Achtsamkeit ist ein Begriff, der längst über Meditationskissen und Yogamatten hinausgewachsen ist – auch in der Musik. Immer mehr Musikerinnen und Musiker beschäftigen sich mit der Frage, wie Präsenz, Fokus und innere Ruhe das eigene Spiel beeinflussen. Einer von ihnen ist der Posaunist Peter Hedrich. Im Gespräch mit Klaus Härtel erklärt er, was Achtsamkeit für ihn bedeutet – und warum sie im musikalischen Alltag eine zentrale Rolle spielt.
Peter, wenn Du den Begriff Achtsamkeit jemandem erklären müsstest, der damit noch wenig anfangen kann – wie würdest Du ihn beschreiben?
Mir gefällt die Definition von Jon Kabat-Zinn am besten, der Achtsamkeit als die Fähigkeit beschreibt, »auf eine bestimmte Art aufmerksam zu sein – bewusst, im gegenwärtigen Moment und ohne zu bewerten«. Im Grunde geht es darum, sich der eigenen Aufmerksamkeit bewusst zu werden und zu lernen, sie zu steuern. Den Fokus wieder mehr auf die Gegenwart zu richten, statt sich in Fantasien über die Zukunft oder Grübeleien über die Vergangenheit zu verlieren.
Wer sich intensiver mit dem eigenen Geist beschäftigt, merkt schnell, dass dieser ununterbrochen bewertet. Dieses automatische Bewerten wahrzunehmen und es – zumindest zeitweise – loszulassen, die Dinge also so zu sehen, wie sie gerade sind, ist ein zentraler Bestandteil der Achtsamkeitspraxis.
Welche Rolle spielt Achtsamkeit in Deinem Alltag und speziell in Deinem Leben als Musiker und Posaunist?
Die Achtsamkeitspraxis lässt sich grundsätzlich in formelle und informelle Praxis gliedern. Formell bedeutet, sich bewusst Zeit zu nehmen, um Achtsamkeit zu üben – zum Beispiel in einer Meditation. Das ist der Rahmen, in dem die Grundlagen entstehen.
Diese Bewusstheit in den Alltag zu übertragen, geschieht über die informelle Praxis: Alltagshandlungen bewusst wahrnehmen, regelmäßig innehalten, sich selbst wieder spüren.
In meinem eigenen Leben gibt es dabei kaum eine Trennung zwischen meinem Musikerberuf und meinem Alltag. Ich versuche regelmäßig zu meditieren und mich bewusst mit dem Thema Achtsamkeit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig ist mein Üben und Musizieren stark davon geprägt, wie aufmerksam und präsent ich im Moment bin.
Wann bist Du persönlich mit dem Thema Achtsamkeit in Berührung gekommen – und was hat Dich damals daran fasziniert oder möglicherweise auch irritiert?
Es gab mehrere Momente, in denen ich mit achtsamkeitsbasierten Ansätzen in Berührung gekommen bin, zunächst ohne mir dieses Bezugs bewusst zu sein. Während meiner posaunistischen Ausbildung habe ich mich intensiv mit der Schule von Arnold Jacobs beschäftigt, deren Ansatz für mich heute sehr klare Parallelen zur Achtsamkeit hat. Ähnlich ging es mir mit dem Buch »Inner Game – Der Mozart in uns«. Wenn ich es heute lese, sind die Überschneidungen zur Achtsamkeit offensichtlich.
Der Begriff »Achtsamkeit« selbst ist mir dann erstmals im Wing-Tsun-Unterricht begegnet. Dieses Training war stark auf die Entwicklung grundlegender Fähigkeiten ausgerichtet und insgesamt sehr achtsamkeitsbasiert.
Der entscheidende Impuls kam schließlich durch ein Interview mit Jon Kabat-Zinn, das ich auf YouTube gesehen habe. Danach fügte sich vieles zusammen – und daraus entstand später auch mein Heft TromboneDo, in dem ich Musik und Achtsamkeit erstmals bewusst miteinander verbunden habe.
Gab es einen konkreten Moment oder eine Erfahrung, die Dich dazu gebracht hat, Achtsamkeit bewusst in Deine Arbeit oder Dein Üben zu integrieren?
Eine zentrale Erkenntnis für mich war, dass musikalisches Üben und das Verbessern technischer Fähigkeiten nur einen Teil des Ganzen ausmachen. Mehr zu üben bedeutet nicht automatisch, besser zu spielen.
Inner Game Musik bringt das mit der Formel »L = P – S« auf den Punkt: Die Leistung ergibt sich aus dem individuellen Potenzial minus der Störungen – inneren wie äußeren. Klassisches Üben zielt fast ausschließlich auf eine Steigerung des Potenzials ab.
Wenn sich die Leistung trotzdem nicht verbessert, liegt das oft daran, dass der Faktor »Störungen« außer Acht gelassen wird. Für mich ist Achtsamkeit das entscheidende Werkzeug, um genau hier anzusetzen und den Einfluss dieser Störungen zu reduzieren.
Wie wirkt sich Achtsamkeit auf Dein Musizieren aus – etwa auf Bühnenpräsenz, Übeprozesse oder den Umgang mit Lampenfieber?
Die Frage ist sehr gut gestellt, da sie alle Bereiche abdeckt, auf die Achtsamkeit im musikalischen Kontext Einfluss nehmen kann.
Die bewusste Hinwendung zum gegenwärtigen Moment ist für die Bühnenpräsenz enorm wichtig. Musik entsteht immer im Hier und Jetzt – anders kann man eigentlich gar nicht musizieren. Das erfordert eine hohe Sensibilität für das, was gerade passiert.
Beim Zusammenspiel benutze ich gerne das Bild eines Puzzles: Jede Musikerin und jeder Musiker ist Teil eines Gesamtbildes und muss genau in die jeweilige Lücke passen. Dieses Puzzle ist jedoch nicht statisch, sondern verändert sich ständig. Lautstärke, Intonation, Tempo und Ausdruck sind immer relativ. Sich darauf einzulassen erfordert Mut, weil man dazu neigt, Dinge vorauszuplanen und Schablonen abzurufen. Achtsamkeit bedeutet hier, den Fokus auf das Gesamtbild zu richten und das eigene Spiel daran auszurichten.
Beim Üben hingegen ist der Fokus meist enger. Achtsamkeit hilft, sich bewusst zu machen, welchen Zweck eine Übung erfüllt und was konkret verbessert werden soll. Gleichzeitig bin ich ein großer Verfechter des Erfahrungslernens: Musikmachen ist immer ein eigenes schöpferisches Tätigsein. Achtsamkeit unterstützt dabei, wahrzunehmen, ob das klangliche Ergebnis der inneren Vorstellung entspricht – und gegebenenfalls etwas zu verändern.
Lampenfieber entsteht häufig dadurch, dass sich der Fokus weg von der Musik hin zu Bewertungen und Erwartungen verschiebt. Durch Achtsamkeitstraining lernt man, die Aufmerksamkeit wieder bewusst auf die Musik zurückzuführen. Das braucht Zeit, funktioniert aber – das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.
Viele Menschen verbinden Achtsamkeit mit Meditation oder Entschleunigung. Welche Praktiken oder Methoden haben für Dich persönlich den größten Nutzen?
Für mich haben sowohl Meditation als auch Entschleunigung einen großen Nutzen. Ich habe seit einiger Zeit eine regelmäßige Meditationspraxis, die je nach Tag zwischen zehn und 45 Minuten dauert.
Ergänzend versuche ich, im Alltag kurze Momente des bewussten Innehaltens einzubauen. Dieses achtsame Innehalten folgt einem einfachen Ablauf und eignet sich auch gut vor oder während Konzerten, um den Fokus wiederzufinden.
Entschleunigung spielt dabei ebenfalls eine große Rolle. Meine Achtsamkeitslehrerin hat dafür ein schönes Bild verwendet: Der Geist ist wie ein Glas mit Wasser und Sand. Durch ständiges Tun und Grübeln wird das Glas geschüttelt, das Wasser bleibt trüb. Meditation und Achtsamkeitsübungen lassen das Glas ruhiger werden – der Sand kann sich setzen, und das Wasser wird klarer.
Diese Verbindung aus Meditation, achtsamem Innehalten und Entschleunigung bildet auch die Grundlage meiner Arbeit mit anderen Musikerinnen und Musikern – etwa in Workshops und Kursen, in denen es darum geht, Achtsamkeit ganz praktisch in den musikalischen Alltag zu integrieren.
In der Musikszene – oder allgemein im persönlichen Umfeld – begegnen Dir sicherlich auch kritische Stimmen, die Achtsamkeit als »Esoterik-Quatsch« abtun. Wie gehst Du damit um?
Ich selbst bin ein eher rationaler Mensch und ebenfalls skeptisch gegenüber Esoterik. Jon Kabat-Zinn hat Achtsamkeit bewusst von ihren spirituellen Wurzeln gelöst und früh die wissenschaftliche Auseinandersetzung vorangetrieben.
Skepsis ist für mich völlig in Ordnung. Ich würde mir nur wünschen, dass man sich informiert, bevor man urteilt. Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von Achtsamkeitstraining gibt es mittlerweile viele. Es muss nicht für jede und jeden das Richtige sein – aber es funktioniert.
Mir ist dabei wichtig, Achtsamkeit praxisnah, erfahrungsorientiert und ohne esoterischen Überbau zu vermitteln – genau so arbeite ich auch in meinen Kursen und Fortbildungen für Musikerinnen und Musiker.
Welche wissenschaftlichen oder praktischen Argumente überzeugen Dich selbst am meisten, wenn es darum geht, den Nutzen von Achtsamkeit zu vermitteln?
Für mich greifen wissenschaftliche und praktische Argumente hier ineinander. Achtsamkeit ist einfach zu praktizieren und gleichzeitig sehr wirkungsvoll.
Als Musiker sind für mich vor allem die Steigerung der Konzentrationsfähigkeit und die höhere Effizienz im Üben entscheidend. Viele Musikerinnen und Musiker arbeiten intensiv an ihren Fähigkeiten, vernachlässigen aber die Fähigkeit, diese im entscheidenden Moment auch abrufen zu können. Genau hier setzt Achtsamkeitstraining an.
Darüber hinaus ist es auch persönlich bereichernd, das eigene Leben bewusster wahrzunehmen, gelassener zu werden und sich selbst besser kennenzulernen.
Gibt es Aspekte der Achtsamkeit, die Dir im Alltag schwerfallen – und wie gehst Du damit um?
Im musikalischen Kontext fällt mir die Integration von Achtsamkeit relativ leicht – beim Üben, Unterrichten und Spielen. Im Leben neben der Musik habe ich dagegen noch meine Herausforderungen, besonders wenn viel los ist und es viel zu organisieren gibt.
Ich versuche bewusst gegenzusteuern, mir mehr freie Zeit zu nehmen und regelmäßig Momente einzuplanen, in denen ich nichts tue. Außerdem habe ich meine Bildschirm- und Social-Media-Zeit deutlich reduziert. Ein echter Gamechanger war für mich, das Handy nicht mehr im Schlafzimmer zu laden und als Wecker zu nutzen.
Was würdest Du Musikerinnen und Musikern empfehlen, die neugierig sind, Achtsamkeit in ihr Üben oder ihr künstlerisches Arbeiten einzubinden, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen?
Ich würde empfehlen, ganz klein anzufangen und den Fokus zunächst auf die Qualität der Aufmerksamkeit zu legen. Schon ein kurzer Moment des Innehaltens vor dem Üben kann viel verändern. Sich bewusst zu machen, was man üben oder verbessern möchte, gibt dem Übeprozess eine klare Richtung.
Im Zusammenspiel hilft es, die Aufmerksamkeit möglichst vollständig auf die Musik und die Mitmusikerinnen und Mitmusiker zu richten.
Wer tiefer einsteigen möchte, kann sich mit Meditation beschäftigen oder sich gezielt begleiten lassen – etwa in Kursen oder Workshops, die ich speziell für Musikerinnen und Musiker anbiete.

Peter Hedrich
ist Erster Posaunist in der Big Band der Polizei des Saarlandes. Mit dem Peter Hedrich Quintett veröffentlichte er 2018 sein Debütalbum New Hope, das für die Quartalsbestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik nominiert wurde. Sein zweites Album Simplicity widmet sich der Idee musikalischer Reduktion und eines bewussten, präsenten Musizierens. Peter Hedrich arbeitete mit der WDR Big Band, der HR Big Band, der Big Band der Bundeswehr und dem Bujazzo. Seine Posaunenmethode TromboneDo erschien 2022.
Als Achtsamkeitslehrer verbindet er achtsamkeitsbasierte Ansätze mit musikalischer Praxis in Üben, Unterricht und künstlerischer Arbeit. An der Hochschule für Musik Saar unterrichtet er Jazzposaune und Ensemble und bietet dort zudem einen Kurs zu Musik und Achtsamkeit an. Außerdem ist er Dozent an der Hochschule für Musik Mainz.


