Tränen schossen ihr in die Augen, während sie sagte: »Es macht mir einfach nicht mehr so viel Spaß. Ich spüre so einen Druck, Leistungsdruck. Ich möchte einfach nur wieder Spaß haben.« In Klaras Orchester hatte vor ein paar Monaten der Dirigent gewechselt. Die Stücke waren schwerer, das Niveau höher. Sie hatte fleißig ihre Stimme geübt und jetzt, kurz vor dem Konzert, war sie verzweifelt. Wie sollte sie das schaffen? Noch schlimmer fand sie aber, dass sie keine Freude mehr an der Musik hatte. Der Druck hatte Überhand genommen und ihr Hobby war nicht mehr der Ausgleich, der es früher einmal war.
Wie ist es bei dir? Willst du auch unbedingt Fortschritte sehen, schnell vorankommen? Wer will das nicht, oder? Schließlich ist Fortschritt sehr entscheidend für die eigene Motivation und Stimmung beim Üben.
Doch zu viel innerer Druck kann das Gegenteil bewirken. Dann kippt die Stimmung. Die Muskeln spannen sich an, die Atmung wird flacher und du beginnst, dich selbst härter zu bewerten. Du willst kontrollieren und kannst dich nur schwer auf den Prozess einlassen. Gefühle wie Angst, Überforderung oder Hoffnungslosigkeit können sich einstellen. Schneller als du dich versiehst, macht dir das Üben so gar keine Freude mehr.
Warum Leistungsdruck dich beim Üben schlechter macht
Mentaler Druck wirkt sich direkt auf deinen Körper aus. Verspannte Muskeln machen die feinmotorischen Bewegungen schwerfällig, die Atmung stockt, der Klang wird härter.
Studien zeigen, dass zu viel Druck die Aufmerksamkeit reduziert, Fehlerhäufigkeit erhöht und das Lernen erschwert. In einem entspannten Zustand hingegen ist das Gehirn aufnahmebereiter. Neue Informationen werden besser verarbeitet, gespeichert und abrufbar.
Mit anderen Worten: Gelassenheit hat nichts mit weniger Ehrgeiz oder niedrigerem Anspruch zu tun. Sie ist die Voraussetzung für gutes Üben!
Wie du mehr Gelassenheit beim Üben findest
1. Nutze deine Sinne
Wenn du merkst, dass du dich unter Druck setzt, versuche weniger zu denken und mehr zu fühlen:
- Lausche deinem Klang aufmerksam. Nicht um zu bewerten, sondern um wirklich zu hören.
- Spüre deinen Bewegungen nach. Sind sie fließend möglich? Hältst du irgendwo fest und unterbrichst damit den Bewegungsfluss?
- Achte darauf, was der Klang mit dir macht. Welche Emotionen löst er aus?
So bleibst du im Moment und das kann eine Menge Druck rausnehmen.
2. Neugierig-interessiert üben
Hilfreich ist auch, eine neugierig-interessierte Haltung beim Üben zu kultivieren. Statt zu fragen, ob etwas gut oder schlecht war, frage lieber: „Was ist der Grund, dass das gerade nicht funktioniert?“
3. Setze dir eigene und passende Ziel
Als letzten Punkt ist es wichtig, dass du dir wirklich eigene Ziele setzt. Diese dürfen die Erwartungen deiner Lehrerin oder deines Dirigenten enttäuschen und sollten zu deinem Alltag und deiner verfügbaren Zeit passen. Erst kürzlich meinte eine erwachsene Schülerin zu mir: »Für die Ziele, die ich bisher hatte, müsste ich ein ganz anderes Leben führen. Musik müsste die höchste Priorität haben. Aber ich möchte doch auch für meine Kinder und Enkelkinder da sein. Wenn die mich brauchen, ist das das Wichtigste.« Anschließend formulierte sie ein neues Ziel, das besser zu ihrem Alltag passte, und schon fiel das Üben wieder leichter.
Klingt das alles noch nicht handfest genug? Du musst es mir nicht einfach glauben. Probiere es aus und entscheide selbst, inwiefern diese Strategien für dich hilfreich sind.
Frohes Üben!

Hallo!
Ich bin Melina! Ich habe Klarinette studiert und bin heute als freischaffende Musikerin in Berlin tätig.
Wie kann modernes Üben, üben im 21. Jahrhundert aussehen, in dem so viele Dinge Aufmerksamkeit von uns verlangen? Und wie können wir effektiv üben, also mit kurzen Übesessions besser werden? Wie kann uns das Musizieren als Ort der eigenen Entfaltung, der Entspannung und des Glückes dienen? Und wie bringen wir beides, Fortschritt und Genießen, in den Einklang?
Diesen Fragen gehen wir hier auf den Grund. Dafür erwarten Dich praktisch anwendbare Ideen und Anregungen für Dein eigenes Üben und Musizieren.
Mehr über mich und meine Arbeit erfährst Du hier: www.melinapaetzold.de

