News, Orchestra | Von Klaus Härtel

Sterben durch Corona auch Verlage, Wolfgang Vetter?

Foto: TPopova / istock

Während nach wie vor immer noch nicht klar ist, wann Blasmusiker wieder – gemeinschaftlich – an ihre Instrumente dürfen, ringen zahlreiche Verlage mit den wirtschaftlichen Problemen der Corona-Krise. Die Musiker kaufen weniger Noten, wenn sie nicht spielen dürfen. Und durch die fehlenden Auftritte fallen zudem auch noch die GEMA-Einnahmen weg. Wir sprachen stellvertretend mit Wolfgang Vetter („Deine Blasmusik“) für eine Branche, die die Krise wahrscheinlich auch noch im nächsten Jahr deutlich spüren wird.

Wolfgang Vetter, wie ist die Corona-bedingte Lage auf dem Musikverlagssektor?

Ich bin in Kontakt mit zahlreichen Kollegen, denen es derzeit zum Teil sehr, sehr schlecht geht und die erhebliche Umsatzeinbußen gegenüber den Vergleichszeiträumen der Vorjahre haben! Viele haben deshalb auch Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und ich hörte auch schon von Entlassungen.

Auch unser Verlag (International Music Consulting GmbH und angeschlossen daran der ACO-Shop und „Deine Blasmusik“), hat im Vergleich zum Vorjahr Umsatzeinbußen. Diese sind allerdings noch nicht so erheblich wie die von Kollegen. In unserem Fall liegt es wahrscheinlich daran, dass wir – was unser Repertoire anbelangt – sehr breit aufgestellt sind.

Einbußen hatten wir beispielsweise vor allem im Bereich Big-Band-Noten – dafür haben wir deutlich mehr im Bereich PlayAlongs absetzen können. „Deine Blasmusik“ hat erfreulicherweise eine für Mitte des Jahres geplante Studiosession vorziehen können. Auch sind wir hier im Bereich Blasmusiknoten sehr stark in die Werbung gegangen und konnten vielleicht deshalb im Monat März sogar Zuwächse erreichen.

ABER: Sollte sich diese Krise jedoch deutlich länger hinausziehen – was wir derzeit alle befürchten –, wird das Geschäftsjahr 2020 eine Katastrophe und ich befürchte, einige unserer Kollegen werden insolvent gehen.

Derzeit macht uns sehr zu schaffen, dass Blasorchester weder proben, geschweige denn auftreten dürfen. Im kommenden Jahr wird uns das dann in Form der GEMA-Ausschüttungen mindestens genauso stark treffen wie im laufenden Jahr.

Sind konkrete Zahlen für Ihren Verlag schon möglich?

Ich bin da noch extrem vorsichtig. Alles hängt davon ab, wie es weitergeht… Mancher Kollege hat Zahlen genannt, die jetzt schon bei knapp 70 Prozent Minus gegenüber dem Vorjahr liegen. Wir haben in der Corona-Zeit – mit Blick in die Zukunft – einen Umzug vollzogen, der unsere Betriebskosten erheblich senkt. Diejenigen, die vergleichbare Maßnahmen nicht umsetzen wollen oder können und extreme Mieten in einer extremen Zeit zahlen müssen, sind wahrlich arm dran!

Sie erwähnten die GEMA-Ausschüttungen, auf die viele Verlage angewiesen sind. Wie ist da bzw. im nächsten Jahr die Situation? Und was hat es mit dem „Schutzschirm LIVE“ bzw. dem „Corona-Hilfsfond“ auf sich?

Zunächst einmal ist es so, dass in diesem Jahr die Summen für das Geschäftsjahr 2019 ausgeschüttet werden. Das heißt, hier dürften die Umsätze eigentlich stabil bleiben – was viele Kollegen retten könnte.

Die GEMA bietet derzeit zwei verschiedene Hilfsaktionen und Modelle zu Unterstützung an:

Beim Schutzschirm Live handelt es sich um verrechenbare Vorauszahlungen auf anstehende Abrechnungen (meist im Bereich des Aufführungsrechts, also die sogenannte. „U“- oder Live-Abrechnung). Gerichtet ist dies vorrangig an Autoren, die zeitgleich auch Live-Künstler sind.

Einfach ausgedrückt: es gibt ein zinsloses Darlehen auf Basis der Einnahmen des Geschäftsjahres 2018 (also der Ausschüttung 2019). Hier werden 100 Prozent dieser Abrechnungssumme gewährt. Aber wie gesagt: das ist eine Art Darlehen und wird durch die kommenden Ausschüttungen getilgt.

Beim Corona Hilfsfonds handelt es sich um eine einmalige persönliche Übergangshilfe aus Mitteln der GEMA Sozialkasse. Gezahlt wird ausschließlich an Härtefälle, die weder unter den „Schutzschirm Live“, noch etwaige sonstige Hilfen fallen (Hilfe des Bundes, Länder-Soforthilfen etc.). Die Anträge haben es in sich und es wird tatsächlich bin ins Kleinste geprüft, ob dem Antragsteller Mittel zustehen. Alles muss belegt werden – das geht bis zur Heizkostenabrechnung… Limitiert ist diese einmalige Hilfe auf maximal 5000 Euro.

Kommen wir zu Situation im kommenden Jahr: Die eigentlich harte Zeit für die Verlage und die Autoren gleichermaßen kommt erst 2021. Keine Veranstaltungen in 2020 bedeutet im Klartext: 0 Euro Ausschüttung in 2021. Ich kann nur inständig hoffen und für uns alle beten, dass sich die GEMA hier der Lage für 2021 bewusst ist.

Mein Vorschlag wäre hier eine Vorauszahlung auf Basis der Ausschüttung 2019 oder 2020 in Höhe von 100 Prozent, wobei sich die Rückzahlung der Vorschüsse auf fünf Jahre (jeweils 20 Prozent) erstreckt.

Das wäre eine praktische Hilfe, die sicher mehr Autoren helfen würde, als die jetzigen Maßnahmen, denn irgendwie kann bei den derzeit geöffneten Töpfen (z.B. Künstlerhilfen, Länder-Soforthilfe, Bundeshilfe) nahezu jeder einen berechtigten Antrag stellen. Die Härten, was die GEMA-Ausschüttungen für Autoren und Verleger anbelangt, entstehen erst noch… leider!

Wie ist Ihre Einschätzung? Wie lange wird Corona uns noch im Griff haben? Und wie geht’s dann weiter?

Ich bete tatsächlich täglich darum, dass dieser Alptraum schnell vorbei sein möge! Wenn ich allerdings zwischen den Zeilen der Politiker lese und wer aufmerksam zuhört, muss wohl erkennen, dass uns verschiedene Maßnahmen noch lange erhalten bleiben könnten. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf uns Verleger.

Wenn die Orchester nicht proben dürfen, geschweige denn Veranstaltungen zugelassen sind – dann verkaufen auch wir kein Notenmaterial mehr. Zumindest keines, dass sich an diese Klientel richtet. Auch habe ich das Gefühl, dass viele Musikanten den „Urlaub vom Musikmachen“ gerade ganz schön genießen.

Sollte das alles länger anhalten, werden zahlreiche Musikanten nicht mehr aktiv zu ihren Vereinen zurückkehren. Eine Katastrophe für die Vereine und unsere vielfältige Kulturlandschaft! Auch ist für viele unserer Spitzenpolitiker (Gott sei Dank nicht alle!) die Kultur nicht systemrelevant. Das wurde ja teils deutlich und klar ausgesprochen.

In absehbarer Zeit ist Deutschland dann nurmehr das Land der TOTEN Dichter und Denker.

NOCH besteht jedoch die Chance eines Kurswechsels und wir brauchen dringend mehr, VIEL mehr und sehr schnelle Lockerungen.

Ansonsten wird es schon bald eine massiv andere Normalität sein. Seien wir doch nicht illusorisch: Bevor auch nur 1 Cent in Kunst und Kultur fließt, fließen Millionen in die produzierende und exportierende Wirtschaft. Das wird zu einem Sterben nie geahnten Ausmaßes führen: bei Verlagen, Autoren, Theatern, Orchestern – und zwar sowohl in der Laienmusik als auch im professionellen Bereich.

Dennoch mache ich mir nicht wirklich Sorgen um die Zukunft, denn die Deutschen haben historisch Schlimmeres durchgemacht und selbst eine „verweichlichtere“ Gesellschaft wird es packen, wieder aufzu(er)stehen!

Wolfgang Vetter ist Verleger, Musikproduzent, Komponist, Arrangeur, Studiomusiker und freier Autor für Fachartikel zum Thema GEMA und/oder Urheberrecht. Daneben engagiert er sich ehrenamtlich in verschiedenen Berufsverbänden sowie der GEMA.

Vetter ist Trompeter bei „Soulkitchen“. Daneben tourte er weltweit mit unzähligen anderen Künstler und Formationen. Dazu zählen bekannte Big Bands, wie die von Hugo Strasser und Jiggs Whigham, dem ARD-Showorchester oder der Dani Felber Big Band (CH). Bei hunderten von Studioaufnahmen ist er zu hören.

Sein Buch „Brass Mysteries“, das er unter seinem Pseudonym André Carol schrieb, wurde ein Bestseller.