Ein Konzert ist mehr als die bloße Abfolge von Musikstücken. Doch wie schafft man es, das Publikum nicht nur zu unterhalten, sondern es wirklich mitzunehmen? Im Gespräch mit Klaus Härtel erklären die Experten Maria Wunder und Walter Melcher, warum Moderation oft unterschätzt wird, weshalb das »Geburtsdatum-Bingo« ausgedient hat und wie man durch den richtigen Kontext eine Brücke zwischen Bühne und Saal baut.

5 NoGos in der Moderation
- Schlechte Vorbereitung – Moderation sollte genauso sorgfältig geübt werden wie die Musik
- Moderation als Pflichtübung statt als Teil der Performance verstehen
- Ablesen statt freiem Sprechen – gute Moderation lebt von Lebendigkeit und direktem Kontakt mit dem Publikum
- Irrelevante Informationen – nicht alles gehört in eine Moderation; entscheidend ist, ob es das Konzerterlebnis verbessert und Kontext schafft
- Mangelnde Präsenz – fehlende Körpersprache, Unsicherheit oder Desinteresse übertragen sich direkt auf das Publikum
Auf eurer Webseite stehen die Sätze: »Zwischen den Stücken passiert die Magie. Ein Konzert ist mehr als Musik.« Das sind starke Schlagworte. Was genau passiert dort eigentlich und woraus besteht diese Magie?
Walter Melcher: Ich versuche es mal so: Zwischen den Stücken haben wir die Möglichkeit, den Rahmen für das nächste Werk zu schaffen – also Kontext zu geben. Gerade symphonische Blasmusik, die oft ein programmatisches Ziel verfolgt oder eine Geschichte erzählt, braucht diesen Kontext, um wirklich verstanden zu werden. Natürlich kann man Musik auch ohne Erklärung als schön empfinden und Gänsehaut bekommen. Aber diese Wirkung lässt sich enorm verstärken, wenn man den passenden Rahmen setzt.
Ein plakatives Beispiel ist »Noah´s Ark« von Bert Appermont. Da liefert bereits der Titel viel Kontext, weil jeder die Geschichte kennt. Eine Moderation könnte das noch bildlicher ausbauen, aber oft reicht hier schon der Titel. Wenn man den Hintergrund jedoch nicht kennt – was bei vielen neuen, aber auch älteren Kompositionen der Fall ist – bleibt viel auf der Strecke. Nehmen wir Schostakowitsch: Ohne Hintergrundwissen versteht man die Musik oft nicht in ihrer ganzen Tiefe. Genau dort entsteht die Magie.
Ist das vielleicht auch ein Grund, warum Moderation oft unterschätzt wird?
Maria Wunder: Ich glaube, vielen ist nicht klar, dass man aus einem Konzert eine komplette Performance machen kann. Gerade im Orchesterbereich könnte man sich viel von Theater- oder Tanzproduktionen abschauen, wo wirklich alles durchdacht ist. In klassischen Musikvereinskonzerten wird das Potenzial zwischen den Stücken selten genutzt. Man müsste sich bewusst fragen: Was sage ich jetzt? Braucht dieses Stück überhaupt eine Ansage? Wir sind oft frustriert, wenn nach einem Werk nur ein unüberlegtes »Als Nächstes hören Sie…« folgt. Wenn man das Publikum stattdessen 40 Minuten fesselt und mitnimmt, entsteht ein völlig anderes Erlebnis.
Walter Melcher: Da spielen wohl auch fehlender Mut oder Bequemlichkeit eine Rolle. Moderationen laufen oft nach demselben Schema ab. Mein Lieblingsbeispiel ist das »Bereits im Alter von…«-Bingo. Diesen Satz hört man überall. Das Problem ist nicht der Satz selbst, sondern das Muster dahinter: Moderation wird als Pflichtübung gesehen, nicht als Teil der Performance.

Was ist wichtiger: Information oder Emotion? Oder liegt die Kunst gerade in der Verbindung?
Walter Melcher: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Zuerst muss man sich fragen: Was ist der Zweck der Moderation? Wenn der Zweck darin besteht, Kontext zu schaffen, kann eine Information extrem wichtig sein. Denken wir an James Barnes und seine »Third Symphony«, in der es um den tragischen Tod seiner Tochter geht. Diese biografische Information ist entscheidend, um das Werk zu verstehen. Oft werden Lebenslauf und Stückbeschreibung jedoch nur chronologisch heruntererzählt. Wenn das passiert, wurde der eigentliche Gedanke nicht durchdacht.
Maria Wunder: Man muss sich in den neutralen Zuhörer hineinversetzen. Zu oft läuft es nach Schema F: Komponist, Geburtsdatum, Entstehungsjahr, Inhaltsangabe. Bei einem Konzert in Südkorea haben wir beispielsweise nur ein einziges Stück moderiert – das »Brussels Requiem« von Bert Appermont. Dort war es wichtig, den Kontext der Anschläge in Brüssel vom März 2016 zu erklären. Bei den anderen Werken war das schlicht nicht nötig.
Die Wirkung von Präsenz und Handwerk
Woran merkt ihr, dass eine Moderation funktioniert?
Walter Melcher: Zunächst an der Frage: Ist sie Teil der Performance? Langweilt sie oder ist man gar erleichtert, wenn sie vorbei ist? Und dann: Schafft sie Bilder im Kopf? Wenn vor meinem inneren Auge eine Geschichte entsteht und ich das Stück besser verstehe, dann funktioniert es.
Ihr sprecht auch vom »Brückenbauen«. Wie baut man diese Brücke konkret?
Maria Wunder: Die Brücke beginnt schon beim Einstieg und muss über den ganzen Abend gehalten werden. Wichtig ist ein starker Beginn. Man sollte vielleicht mal den Mut haben, nicht zuerst alle Vorstände zu begrüßen, sondern stattdessen gutes Storytelling zu betreiben. Und manchmal funktioniert ein Übergang auch ganz ohne Worte.
Walter Melcher: Der Moderator ist Übersetzer – manchmal sogar der Anwalt des Publikums. Er sorgt dafür, dass Dinge, die auf der Bühne passieren und die das Publikum vielleicht nicht versteht, verständlich werden.
Wie weit darf man gehen? Man hat ja ein mündiges Publikum.
Walter Melcher: Ein mündiges Publikum fühlt sich nicht angegriffen, solange man es nicht für dumm hält. Es geht um Haltung und Rhetorik. Selbst wenn das Publikum die Informationen kennt – wenn sie charmant und klar vermittelt werden, wirkt es trotzdem.
Welche Rolle spielt dabei die Bühnenpräsenz?
Maria Wunder: Eine große. Gerade im Laienbereich braucht man ein Bewusstsein für die eigene Wirkung – Körperhaltung, Stimme, Präsenz. Das ist trainierbar, indem man sich etwa selbst aufnimmt oder vor dem Spiegel übt.
Walter Melcher: Das Wichtigste ist die Entscheidung, präsent sein zu wollen. Viele verstecken sich hinter einem Rednerpult und ihren Karten. Weg mit dem Pult! Weg mit dem ausformulierten Text! Karten sollten nur als Stichwortgeber dienen. Ziel ist eine Resonanz mit dem Publikum – ein organisches Gespräch.
Wie steht ihr zum Thema Humor?
Walter Melcher: Im Zweifel: kein Humor. Humor ist extrem schwer. Wenn er nicht natürlich ist, wirkt er konstruiert.
Maria Wunder: Genau. Wenn man nicht von Natur aus humorvoll ist, sollte man es nicht erzwingen.
Authentizität?
Maria Wunder: Schwieriges Wort. Eigentlich gut gemeint – aber oft missbraucht.
Walter Melcher: Mein Mentor Frank Asmus spricht statt von Authentizität lieber von »Stimmigkeit«: Authentizität plus Zielgruppenbezug. Man darf eine Rolle einnehmen – entscheidend ist, dass sie stimmig ist.
Ein letzter Satz zur Bedeutung von Moderation?
Walter Melcher: Sei dir immer bewusst, warum du moderierst und schaffe Kontext für die Musik.
Maria Wunder: Versetze dich ins Publikum. Überlege, welche Informationen wirklich notwendig sind – und habe den Mut, auch mal weniger zu sagen.
Maria Wunder & Walter Melcher
Maria ist professionelle Musikerin und Schulleiterin. Sie bringt ihre kreative Perspektive und langjährige Erfahrung aus Musikprojekten in ihre Arbeit ein. Als Künstlerin und Führungskraft bewegt sie sich zwischen Bühne und Verantwortung. Ihr Fokus liegt auf Präsenz, Ausdruck und Klarheit – an der Schnittstelle von künstlerischer Arbeit und professioneller Führung.
Walter ist selbstständiger Keynote Coach, Brand Strategist, Moderator und Speaker. Er arbeitet mit Unternehmen an ihrer strategischen Kommunikation – sowohl für die Bühne als auch für Positionierung und Markenkommunikation. In dieser Rolle entwickelt und hält er seit über zehn Jahren Keynotes.


