Brass | Von Klaus Härtel

Matthias Höfs und sein grenzenloses Musizieren

Matthias Höfs und sein grenzenloses Musizieren
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Foto: Andras Mihaly

Wenn Matthias Höfs von seinem Instrument erzählt, geht es selten allein um Töne, Noten oder technische Perfektion. Wer dem Hamburger Trompetenprofessor zuhört, spürt sofort eine tiefe Begeisterung, die weit über das Musizieren auf der klassischen Konzertbühne hinausreicht. Es ist die Faszination für das Werkzeug selbst, für die Menschen dahinter und für die emotionale Botschaft, die mit jedem Ton transportiert wird. Matthias Höfs kennt keine Grenzen zwischen Genres, Generationen und Instrumenten.

Wie stark dieses Bedürfnis nach menschlicher und musikalischer Verbindung sein Handeln prägt, zeigte sich kürzlich in München. Als ehemaliger Artist in Residence des BR-Rundfunkorchesters folgte Höfs dem Ruf des scheidenden Chefdirigenten Ivan Repušić, um gemeinsam mit acht weiteren hochkarätigen Solisten – darunter Flötist Emmanuel Pahud und Hornist Radovan Vlatković – ein buntes Abschiedskonzert zu gestalten. Ein Wiedersehen voller Anekdoten: Höfs traf nicht nur Vlatković wieder, mit dem er 1984 das erste gemeinsame Konzert bei German Brass gespielt hatte, sondern wurde im Orchester überraschend von seinem eigenen Bruder am Schlagzeug empfangen. Begegnungen dieser Art sind es, die Höfs als eigentlichen Treibstoff seiner Arbeit versteht.

Die Orgel aus dem Sakralraum holen

Dieser Geist der Begegnung durchzieht auch sein aktuelles Album, das ganz im Zeichen unkonventioneller Doppelkonzerte steht. »Für mich ist Musik der Anlass, um mit Freunden gemeinsam etwas zu entwickeln und einem Statement zu folgen«, betont der Trompeter. Eine besondere Entdeckungsreise bietet dabei das Doppelkonzert des türkischen Komponisten und Pianisten Fazıl Say.

Die Ausgangsidee entstand aus einer Beobachtung in den Konzerthäusern dieser Welt: »In den großen Sälen stehen oft gigantische Orgeln für Millionenbeträge, die aber nur punktuell eingesetzt werden – etwa für ein tiefes C in ›Also sprach Zarathustra‹ oder in einer Mahler-Symphonie«, erklärt Höfs. Gemeinsam mit dem Organisten Christian Schmitt reifte der Entschluss, die Orgel aus dem rein kirchenmusikalischen Kontext herauszuholen und dem Konzertsaalpublikum in Kombination mit der Trompete völlig neu zu präsentieren.

Für die Komposition gewann Höfs Fazıl Say, der für seine ausdrucksstarken, perkussiven und von ethnischer Folklore geprägten Werke bekannt ist. Die Vorbereitung glich einer kreativen Werkstatt: Höfs lieferte Aufnahmen mit Spezialtechniken aus der Trompeten-»Trickkiste«, formte Says ausnotierte Partitur instrumentengerecht um und holte mit dem Perkussionisten Mustafa Aykut Köselerli traditionelle türkische Schlagwerk-Farben ins Boot. Das Ergebnis feierte im BR-Studio Premiere und überzeugte den Komponisten beim ersten Hören des Masterbands auf ganzer Linie.

Vater und Sohn auf musikalischer Augenhöhe

Einen tief persönlichen Charakter trägt das zweite Doppelkonzert der CD, geschrieben von Wolf Kerschek. Hier steht Höfs gemeinsam mit seinem Sohn Tillmann auf der Bühne, der als Hornist agiert. »Mit dem eigenen Sohn herrscht ein blindes Verständnis«, so Höfs. Bei der Probe und auf der Bühne gebe es keine familiären Hierarchien: »Man begegnet sich rein als Musiker auf Augenhöhe. Das schätze ich am Musizieren überhaupt: Weder Alter noch Rangordnung zählen, sondern einzig das gemeinsam kreierte Endergebnis.«

Auch bezüglich der Instrumente beschritten Höfs und Kerschek neue Pfade. Höfs setzte eine »Double Bell Trumpet« ein – eine moderne Interpretation des historischen Echokornetts aus dem 19. Jahrhundert. Das Instrument verfügt über zwei um 180 Grad drehbare Schallbecher, die per Ventil umgeschaltet werden können. So lassen sich blitzschnell Dämpfer wechseln oder Viertelton-Effekte erzeugen, was eine klangliche Analogie zur Stopftechnik des Waldhorns schafft. »Zudem habe ich das Diskanthorn gespielt, um mich dem Hornklang zu nähern, anzupassen und den Tonumfang des Hornes nach oben hin zu erweitern.«

Tüftlergeist und die Absage an den Kommerz

Die Leidenschaft für den Instrumentenbau begleitet Höfs seit seiner Kindheit in Lübeck, wo er fasziniert den lokalen Handwerkern über die Schulter schaute. Die jahrzehntelange Kooperation mit der Bremer Manufaktur Thein basiert auf dem gemeinsamen Wunsch, abseits der Serienfertigung individuelle Klangwerkzeuge zu schaffen. Höfs scheut sich nicht, auch Fachleute anderer Disziplinen einzubinden – wie den Trompeter und IT-Spezialisten Peter Bökel in Basel, der Mundstücke mittels modernster Computer-Messtechnik analysiert.

Bei aller Innovation warnt Höfs jedoch vor einer Veräußerlichung des Kulturbetriebs. Die Vermarktung dränge Künstler oft in den Mainstream oder verlange nach reinen Äußerlichkeiten. »Wer das Instrument studiert, um Applaus zu bekommen oder viel Geld zu verdienen, ist im falschen Beruf«, stellt der Pädagoge klar. Wahre Leidenschaft zeige sich darin, auch für sich alleine in einer Tiefgarage glücklich musizieren zu können.

Soziale Verantwortung und Zukunftsprojekte

Dass Musik soziale Grenzen überwinden kann, hat Höfs weltweit erlebt. »Ob in einem Schweizer Elite-Internat in Genf, wo jedes Kind ein Instrument lernen muss, oder im venezolanischen El-Sistema-Projekt, das Kinder von der Straße holt: Musik schafft Verbindung und versetzt Menschen in Gemütszustände, die das Miteinander stärken.« Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen musizieren, entstehe ein Gemeinschaftsgefühl, das der gesamten Gesellschaft nütze.

Diesen Vermittlungsgedanken führt Höfs nun in einem neuen Großprojekt fort: Gemeinsam mit einer Kinderbuchautorin entwickelt er ein musikalisches Märchen rund um die Trompete. Das Projekt soll als Hörbuch sowie als Orchesterkonzert aufgeführt werden und Kindern spielerisch die enorme Bandbreite des Instruments nahebringen – vom Barock bis zum Jazz. Es ist der beste Beweis dafür, dass Matthias Höfs´ Faszination für das Instrument und die Menschen dahinter auch im jüngsten Lebensabschnitt ungestillt bleibt.

Unter www.brawoo.de/matthias-hoefs-im-gespraech/ finden Sie in ausführliches Interview: Matthias Höfs im Gespräch über unkonventionelle Doppelkonzerte, Erfindergeist im Instrumentenbau und die verbindende Kraft der Musik.

Höfs

kurz&knapp

Mit sechs Jahren erklärt Matthias Höfs die Trompete zu »seinem Instrument, weil sie so schön glänzt«. Seine Ausbildung erhält er bei Prof. Peter Kallensee an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und Prof. Konradin Groth an der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker. Gerade 18jährig wird er Solotrompeter des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Höfs wird zur gleichen Zeit Mitglied des Ensembles GERMAN BRASS. Seit dem ersten Konzert des Ensembles 1985 schreibt er sich und seinen Kollegen Arrangements »auf den Leib«, die innovativ, nachhaltig und genreübergreifend die Brasswelt inspirieren.

Mit musikalischem Pioniergeist erweitert Matthias Höfs kontinuierlich den Horizont seines Instruments – sei es durch die Zusammenarbeit mit Komponisten oder durch die Kooperation mit den Instrumentenbauern Max und Heinrich Thein. Die Leidenschaft für sein Instrument vermittelt Matthias Höfs auch seinen Studenten, die er seit 2000 als Professor an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg unterrichtet.

matthiashoefs.de