News | Von Klaus Härtel

Nachruf: Die Szene trauert um Wolfgang Städele

Nachruf: Die Szene trauert um Wolfgang Städele
<span class="bsf-rt-reading-time"><span class="bsf-rt-display-label" prefix="Lesezeit ca."></span> <span class="bsf-rt-display-time" reading_time="4"></span> <span class="bsf-rt-display-postfix" postfix="Min."></span></span><!-- .bsf-rt-reading-time -->
Foto: Archiv/Häckl

Die Musikwelt trauert um einen außergewöhnlichen Visionär, Perfektionisten und Wegbereiter. Wolfgang Städele, der Gründer des legendären „Studio 80“ in Bad Wörishofen, ist verstorben. Mit ihm verliert die Blasmusikszene eine prägende Persönlichkeit, einen Mann, der die Brücke zwischen traditioneller Handwerkskunst und modernster High-End-Technik eindrucksvoll zu schlagen vermochte. Sein unbestechliches Gehör und seine unverblümt ehrliche Art ließen ließen ihn zu einer Größe der Szene werden, die er über Jahrzehnte hinweg geprägt hat.

Die Wurzeln eines Ausnahmetalents

Geboren und aufgewachsen in Bad Wörishofen, war Wolfgang Städeles Weg in die Welt der Klänge praktisch vorgezeichnet. Schon als Dreijähriger stand er gemeinsam mit der Hauskapelle des väterlichen Kurheims auf der Bühne. Es war eine harte, aber prägende Schule: Der Vater erzog Wolfgang und seine Brüder zu reinen Gehörmusikern. Noten gab es nicht; Akkordwechsel und Harmonien mussten instinktiv erfasst werden. Dieses fundamentale Training legte den Grundstein für jenes absolute Gehör, das Städele später in den anspruchsvollsten Studios der Welt auszeichnen sollte.

Ob Melodika, Akkordeon, Klavier, Kirchenorgel oder schließlich die Trompete – Städele beherrschte sie alle. Als er mit 14 Jahren Roy Etzel mit dem Welthit „Soleado“ hörte, entflammte endgültig die Leidenschaft für das Trompetenspiel. Sie führte ihn zum Musikstudium am Konservatorium. Dort glänzte er in Tonsatz und Gehörbildung, während er nebenher in der Band „The Plectroons“ spielte und bereits vor der Studio-Gründung Dutzende eigener Titel komponierte.

Von Bad Wörishofen nach Hollywood

Als Wolfgang Städele im Jahr 1979 das „Studio 80“ gründete, ahnte wohl niemand, welche globale Reichweite dieses beschauliche Studio im Unterallgäu erlangen würde. Ein glücklicher Zufall brachte einen Musikagenten in die Kurstadt, der das Potenzial des jungen Musikers erkannte. Während man in den Münchner Bavaria-Studios noch abwinkte – in Wörishofen mache man schließlich Kneippsandalen und keine Musik –, erkannte man das Talent auf der anderen Seite des Atlantiks sofort. Capitol Records in Los Angeles nahm Städele unter Vertrag.

Es folgte eine beispiellose Karriere im Bereich der internationalen Film- und Fernsehmusik. Über 700 Titel produzierte Städele im Alleingang für die Traumfabrik in Hollywood. Seine Jingles liefen weltweit millionenfach, kündigten die Börsennachrichten in New York an oder untermalten Hollywood-Streifen wie „To Die For“ mit Nicole Kidman. Der verdiente Lohn: Eine Goldene Schallplatte von Capitol Records – eine Ehre, die nur ganz wenigen deutschen Tonmeistern und Komponisten zuteilwurde. Städele bewies schon damals immense Disziplin; er spielte fast alle Instrumente selbst ein.

Die schicksalhafte Begegnung mit dem „König der Blasmusik“

Trotz des Welterfolgs in Hollywood blieb Wolfgang Städele seiner Heimat tief verbunden. Die wohl einschneidendste Wendung seines Lebens ereignete sich Ende 1986, als das Telefon klingelte und Ernst Mosch am Apparat war. Mosch benötigte lediglich ein nahes Studio, um ein schnelles Gesangs-Demo einzusingen.

Es war eine Begegnung, die in die Blasmusikgeschichte eingehen sollte. Als Mosch im Aufnahmeraum stand und unzufrieden mit dem Feedback war, forderte er Städele auf, Kritik zu äußern. Städele, unbeeindruckt vom großen Namen, tat dies gewohnt unverblümt und bemängelte die Intonation. Nach einer minutenlangen, eisigen Totenstille im Studio war Mosch so tief beeindruckt von der Fachkompetenz und Ehrlichkeit des jungen Tonmeisters, dass er ihn vom Fleck weg engagieren wollte.

Wolfgang Städele
Die Begegnung mit Ernst Mosch (links) veränderte Wolfgang Städeles Berufsleben nachhaltig. (Foto: Archiv/Städele)

Aus dieser Begegnung erwuchs eine jahrzehntelange, tiefe Freundschaft und eine geschäftliche Symbiose. Das „Studio 80“ wurde zur akustischen Heimat der Original Egerländer Musikanten. Städele produzierte fortan nicht nur deren Alben, sondern revolutionierte auch die Live-Beschallung auf den großen Tourneen. Er verbrachte über Monate hinweg jedes Jahr intensivste Arbeitszeit mit Ernst Mosch und begleitete den „König der Blasmusik“ treu bis zu dessen Tod im Jahr 1999.

Ein Herz für die Laienmusik und technische Innovationen

Durch die Zusammenarbeit mit Mosch wurde das „Studio 80“ zur Pilgerstätte für Blaskapellen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Doch Städele dachte weiter. Um Musikvereinen die enormen Reise- und Übernachtungskosten zu ersparen, entwickelte er eine bahnbrechende Idee: Wenn die Kapellen nicht ins Studio kommen können, kommt das Studio eben zu den Kapellen.

Sein eigens entwickeltes, akustisch perfekt ausgebautes Mobilstudio setzte völlig neue Maßstäbe. Städele nutzte modernste digitale Korrekturwerkzeuge, um Musiker zu entlasten, ihnen den enormen Druck bei Aufnahmen zu nehmen und das bestmögliche Ergebnis aus jedem Verein herauszukitzeln. Über 1000 Kapellen durften von seiner enormen Erfahrung, seiner Geduld und seinem unbestechlichen Gehör profitieren.

Das Spätwerk und ein bleibendes Erbe

Auch als sich Wolfgang Städele im Jahr 2022 aus gesundheitlichen Gründen von seinem großen Studio trennte und mit der Firmengruppe Donauton fusionierte, schwieg die Musik in ihm nicht. In einem kleineren, hochmodernen digitalen Heimstudio feilte er in Bad Wörishofen bis kurz vor seinem Tod unermüdlich an neuen Kompositionen und Arrangements. Er hatte, wie er selbst oft sagte, „noch so viel Musik im Kopf, die raus wollte“.

Wolfgang Städele hinterlässt eine Lücke, die nicht zu schließen ist. Er war ein Macher, ein Visionär und ein warmherziger Kritiker, der die Blasmusik veredelt und ihr im Studio wie auf der Bühne den perfekten Klang geschenkt hat. Sein Lebenswerk lebt in den unzähligen Aufnahmen fort. 

https://donauton.de/studio-80