Orchestra, Wood | Von Klaus Härtel

Oliver Waespis neues Concerto für Saxofon und Blasorchester

Oliver Waespis neues Concerto für Saxofon und Blasorchester
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Simon Fluri und Oliver Waespi ( Fotos: Pascal Sommer, Simon Schmid)

Ein neues Solokonzert bereichert die Literatur für Saxofon und sinfonisches Blasorchester: Der Schweizer Komponist Oliver Waespi hat im engen Dialog mit dem Saxofonisten Simon Fluri ein Werk geschaffen, das literarische Tiefe, ausgefeilte Spieltechniken und orchestrale Farbkraft vereint. Initiiert vom Solisten selbst, schlägt die Komposition eine Brücke zwischen der Lyrik Rainer Maria Rilkes, erweitertem instrumentalem Handwerk und den Klangfarben des sinfonischen Blasorchesters. Im Herbst 2026 steht eine dreiländrige Uraufführungsserie in der Schweiz, Deutschland und Finnland bevor.

Termine 
12. September CH-Bern mit dem Sinfonischen Blasorchester Bern
26. September Werneck mit dem Blasorchester Mainfranken 
27. September Würzburg mit dem Blasorchester Mainfranken
8. Oktober FI-Helsinki  mit der Helsinki Symphonic Police Band
Weitere Aufführungen sind 2027 geplant

Der Wunsch, die Originalliteratur für das Saxofon im sinfonischen Kontext um eine prägende, zeitgenössische Stimme zu erweitern, begleitet Simon Fluri bereits über viele Jahre. »Eines meiner zentralen Anliegen ist, das Repertoire für Saxofon mit aktuellen Kompositionen zu erweitern und zu bereichern«, erklärt der Solist. Als die konkrete Planung für ein Auftragswerk Gestalt annahm, stand für ihn der Name Oliver Waespi an erster Stelle: »Er ist meiner Meinung nach einer der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit, dessen Werke von einer unverkennbaren Tonsprache geprägt sind. Es gelingt ihm, auf der Grundlage bestehender Musiktraditionen etwas Eigenständiges zu schaffen.«

Die Genese des Konzerts vollzog sich über einen Zeitraum von rund drei Jahren. Nach einem ersten Sondierungsgespräch im Spätsommer 2023, bei dem grundlegende ästhetische Fragen und die Positionierung des Saxofons in der zeitgenössischen Musikszene im Mittelpunkt standen, folgte eine intensive Phase der instrumentenspezifischen Recherche.

Fluri

Simon Fluri 

1999 in Kanada geboren, ist ein vielseitiger Schweizer Saxofonist, Solist und Kammermusiker. Als Preisträger des Migros-Kulturprozent-Studienpreises und des Hans-Schaeuble-Awards konzertierte er in Häusern wie dem KKL Luzern, der Tonhalle Zürich und dem Casino Bern sowie als Solist mit Orchestern wie dem Musikkollegium Winterthur. Sein Masterstudium schloss er mit Auszeichnung an der Zürcher Hochschule der Künste bei Lars Mlekusch ab. Ein zentraler Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit liegt in der Erweiterung des Saxophon-Repertoires durch enge Kooperationen mit zeitgenössischen Komponisten.

simonfluri.com

Foto: Pascal Sommer

»Das Saxofon ist ein außerordentlich vielseitiges Instrument«, betont Fluri. »Vergleicht man beispielsweise die Spielweise des amerikanischen Saxofonisten Charlie Parker mit der des Franzosen Marcel Mule, könnte man meinen, sie spielten zwei völlig unterschiedliche Instrumente. Seit den Zeiten dieser beiden Legenden hat sich das moderne Saxofon technisch enorm weiterentwickelt. Deshalb war es für mich ein zentrales Anliegen, Oliver Waespi meine eigenen Spielweisen und Klangvorstellungen zu vermitteln.«

In gemeinsamen Werkstattsitzungen demonstrierte Simon Fluri dem Komponisten das breite Spektrum des modernen Instrumentalspiels. Im Mai 2025 mündete dieser Prozess in konkrete musikalische Skizzen. Es entwickelte sich ein kontinuierlicher Ping-Pong-Prozess: Waespi übermittelte Entwürfe, Fluri spielte diese ein, gab Rückmeldung zur Spielbarkeit sowie zum Klangverhalten und sendete die Aufnahmen zurück. »Der zunächst gelegentliche Austausch wurde mit der fortschreitenden Ausarbeitung des Werks zunehmend intensiver, bis wir in den letzten Wochen vor dessen Vollendung täglich miteinander kommunizierten«, erinnert sich Fluri.

Aus dieser engmaschigen Zusammenarbeit erwuchs eine Solostimme, die genau auf das Können und die künstlerische Souveränität des Solisten zugeschnitten ist. Im gemeinsamen Austausch zeigte sich Oliver Waespi tief beeindruckt von Fluris Souveränität. Kompositorisch fühlte er sich dadurch frei, beim Schreiben der Solostimme keine Zurückhaltung walten lassen zu müssen, getragen von dem klaren Eindruck: »Diesen Solisten muss man hören.« Entsprechend widmete er der Solostimme besondere Sorgfalt und räumte ihr in der Orchestrierung viel Raum ein.

Literarische Inspiration: Rilkes Poesie im Tonraum

Als inhaltlicher und emotionaler Leitfaden dienen Oliver Waespi Gedichte von Rainer Maria Rilke, dessen Todestag sich 2026 zum hundertsten Mal jährt. Diese Gedichte begleiten den Komponisten bereits seit seiner Jugend. Für das Saxofonkonzert wählte er Zeilen, die fundamentale Transformationen, Einsamkeit und elementare Gewalten thematisieren – Motive, die sich ideal auf das emotionale und dynamische Potenzial des Saxofons übertragen lassen.

Das Werk ist dreisätzig angelegt und folgt einer klaren dramaturgischen Architektur:

• I. Satz: »… Wolle die Wandlung …« (Largo espressivo – Agitato)

Der Titel zitiert das XII. Sonett aus den Sonetten an Orpheus. Der Satz eröffnet mit einer getragenen, lyrischen Einleitung (Largo espressivo), in der das Saxofon seine vokalen Qualitäten entfalten kann. Kontinuierlich steigert sich die Musik in Tempo und Intensität. Dieser lange, organische Spannungsaufbau entlädt sich schließlich in einem stark rhythmisch getriebenen Agitato. Zwei ruhigere Einschübe greifen das Material der Einleitung wieder auf und schaffen Momente des Innehaltens.

• II. Satz: »… Wer jetzt allein ist …« (Largo)

Inspiration für den Mittelsatz bietet Rilkes berühmtes Gedicht Herbsttag. Der ruhige, atmosphärische Satz stellt die emotionale und klangliche Ausdruckskraft des Saxofons ganz in den Mittelpunkt. Hier nutzt Waespi die dunklen, warmen Register des Instruments, um eine nachdenkliche, fast schwebende Atmosphäre zu erzeugen.

• III. Satz: »… und auf den Fluren lass die Winde los …« (Moderato piacevole, di più in più energico)

Der Finalsatz nimmt erneut Bezug auf die Schlusszeile von Rilkes Herbsttag. Das zunächst mäßige, aber frische Hauptthema wird im Verlauf des Satzes immer weiter verdichtet und gewinnt stetig an Energie. Als stilistisches Kontrastelement webt Waespi ein vom Blues inspiriertes Nebenthema ein. Die Musik steigert sich zusehends, verbindet meisterhaft komplexe Rhythmik mit virtuoser Spielfreude und führt das Konzert in ein virtuoses Finale.

Oliver Waespi 

1971 in Zürich geboren, studierte Komposition, Dirigieren und Filmmusik in Zürich sowie an der Royal Academy of Music in London. Seine Werke – darunter Orchesterstücke, Solokonzerte und Kompositionen für sinfonisches Blasorchester – werden weltweit von führenden Ensembles aufgeführt. Für sein Schaffen erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den George-Enescu-Kompositionspreis und den BUMA Brass Award. Er lehrt an der Hochschule der Künste Bern und verbindet in seiner Musik prägnante Rhythmik und architektonische Klangräume mit Einflüssen aus Poesie und Bildender Kunst.

oliverwaespi.ch

Foto: Ian Clowes

Waespi

Anforderungsprofil: Grenzgänge und Zusammenspiel

Kaum ein Holzblasinstrument verfügt über ein so ausgeprägtes Wandlungsvermögen wie das Saxofon. »Kaum ein anderes Instrument verfügt über eine derart große Klangpalette wie das Saxofon«, schwärmt Fluri. »Von der lyrischen Ausdruckskraft einer Singstimme über die dunkle Klangfarbe einer tiefen Klarinette bis hin zum brillanten Klang eines Blechblasinstruments«. Neben geläufiger Virtuosität fordert die Partitur vom Solisten den sicheren Einsatz erweiterter Spieltechniken. Elemente wie Slaps, Glissandi, Growls sowie Töne bis in die höchste Altissimo-Lage werden nicht als rein artikulatorische Effekte eingesetzt, sondern organisch in Waespis eigene rhythmische und harmonische Sprache eingebunden.

Eine besondere Qualität der Konzeption liegt in der Ausbalancierung der Partitur: Während der Solist die Hauptverantwortung für den dramaturgischen Faden trägt und kontinuierlich gefordert ist, präsentiert sich der Orchesterpart als ein hocheffektiver, farbenreicher Dialogpartner. Waespi hat die orchestrale Begleitung so geschickt strukturiert, dass die extremen spieltechnischen Hürden primär beim Solisten liegen. Dies ermöglicht es auch fortgeschrittenen Laienorchestern und engagierten Ensembles, das Werk einzustudieren, ohne dass das Klangergebnis an sinfonischer Tiefe einbüßt.

Die Uraufführungsserie: Ein dreiländriger Auftakt

Dass ein neues Werk nicht nur an einem einzelnen Ort erklingt, sondern direkt in einer koordinierten Serie internationalen Formats präsentiert wird, unterstreicht die Relevanz dieser Neuerscheinung. Gleich drei hochkarätige Formationen bringen das Konzert im Herbst 2026 auf die Bühne. Für 2027 sind bereits weitere Aufführungen im Gespräch. Sämtliche Konzerte der Premieren-Tournee werden audiovisuell bzw. tontechnisch dokumentiert, um das Werk rasch auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Impulse für die Bläsermusik

Die Bedeutung von Originalkompositionen dieser Güteklasse lässt sich kaum überschätzen. Zwar hat sich das sinfonische Blasorchester in den vergangenen Jahrzehnten zu einem vollwertigen Klangkörper entwickelt, doch der Bestand an konzertanten Werken für Saxofon und Blasorchester ist bislang überschaubar. »Neue Originalwerke für Blasorchester tragen zur Weiterentwicklung der Blasmusikszene wie auch der allgemeinen Musikszene bei. Nur so kann ihre Relevanz langfristig erhalten bleiben«, hebt Simon Fluri hervor. »Darüber hinaus sind hochwertige Kompositionen erfahrener Komponisten wie Oliver Waespi von großer Bedeutung, um der Blasmusik einen festen Platz und die notwendige Anerkennung innerhalb der Kulturszene zu verschaffen.«

Durch die organische Synthese aus zeitgenössischer Ernsthaftigkeit, jazz- und bluesnahen Einflüssen sowie literarischer Romantik ist das Stück in der Lage, Brücken zwischen verschiedenen Publikumssegmenten zu schlagen. Es spricht Liebhaber traditioneller wie moderner Bläsermusik gleichermaßen an und bietet auch Anhängern der Klassik und des Jazz faszinierende Anknüpfungspunkte. Mit der Kombination aus Oliver Waespis Satzhandwerk und Simon Fluris Interpretationspraxis setzt dieses Konzert einen nachhaltigen Impuls.