Orchestra | Von Markus Hartmann

Neue Zeiten mit der Notationssoftware Dorico 3.5

Dorico

Die Geburtsstunde von Dorico war im Herbst 2012, als das Sibelius-Entwicklerteam bei Steinberg eine neue Heimat fand. Hier wurde die Chance genutzt, eine Musiknotationssoftware von Grund auf neu zu entwickeln und all die Dinge mit einzubeziehen und zu überdenken, die bei althergebrachter Musiknotationssoftware in der Kritik standen. Das Team um Daniel Spreadbury hat intensive Recherche zu ­bestehenden Notensatzkonventionen und Bedienkonzepten für eine neue Notationssoftware betrieben. Entstanden ist Dorico – das Musik­notations­programm der nächsten Generation.

Viele Komponisten und Arrangeure im ­Bereich der Blasmusik arbeiten seit vielen Jahren mit Notationssoftware und kennen den technisch mühsamen Prozess, beginnend bei der Noteneingabe über das Erstellen von Einzelstimmenlayouts, das Erstellen einer zusammengeführten Dirigierpartitur, unendliches Bearbeiten, Klicken und Ziehen von Elementen bis hin zu einer einigermaßen gut klingenden Demoversion als MP3. 

Bei den bisher auf dem Markt erhältlichen Musiknotationsprogrammen erfolgt das meistens mit mehreren Dateien desselben Projekts, da verschiedene Elemente in Partitur, Einzelstimmen und für die Wiedergabe unterschiedlich gehandhabt bzw. differenziert dargestellt werden müssen. Das ist umständlich, fehleranfällig und mit viel Arbeit verbunden. Die Wunschvorstellung aller Komponisten und Arrangeure ist die, nur noch die Komposition einzugeben und automatisch ein perfektes Partitur- und Stimmen­layout sowie eine sehr gut klin­gende Wieder­gabe­datei zu erhalten. Dorico kommt diesem Ideal ein großes Stück näher.

Design

Die Designer von Dorico legten großen Wert ­da­rauf, ein komplettes Projekt in einer Datei verwaltet zu können. Das heißt, in einer Dorico-Projekt-Datei befinden sich die Partitur, die Einzelstimmen und die Wieder­gabeeinstellungen mit VST-Instrumenten. Des Wei­teren können in einer Projektdatei mehrere unabhängige Stücke, sogenannte Partien, erstellt werden. Partien können zum Beispiel die Sätze einer ­Suite sein, Nummern in einer Oper oder einem Musical, oder zum Beispiel verschiedene Ar­beits­blätter in verschiedenen Tonarten usw. ­Dorico ist ein Ein-Fenster-Programm, in dem in den fünf Modi Einrichten – Schreiben – Notensatz – Wiedergabe – Drucken gearbeitet wird. 

Im Modus Einrichten werden keine Notensysteme, sondern Spieler, die Instrumente spielen, eingerichtet. Hierbei unterscheidet Dorico zwischen Solo- und Ensemblespielern. Solospieler können das Instrument innerhalb einer Partie wechseln (zum Beispiel Oboe auf Englischhorn) und Ensemblespieler (zum Beispiel Klarinetten im Blasorchester) können Divisi-Notenzeilen haben. Der große Vorteil ist, dass Dorico diese Notenzeilen automatisch verwaltet und man diese nicht zusätzlich erstellen sowie ein- und ausblenden muss. Ebenso können beliebig viele Layouts aus dem eingegebenen Notenmaterial erstellt werden. So ist es zum  Beispiel möglich, innerhalb eines Projekts einen Marsch sowohl im A4-Format als auch im Marschbuchformat zu erstellen.

Im Modus Schreiben stehen alle zu erwartenden Methoden der Noteneingabe zur Verfügung. Mauseingabe, Computertastatur, MIDI-Tastatur und Echtzeit-MIDI-Aaufnahme. Es ist sogar möglich, Noten in mehrere Notenzeilen gleichzeitig einzugeben.

Pausen erledigt Dorico automatisch

Neu bei der Noteneingabe ist, dass prinzipiell keine Pausen mehr eingegeben werden müssen. Diese Aufgabe erledigt Dorico auf Basis des Metrums völlig automatisch. Noten werden anhand eines Zeitrasters in die Notenzeile einge­geben. So ist es auch möglich, mit Open Meter zu arbeiten, Taktstriche zu löschen, freie Kadenzen usw. zu notieren. Ebenso können Noten nachträglich in ihrer Länge geändert und verschoben werden.

Das eigentliche Kernstück des Schreiben-Modus sind jedoch die Einblendfelder (engl. Popovers). Hiermit lassen sich alle zu notierenden Elemente per Tastaturkürzel eingeben. Diese Tastaturkürzel beginnen immer mit der gedrückten Umschalttaste. Danach folgt der Buchstabe des Werkzeuges für das jeweilige Element: beispielsweise aktiviert Umschalttaste-T das Tempowerkzeug und Umschalttaste-M das Werkzeug zur Eingabe der Taktart (Metrum). Mit Umschalttaste-D können Dynamiken eigegeben werden und mit Umschalttastet-K (Key) können Tonartvorzeichen erstellt werden usw. 

Im Modus Notensatz ist es möglich, Feineinstellungen der grafischen Elemente vorzunehmen, sollte dies notwendig sein. Der Wiedergabe-Modus sieht aus wie in einer Sequenzer-Software (zum Beispiel Cubase). Hier werden alle Noten in einer sogenannten Piano-Roll-Darstellung an­gezeigt. Keine andere Musiknotationssoftware bietet diese Art der Darstellung und Bearbeitungsmöglichkeiten wie in einer Digital Audio Workstation. Eine wichtige Eigenschaft in diesem Zusammenhang stellt die Trennung zwischen notierten und gespielten Notenwerten dar. Das ist unter anderem wichtig, um gegebenenfalls zu lang klingende Töne nur in der Audioausgabe zu kürzen, aber die Notendarstellung nicht zu verändern. Ebenso können auch alle ­Dynamikangaben, Anschlagstärken und MIDIController nachträglich bearbeitet werden, wie auch individuelle Wiedergabevorlagen der VST-Instrumente erstellt und abgespeichert werden können.

Zusammenführen zu einer Dirigierpartitur

Eine bahnbrechende Neuerung im Bereich Musiknotation ist das automatische Zusammen­führen von Instrumenten der jeweiligen Instrumentengruppen (zum Beispiel 1. Flöte und 2. Flöte, 1. bis 3. Klarinette etc., Horn 1./3. und 2./4.). Das aufwendige Erstellen einer Dirigierpartitur, das normalerweise so lange dauert wie das Schreiben einer Partitur selbst, erledigt Do­rico mit nur einem Mausklick! So führt Dorico die ­gewünschten Instrumente automatisch in einer Notenzeile in der Partitur zusammen, ohne dass man dies vorher bearbeitet. Alle Bezeichnungen, Notenhalsrichtungen, Pausen usw. passieren automatisch. Dem zugrunde liegt ein äußerst komplexer Algorithmus, der diese Arbeit völlig automatisch erledigt. Selbstverständlich kann man auch hier – sofern gewünscht – manuell eingreifen , um etwaige Änderungen (zum Beispiel die Halsrichtung bei Homophonie oder Beschriftungen u. v. m.) vorzunehmen.

Zusammenführen zu einer Dirigierpartitur

Layout

Dorico erstellt das Layout immer automatisch. Auch der Workflow ist in Dorico so ge­staltet, dass zunächst im Modus Schreiben alle Noten und weiteren Elemente wie Artikulationen, Dynamiken, Spielanweisungen, Tempi etc. eingegeben werden. Entsprechend der Voreinstellungen erstellt Dorico das Partitur- und Einzelstimmenlayout komplett automatisch. Dorico arbeitet mit sogenannten Musterseiten, wie es von Desktop-Publishing-Software her bekannt ist. Auf diesen voreinstellbaren Musterseiten können beliebig Musik-, Text- und Grafikrahmen angeordnet werden.

Verschiedene Layouts

Im Bereich der Blasmusik in Europa werden in manchen Ländern unterschiedliche Transpositionen und Schlüssel für verschiedene Instrumente benötigt (zum Beispiel Be-Ne-Lux und Schweizer-Stimmen). Auch hier gibt es in Dorico eine Lösung. Man muss nicht etwa zusätzliche Notensysteme mit den entsprechenden Transpositionen erstellen, sondern man erstellt einfach zusätzliche Layouts und versieht diese dann mit der entsprechenden Transposition und dem gewünschten Schlüssel. Diese Layouts nehmen Bezug auf das Ursprungsinstrument in der Partitur, was wiederum bedeutet, dass etwaige Änderungen nur in einem Arbeitsschritt vorgenommen werden müssen.

Dorico Elements und Dorico SE

Neben der Vollversion Dorico Pro gibt es auch zwei abgespeckte Versionen: Dorico Elements und Dorico SE. Der Funktionsumfang dieser kleineren Versionen wird für viele Anwender ausreichend sein. Im Wesentlichen ist nur der Notensatz-Modus und die damit zusammenhängende Funktionalität der Pro-Version vorbehalten. Do­rico Elements ist auf zwölf Spieler und das kostenfreie Dorico SE auf zwei Spieler beschränkt. Es ist aber möglich, alle Dorico-Projekte in den kleineren Programmversionen zu öffnen, abzuspielen und zu bearbeiten. Damit sind die kleinen Versionen von Dorico kostengünstige Alter­na­tiven, auch im pädagogischen Bereich.

Mehr Zeit für deine Musik

Mit Dorico spart man enorm viel Zeit. Im Prinzip gibt man nur noch Noten und die weiteren Elemente wie Dynamiken, Artikulationen, Spiel­anweisungen etc. ein und das Programm generiert das Layout von selbst. Für Partitur, Einzelstimmen und Wiedergabe ist nur noch eine Projektdatei notwendig. Änderungen wie Umformatierungen, andere Transpositionen, Erstellung von Particellen und Stimmenauszügen etc. sind mit wenigen Klicks erledigt. Ebenso lassen sich anhand der Musterseiten auch beliebige Layout-Vorlagen abspeichern. Da sich alle Dorico-Projektdateien mit der kostenfreien Version Dorico SE öffnen lassen, ist es auch gut im Unterricht einsetzbar.

Ausprobieren

Dorico steht 30 Tage lang kostenlos zur Verfügung. Die Software ist intuitiv und leicht zu erlernen. Ebenso stehen zahlreiche Hilfen zur Verfügung. So gibt es ein umfassendes deutsches Handbuch, das eine schnelle Online-Google-Suche ermöglicht. Im Dorico-YouTube-Kanal stehen Dutzende von kurzen, hilfreichen Video-Tutorials zur Verfügung. Im Dorico-Forum besteht die Möglichkeit, sich nicht nur mit anderen Nutzern, sondern auch mit Mitgliedern des Entwicklerteams auszutauschen. Nicht zuletzt gibt es noch an jedem ersten Dienstag im Monat um 17 Uhr den YouTube-Livestream »Dorico-auf-Deutsch«, in dem Markus Hartmann Tipps und Tricks zu Dorico gibt.

Wenn Sie Dorico Pro dauerhaft nutzen möchten und eine Lizenz von Finale oder Sibelius besitzen, können Sie Dorico Pro zu einem günstigen Crossgrade-Preis erwerben. Sie können Ihre bisherige Software natürlich weiterhin benutzen.

Kostenfreies Einsteiger-Online-Seminar

Am 13. und 20. März 2021 finden zwei aufeinander aufbauende Dorico-Online-Seminare, jeweils von 10 bis 12.30 Uhr, statt. 

Lernen Sie die neuen Möglichkeiten der Musiknotationssoftware Dorico kennen. Neueinsteiger und Umsteiger von anderen Musik­programmen sind herzlich willkommen. Das Online-Seminar richtet sich an Musiker, Komponisten, Arrangeure, Musiklehrer an allgemeinbildenden Schulen wie auch an Instrumentallehrer gleichermaßen. Es sind keinerlei Vorkenntnisse der Software nötig. Ebenso müssen Sie Dorico nicht besitzen, um an diesem Online-Seminar teilzunehmen. Sie können einfach die Trial-Version installieren und Dorico kennenlernen (siehe unten).

In diesem zweiteiligen Online-Seminar geht es hauptsächlich darum, sich mit den wesent­lichen Funktionen und dem neuen Konzept von Dorico vertraut zu machen. Dorico bietet viele Vorteile gegenüber anderen Musiknotationsprogrammen, zum Beispiel Ein-Fenster-Bedienung, automatisch zusammengeführte Partituren, automatisches Layout ohne Kollisionen, mehrsätzige Werke in einem Projekt u. v. m.

In diesem Online-Seminar wird anhand von einfachen Übungen ausführlich auf die Themen Eingabe von Noten, Artikulationen, Taktarten, Tonarten, Dynamik, Akkordsymbole, Texte, Layout von Partitur und Einzelstimmen, Leadsheet, Klangwiedergabe bis hin zum Erstellen eines MP3s eingegangen. Ebenso werden auch die Möglichkeiten der kostenfreien Version Dorico SE beprochen.

Anmeldung: www.brawoo.de/dorico-webinar

Teil 1: 13. März 2021, 10 bis 12.30 Uhr: 

Im ersten Teil geht es um die grundlegende Funktionsweise und Bedienung von Dorico: Philosophie von Dorico; 5 Modi; was sind Partien; was ist der Unterschied zwischen Solo- und Ensemblespielern; Ein-Fenster-Bedienung; was sind Einblendfelder (Popovers); welche Möglichkeiten der Noteneingabe gibt es; wie erstelle ich ein Layout; was sind Musterseiten; Wiedergabe; VST-Instrumente, Erstellen eines MP3s u. v. m.

Nach dem Überblick über die Funktionen geht es in die Praxis. Anhand von Übungen wird das effiziente Eingeben von Noten erlernt und geübt. 

Teil 2: 20. März 2021, 10 bis 12.30 Uhr:

Der zweite Teil beginnt mit einer kurzen Wiederholung der Inhalte aus Teil 1. Im Anschluss daran wird an einem einfachen Arrangement das Eingeben von Noten, weiteren Notationselementen mithilfe der Eingabefelder (Pop­overs) geübt: Dynamik, Artikulationen, Tempi, Spielanweisungen, Akkordsymbole, Studierzeichen etc. Ebenso wird die Eingabe und Notation von Schlagzeug- und Percussionnoten besprochen. Anhand eines Beispiels werden die wichtigen Einstellungen für das Partitur- und Einzelstimmenlayout vorgenommen. Ebenso wird das Erstellen von Musterseiten wie auch das Anfertigen eines Arbeitsblattes unter Zuhilfenahme von Partien am praktischen Beispiel geübt. Selbstverständlich bleibt noch genügend Zeit für die Teilnehmer, um individuelle Fragen zu stellen. 

Wichtig:

Bei der Anmeldung zum Online-Seminar er­halten Sie einen Dorico-Pro-Aktivierungscode, mit dem Sie das Programm 90 Tage ab dem Aktivierungszeitpunkt kostenfrei nutzen können. Sollten Sie es nicht bereits auf Ihrem Computer installiert haben, können Sie sich hier Dorico Pro für Windows oder Mac her­unter­laden. Dorico Pro sollte nach Möglichkeit vor Beginn des Online-Seminars mit der Anleitung »Installation und Aktivierung der ­Dorico Trial-Version« installiert werden (Systemvoraussetzungen: WIN 10 64-bit, macOS 10.12 oder höher, Intel i5 oder schneller, mindestens 4 GB RAM).

Die Installationsanleitung gibt es hier: https://dvo.tips/dorico-installation