Brass | Von Klaus Härtel

Matthias Höfs im Gespräch

Matthias Höfs im Gespräch
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Foto: Andras Mihaly

„Es geht nie um bloße Virtuosität, sondern um die Begegnung“: Matthias Höfs im Gespräch über unkonventionelle Doppelkonzerte, Erfindergeist im Instrumentenbau und die verbindende Kraft der Musik.

    Herr Höfs, wir erreichen Sie gerade in München. Sie waren beim Bayerischen Rundfunk für ein ganz besonderes Projekt engagiert. Worum ging es da genau?

    Matthias Höfs: Ich war im vergangenen Jahr Artist in Residence beim BR-Rundfunkorchester. Nun beendet der Chefdirigent Ivan Repušić seine neunjährige Amtszeit. Er hatte die wunderbare Idee, sämtliche Solisten, die in dieser Zeit Artist in Residence waren, für ein gemeinsames Konzert im Prinzregententheater zusammenzubringen. Das sind neun Solistinnen und Solisten – darunter Emmanuel Pahud, Radovan Vlatković und viele alte Freunde. Ein unheimlich buntes und hochkarätiges Programm mit Orchester und BR-Chor.

    Wenn sich so viele hochkarätige Solistinnen und Solisten nach den Proben abends treffen, spricht man dann eigentlich nur über Musik?

    Matthias Höfs: Über alles! Die Schlagzeuggruppe hatte als Überraschungsgast sogar meinen Bruder engagiert, der Schlagzeuger an der Stuttgarter Oper ist. Ich wusste von gar nichts und lief ihm plötzlich im Sender über den Weg. Zudem habe ich Radovan Vlatković wieder getroffen, mit dem ich 1984 das erste Konzert bei German Brass gespielt habe. Wir hatten uns seit vielen Jahren nicht mehr gesehen oder gemeinsam auf der Bühne gestanden. Wenn man sich dann abends zusammensetzt, gibt es unendlich viele Themen – menschlich wie musikalisch.

    Das passt genau zu Ihrer aktuellen CD. Im Pressetext heißt es, Sie suchen nie nach bloßer Virtuosität, sondern stets nach Dialog und Begegnung. Was bedeutet das für Ihre Arbeit an diesem Album?

    Matthias Höfs: Für mich ist Musik überhaupt der Anlass, um mit Menschen zu kommunizieren, mit Freunden zusammen zu sein, etwas gemeinsam zu entwickeln und einer gemeinsamen Idee zu folgen. Die Musik ist dafür ein wunderbares Mittel. Speziell bei dieser CD ging es um Doppelkonzerte mit Instrumentenkombinationen, die nicht alltäglich sind. Das Treffen mit Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne oder im Studio ist immer auch eine menschliche Begegnung, bei der das Miteinander im Vordergrund steht – nicht das Vorführen sportlicher Höchstleistungen auf dem Instrument.

    Ein zentrales Werk der CD ist das Doppelkonzert von Fazıl Say mit Orgel und Trompete. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Kombination?

    Matthias Höfs: Die Ausgangsidee war: In den großen Konzertsälen weltweit stehen fantastische Orgeln, die oft sehr viel Geld gekostet haben, aber kaum genutzt werden. Oft spielen sie nur in einer Mahler-Symphonie kurz mit oder erzeugen ein tiefes C bei „Also sprach Zarathustra“. Diese Instrumente haben außerhalb von Kirchen kaum Präsenz. Da ich seit vielen Jahren mit dem Organisten Christian Schmitt musiziere, wollten wir versuchen, durch ein Doppelkonzert für Trompete und Orgel im Konzertsaal ein neues Publikum zu erschließen. Als Komponisten schlug ich Fazıl Say vor, weil er als Pianist von der Taste kommt, meisterhaft für Orchester komponieren kann und nicht für sakrale, sondern eher für folkloristische und perkussive Musik steht.

    Wie lief der Entstehungsprozess ab? Fazıl Say ist ja kein Trompeter…

    Matthias Höfs: Genau. Das Treffen kam über einen herrlichen Zufall zustande: Meine Frau spielt Flöte bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, wo Martin Grubinger und Fazıl Say auftraten. Wir kamen ins Gespräch, vertieften das Projekt später in Hamburg, und während Corona hatte Fazıl dann die Zeit dafür. Ich hatte ihm vorab viele Beispiele aus der „Trickkiste“ der Trompete aufgenommen und geschickt. Er war jedoch so in seinem eigenen Kompositionsfluss, dass er zunächst eine Partitur lieferte, die diese Details gar nicht berücksichtigte. Er sagte mir dann schlicht: „Ich vertraue dir den Trompetenpart an. Du kennst dein Instrument und weißt, was man daraus machen kann.“ Ich habe das Material dann so umgesetzt, dass eine sehr anspruchsvolle Partie daraus entstanden ist. Zudem hat uns der türkische Perkussionist Mustafa Aykut Köselerli unterstützt, was das Werk unglaublich bereichert hat. Als Fazıl das fertige Masterband hörte, war er begeistert.

    Ein weiteres Doppelkonzert auf der CD stammt von Wolf Kerschek. Hier spielen Sie gemeinsam mit Ihrem Sohn Tillmann, der Hornist ist. Wie unterscheidet sich die Arbeit mit dem eigenen Sohn von anderen Kooperationen?

    Matthias Höfs: Mit dem eigenen Sohn herrscht natürlich ein blindes Verständnis und ein tiefes Vertrauensverhältnis. Das Schöne ist: Während der Probe oder auf der Bühne begegnet man sich vollkommen auf Augenhöhe. Da gibt es keine Vater-Sohn-Hierarchie, sondern es zählt rein das künstlerische Ergebnis. Diese Begegnung auf Augenhöhe liebe ich an der Musik generell. Als ich mit 18 Jahren meine Solostelle in Hamburg angetreten habe, saßen im Orchester Kollegen, die meine Väter oder Großväter hätten sein können. Die Musik ermöglicht es, Altersunterschiede und Hierarchien komplett aufzuheben. Das würde man sich manchmal auch in der Politik wünschen.

    Bei der Aufzeichnung des Werks von Wolf Kerschek kam auch ein ganz besonderes Instrument zum Einsatz: eine sogenannte „Double Bell Trumpet“. Was hat es damit auf sich?

    Matthias Höfs: Die Idee geht zurück auf das historische Echokornett von vor etwa 150 Jahren, das ein zweites Schallstück besaß. Zusammen mit meinem Instrumentenbauer der Firma Thein in Bremen haben wir dieses Prinzip weiterentwickelt. Unsere Trompete hat zwei Schallbecher, die man um 180 Grad drehen, mit unterschiedlichen Dämpfern bestücken oder in der Intonation so verändern kann, dass man mit sich selbst vierteltonmäßig zusammenspielen kann. Über ein Ventil schaltet man blitzschnell zwischen den Bechern um – ganz analog zur Stopftechnik beim Waldhorn. Zudem habe ich das Diskanthorn gespielt, um mich dem Hornklang zu nähern, anzupassen und den Tonumfang des Horns nach oben hin zu erweitern. Wolf Kerschek kennt meine Werkstatt genau und hat diese klanglichen Möglichkeiten genial in die Komposition eingefügt.

    Sie erwähnen die Firma Thein. Woher kommt diese tief verwurzelte Leidenschaft für den Instrumentenbau?

    Matthias Höfs: Das hat mich schon als Kind in Lübeck fasziniert: Wie eine Trompete glänzt, wie sie gebaut ist und welche Details es gibt. Als ich in den 1980er-Jahren die Firma Thein kennengelernt habe, traf ich auf Menschen, die unheimlich offen für neue Ideen waren und nicht nur Standardmodelle reproduzierten. Ich gehe oft dorthin und sage: „Ich möchte klanglich etwas Bestimmtes ausdrücken, habe aber noch kein Werkzeug dafür.“ Dann experimentieren wir, bauen Prototypen und setzen manchmal Regeln außer Kraft. Ähnlich tausche ich mich auch mit anderen Experten aus, etwa mit Peter Bökel in Basel, der mit modernsten Computermessmethoden Mundstücke analysiert und entwickelt.

    Wenn Sie jungen Nachwuchsmusikern einen Rat geben müssten: Wie bewahrt man sich diesen Pioniergeist über Jahrzehnte hinweg?

    Matthias Höfs: Ich würde es gar nicht Pioniergeist nennen, sondern schlicht Leidenschaft. Es geht darum, Menschen auf der Gefühlsebene zu berühren – egal ob mit virtuosen oder ganz schlichten Tönen. Ich sage meinen Studierenden immer: Wenn ihr ein Instrument studiert, nur um Applaus zu bekommen oder um viel Geld zu verdienen, seid ihr im falschen Beruf. Ihr müsst damit glücklich sein, für euch selbst in einer Tiefgarage oder im Parkhaus zu spielen. Wenn euch das erfüllt, habt ihr den richtigen Weg gewählt.

    Kann Musik in diesem Sinne auch die Gesellschaft verändern?

    Matthias Höfs: In jedem Fall. Wir wissen aus der Wissenschaft, welchen Einfluss Musik auf den menschlichen Körper hat. Wenn es uns gelingt, Kinder jeglicher Herkunft und sozialen Schicht an Musik heranzuführen, leistet das unschätzbare Dienste. Ob in einem Schweizer Elite-Internat in Genf, wo jedes Kind ein Instrument lernen muss, oder im venezolanischen El-Sistema-Projekt, das Kinder von der Straße holt: Musik schafft Verbindung und versetzt Menschen in Gemütszustände, die das Miteinander stärken.

    Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Welche Projekte stehen als Nächstes bei Ihnen an?

    Matthias Höfs: Nach unseren Kinderkonzerten im Prinzregententheater, bei denen wir unter anderem den Aida-Triumphmarsch mit zwölf Aida-Trompeten aufgeführt haben, arbeite ich nun mit einer Kinderbuchautorin an einem musikalischen Märchen rund um die Trompete. Es soll als Hörbuch erscheinen und mit Orchester auf die Bühne gebracht werden. Ziel ist es, Kindern die Vielfalt unseres Instruments auf spielerische Weise nahezubringen und vielleicht auch andere Musiker zu inspirieren, Ähnliches für ihr Instrument zu tun. Denn Musikpädagogik und Vermittlung haben für mich oberste Priorität.

    Höfs

    kurz&knapp

    Mit sechs Jahren erklärt Matthias Höfs die Trompete zu »seinem Instrument, weil sie so schön glänzt«. Seine Ausbildung erhält er bei Prof. Peter Kallensee an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und Prof. Konradin Groth an der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker. Gerade 18jährig wird er Solotrompeter des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Höfs wird zur gleichen Zeit Mitglied des Ensembles GERMAN BRASS. Seit dem ersten Konzert des Ensembles 1985 schreibt er sich und seinen Kollegen Arrangements »auf den Leib«, die innovativ, nachhaltig und genreübergreifend die Brasswelt inspirieren.

    Mit musikalischem Pioniergeist erweitert Matthias Höfs kontinuierlich den Horizont seines Instruments – sei es durch die Zusammenarbeit mit Komponisten oder durch die Kooperation mit den Instrumentenbauern Max und Heinrich Thein. Die Leidenschaft für sein Instrument vermittelt Matthias Höfs auch seinen Studenten, die er seit 2000 als Professor an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg unterrichtet.

    matthiashoefs.de