Die jüngst veröffentlichte Studie zur Zukunft der musikalischen Bildung in Deutschland hat es deutlich gemacht: Bis 2035 könnten bis zu 500.000 Kinder und Jugendliche ohne Musikunterricht dastehen – schlicht, weil es an Lehrkräften fehlen wird. Für Musikschulen ist das eine enorme Herausforderung. Für Musikvereine jedoch ist es eine existenzielle. Ein Kommentar von Jan Epp
Denn die Rechnung ist simpel:
Wo keine Musikschullehrkräfte sind, gibt es keine kontinuierliche musikalische Grundausbildung.
Und wo keine Grundausbildung stattfindet, wachsen keine Nachwuchsmusiker heran.
Und wo kein Nachwuchs entsteht, verlieren Musikvereine ihre Zukunft.
Viele Musikvereine gehen noch immer davon aus, dass Musikschulen selbstverständlich „den Nachschub organisieren“. Doch diese Erwartung läuft ins Leere – nicht aus Unwillen, sondern wegen struktureller Probleme: fehlende Fachkräfte, geringe Bewerberzahlen, Überlastung im Instrumentalbereich, besonders im Bläser- und Schlagwerksektor.
Die Frage ist also nicht, ob Musikvereine aktiv werden müssen, sondern wie schnell.
Und es gibt konkrete Wege, wie Vereine die Musikschulen unterstützen – und sich damit selbst retten – können.
1. Nachwuchsarbeit beginnt im Verein: Präsenz zeigen, Vorbilder bieten
Kinder wählen ein Instrument nicht aufgrund von Prospekten oder Websites.
Sie wählen es wegen Erlebnissen und Vorbildern.
Vereine können ihre Sichtbarkeit erhöhen durch:
- Besuche in Grundschulen (gemeinsam mit Musikschulen)
- Minikonzerte bei Kinderfesten und Aktionstagen
- Instrumentenvorstellungen durch Vereinsspieler
- Patenschaften zwischen aktiven Musiker*innen und Neuanfängern
Vereine, die präsent sind, erleichtern der Musikschule die Akquise – und sorgen automatisch für volle Anfängergruppen.
2. Kooperation statt Abwarten: gemeinsam Unterrichtsstrukturen entwickeln
Viele Musikschulen würden Bläser- oder Schlagwerkklassen sofort aufbauen – wenn genügend Interessenten da wären.
Hier können Vereine aktiv steuern:
- Sammeln von Interessensbekundungen
- Elternabende gemeinsam mit Musikschulen
- Vermittlung von Räumen
- Begleitung der organisatorischen Abläufe
Wenn Vereine die Musikschulen mit Zielgruppen versorgen, entsteht eine nachhaltige Win-Win-Situation.
3. Vereine können dazu beitragen, Lehrkräfte zu finden – oder zu halten
In Zeiten des Fachkräftemangels müssen Musikschulen attraktive Arbeitsbedingungen bieten.
Hier können Vereine unterstützen:
- Netzwerke aktivieren: Musiker*innen aus dem Umfeld ansprechen, Studierende auf offene Stellen hinweisen
- Rahmenbedingungen verbessern: Unterstützung bei Probenräumen, Ausstattung, Öffentlichkeitsarbeit
- Willkommenskultur etablieren: neue Lehrkräfte wertschätzen, sichtbar machen, einbinden
Lehrkräfte bleiben dort, wo sie gute Bedingungen und Wertschätzung erfahren.
4. Musikvereine brauchen eigene Ausbildungskompetenz – ergänzend, nicht ersetzend
Viele Vereine beginnen, innerhalb der eigenen Reihen ergänzende Angebote aufzubauen:
- Registerproben durch erfahrene Musiker
- Ensemblearbeit, Rhythmusworkshops, Theoriekurse
- Jugendgruppen, Vororchester, Einsteigerensembles
Das ersetzt keine professionelle Musikschule – aber es stabilisiert Übergänge und motiviert Kinder, im Lernprozess zu bleiben.
5. Gemeinsame Kampagnen: Musikschule + Musikverein als kulturelles Ökosystem
Deutschland hat ein starkes, aber wenig vernetztes System der musikalischen Bildung.
Dabei ist die Verknüpfung eigentlich selbstverständlich: Musikschulen bilden aus – Vereine halten Menschen langfristig in der Musik.
Gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit wirkt hier am stärksten:
- „Unsere Region musiziert“: gemeinsame Social-Media-Kampagnen
- Porträts von Jugendlichen auf dem Weg vom Anfänger zum Vereinsmitglied
Solche Kampagnen vermitteln Bedeutung – und locken Nachwuchs an.
6. Die zentrale Botschaft: Vereine müssen Teil der Lösung werden
Der drohende Lehrkräftemangel ist kein Problem der Musikschulen allein.
Er bedroht die kulturelle Infrastruktur vieler Gemeinden – und insbesondere das Vereinsleben.
Wenn Musikvereine jedoch:
- sichtbar werden,
- sich an der Nachwuchsgewinnung beteiligen,
- strukturell mitdenken,
- Lehrkräfte unterstützen,
- und Bildungswege gemeinsam mit den Musikschulen gestalten,
dann entsteht ein stabiles Bündnis, das weit über die aktuelle Krise hinauswirkt.
Denn am Ende gilt: Ohne starke Musikschulen keine starken Musikvereine.
Und ohne starke Musikvereine verliert eine Region ihr musikalisches Herz.
Hier gehts zur eingangs erwähnten Studie

