Brass, News, Orchestra, Wood | Von Klaus Härtel

Musiker haben ein Recht auf Unterstützung

Juergen Enninger
Jürgen Enninger

Das Corona-Virus hat das Kulturleben fest im Griff, ja zum Erliegen gebracht. Das ist schlimm für jene, die Kultur genießen, existenzbedrohend aber für jene, die davon leben. Was kann man tun? Wie kann man helfen und vor allem: Wie kann Musikern geholfen werden? Wir sprachen via Skype mit Jürgen Enninger. Enninger ist Leiter des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft bei der Landeshauptstadt München und als dieser natürlich an vorderster Front, wenn es um die Sorgen und Nöte der Kulturschaffenden geht.

Jürgen, als kurze Einschätzung: Wie ist die Situation?

Jürgen Enninger: Es besteht ganz starke Existenzangst. Man weiß einfach nicht, wie es weitergeht. Die Herangehensweise ist da ganz unterschiedlich. Manche schauen sich ganz pragmatisch um und überlegen, was es für Möglichkeiten gibt, wie die Digitalisierung für Angebote genutzt werden kann. Und andere brechen in sich zusammen, können die Probleme und sich selber nicht mehr sortieren. Es ist schon dramatisch. Aber das ist keine typische Reaktion für die Kulturschaffenden. Alle Menschen reagieren so – egal ob die ein kleines Unternehmen führen oder eine Gastwirtschaft. So reagieren Menschen auf Herausforderungen dieser Größenordnung. 

Ist eine Sorge, dass bei Corona „den Großen“ wieder geholfen wird und „die Kleinen“ hinten runterfallen? Denn die Kultur ist ja „nicht so wichtig“…

Die Sorge war tatsächlich vorhanden. Doch ich persönlich fand es sehr überraschend, dass zum ersten Mal alle unternehmerischen Größenordnungen mitgedacht wurden. Wir haben auf allen Ebenen Förderprogramme. Selbst der Bund, der aufgrund seiner Größe immer etwas länger braucht, hat ein Programm für Soloselbstständige, Freiberufler, Kleinstunternehmen nun aufgelegt. Der Freistaat Bayern hat ein ähnliches Programm, das wir aktuell auch bearbeiten. Da ist tatsächlich recht schnell relativ viel an Unterstützungsleistung ergangen.  

Du hast kürzlich via Facebook ein Statement abgegeben, in dem du die Kulturschaffenden dazu aufrufst, ihr gutes Recht auf Unterstützung wahrzunehmen. Es gehe nicht um „gnädiges Spenden von oben herab, es geht um selbstbewusstes Arbeiten, das jetzt auf ganz besondere Weise honoriert werden muss!“

Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass diese Förderung, die als Wirtschaftsleistung tituliert ist, in der gegenwärtigen Situation ein zentrales Hilfsmittel für Kultur- und Kreativschaffende ist. Warum ich diesen Kommentar geschrieben habe: Ich höre viel BR Klassik und habe jeden Morgen mindestens zwei Spendenaufrufe für irgendwas gehört. Und da dachte ich: Ja, alles gut! Aber ich habe keinen einzigen Bericht über das vom Wirtschaftsministerium aufgelegte Förderprogramm gehört! 

Dieses Förderprogramm gilt ganz besonders für freiberufliche Musiker. Ich weiß ja, dass diese Vorgehensweise für viele Kulturschaffende neu wirkt. Aber: Ich habe einen Beruf und den kann ich nicht mehr ausüben. Deshalb habe ich das Recht auf diese Unterstützung. Ich kann hingehen und sagen: Ich habe keine Auftritte mehr und einen Verdienstausfall in der Höhe X. Ich kann diese Förderung beantragen. Und da gibt es sofort Geld!

Stattdessen klopfen sich Spendensammler auf die Schultern, dass sie 120000 Euro generiert haben… Liebe Leute! Ihr müsst doch stattdessen sofort auf die finanzielle Unterstützung durch Land und Bundhinweisen! Kunstschaffende brauchen doch keine Almosen! 

Das war zugegebenermaßen eine sehr emotionale Reaktion. Insbesondere die Sozialfonds der Verwertungsgesellschaften waren damit überhaupt nicht gemeint, denn die sind sehr wichtig und werden aktuell ja engagiert weiterentwickelt. Aber jetzt ist es einfach mal der erste Schritt, diese Wirtschaftsförderung zu nutzen.

Du verurteilst aber die Spendenaufrufe zu Corona nicht per se, oder?

Nein, natürlich nicht. Ich will den guten Willen von vielen Menschen nicht in Abrede stellen, eine Verbesserung der Situation zu bewirken. Aber: Ihr seid professionelle Musiker und ihr habt eine Steuernummer. Und weil ihr einen Verdienstausfall habt, muss ich hier Förderung beantragen. Und das müsste überall kommuniziert werden: Als freiberuflicher Musiker kann ich mir hier bis zu 5000 Euro auf die Hand abholen! 

Wie gehe denn ich als Musiker nun vor? Wohin muss ich mich wenden?

Man füllt ein Formular aus, das beispielsweise auf der Seite des Bayerischen Wirtschaftsministeriums erhältlich ist. Darüber können bis zu 5000 Euro abgedeckt werden. Das ist unkompliziert. Das Formular wird ausgefüllt, eingeschickt und bearbeitet. 

Prof. Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates, fordert nun ein auf sechs Monate befristetes Grundeinkommen…

Ich halte wenig davon, jetzt wieder die Diskussion um das Grundeinkommen aufzunehmen. Die Probleme werden viel schneller und umfangreicher gelöst mit ganz konkreten Förderinstrumentarien, die wir schon in der Hand haben. Das Netzwerk der Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft hat zusammen mit Kreative Deutschland auch ganz konkret Maßnahmen für Freiberufler erarbeitet, wie die Soforteröffnung von ALG I oder die Einrichtung eines Nothilfefonds. Zugrunde liegt dabei eine Studie – die noch bis Ende März läuft –, die die dramatischen Einbrüche zeigt. Ich befürchte fast, dass ein Grundeinkommen diese dramatische Corona-Situation auch nicht ganz abfedern würde – abgesehen davon, dass man ein Thema hervorholt, das bundesweit schon vorher nicht mehrheitsfähig war.

Klaus Härtel und Jürgen Enninger

Die Resilienz des Kulturbetriebs ist extrem hoch

Jürgen Enninger
Wie ist deine Einschätzung? Wie lange wird Corona den Kulturbetrieb noch im Griff haben?

Ich glaube, die Resilienz des Kulturbetriebs ist extrem hoch. Ich bin optimistisch, dass wir in der zweiten Jahreshälfte wieder auf 80 Prozent sind. Kultur ist ein Grundbedürfnis. Und in München ist es extrem spürbar. Die Stadt leidet wie ein Hund unter den fehlenden Kulturangeboten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wenn sich die Situation einigermaßen normalisiert, die Kultur dauerhaft Schaden nehmen wird. Dafür sind die Menschen, die im Kulturbetrieb arbeiten, viel zu tatkräftig, anpackend, selbstmotiviert. Die werden erst einmal mit 120 Prozent Gas geben.

Einen Überblick über Hilfsmöglichkeiten finden Sie im Beitrag Corona-Hilfen für Kulturschaffende.