News, Orchestra | Von Redaktion

Musikvereine – unterschätzte Orte der Demokratie

Musikvereine – unterschätzte Orte der Demokratie
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Foto: Archiv / Klaus Härtel

Wenn in der Politik über die Zukunft unseres Landes gesprochen wird, geht es meist um Milliardeninvestitionen: in Infrastruktur, Verteidigung, Digitalisierung oder Wirtschaft. All das ist wichtig. Doch eine entscheidende Investition kommt in diesen Debatten oft zu kurz – die Investition in den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Eine Demokratie lebt nicht allein von Gesetzen. Sie lebt von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, anderen zuzuhören, Konflikte auszuhalten und gemeinsam Lösungen zu finden. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wo lernen wir das eigentlich?

Ein Teil der Antwort lautet: in unseren Musikvereinen.

Was zunächst wie eine gewagte Behauptung klingt, wird bei näherem Hinsehen offensichtlich. Ein Blasorchester oder Musikverein ist weit mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Hier begegnen sich Menschen unterschiedlicher Generationen, Berufe, Lebensgeschichten und oftmals auch unterschiedlicher politischer Überzeugungen. Sie verfolgen ein gemeinsames Ziel und erleben, dass Erfolg nur gemeinsam möglich ist.

Wer im Orchester spielt, lernt zuzuhören. Man übernimmt Verantwortung für die eigene Stimme und merkt gleichzeitig, dass sie nur im Zusammenspiel ihren Wert entfaltet. Man erlebt, dass Rücksichtnahme keine Schwäche ist und dass Disziplin nicht dem Einzelnen dient, sondern der Gemeinschaft. Fehler werden gemacht, angesprochen und gemeinsam verbessert. Jeder trägt seinen Teil zum Gelingen bei.

Ist das nicht genau das, was eine Demokratie ebenfalls ausmacht?

Gerade in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung gewinnen solche Erfahrungsräume an Bedeutung. Während sich viele Diskussionen in sozialen Medien zuspitzen und Menschen sich immer häufiger in gleichgesinnten Gruppen bewegen, schaffen Musikvereine echte Begegnungen. Dort zählt nicht, wen jemand wählt oder welchen Beruf er ausübt. Entscheidend ist, ob man gemeinsam musiziert.

Deshalb sollten wir Amateurmusik nicht nur als Kulturförderung verstehen, sondern auch als Gesellschaftsförderung.

Natürlich ersetzen Musikvereine weder Schulen noch Familien. Sie lösen keine sozialen Probleme und sind keine politischen Bildungseinrichtungen. Aber sie vermitteln etwas, das sich kaum in Lehrbüchern lernen lässt: Gemeinschaft.

Wenn wir über Investitionen in die Zukunft sprechen, sollten wir deshalb nicht nur an Straßen, Brücken oder Gebäude denken. Ebenso wichtig sind Investitionen in Orte, an denen Zusammenhalt entsteht. Musikschulen, Chöre, Orchester und Musikvereine gehören dazu.

Vielleicht ist genau das eine der größten Stärken der Amateurmusik: Sie macht aus Individualisten eine Gemeinschaft – und aus einer Gruppe von Menschen ein Orchester.

In einer funktionierenden Demokratie brauchen wir genau das.

Jan Epp, www.vereinsimpulse.de