Newsletter, Orchestra | Von Klaus Härtel

Oberst Christoph Scheibling übernimmt das Kommando über die Militärmusik

Oberst Christoph Scheibling übernimmt das Kommando über die Militärmusik
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Oberst Christoph Scheibling beim Musikfest der Bundeswehr (Foto: Pierre Johne)

Die Militärmusik der Bundeswehr steht an einer historischen Schnittstelle. Während sie seit Jahrzehnten als das »Aushängeschild« der Bundeswehr und als wichtigstes Bindeglied zwischen Armee und Zivilgesellschaft fungiert, haben sich die Vorzeichen ihrer Arbeit grundlegend geändert. Die sicherheitspolitische Zeitenwende und die Rückbesinnung auf die Landes- und Bündnisverteidigung fordern auch von den rund 1000 Musikerinnen und Musikern in Uniform neue Antworten.

Mitten in dieser Phase des Umbruchs hat Oberst Christoph Scheibling am 1. September 2025 die Leitung des Militärmusikdienstes der Bundeswehr übernommen. Als erfahrener Dirigent – unter anderem als langjähriger Chef des renommierten Musikkorps der Bundeswehr in Siegburg – und bisheriger Stellvertreter im Zentrum Militärmusik, ist er mit der DNA des Bereichs bestens vertraut. Doch die Aufgabe, die vor ihm liegt, ist weit mehr als eine rein administrative Fortführung: Es geht um die Neupositionierung der Militärmusik in einem veränderten sicherheitspolitischen Gefüge.

Im Gespräch erläutert Oberst Scheibling, warum der »doppelte Boden« als Leiter nun verschwunden ist und welche operativen Konsequenzen die neue Zweitrolle der Musiker im Sanitätsdienst mit sich bringt. Dabei blickt er jedoch weit über die Kasernenmauer hinaus: Mit einer ambitionierten kompositorischen Agenda und dem Ziel, die deutsche Blasmusikkultur qualitativ auf ein neues Level zu heben, möchte er das Genre nachhaltig modernisieren.

Ein Interview über Verantwortung, die strategische Bedeutung von Kultur in Krisenzeiten und die Frage, wie man Tradition bewahrt, ohne den Anschluss an die Moderne zu verlieren.

Oberst Scheibling, Sie sind seit dem 1. September 2025 Leiter des Zentrums Militärmusik der Bundeswehr. Sie kennen die Dienststelle bereits als Stellvertreter sehr gut. Schmeckt der Kaffee als Chef nun trotzdem anders?

Es ist ohne Zweifel ein Verantwortungswechsel. Da wir aber in den letzten Jahren bereits sehr eng und vertrauensvoll in einer Doppelspitze zusammengearbeitet haben, ist es kein Paradigmenwechsel. Ich war in alle Prozesse, Strategien und Entwicklungen eingebunden, und wir haben Entscheidungen gemeinsam abgestimmt. Insofern ändern sich primär nur die Verantwortungsposition und die Farbe der Unterschrift – dennoch fühlt es sich anders an: Als Stellvertreter hat man immer noch einen »doppelten Boden« unter sich. Jetzt muss ich Entscheidungen mit all ihren Konsequenzen allein verantworten; das Gewicht auf den Schultern ist etwas schwerer geworden.

Scheibling
Gab es Punkte, die Sie sofort anders angehen wollten?

Die grundsätzliche Ausrichtung bleibt gleich, zumal wir uns in einem dynamischen Prozess mit rund 1000 Frauen und Männern befinden, die eine jahrhundertelange Tradition fortsetzen. Aber natürlich setzen neue Leiter andere Schwerpunkte. Vieles wird zudem durch äußere Rahmenbedingungen bestimmt. Seit dem Russland-Ukraine-Krieg wurden richtungsweisende Weiche gestellt.

Welche konkreten Herausforderungen meinen Sie damit?

Es ist eine Mischung aus Müssen, Wollen und Sollen. Zum »Muss« gehört die Reaktion auf den Krieg in Europa.  Die Frage der Verwendung  in einer Zweitrolle hat sich seit dem Ukraine-Krieg neu gestellt und die konkreten Fixierungen existieren dazu seit Januar diesen Jahres. Als Leiter muss ich diese Funktion nun ausplanen und sicherstellen, damit die Bundeswehr ihre NATO-Verpflichtungen erfüllen kann.

Ein weiteres »Muss« ist die Umsetzung des neuen Wehrdienstes. Wir erleben, dass immer mehr Menschen erst einmal als freiwillig Wehrdienstleistende »schnuppern« wollen, bevor sie den Beruf für sich entdecken. Die »Allgemeinen Geschäftsbedingungen« sind durch die Weltlage deutlich anspruchsvoller geworden: Daher muss man den Menschen von Anfang an »reinen Wein« über die Zweitrolle einschenken.

Und wo liegen das »Wollen« und »Sollen«?

Ich wünsche mir eine stärkere Vernetzung mit der zivilen Blasmusikszene und einen aktiveren internationalen Dialog. Wir wollen im professionellen sinfonischen Blasorchesterbereich eine Speerspitze sein und neue Impulse für Kompositionen geben. Und wir sichten gemeinsam mit der BDMV Archive, um herauszufinden: »Was heißt es denn eigentlich, deutsche Blasmusik aufzuführen?«. Wir wollen besser wissen, woher wir kommen, um zu entwickeln, was daraus entstehen kann. Konkret entstehen daraus zwei Editionen: Erstens Blasorchester-Werke in neuem Gewand – das sind etwa Klassiker von Komponisten wie Kühmstedt oder Werner Egk, die neu editiert werden. Und zweitens ein Label für neue Kompositionen. Wir beauftragen jedes Jahr einen Komponisten, ein namhaftes Werk zu schreiben. Aktuell ist Hubert Hoche beauftragt, ein Werk zu schreiben, das quasi »Opus 1« dieser Agenda wird.

Reicht es aus, nur Aufträge zu vergeben, oder muss man auch an der Basis der Komponistenausbildung ansetzen?

Absolut. Es gibt viele, die schreiben, aber nicht alle schreiben auf einem Niveau, das die Szene nachhaltig beeinflusst. Deshalb werden wir eine Komponistenwerkstatt ins Leben rufen. Wir wollen potenzielle Komponistinnen und Komponisten für das sinfonische Blasorchester interessieren, um vielleicht einen ganz anderen Horizont für sie zu eröffnen. Wir müssen weg vom reinen »Bierzelt-Image«. Es sollte »cool« aber auch »niveauvoll« sein, Blasmusik zu machen, und dafür müssen wir auch in der Literatur etwas tun. Und ein mit der BDMV gemeinsames Fernziel ist ein »Kompetenzzentrum Deutscher Blasmusikkultur«.

Macht die aktuelle Weltlage es schwerer, Nachwuchs für die Musikkorps zu finden?

Erstaunlicherweise verzeichnen wir bisher keinen Bewerberknick, wie wir ihn etwa nach Kriegen auf dem Balkan oder in Afghanistan hatten. Die Zahl derer, die sich freiwillig melden, steigt sogar tendenziell. Allerdings wird heute deutlicher nachgefragt: Eltern und Bewerbende wollen wissen, welche realen Gefahren auf sie bzw. ihre Angehörigen zukommen. Die Generationen Z und Alpha binden sich zudem ungern mit 18 Jahren langfristig; sie wollen erst einmal auf Tuchfühlung gehen.

Sie sprachen die Zweitrolle im Sanitätsdienst an. Wie sieht diese konkret aus? Bleibt die Musik im Vordergrund?

Die Musik sollte im Vordergrund stehen. In einem realen Konfliktszenario an der NATO-Ostflanke z. B. übernimmt Deutschland eine zentrale Rolle als sog. medizinischer Hub und verantwortet damit die Versorgung von Patientinnen und Patienten. Ein Musikkorps würde dann einem dieser Hubs zugeordnet und dort in vier Bereichen unterstützen: Patientenbetreuung, Patientenerfassung, Transport sowie Führung und Organisation.

Interessant sind die Erfahrungen aus der Ukraine: Dort weiß man heute, dass man die »Erstrolle« – also die Musik – auch im Krieg beibehalten muss. Musik ist im Krieg nach wie vor entscheidend. Wenn wir jungen Leuten sagen können: »Du bist musikalischer Fachmann und Medical Supporter«, dann fühlt sich das für sie gut und identitätsstiftend an.

Wo liegt 2026 die Hauptaufgabe der Militärmusik? 

Die hat sich im Kern nicht verändert. Erstens: die musikalische Ausgestaltung von Zeremoniellen für die Truppe. Zweitens: die Verbindung zwischen Bundeswehr und Gesellschaft, etwa durch Konzerte und öffentliche Formate. Drittens: die Rolle als kultureller Botschafter im internationalen Kontext. Diese drei Säulen machen den Beruf so vielseitig und attraktiv.

Wie steht es um die internationale Zusammenarbeit, etwa mit den USA?

Die Zusammenarbeit ist harmonisch und findet auf Augenhöhe statt. In diesem Jahr haben wir einen klaren Schwerpunkt bei »250 Jahre USA«. Das Marinemusikkorps Kiel wird mit der Gorch Fock vor Ort sein und die Big Band der Bundeswehr tritt im Kennedy Center auf. Das sind starke Signale.

Hat sich das Image der Militärmusik in Deutschland gewandelt?

Ja, das Image hat sich positiv entwickelt, was auch an einer gestiegenen Professionalität liegt. Die Ausbildung am Ausbildungsmusikkorps ist auf Spitzenniveau. Zudem wirken die vielen Kooperationen, etwa mit der Robert Schumann Hochschule, als Multiplikatoren. Das Label »Militärmusik« firmiert heute auf einem ganz anderen Level.

Das Militärmusikradio ist nun ein Jahr alt. Wie fällt die Bilanz aus?

Sehr positiv! Die Verweildauer der Hörer liegt im Schnitt bei 46 Minuten – das ist für ein Radioformat extrem lang. Es ist weltweit einzigartig und eine exklusive Plattform, um Blasmusik in die deutsche Kulturlandschaft zu tragen. Wir danken dem Host und Kooperationspartner »Radio Paradiso« ausdrücklich für die Initiative und das  Engagement zu diesem Format. 

Welche Vision haben Sie persönlich für Ihre Amtszeit?

Im Militär sagt man: Die Lage bestimmt den Auftrag. Deshalb muss man vorsichtig mit großen Visionen sein. Im Moment steht im Mittelpunkt, die neue Rolle der Militärmusik auftragsgerecht und sinnvoll auszugestalten, sowie als Chance zu begreifen. Daraus werden sich weitere Entwicklungen ergeben.

Wichtig ist mir, dass die Menschen im System diesen Weg mitgehen. Und dass wir als Militärmusik sowohl als Fachdienst als auch als kultureller Akteur wahrgenommen werden – im Inland wie international. Ich wünsche mir außerdem eine stärkere Vernetzung mit der zivilen Szene und ein klares Selbstverständnis: Wir sind ein eigenständiger Teil der deutschen Kulturlandschaft.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Vermissen Sie es eigentlich, selbst am Dirigentenpult zu stehen?

Ich bin mit einem weinenden und einem lachenden Auge aus Siegburg weggegangen. Aber ich habe mich bewusst für die Weiterentwicklung entschieden. Ich bin zur Bundeswehr gegangen, weil ich nicht nur Dirigent, sondern auch Menschenführer sein wollte – diese Rolle ist nun stärker belichtet. Als Ausgleich singe ich in meiner Freizeit in einem Chor; es ist sehr entspannt, mal nicht verantwortlich zu sein. Aber ganz ohne Pult geht es nicht: Beim Musikfest der Bundeswehr oder  Großkonzerten, etwa während der Woche der Militärmusik, greife ich natürlich immer noch zum Taktstock. Man braucht ja auch ein Stück fachliche Autorität, wenn man Vorbild für 15 Musikeinheiten sein will.

Scheibling

Oberst Christoph  Scheibling

Oberst Christoph Scheibling (Jahrgang 1969) trat 1989 in den Militärmusikdienst der Bundeswehr ein und schloss sein Kapellmeisterstudium an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf mit Auszeichnung ab. Nach Stationen als Chef des Gebirgsmusikkorps in Garmisch-Partenkirchen (2001–2007) und des Luftwaffenmusikkorps 2 in Karlsruhe (2007–2010) leitete er von 2012 bis 2022 das renommierte Musikkorps der Bundeswehr in Siegburg. 

Besondere Akzente setzte er durch Auslandseinsätze in Bosnien, Kosovo und Afghanistan sowie die historische Gesamteinspielung der deutschen Armeemärsche. Nach langjähriger Tätigkeit als stellvertretender Leiter übernahm Scheibling im September 2025 die Leitung des Zentrums Militärmusik der Bundeswehr und damit die Führung des gesamten Militärmusikdienstes.