Mit den Swiss Conducting Days entsteht eine starke Plattform an der Schnittstelle von Ausbildung und Praxis. Das sinfonische Blasorchester aulos und die vier Schweizer Musikhochschulen Basel, Bern, Luzern und die HEMU Fribourg bündeln ihre Kompetenzen, um die nächste Generation von Blasorchesterdirigentinnen und -dirigenten gezielt zu fördern – und damit zugleich das Schweizer Blasmusikwesen nachhaltig weiterzuentwickeln.
An sechs intensiven Tagen (ab 10.März) treffen Studierende, Dozierende, Musikerinnen und Musiker sowie zentrale Partner der Szene aufeinander. Darunter der Schweizer Blasmusikverband (SBV), der Schweizer Dirigentenverband und die Schweizer Militärmusik. Im Zentrum stehen Meisterkurse, Repertoirearbeit auf hohem Niveau und der direkte Austausch.
Im Gespräch mit Thomas Trachsel, Musikkommissionspräsident des SBV, und Benedikt Hayoz, Studiengangsleiter Dirigieren an der HEMU, geht es um Idee, Wirkung und Perspektiven dieser Zusammenarbeit – und darum, wie Hochschulen und Szene gemeinsam Zukunft bauen können.
Was ist die Grundidee der Swiss Conducting Days – und warum machen vier Hochschulen das gemeinsam mit dem aulos?
Die Grundidee der Swiss Conducting Days ist es, Dirigierstudierenden der vier Schweizer Musikhochschulen mit dem Studiengang Blasmusikdirektion die Möglichkeit zu geben, praktische Erfahrung mit Ensembles auf hohem Niveau zu sammeln. In Zusammenarbeit mit dem aulos sind die Swiss Conducting Days als hochschulübergreifender Meisterkurs konzipiert. Dadurch ergibt sich ein wertvoller Austausch mit den Dozierenden der anderen Hochschulen, wodurch die Studierenden unterschiedliche Impulse und Perspektiven erhalten.
Inwiefern stärkt dieses Format die Verbindung zwischen Ausbildung und Praxis in der Schweizer Blasmusiklandschaft?
Für angehende Dirigenten ist es oft eine zentrale Herausforderung, das im Unterricht Gelernte auch wirklich praktisch anzuwenden. Anders als bei Instrumentalistinnen und Instrumentalisten, die zu Hause üben und dann in einem Ensemble spielen, brauchen Dirigent·innen für die praktische Anwendung immer echte Ensembles vor sich. Bezogen auf die Bandbreite der 4. Klasse bis zum professionellen Ensemble ist das nicht immer einfach zu organisieren.
Genau hier setzen die Swiss Conducting Days an: Die Hochschulen schaffen Gelegenheiten, damit die Studierenden auch mit hochkarätigen, wo möglich mit professionellen Ensembles zusammenarbeiten können. Dadurch lernen sie, wo der Weg hinführen kann und was es heisst, auf unterschiedlichen Levels zu arbeiten – sei es mit Profis oder mit Laienensembles. Das ist ein zentraler Beitrag der Hochschulen für die ganze Blasmusiklandschaft.
Welche Kompetenzen sollen die künftigen Blasorchesterdirigent·innen an den vier Hochschulen besonders entwickeln – musikalisch, pädagogisch und sozial?
Es braucht eine ausgewogene Balance zwischen musikalischen, pädagogischen und sozialen Kompetenzen, deren Gewichtung je nach Situation, Probenphase oder menschlichen Zusammensetzung des Orchesters variiert. Am Anfang der Karriere ist ein hohes musikalisches Niveau zentral, denn das bildet die Grundlage jeder dirigentischen Arbeit.
Gerade in der Schweizer Blasmusikszene engagieren sich viele Menschen ehrenamtlich und investieren ihre Freizeit. Dieses Engagement verlangt nach Wertschätzung: Dirigent·innen sind gefordert, ihre Professionalität so einzubringen, dass sie musikalische Qualität fördern und zugleich Motivation stiften.
Musikalische Exzellenz allein reicht allerdings nicht. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, Menschen abzuholen, zu führen und zu inspirieren – im Laienbereich ebenso wie im professionellen Umfeld. Dirigieren bedeutet, Verantwortung für den gemeinsamen Prozess zu übernehmen und Räume zu öffnen, in denen alle ihr Bestes geben können.
Warum ist die Zusammenarbeit mit dem sinfonischen Blasorchester aulos für die Studierenden so wertvoll?
Für die Studierenden, die im Alltag oft mit sehr unterschiedlich aufgestellten Vereinen arbeiten, ist es eine ganz neue und wichtige Erfahrung, einmal mit einem Orchester auf professionellem Niveau zu arbeiten. Sie lernen dabei, dass man mit einem anderen Ansatz an die Proben herangehen muss, wenn man es mit professionellen Musikerinnen und Musikern zu tun hat. Diese erwarten klare Führung, Inspiration und eine präzise Vorstellung davon, was die Dirigentin oder der Dirigent interpretatorisch erreichen möchte, aber auch Respekt vor der Professionalität und Musikalität welche die Musiker·innen mit- und einbringen.

Zudem ist das Repertoire komplexer und anspruchsvoller. Die Studierenden müssen oft mit sehr wenig Probezeit auskommen, manchmal nur drei Proben, bis das Konzert stehen muss. Das ist ein echter Paradigmenwechsel für junge Dirigentinnen und Dirigenten, die es sonst gewohnt sind, über Wochen oder Monate mit Vereinen zu arbeiten. All das sind wertvolle Erfahrungen, die ihnen in ihrer zukünftigen Laufbahn enorm zugutekommen.
Die Swiss Conducting Days dauern sechs Tage und sind als Wanderformat über mehrere Orte angelegt (Fribourg, Bern, Aarau, Luzern). Was ist der Mehrwert dieser Struktur?
Der grosse Mehrwert liegt darin, die Ressourcen, Profile und das Engagement der verschiedenen Hochschulen und Partner gezielt zu bündeln und würdigen. Beispielsweise ist Aarau mit der Militärmusik ein wichtiger Standort, da die Militärmusik seit über einem Jahrhundert als Garant für Qualität und Ausbildung in der Blasmusikszene gilt. Diese Art der Zusammenarbeit verhindert, dass jede Hochschule isoliert arbeitet, und wir können dadurch viel stärker zusammenwachsen. Ich hoffe, dass wir diese Kooperation in den nächsten Jahren noch weiter ausbauen können.
Für die Partnerensembles bietet das Format zudem die Möglichkeit, Einblicke in die Hochschularbeit zu erhalten und junge Dirigent·en·innen kennenzulernen. Gleichzeitig profitieren die Ensembles selbst vom Arbeiten mit unterschiedlichen künstlerischen Handschriften und erleben unmittelbar, wie stark dirigentische Impulse Klang und Ausdruck prägen.
Diese wechselseitigen Erfahrungen setzen nachhaltige Impulse, fördern die Vernetzung und stärken das gegenseitige Verständnis innerhalb der Schweizer Blasmusikszene.
Wie wird die “gebündelte Expertise” der Dozierenden aller vier Hochschulen im Kurs konkret erlebbar?
Jede Studentin und jeder Student arbeitet mit mehreren Dozierenden unterschiedlicher Hochschulen zusammen und erhält direktes, persönliches Feedback aus verschiedenen fachlichen Perspektiven. So treffen unterschiedliche künstlerische Hintergründe, pädagogische Ansätze und Spezialisierungen aufeinander – eine Intensität, die an einem einzelnen Standort kaum möglich wäre.
Davon profitieren nicht nur die Studierenden, die gerade am Pult stehen, sondern auch ihre Kommiliton·en·innen, die als Zuhörer·innen dabei sind. Auch sie nehmen wertvolle Impulse, Beobachtungen und neue Perspektiven mit.
Darüber hinaus sind ausgewählte Meisterkurse öffentlich zugänglich und ermöglichen auch Interessierten ausserhalb der Hochschule Einblicke in die Arbeit und Ausbildung zukünftige·r Blasorchesterdirigent·innen.
Welche Rolle spielt Repertoirepolitik für die Entwicklung des Blasmusikwesens – und wie spiegelt sich das im Programm (von Reed/Persichetti bis Mozart/Stravinsky)?
Repertoirepolitik spielt eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Blasmusikwesens. Sie entscheidet nicht nur darüber, welche Werke gespielt wird, sondern prägt auch die musikalische Bildung und den Horizont der Musiker·innen. Für unsere Studierenden ist es besonders wichtig, dass sie über das in Unterricht Vereinen übliche Repertoire hinaus bedeutende Werke kennenlernen. Daher ist in allen Studienplänen der Musikhochschulen dies ein zentraler Punkt. Es ist entscheidend, dass zukünftige professionelle Dirigentinnen und Dirigenten dieses spezifische Repertoire nicht nur kennen, sondern aktiv dirigiert haben.
Welche Wirkung wünschen Sie sich über die Swiss Conducting Days hinaus – für die Studierenden, aber auch für die 2000+ Vereine und die gesamte Szene, die Unisono als SBV-Organ erreicht?
Ich hoffe, dass diese gemeinsame Initiative der vier Musikhochschulen und des sinfonischen Blasorchesters aulos zusammen mit dem SBV und anderen Partnern nachhaltig wahrgenommen wird. Über die Swiss Conducting Days hinaus wünsche ich mir, dass sich die Hochschulen als feste, Partnerinnen in der Weiterentwicklung der Blasmusiklandschaft etablieren und wahrgenommen werden. Idealerweise wird dieses Format in einem regelmässigen Rhythmus – etwa alle drei Jahre – stattfinden und sich dabei stetig weiterentwickeln. Ich habe die Idee initiiert und hoffe natürlich, dass meine Kollegen auf den Geschmack kommen und das Projekt helfen weiterzutragen.
Die Swiss Conducting Days sind damit ein Baustein in der fortlaufenden Zusammenarbeit zwischen dem SBV und den Musikhochschulen, um gemeinsame Plattformen für Austausch und Vernetzung zu schaffen. Hier können sich engagierte Menschen vernetzen und gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen finden, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind. Am Ende geht es darum, die Zukunft der Blasmusik aktiv mitzugestalten: indem wir Studierende fördern, die Vereine inspirieren und die gesamte Szene stärken, um so eine lebendige, vielfältige und nachhaltige Blasmusikkultur sichern.
https://www.hkb.bfh.ch/de/aktuell/kulturelle-veranstaltungen/konzerte/swiss-conducting-days
Laura Müller


