News | Von Kristin Thielemann

Online-Unterricht – digitale Musikpädagogik in der Corona-Krise

Digital

Die Corona-Krise zwingt uns in den Online-Unterricht. Auf brawoo.de gibt es Musikpädagogik-Ideen für einen motivierenden Unterricht und technische Tipps.

Ende Februar war die Welt noch in Ordnung. Wir Musikpädagogen haben wöchentlich unseren Einzel- oder Gruppenunterricht gehalten, kleine Ensembles oder Orchester dirigiert und vielleicht hin und wieder gespannt die Nachrichten verfolgt, wie sich die Chinesische Metropole Wuhan mit diesem neuartigen Coronavirus schlägt. Alles schien friedlich in Europa, COVID-19 war weit weg. 

Dann aber wurden die ersten Fälle in Europa bekannt. Seit Anfang März sitzen wir in häuslicher Isolation. Wir üben uns in Social Distancing und zudem im Online-Unterricht, um den Musikunterricht für unsere Schülerinnen und Schüler aufrecht halten zu können. Für die meisten von uns Musikpädagogen ist das eine völlig neue Form des Unterrichtens.

Klar haben wir alle schon davon gehört, dass es Plattformen im Netz wie beispielsweise www.lessonsface.com gibt. Dort können wir rein theoretisch von unserem Zuhause aus unseren Unterricht in den entferntesten Winkel der Welt bringen könnten (zumindest solange es auf beiden Seiten eine funktionierende WLAN-Verbindung gibt), aber ein ernstzunehmendes Betätigungsfeld war der Online-Unterricht bis zum Beginn der Corona-Krise bestenfalls für einige wenige. (Lesen Sie auch den Archiv-Beitrag Online-Lernen: Chancen und Grenzen.)

Herausforderung angenommen!

Seit März 2020 jedoch ist alles anders. Durch Schulschließungen und Ausgangssperren sah es kurzfristig so aus, als würde auch das Leben von uns Musikern und Künstlern eingefroren werden. Doch bereits wenige Tage später war klar, dass wir Teil des größten Wandels sind, den es in der Musikpädagogik je gegeben hat. Challenge accepted! Herausforderung angenommen! Musikpädagogik goes digital!

Schon in den ersten Lektionen waren die nun von Langeweile (und manchmal auch Angst) geplagten Schülerinnen und Schüler begeistert, wenn sich der Saxofon- oder Posaunenlehrer bei Ihnen via Live-Video zum Unterricht meldete. 

Doch das böse Erwachen bei uns Musikpädagogen kam schnell: Viele Apps verzerren den Klang tinnitusverdächtig und das löst bei uns zu der ohnehin hohen Belastung als frischgebackener Online-Lehrkraft Stress aus! Selbst wenn wir auf unserer Seite technisch ad hoc aufgerüstet haben und hierdurch dem Schüler eine bessere Soundqualität liefern, ist es unseren Kunden, den Eltern, gegenüber häufig nicht darstellbar, warum jetzt ein gutes Mikrofon angeschafft werden sollte.

Dazulernen ist das Gebot der Stunde

Wir Musikpädagogen haben zudem schnell bemerkt, dass es neben dem technischen Aspekt noch einen weiteren Bereich gibt, in dem Dazulernen das Gebot der Stunde ist: Musikpädagogik. Wie unterrichtet man digital? Wie passe ich Lerninhalte an, damit sie unsere Schülerinnen und Schüler auch in dieser Form gute Fortschritte machen? Liegt Potenzial darin, den Stundenaufbau zu ändern? Welche Ziele sorgen für Motivation im Online-Unterricht?

Kristin Thielemann
Kristin Thieleman (Foto: privat)

Genau diese Frage haben sich mein Kollege Max Gärtner und ich, Kristin Thielemann, auch gestellt. Wir haben unsere Erfahrungen via Videotelefonie ausgetauscht, uns gegenseitig inspiriert, neue Impulse gegeben und festgestellt – unsere Gesprächsinhalte könnten auch für andere Musikpädagogen sehr wertvoll sein. Spontan haben wir uns dazu entschlossen, dieses Wissen gratis anderen in Form eines Podcast zur Verfügung zu stellen.

Von dem Erfolg des Podcast, der bereits nach zwölf Folgen die 5000-Hörer-Marke geknackt hat und zu dem mittlerweile eine umfangreiche Webseite gehört, sind wir überrascht und beglückt. 

Hochwertiger Online-Unterricht

Denn auch dies zeigt, dass wir Musikpädagogen die Herausforderung angenommen haben und uns aktiv mit einem hochwertigen Online-Unterricht beschäftigen: Welche technischen Anpassungen sind einfach zu lösen und auch für den kleineren Geldbeutel gut geeignet? Wie sehen hilfreiche Unterrichtskonzepte aus? Auf welche Weise kommuniziere ich den Eltern die Vorteile, die durch Online-Unterricht entstehen? Wie läuft die Finanzierung?

Durch die vielen Kommentare und Fragen, die uns auf digitalem Weg erreichen, sehen wir sehr genau, wo in der Praxisarbeit die meisten Schwierigkeiten entstehen, zu denen sinnvolle Lösungswege gesucht werden. Einige hiervon an dieser Stelle herauszugreifen, würde der Komplexität des Themas Online-Unterricht kaum gerecht werden. 

Technische Aspekte sind individuell

An dieser Stelle sollen daher motivierende Ziele für einen musikpädagogisch hochwertigen, Online-Unterricht mitten in der Corona-Krise im Mittelpunkt stehen. Technische Aspekte sind so individuell und abhängig von vielen Faktoren wie Netzverbindung, technische Ausrüstung auf Lehrer- und Schülerseite, der genutzten Kommunikations-App und vielen anderen Faktoren, dass ich an dieser Stelle darauf verzichte, hier Tipps zu liefern. (Die technischen Tipps gibt Michael Schönstein im Interview.)

Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Herausforderung annehmen, die durch den plötzlich digitalisierten Unterricht entstehen und einige Elemente sogar die Zeit nach der Krise mitnehmen können. Jetzt ist die Zeit für uns Musikpädagoginnen und Musikpädagogen zu zeigen, wie wertvoll unsere Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern ist.

Musikpädagogik-Ideen für einen motivierenden Unterricht in der Corona-Krise

1. Veränderte Lehrer-Schüler-Beziehung

Sie sind neben den Eltern möglicherweise die einzige erwachsene Person, zu der Ihr Schüler in dieser Zeit regelmäßigen Kontakt hat. Sie haben Zeit, sich voll und ganz auf Ihr Gegenüber einzustellen und zu zeigen: “Du bist wichtig! Meine volle Aufmerksamkeit gilt dir!” Ein unschätzbar wertvoller Zustand für viele Kinder und Jugendliche in der Krise, in der viele Eltern mit ihren Sorgen, dem neuen Alltag mit Homeoffice und Homeschooling an ihre Grenzen stoßen dürften.

Rechnen Sie damit, dass der Schüler neben Ihrem fachlichem Input Sie möglicherweise auch als Zuhörer für seine Erlebnisse und Sorgen braucht. Hier ist es günstig zu signalisieren: “Was du mir erzählst, bleibt auch bei mir!” Ein offenes Ohr zu signalisieren, aber nicht zu offensiv nachzufragen, ist eine gute Haltung, denn in erster Linie soll es doch ums Musizieren gehen.   

Eine Lehrer-Schüler-Beziehung, die ganz unerwartet auf digitalen Unterricht umgestellt wird, wird sich verändern. Damit diese Änderung eine positive Wirkung entfalten kann, ist insbesondere in der Anfangszeit des Online-Unterrichts ein intensiver Kontakt zum Schüler wertvoll. Ansprechbar zu sein (beispielsweise im Chat oder mittels kleiner Videobotschaften, die sie für den Schüler aufgenommen haben), kann sich hier als hilfreich erweisen. Wenn Sie beispielsweise eine Übe-Challenge durchführen, wo Ihre Schüler Ihnen täglich Ihre geübte Zeit digital übermitteln dürfen, schaffen Sie eine ungezwungene Kontaktmöglichkeit. 

2. Ziele motivieren

Dieses gilt natürlich nicht nur in der Corona-Krise. Im Leben von jungen Menschen fallen jetzt viele Ziele weg, auf die sie sich gefreut und die ihre Gedanken beflügelt haben: Die anstehende Urlaubsreise, das Geburtstagfest mit Freunden, das Konzert mit dem Jugendorchester, die Teilnahme an einem Wettbewerb oder einem Schülervorspiel. Da gilt es, nun sehr schnell zunächst kurzfristige Ziele zu etablieren, um ihnen dabei zu helfen, mit dieser Krise klarzukommen und der Zeit möglicherweise sogar etwas Positives abzugewinnen.

Ein selbstproduziertes Musikvideo für Großeltern oder Freunde, die kreative Betätigung mit einer Multi-Video-App wie dem Vongplayer oder ACapella, die Teilnahme am Musik-Flashmob, bei dem sonntags um 18 Uhr im Garten, auf Balkonen oder am geöffneten Fenster für die Nachbarn musiziert wird, können solche kurzfristigen Ziele sein.

Auch eine persönliche Challenge, also etwa sich vorzunehmen, ein bestimmtes Können zu erreichen (alle Dur-Tonleitern spielen können, alle Stücke eines bestimmten Sammelbands zu erarbeiten), ist für viele Lernende eine Sache, die sie nun beflügelt. 

3. Gruppenaktivitäten

Viele Unterrichtsstrategien von uns Musikpädagogen enthalten als einen wichtigen Teil das Lernen durch Interaktion in Gruppen und durch Vorbilder sowie die Motivation, die durch das gemeinsame Musizieren entsteht. Wir sollten uns bewusst sein, dass hier ein wichtiger Eckpfeiler der Motivation für unsere Schülerinnen und Schüler vorübergehend wegfällt. Allerdings können wir versuchen, Ersatzangebote zu schaffen. 

Digitales Gruppenmusizieren kann kein gleichwertiger Ersatz für Live-Angebote darstellen, bei denen die Interaktion zwischen den Teilnehmenden auf vielen Ebenen stattfinden kann. Aber digitale Gruppenangebote können zumindest ein kleiner Ersatz sein und Schüler dazu animieren, andere Aspekte der Musik kennenzulernen.

Als Gruppenaktivitäten eigenen sich beispielsweise eine Watch-Party mit einem mitreißendem Konzert oder das gemeinsame Musizieren mit Multi-Video-Apps, in denen die Projekte weitergeleitet und von anderen Teilnehmenden mit eigenen Stimmen ergänzt werden (siehe beispielsweise Eric Whitacres Virtual Choir”). 

Auch können Sie insbesondere jüngere Schüler zu einer Musikgeschichtsstunde in ihren virtuellen Unterrichtsraum einladen (z.B. über ZOOM) und ihnen ein Musikgeschichtsbuch vorlesen, das extra für Kinder gemacht ist. Ein gemeinsames Aufwärmprogramm auf dem Instrument mit Atemübungen ist denkbar und bietet für Sie viele Möglichkeiten kreativ musikpädagogisch zu arbeiten.

Oder wie wäre es mit dem “Ratespiel Liederkiste”, bei dem jeder Schüler ein Lied seiner Wahl vorspielt und die anderen erraten müssen, um welches Lied es sich handelt? Dieses Spiel dient dazu, in Schülern die Motivation zu wecken, sich ein Liederrepertoire aufzubauen und kann nach der Corona-Krise auch den normalen non-digitalen Gruppen- oder Einzelunterricht einfließen.

Voll motiviert

Bereits während des Studiums stand Kristin Thielemann im Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Vertrag. Sie veröffentlicht Noten, Bücher (Schott Music) und schreibt für verschiedene Magazine. Ihr Ratgeber JEDES KIND IST MUSIKALISCH wurde 2019 ins Chinesische übersetzt. Ihr Wissen über Musikpädagogik gibt sie auf Fortbildungen und Vorträgen weiter.Als Jurorin ist sie bei Musikwettbewerben in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig.

Ihre aktuelle Veröffentlichung: Voll motiviert!: Erfolgsrezepte für Ihren Unterricht (üben & musizieren)