Brass, Wood | Von Hans-Jürgen Schaal

Stichwort: Das Jazzsolo

Dave Douglas
Dave Douglas (Foto: Newvelle Records)

Der Trompeter Dave Douglas kennt drei Basis-Strategien fürs Solo. 1) sich dem Flow überlassen, 2) einem vorgefassten Konzept folgen, oder 3) gegen den Charakter des Stücks anspielen.

In den Anfängen des Jazz war Improvisation eine Notlösung. Viele konnten damals ihren Part nur “irgendwie” und “so in etwa” spielen. Denn man hatte keine Noten oder wusste sie nicht zu lesen. Auch wenn der Kornettist sein Solo bekam, hat das Kollektiv weiter improvisiert – man vertraute darauf, dass er sich nicht zu weit von der Melodie entfernt. Der Musikethnologe Erich von Hornbostel sprach vom “Übergang von primitiver Heterofonie zu reinem Stegreifkontrapunkt”. Als dann im Jazz die ersten „echten“ Solostellen auftauchten – anfangs oft nur acht Takte lang –, dudelte der Solobläser meistens irgendetwas Belangloses entlang der Akkordtöne. Das brachte zwar ein wenig Abwechslung, aber keinen Höhepunkt. 

Erst im Chicago der 1920er Jahre, als die Freiluftmusik Jazz zum gut bezahlten Nachtclub-Entertainment wurde, entstand das eigentliche Konzept des Jazzsolos. Der Bläsersolist fing an, sich bei seiner Improvisation vom Thema zu lösen und sich stattdessen an den Akkordfolgen der Strophe zu orientieren. Aktuelle Schlagermelodien aus New York drängten damals in den Jazz, und der 32-taktige Schlagerchorus wurde (neben dem Blues) zum Standard-Rahmen fürs Jazzsolo. Der Erste, der vorgemacht hat, was ein Jazzsolo sein kann, war Louis Armstrong. Der Jazzhistoriker Gunther Schuller schreibt: “Louis’ Konzeption des Solos entwickelte sich proportional entsprechend zu dem Grad, in dem er sich von der Originalmelodie entfernte.” Armstrong demonstrierte, dass ein Jazzsolo, unabhängig von der Melodie, seine eigene Logik entwickeln kann, seine eigene Dramaturgie, Virtuosität und Spannung – und so zum Höhepunkt des Stücks wird.

In jedem Augenblick denkt der Solist zurück und nach vorne zugleich

Das ideale Jazzsolo ist wie eine kleine spontane Komposition für sich. Es hat Anfang, Entwicklung, Finale – in jedem Augenblick denkt der Solist zurück und nach vorne zugleich. Der Jazzphilosoph D.M. Feige spricht von einem “einheitlichen Zusammenhang musikalischer Artikulationen”. Ein Solo kann sich zum Beispiel aus einem Motiv des Themas entfalten, einem “Lick” oder der letzten Phrase des vorigen Solisten. Der Solist kann auch musikalische Zitate einbauen, technische Kunststückchen oder stilistische Brüche. Er orientiert sich an den Songakkorden, als Skalen gedacht, und reagiert auf die Beiträge der Begleitmusiker.

Wichtig ist, dass man sich als Solist nicht wiederholt, auch wenn die Akkordfolge immer wieder von vorne beginnt. Häufig wird ein Jazzsolo daher als ein großes, ekstatisches Crescendo angelegt – mit dem Höhepunkt am Ende des Solos oder kurz davor. Im Swing und vor allem im Bebop wurden einzelne Soli, die tausendfach aus der Jukebox ertönten, geradezu berühmt. Man hat sie betextet und nachgesungen, auch transkribiert, mehrstimmig arrangiert und nachgespielt. Im Cool Jazz kam eine etwas andere Solokonzeption auf: ein relaxtes Improvisieren mit vielen Atempausen. Der Arrangeur George Russell nannte Miles Davis’ (modales) Solo über “So What” (1959) “eine der schönsten Improvisationen aller Zeiten”.    

Lebenslanges Studium gelungener Improvisationen schadet nicht

Ein gutes Solo zu spielen verlangt Übung. Dabei kann ein lebenslanges Studium gelungener Improvisationen nicht schaden. Vor allem bei hohen Tempi muss der Solist auch auf Automatismen zurückgreifen können, auf ein Vokabular von Patterns, Skalenläufen, “Licks”. In der Improvisation ist nicht alles planbar, doch langsame Stücke machen es einem leichter, melodisch kreativ zu sein. Der Saxofonist Lew Tabackin rät, im Solo dem “Magnetismus der Tonika” nachzuspüren. “Du versuchst, in deinem Solo diese kleinen Wege zu finden, Situationen zu lösen – darüber kannst du deine eigene Energie aufbauen, deine eigene Art, die Dinge zu tun. Und dann wirst du klingen wie niemand sonst.”

Bisher erschienen: “Stichwort Rohrblatt-Trio“, “Stichwort Saxofonquartett“, “Stichwort Marsyas” und “Stichwort Tristantrompete”, “Stichwort Naturtonreihe”, Stichwort Saxofonkonzert, Stichwort Sarrusofon, Stichwort Gucha