Brass | Von Klaus Härtel

Musikermedizin im Allgäu

Dr. Alfred Huber
Dr. Alfred Huber

15 Zentren für Musikermedizin gibt es derzeit in Deutschland. Die Rotkreuzklinik Lindenberg geht neue Wege und setzt nun auch auf die Fachrichtung Musikermedizin. Ab April richtet das Allgäuer Krankenhaus dafür ein eigenes Zen­trum im Haus ein.

Federführend ist Neurochirurg Dr. Alfred Huber, Leitender Oberarzt der Abteilung Unfall- und Wiederherstellungschirurgie. Huber – zugleich studierter Komponist – erläutert den Bedarf der Musikermedizin: „Gerade chronische Schmerzen treten bei Berufsmusikern fast doppelt so häufig auf im Vergleich zur sonstigen Bevölkerung. Streicher haben wiederholt mit Problemen im Schulter-Nacken-Bereich zu kämpfen. Holz- und Blechbläser wiederum müssen vermehrt eine HNO-Versorgung in Anspruch nehmen. Bei Oboisten besteht darüber hinaus sogar ein erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden.“

Berufsspezifische Erkrankungen

Im Laufe der Berufsjahre, oft auch bereits während der Ausbildung, entwickeln zahlreiche Musiker charakteristische körperliche und psychische Beschwerden 15 Zentren für Musikermedizin . Diese sind zumindest mitbedingt durch das professionelle Instrumentalspiel oder Singen. Solche berufsspezifischen Erkrankungen von Musikern wurden schon in Schriften des 15. Jahrhunderts erwähnt und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Monografien der Medi­ziner Julius Flesch und Kurt Singer detailliert dargelegt und hinterfragt. Doch erst seit Beginn der 1980er Jahre wird das professionelle Musizieren und Singen tatsächlich vermehrt aus der „ar­beits­medizinischen“ Perspektive betrachtet.

Seitdem fällt vonseiten der Musiker spürbar das Tabu dieser Problematik. Parallel dazu steigt allmählich die Sensibilität von Pädagogen und Medizinern bezüglich einer spezifischen Gesundheitsvorsorge für Musiker, für Musikermedizin Der wachsende Bedarf an musikermedizinischer Betreuung steht jedoch auch in Verbindung mit einer Verschärfung der Arbeitsmarktsituation im Musikbereich, mit gesteigerten instrumentaltechnischen An­forderungen und einer oft perfektionistischen Erwartungshaltung von Künstlern und Publikum.

Huber ist Arzt und Komponist

Wenn man Dr. Alfred Huber zuhört, könnte man meinen, er sei Musiker, der nebenbei noch Arzt ist, um damit seinen Lebensunterhalt zu ver­dienen. „Medizin ist der harte Brotberuf!“ Huber lacht schallend. Er meint das natürlich mit einem Augenzwinkern. „Nein, nein. Die Medizin ist meine Leidenschaft.“ Aber es ist trotzdem bemerkenswert, dass er nahezu parallel zu seiner Ausbildung zum Neurochirurgen ein Kompositionsstudium bei Professor Herbert Willi absolviert hat. Und er sei „in Kempten gelandet, weil ich das Kompositionsstudium beenden wollte“.

Es ist unbestritten, Huber weiß, wovon er redet, wenn er von der Musikermedizin spricht. Nicht nur, dass er selbst Komponist ist, sondern auch in der Familie überwiegt die Musik. Hubers Ehefrau ist Violinistin, der Sohn studiert derzeit ­Musik. Und so ist dieses tiefe Verständnis für die Musik und die Musiker natürlich mehr als hilfreich. Huber gibt zu: „Ich habe das lange verleugnet. Ich habe immer versucht, Medizin und Musik strikt zu trennen. Es gibt ja genug dilettierende Mediziner. Ich habe Sorge gehabt, dass ich als solcher gesehen werde als Komponist. Ich wollte als Profi wahrgenommen werden!“ Das kann man durchaus als geglückt betrachten, wenn man sich die Liste der Interpreten anschaut (etwa der Wiener Concertverein oder das Artis Quartett Wien).

Feuer und Flamme für die Musikermedizin

Heute ist Alfred Huber in beiden Bereichen arriviert. Und so hat er in Lindenberg die Musikermedizin auf die Agenda gesetzt. Kleine Krankenhäuser ringen oft ums Überleben, weshalb auch aus diesem Gesichtspunkt heraus die Idee entstand. „In großen Häusern“, weiß Huber, „ist es immer schwierig, neue Dinge anzustoßen.“ In Lindenberg seien alle sofort Feuer und Flamme gewesen.

So wird neben Huber auch Dr. Norbert Wynands – Huber nennt ihn den „Schulterpapst im Allgäu“ – im Team mitarbeiten, vor allem im Bereich „Haltung“. „Dr. Wynands ist ein klassischer Chirurg“, erklärt Alfred Huber, „der aber nicht ununterbrochen operiert. Lieber ordnet der den fünften Quarkwickel an, bevor er schneidet.“ Das sei enorm wichtig für Musiker, findet Huber. Dr. Thomas Meier, Chefarzt der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Musikliebhaber, wird den HNO-Bereich abdecken.

Lebenswirklichkeit eines Musikers

Dr. Huber selbst wird einerseits koordinierend tätig sein, andererseits aber auch neurochirurgisch. Eines seiner Spezialgebiete sind Bandscheibenvorfälle. „Ich kann da relativ gewebeschonende Verfahren anbieten.“ Kürzlich habe er einen Bandscheibenvorfall behandelt. „Das war ein klassischer Fall. Der Patient war wegen seiner Schmerzen im Bein zum Arzt gegangen, der dann einen Bandscheibenvorfall diagnostizierte.“ Der Arzt habe den Musiker dann zur Kur geschickt. „Das ist grundsätzlich alles in Ordnung – aber der Arzt hatte die Lebenswirklichkeit eines selbstständigen Musikers überhaupt nicht auf dem Schirm! Der hat Monate verloren!“ Einem in der Musikermedizin tätigen Arzt passiert das eher nicht.

Ein Problem sei zudem die nachweisliche Tat­sache, dass Berufsmusiker verhältnismäßig wenig Arztbesuche absolvieren. „Das hat viel mit dem eigenen Leistungsanspruch zu tun und der Angst vor einem Karriereknick“, erläutert Huber. Sich Hilfe zu suchen, sei immer noch ein Tabuthema. Huber zieht den Vergleich zum Sportler: Bei dem kann man sekundengenau messen, ob er wieder fit ist. Bei Musikern ist das äußerst subjektiv. „Wenn da ein böser Konkurrent sitzt und sagt: ‚Der hatte ja auch einen Hörsturz…‘, dann unterstellt man ihm ja schon, dass er schlechter ist als vorher. Und plötzlich beginnt sich die subjektive Meinung zu objektivieren. Und davor haben alle Angst.“ Musiker gehen ungern zum Arzt – und deshalb oft zu spät.

Musiker neigen zum Missbrauch

Huber spricht einen daraus resultierenden Punkt an: „Statt sich professionelle Hilfe zu suchen, neigt diese Berufsgruppe vermehrt zur missbräuchlichen Einnahme von Schmerzmitteln, aber auch zu einem stärkeren Alkohol- und Drogenkonsum.“ Aufgrund seiner eigenen Musik­expertise und Vernetzung mit der Branche weiß Huber um die Notwendigkeit, weitere Zentren für Musikermedizin in Deutschland zu etablieren. „Bundesweit gibt es nur 15 solcher Institute.“

Ab April soll dementsprechend nicht nur die Behandlung auf dem Plan stehen, sondern auch die Aufklärung und die Prophylaxe. In der Folge ­sollen dann neben einer Musiker-Sprechstunde auch Meisterkurse mit gleichzeitiger medizinischer Beratung stattfinden. Geplant sind Veranstaltungsreihen mit Vorträgen, ein Forum mit Experten. In der Behandlung ist der „kon­ser­va­tive Bereich“ wichtig, da wird eine „schlag­kräf­tige Physiotherapie gebraucht“. Behandelt werden Haltungsprobleme, Hör- und Stimmprobleme bei Sängern und Bläsern, und auch der psychologische Aspekt wird nicht vernachlässigt.

Willkommen sind übrigens Amateure und Profis. Darauf legt Alfred Huber wert. Denn die Musikerdichte sei im Allgäu ja auch erheblich. Zwar sei Lindenberg vielleicht nicht „der Nabel der Welt“, gibt der Neurochirurg zu bedenken, „aber das Allgäu ist ja schön – viele kommen gerne her“. Das Allgäu und die Umgebung seien landschaftlich und kulturell reizvoll. „Es gibt zum Beispiel die Bregenzer Festspiele, den Oberstdorfer Musiksommer. Vielleicht kommen dann die Dozenten und Patienten von dort…“

Weitere Musikermedizinische Zentren gibt es an 15 Orten in Deutschland. Seit 2015 gibt es die Ambulanz für Musikermedizin in München.