Brass, Orchestra, Wood | Von Cornelia Härtl

Online-Unterricht ist eine „gute Übergangslösung“

Bruno Seitz
Bruno Seitz (Foto: Thomas Kiehl)

Wie viele andere Musikschulen wurde auch die Musikschule Metzingen von Corona überrumpelt. Musikschulleiter Bruno Seitz reagierte schnell und konnte so das Unterrichtsangebot größtenteils auf online umstellen. Wir sprachen mit ihm über seine Erfahrungen der letzten Wochen, organisatorische Herausforderungen, die es zu beachten gilt, und Grenzen des Online-Unterrichts. 

Herr Seitz, wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen zum Thema Online-Unterricht?

Wir sind ja recht schnell eingestiegen und konnten gleich am ersten Tag anfangen. Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, sind durchweg positiv. Bei uns können die Schüler beziehungsweise Eltern wählen, ob sie Online-Unterricht möchten, einen Nachholtermin in Form von Präsenzunterricht oder ob sie ganz auf Unterricht verzichten. Etwa 80 Prozent haben sich für ­Online-Unterricht entschieden, 10 Prozent verzichten derzeit auf Unterricht, zahlen aber ganz normal weiter, etwa 9 Prozent wollen einen Nachholtermin und etwa 1 Prozent wollte sich direkt abmelden. Bis jetzt ist die Solidarität gegenüber uns als Musikschule sehr groß. 

Ein Teil unserer Lehrer war am Anfang sehr skeptisch. Mittlerweile sind die Rückmeldungen allerdings sehr positiv – auch wenn der Aufwand für die Lehrer deutlich größer ist. Manche sind regelrecht begeistert, dass sie ihren Unterricht mal ganz anders wahrnehmen. Auch ich be­komme so ganz neue Eindrücke. Trotzdem ist für alle klar, dass Online-Unterricht den Präsenzunterricht nicht ersetzen kann. Es ist eine gute Übergangslösung.

Haben Sie an der Musikschule bereits vorher Erfahrungen mit Online-Unterricht gemacht?

Nein, gar keine. Ich habe allerdings schon am Wochenende vor der Schließung der Musik­schule geahnt, dass so etwas kommt und habe mir dann überlegt, wie man das machen könnte. Gemeinsam mit einem Techniker haben wir dann übers Wochenende hier in der Musik­schule zwei Räume mit PC, Bildschirm und Kamera eingerichtet, die die Lehrer nutzen können, die zu Hause überhaupt keine technische Ausrüstung haben. Für die Nutzung gibt es dann einen Stundenplan. Andere Lehrer, die zwar das Equipment haben, aber technisch nicht ganz so fit sind, konnten bei unserem Techniker anrufen, der dann telefonisch alles Schritt für Schritt mit ­ihnen eingerichtet hat, sodass die von daheim aus arbeiten können. 

Wie wird das Angebot von Schülern und Eltern angenommen? 

Die meisten Eltern finden es super, dass man mit den Kindern überhaupt etwas macht. Die Schüler sind eigentlich durch die Bank begeistert. Was mir schon aufgefallen ist: Oft sind die Schüler ganz anders drauf, wenn sie daheim unterrichtet werden. Für die fällt der ganze Stress der Anfahrt weg und sie sind viel mehr bei sich und konzentrierter.

Wie läuft das eigentlich aus organisatorischer Sicht? Welche Vorkehrungen müssen getroffen werden? 

Das Schwierigste ist, eine Plattform zu finden, über die man den Unterricht macht. Wir haben mit Skype angefangen. Zoom wird natürlich momentan auch heiß diskutiert. Zurzeit gibt es aber einfach keine Plattform, die datenschutzkonform ist – auch wenn man spürt, dass die Anbieter ­gerade nachziehen und versuchen, ihre Platt­formen sicherer zu machen. 

Wir haben für uns als Musikschule beschlossen, das jetzt einfach mal zu machen – suchen aber natürlich parallel nach einer sicheren Lösung für die Zukunft. Im Verband der Musikschulen diskutieren wir beispielsweise gerade, eine eigene, sichere Plattform zu kreieren – die dann aber natür­lich auch Geld kostet. 

Das Wichtigste ist deshalb das Einverständnis der Eltern. Bei uns mussten die Eltern über unsere Internetseite eine Einwilligungserklärung abgeben, wenn sie das Online-Angebot wahrnehmen möchten. Somit sind wir als Musik­schule auf der sicheren Seite. 

Dokumentiert wird der Online-Unterricht bei uns insofern, dass die Lehrer (wie auch im Präsenzunterricht) eine Anwesenheitsliste führen. Dann kann man später bei eventuellen Forderungen nach Rückerstattung auch gut argumentieren.

Wird Online-Unterricht eigentlich gleich vergütet wie normaler Präsenzunterricht?

Zu diesem Thema hatten wir ganz viele Dis­kussionen – auch unter uns Schulleitern. Hat Online-Unterricht den gleichen Wert wie Präsenzunterricht? Darf man da die gleichen Gebühren ver­langen? Manche kommunalen Musikschulen haben Online-Unterricht anfangs kostenlos gemacht, die meisten sind davon aber mittlerweile wieder abgewichen. Für mich hat Online-Unterricht eine ähnliche Wertigkeit, wenn sie den Einzelunterricht vor Ort auch nicht eins zu eins ersetzen kann. Die Gebühr ist bei uns die gleiche.

Zur Wertigkeit eines Online-Angebots wird nach dieser Zeit sicherlich ein Statement der Politik erforderlich sein.

Wo liegen technische Schwierigkeiten? 

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man schon mit einer Basis-Ausrüstung in Form einer günstigen Webcam wirklich weit kommt. Für den Einzelunterricht ist das meiner Meinung nach ausreichend. Wenn etwas nicht klappt, liegt es meistens an der Internetverbindung. 

Was sind tatsächliche Defizite im Online-Unterricht?

Als Schüler orientiert man sich immer am Klang des Lehrers. Die Klangvorstellung gibt man als Lehrer automatisch weiter. Und als Mensch ist man so gestrickt, dass man das Gehörte intuitiv aufnimmt und sich daran anpasst. Online geht das einfach nicht – auch nicht, wenn man ein super Mikrofon und tolle Lautsprecher hat. Da kommt trotzdem nicht das Gleiche an. Das ist, wie wenn ein Kind auf einem verstimmten Klavier zu spielen lernt. Setzt man das Kind dann später an ein gestimmtes Klavier, verliert es ­völlig die Orientierung, weil es gelernt hat, falsch zu hören.

Bei völligen Neuanfängern würde ich von Online-
Unterricht abraten. Da braucht es einfach einen Lehrer, der vor Ort dabei ist. Genauso halte ich es für schwierig, bei Fortgeschrittenen Prüfungsvorbereitungen ausschließlich online zu machen – zum Beispiel für das Abitur oder Studium. Da dient Online-Unterricht wirklich nur als Überbrückung. Man kann online zum Beispiel gut an Technik, Rhythmus oder auch Ansatz arbeiten, man kann Etüden und Tonleitern üben. Beim musikalischen Aufbau eines Stücks wird es dann schon schwierig: Für dynamische Entwicklungen braucht man spezielle Studio-Mikrofone, die nicht ganz billig sind.

Funktioniert Online-Unterricht auch in der Gruppe?

Technisch möglich ist das schon – zum Beispiel über Zoom. Die Frage ist, ob das sinnvoll ist. Wir haben das für uns abgelehnt, weil es technisch einfach zu aufwendig wäre. Ensemble- und Gruppenunterricht fällt bei uns also leider aus. Schüler, die sonst als Zweier- oder Dreier-­Gruppe unterrichtet werden, bekommen anteiligen Einzelunterricht. 

Wie kann denn die Arbeit in Bläserklassen unter den aktuellen Bedingungen fortgesetzt werden?

Das ist tatsächlich ein großes Problem. Manche machen das so: Der Lehrer verschickt Noten, die die Kinder daheim üben, und dann wird das ­Ergebnis zusammengeschnitten. Das machen gerade ja auch viele Musikvereine. Als Bläserklasse aber gemeinsam etwas zu lernen und zu erarbeiten – das geht momentan einfach nicht. 

Was bei uns weiterläuft ist die musikalische Früherziehung: Die Lehrerin macht jede Woche zwei bis drei kleine Filmchen, zu denen die Kinder mit den Eltern zu Hause mitmachen können. Das nehmen die meisten auch an. Nur einige ­Eltern, die beruflich sehr eingespannt sind, haben sich hier ausgeklinkt.

Bruno Seitz ist Schulleiter der Musikschule Metzingen, Landesmusikdirektor des Blasmusikverbandes Baden-Württemberg, Vizepräsident des Landesmusikrates Baden-Württemberg und Leiter des Ressort 3 des Landesverbandes der Musikschulen Baden-Württemberg