musiker, die durch eigenes Üben, Unterrichte und Registerproben bei Bedarf gut vorbereitet waren. Meine engagierte Probenarbeit und das Risiko, Ansagen sowie Orchesterpassagen zu verpassen und einzeln vorspielen zu müssen war der beste Schutz gegen Ablenkung.
Sie haben mit zahlreichen Komponisten gearbeitet. Haben Sie jemals eine Notation gesehen, bei der Sie dachten: »Was hat sich der Künstler denn dabei gedacht?«
Es handelte sich bei den Komponisten um herausragende, fähige Künstler und das Problem lag meistens bei mir. Alle waren bereit, bei Fragen zu helfen, Vorschläge zu überdenken und weniger gute Passagen anzupassen. Das war immer ganz konstruktiv und wunderbar zu erfahren. Viele Musiker und manche Funktionsträger waren für meine innovativen Projekte nicht zu begeistern und konnten sich dabei mit ihren Bewertungen leider nicht wirklich qualifizieren und profilieren.
Blicken Sie auf Ihre 60 Jahre Musik zurück: Welche drei Dinge haben Sie häufiger gesagt als: »Von vorne!« – »Nicht so schnell!« – oder »Wer hat mein Metronom versteckt?«
Alle drei Dinge waren im entsprechenden Moment wichtig, wobei »Nicht so schnell« besonders am Beginn neuer Werke sehr hilfreich war. Das Metronom war ebenfalls wichtig, um eine authentische Vorbereitung zu unterstützen, dann wäre es besser gewesen, wenn es jemand versteckt hätte.
Und welche drei Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Gesundheit, Gesundheit und Gesundheit.

Manfred-Andreas Lipp
Manfred-Andreas Lipp ist Dirigent, Musikpädagoge und Autor. Seine musikalische Laufbahn begann 1966 mit Klarinettenunterricht. Seit 1977 prägte er über mehr als vier Jahrzehnte die Stadtkapelle und Musikschule Wertingen als Dirigent, musikalischer Leiter und Musikschulleiter.
Unter seiner Leitung erzielten Orchester und Ensembles nationale und internationale Erfolge; zahlreiche seiner Schülerinnen und Schüler wurden Preisträger bei Wettbewerben bis hin zu »Jugend musiziert« auf Bundesebene.
Lipp arbeitete mit renommierten Komponisten und Künstlern zusammen, produzierte zahlreiche Rundfunk- und Fernsehaufnahmen und engagierte sich in führenden Funktionen im Allgäu-Schwäbischen Musikbund und im Bayerischen Musikbund.
Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. 2018 veröffentlichte er seine Autobiografie »Leben mit Musik«. Bis heute ist er als Musiker, Lehrer, Autor und Berater aktiv.


