Benjamin Comparot spielt Horn – und mischt sich ein. Als Gründungsmitglied und Motor des Bläserquintetts OPUS 45 hat er ein Ensemble geformt, das Musik nicht als Flucht aus der Wirklichkeit versteht, sondern als Mittel der politischen Bildung. Gemeinsam mit Schauspieler Roman Knižka verbindet OPUS 45 Kammermusik, Literatur und Zeitgeschichte zu eindringlichen Konzertformaten, die Erinnerungskultur, Demokratie und Widerstand verhandeln. Im Gespräch erzählt Comparot, warum Schweigen keine Option ist, weshalb Kunst nie neutral sein kann – und wie Musik zu einem Erfahrungsraum wird, der verändert.
Sie sind Musiker – und zugleich jemand, der Kunst ausdrücklich politisch versteht. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie beides nicht voneinander trennen wollen?
Ich glaube, der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass Musik und Haltung untrennbar zusammengehören, liegt lange zurück. Ich habe früh erlebt, wie Musik Räume öffnet, in denen Menschen anders zuhören: wacher, verletzlicher, offener. Das ist ein politischer Raum, lange bevor das Wort Politik fällt. Ein entscheidender Punkt ist unsere seit zehn Jahren währende Zusammenarbeit mit Roman Knižka. Seine Stimme verbindet emotionale Tiefe mit analytischer Klarheit und lässt Geschichte unmittelbar erlebbar werden – echtes Kopfkino.
Gab es einen Auslöser, ein Ereignis oder einen Moment, in dem Sie dachten: Jetzt reicht’s – ich muss darauf reagieren?
Ja, diesen Moment gab es mehrfach. Die Produktion unserer Programme zum NS-Widerstand und zur rechten Gewalt in Deutschland – »Den Nazis eine schallende Ohrfeige versetzen!« sowie »Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen…« – fiel in eine Zeit, in der sich rechtsextreme Rhetoriken wieder normalisierten. Pegida, der NSU-Komplex, Halle, Hanau: All das machte es unmöglich, einfach weiter nur Konzerte zu spielen, als sei das alles ein Randphänomen.

Der entscheidende Punkt war, dass wir spürten: Schweigen wäre politisch. Und falsch. Also haben wir als Ensemble reagiert – mit Kunst, die sich nicht wegduckt.
Ein ähnlicher Impuls hat auch unser aktuelles True-Crime-Programm »Es war Mord! – Wahre Verbrechen der Zeitgeschichte« geprägt. Natürlich bedienen wir damit ein Genre, das eine enorme Popularität hat. Die Erzählweise im True-Crime-Format ist eine andere: unmittelbarer, dichter am Geschehen. Aber die inhaltliche Aussage bleibt völlig identisch – wir erzählen von politischer Gewalt und ihren Folgen. Unser Programm führt von der Ermordung des Reichsfinanzministers Matthias Erzberger bis zum Attentat auf die russische Journalistin Anna Politkowskaja. Auch hier wollten wir nicht kommentieren oder bewerten, sondern zeigen, was Gewalt mit Gesellschaften macht – mit eindringlichen Texten und Musik, die die Dramatik dieser historischen Momente hörbar macht. Für uns ist dieses Format zugleich ein spannendes Experiment. Premiere ist Ende Mai 2026.
OPUS 45 ist kein »neutraler« Klangkörper. Welche politische Verantwortung stand am Anfang der Gründung?
Die Verantwortung lag in drei Bereichen:
Erstens, die historische Verantwortung: Als Ensemble, das sich literarisch-musikalisch mit deutscher Geschichte beschäftigt, kann man nicht »neutral2 sein. Wer Texte zu Shoah, NS-Widerstand, Weimarer Republik oder rechter Gewalt rezitiert und musikalisch deutet, bezieht automatisch Stellung.
Zweitens, die ästhetische Verantwortung: Wir arbeiten eng mit unserer Dramaturgin Kathrin Liebhäuser zusammen, die unsere Stoffe mit großer historischer Sorgfalt kuratiert. Diese Genauigkeit verpflichtet: Wenn wir erzählen, dann nicht verkürzt, nicht symbolisch, sondern historisch belastbar.
Drittens, die kollektive Verantwortung: Unsere Musikerinnen und Musiker spielen unter anderem in der Hamburgischen Staatsoper, der Dresdner Philharmonie, im Beethoven Orchester Bonn und in der NDR Radiophilharmonie Hannover. Diese außergewöhnliche Qualität verleiht uns Sichtbarkeit – und mit Sichtbarkeit kommt Verantwortung.
Wir wollten nie ein Ensemble sein, das einfach spielt, was im Konzertmarkt gerade gefragt ist. Wir wollten ein Ensemble sein, das eine Haltung hat – und diese Haltung klanglich und literarisch erfahrbar macht.
Wie politisch darf, soll, muss ein Konzert heute sein?
Ein Konzert darf so politisch sein, wie die Wirklichkeit es verlangt. Wir leben in einer Zeit, in der demokratische Institutionen angegriffen werden, in der antisemitische Übergriffe massiv zunehmen und in der autoritäre Reflexe wieder hoffähig werden. In so einer Gegenwart wäre ein unpolitisches Konzert beinahe ein ästhetischer Luxus, den wir uns manchmal, aber nicht dauerhaft leisten sollten.
Gleichzeitig: Musik ist kein Parteiprogramm. Sie predigt nicht. Wir glauben an die Kraft der Erfahrung. Unsere Konzerte schaffen eine Atmosphäre, in der politische Wirklichkeiten nicht nur verstanden, sondern gefühlt werden.
Wenn Menschen nach »Ich wand‘re durch Theresienstadt« oder »Ich hatte einst ein schönes Vaterland…« tief bewegt dastehen, dann ist das keine politische Meinungsäußerung.
Es ist politische Bildung. Und sie geschieht durch Kunst.

Wie finden Sie die Balance zwischen musikalischer Form und politischer Aussage? Oder wird das Kunstwerk selbst zum politischen Statement?
Wir versuchen nicht, Musik politisch zu »illustrieren«. Die Musik trägt die gleiche Würde wie der Text. Sie kommentiert nicht nur, sie widerspricht, vertieft oder eröffnet Räume, die Worte allein nicht öffnen können. Sie ist nie bloßes Beiwerk, sondern eine autonome Stimme.
Ein Beispiel: In »Deutschland, siehst du das nicht?« spielen wir Musik von Eisler, Schulhoff oder Françaix, die die Zerrissenheit der Weimarer Republik hörbar macht. Diese Musik ist politisches Statement – im Sinne einer historischen Erfahrung, die sie transportiert.
Wie viel Mut muss man heute aufbringen, um Programme gegen Rechtsextremismus, gegen Geschichtsvergessenheit oder gegen autoritäre Tendenzen zu machen?
Man braucht Mut – aber nicht in heroischem Sinne. Vielmehr die Bereitschaft, Angriffe, Kommentare oder Anfeindungen auszuhalten und trotzdem weiterzumachen. Wir erhalten regelmäßig Zuschriften von Menschen, die uns vorwerfen, »zu politisch« zu sein. Aber ganz ehrlich: Wenn man Programme zu Shoah, rechter Gewalt oder demokratischer Erosion macht und niemand beschwert sich – dann hätte man etwas falsch gemacht.
Zum Glück stehen wir als Ensemble nicht alleine: Wir arbeiten mit starken Partnern in der politischen Bildung, mit Stiftungen, Schulen, Städten und Gemeinden. Dieser Rückhalt macht viel möglich.
Aber es gab Anfeindungen, Widerstände oder Versuche, solche Programme zu verhindern?
Ja, und zwar in ganz verschiedener Form. Es gibt Kommunen, die in Zeiten politischer Polarisierung sehr zurückhaltend werden, wenn ein Programm ausdrücklich Rechtsextremismus thematisiert.
Und es gibt Einzelne, die in sozialen Netzwerken hetzen, wenn wir etwa über den Jahrestag eines rechtsextremen Anschlags posten. Aber es gab auch Versuche, Veranstaltungen »abzumildern« – sie neutraler zu machen, ihnen den historischen Fokus zu nehmen. Wir lehnen das ab. Wer Erinnerung verwässert, macht sie unwirksam.
Sie könnten einfach »nur« Horn spielen. Stattdessen stellen Sie sich öffentlich gegen rechte Gewalt und Antisemitismus. Gibt es Momente, in denen Sie denken: Eigentlich wäre es mir lieber, wenn ich das alles nicht machen müsste?
Natürlich gibt es solche Momente. Nicht, weil ich den Einsatz bereuen würde, sondern weil man sich manchmal eine Realität wünscht, die kein engagiertes Erinnern erfordert. Aber solange in Deutschland Synagogen geschützt werden müssen, solange Jüdinnen und Juden erneut Angst vor Sichtbarkeit haben, solange rechtsextreme Parteien Wahlerfolge feiern, wäre »nur« Horn spielen eine Form von Realitätsverweigerung.
Ich bin Musiker, ja. Aber ich bin auch Bürger dieses Landes. Und wir erreichen immer mehr Menschen. Diese Kombination verpflichtet.
Und gerade hier ist Roman Knižka unverzichtbar: Mit seiner Stimme, seiner Empathie und seinem geschulten Sinn für szenische Spannung – geprägt durch unzählige Film- und Fernsehrollen – gelingt es ihm, historische Texte so lebendig zu gestalten, dass das Publikum unmittelbar einsteigt.
Was kann ein Literaturkonzert, was eine politische Rede nicht kann?
Eine Rede argumentiert – ein Literaturkonzert verwandelt. Es schafft ein gemeinsames Erleben, das über rationale Zustimmung hinausgeht.
Unsere Programme lassen Menschen fühlen, was politische Begriffe kaum erfassen können: von der Musik Pavel Haas’ in »Ich wand’re durch Theresienstadt« bis zu Heine und Mascha Kaléko in »Ich hatte einst ein schönes Vaterland…« oder der Klarinettenlinie in »Dass ein gutes Deutschland blühe…«, die von Hunger, Aufbruch und Überleben erzählt, ohne ein einziges Wort. Ein Literaturkonzert ist keine Belehrung. Es ist ein Erfahrungsraum.
Wenn OPUS 45 in zehn Jahren nicht mehr existieren müsste: Woran wäre das erkennbar?
Wenn es uns nicht mehr bräuchte, wäre das ein gutes Zeichen:
- Antisemitismus wäre keine reale Bedrohung mehr.
- Rechtsextreme Ideologien wären gesellschaftlich isoliert.
- Erinnerungskultur müsste nicht verteidigt werden.
- Demokratien wären stärker als autoritäre Versuchungen.
- Menschen würden nicht vergessen, sondern wissen.
Solange das nicht erreicht ist, wird es OPUS 45 geben: politisch, künstlerisch, wach – und weiterhin mit einer enormen Präsenz auf den Bühnen im ganzen Land. Wir spielen pro Jahr 120 bis 130 Konzerte, allerdings nach wie vor viel zu selten in Süddeutschland. Für die zweite Jahreshälfte 2026 haben wir noch freie Termine und freuen uns über Anfragen, Kooperationsideen, Gastspielmöglichkeiten: kontakt@opus45.de
OPUS 45
Benjamin Comparot (Horn) ist Gründungsmitglied und künstlerischer Motor des Bläserquintetts OPUS 45. Gemeinsam mit seiner Schwester Kathrin Liebhäuser (Dramaturgie) prägt er die inhaltliche Ausrichtung des Ensembles. OPUS 45 vereint Musikerinnen und Musiker führender deutscher Orchester und entwickelt mit dem Schauspieler Roman Knižka interdisziplinäre Literaturkonzerte. Für seine Arbeit zur Vermittlung von Zeitgeschichte wurde das Ensemble mit dem Hans-Frankenthal-Preis ausgezeichnet.


